LUDWIG   STAUDENMAIER

 

Die MAGIE

als

experimentelle Naturwissenschaft

Nach der Original-Ausgabe Leipzig 1922


Inhaltsübersicht.


 
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Vorwort
  Zur 1. Auflage 1912
  Zum I. und II. anastatischen Neudruck 1918 und 1920
  Zur 2. Auflage 1922
       
Einleitung und kurze Geschichte der Magie
       
Allgemeiner Verlauf meiner Experimente
       
Magie des bewußten Ich
1. Wesen der Halluzinationen
2. Mittel zur Verstärkung der Halluzinationen
3. Anleitung zur praktischen Ausführung magischer Experimente des bewußten Ich
       
Magie des Unbewußten oder Unterbewußtseins
1. Wesen des Unterbewußtseins
2. Magische Leistungen des Unterbewußtseins, insbesondere Genialität desselben 
3. Anleitung zur praktischen Ausführung magischer Experimente des Unterbewußtseins
4. Einfluß des physischen Zustandes auf die Entstehung magischer Phänomene
5. Einfluß psychischer Faktoren auf die Hervorbringung magischer Phänomene. - Der menschliche Körper als Werkzeug für psychische Funktionen 
6. Psychische und psychophysische Weiterbildung des Unterbewußtseins
7. Zusammenfassende Darstellung meiner Ansichten über die psychische Differenzierung und über die Organisation der psychischen Gesamtregierung im Menschen
       
Erklärung einiger magischer Phänomene, über welche ich keine nähere persönliche Erfahrung besitze
1. Die Wünschelrute
2. Gedankenlesen und Gedankenübertragung
  a.) Das Muskellesen
  b.) Die echte Gedankenübertragung (Telepathie) einschließlich des Hellsehens in bezug auf den Raum
3. Gedankenphotographie
4. Unfreiwillige bzw. unbewußte Gedankenübertragung, Anmeldung Sterbender, Ahnungen usw.
5. Hellsehen in bezug auf die Zeit. Das zweite Gesicht.
       
VII. Schlußbemerkung
     
VIII. Antwort an meine Kritiker
     
Gesamtregister
       


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I. Vorwort

Zur ersten Auflage

Da auf dem Gebiete der Magie ungemein viel von unberufenen und nicht fachmännisch vorgebildeten Leuten geschrieben wird und oft die abergläubischesten Richtungen unter dem Titel der Wissenschaftlichkeit sich verbergen, so interessiert es mich beim Lesen einer einschlägigen Schrift zunächst und vor allem, welche Art von wissenschaftlicher Vorbildung der betreffende Verfasser genossen hat und welche Tendenz er verfolgt. In den meisten Fällen verrät nach kürzerem oder längerem Suchen irgend ein naiver oder mystischer Ausdruck, mit wem man es zu tun hat. Ich glaube darum dem Leser unnötige Arbeit zu ersparen, wenn ich ihm in dieser Beziehung sofort Klarheit verschaffe, um so mehr, als sonst meine ganze magische Entwicklung nicht genügend verständlich ist.

Im Jahre 1884 absolvierte ich ein bayerisches humanistisches Gymnasium und besuchte darauf vier Jahre ein Lyzeum*. (Ein

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* Der Begriff "Lyzeum" spielt in meinem Lebenslauf eine sehr wichtige Rolle. Dieses Wort wird aber, ähnlich wie Akademie, nicht bloß im Auslande sondern auch selbst innerhalb Deutschlands in verschiedenem Sinne gebraucht. Gibt es doch in München außer einer Akademie der Wissenschaften auch eine solche für wissenschaftliche Zuschneiderei und in Preußen ein Lyzeum für höhere Kochkunst. Ich bemerke daher, daß nach der Definition des kgl. Staatsministeriums die bayerischen Lyzeen Spezialhochschulen für das philosophische und katholisch-theologische Studium sind und zunächst den Zweck haben, die akademische Bildung für diejenigen Theologie - Studierenden zu vermitteln, die aus irgend welchen Gründen eine Universität nicht besuchen wollen. Doch können auch Aspiranten anderer Berufszweige nach Absolvierung des neunjährigen Gymnasialstudiums vor Ergreifung des eigentlichen Fachstudiums eine bestimmte für ihre berufliche Ausbildung vorgeschriebene Anzahl philosophischer Disziplinen statt an der Universität an einem Lyzeum hören.


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Jahr Philosophie und drei Jahre Theologie.) Nach Vollendung meiner theologischen Studien und einem Jahre praktischen Dienstes bezog ich im Jahre 1889 die Universität in München und studierte dortselbst (sowie vorübergehend auch an der technischen Hochschule) ausschließlich Naturwissenschaften, namentlich Zoologie, dann später Chemie. Nach Ablegung der beiden naturwissenschaftlichen Staatsexamina für beschreibende Naturwissenschaften und Chemie sowie des chemischen Doktorexamens an der Universität in München war ich 1½ Jahre Assistent an einem dortigen naturwissenschaftlichen Universitätsinstitut, bis ich im Jahre 1896 zum Professor der Experimentalchemie am kgl. Lyzeum in Freising ernannt wurde, an welchem ich seit dieser Zeit tätig bin.

Ich genoß also eine eigenartige und ungewöhnliche Art der Ausbildung und ging gewissermaßen in zweierlei Schulen, die sich zum Teil bekämpfen, in die eine mehr nach mittelalterlichen Prinzipien arbeitende und in die andere modernster Richtung, und ich habe auch jetzt noch vermöge meiner hiesigen Stellung ständig Beziehungen zu beiden. Was einerseits die Bedeutung meines theologischen Studiums für die Magie anbelangt, so gewann ich durch dasselbe namentlich einen näheren Einblick in die Mystik und magischen Phänomene der Vorzeit, während anderseits die exakte naturwissenschaftliche Schulung mir den erforderlichen nüchternen Blick verschaffte, um mich vor allzu großer Leichtgläubigkeit und abergläubischen Verirrungen, in die man erfahrungsgemäß bei der Ausübung der Magie besonders gern gerät, zu bewahren. Wie ich zur Magie selber kam, habe ich in Kürze im dritten Kapitel auseinandergesetzt.

Meiner zweifachen Vorbildung entspricht auch das Wesen und der Zweck dieser Schrift. Ich hoffe mit derselben einerseits Theologen, Spiritisten, Okkultisten, Theosophen usw. zu interessieren, anderseits aber auch Naturwissenschaftler, Experimentalpsychologen, Mediziner (speziell Physiologen und Nervenärzte). Die Teilnahme der verschiedenen Leser wird natürlich für den gleichen Abschnitt, entsprechend ihren verschiedenen wissenschaftlichen Tendenzen, verschieden sein. Theologen, welche die Mystik der Vorzeit kennen, werden sich z.B. für den Begriff "Personifikation" besonders interessieren, denn die Visionäre und Ekstatiker verkehrten mit einzelnen personifizierten Zentren ihres Unterbewußtseins oft wie mit selbständigen Wesen aus dem Jenseits. Mit Rücksicht auf die Theologen habe ich ihn darum besonders ausführlich behandelt, obwohl


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mir ein hervorragender Psychiater erklärte, ich solle diese Personifikationen, für die sich doch niemand interessiere, aus meiner Abhandlung weglassen.

Bei dieser Gelegenheit möchte ich empfindsamere Theologen um Rücksicht bitten, falls sie an meiner oft "roh" naturwissenschaftlichen Auffassung magischer Phänomene, die jeden Nimbus verwirft, Anstoß nehmen sollten. In diesem Buche glaube ich schon auf Grund seines Titels nicht bloß das Recht sondern auch die Pflicht zu haben, in zweifelhaften Fällen alles möglichst natürlich zu erklären und die Grenze zwischen Natürlichem und Übernatürlichem, zwischen pathologischen und wirklichen Teufeln, zwischen magischer Kunst und Wunder möglichst weit zugunsten der Naturwissenschaften zurückzuschieben. Denn daß sehr viele Phänomene, die man bisher gewöhnlich als übernatürlich erklärte, einfache natürliche Vorgänge sind, daß es rein natürliche, pathologische Besessenheit und Teufel gibt, deren Behandlung dem Psychiater obliegt daß nicht alles Wunder ist, was man früher dafür hielt, erkennen auch die Theologen immer mehr an*. Allerdings sind anderseits die Historiker häufig bemüht, Phänomene, die nach den bisherigen wissenschaftlichen Prinzipien nicht zu erklären, aber auch nicht als Wunder zu betrachten sind, einfach als Legendenbildungen hinzustellen.

Wie manchem Leser dieses Buches bekannt sein wird, habe ich bereits im Jahre 1910 eine kurze Abhandlung über Magie veröffentlicht. Das kam so: Da ich sehr gut wußte, welche Abneigung und Vorurteile bei den meisten modernen Gelehrten gegen die Magie

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* Vergleiche z.B. Prof. Dr. Ludwig: Legende und Mystik. Theol. Prakt. Quartalschrift. Passau 1907, S. 29 und 334, ferner "Neue Untersuchungen über den Poeschlianismus", Regensburg, Pustet, 1906, sowie den Artikel desselben über Stigmatisation in Buchbergers kirchlichem Handlexikon. Theologieprofessor Dr. Walter an der Universität München schreibt in seinem Buche: Aberglaube und Seelsorge. Paderborn 1911. Ferd. Schoeningh. S. 296: "Wie katholische Gelehrte, wie Stoehr, Schneider, mit Recht bemerken, können hunderte von Besessenheitsfällen früherer Jahrhunderte auf Grund der neueren Nervenpathologie in die Rumpelkammer der Kuriositäten geworfen werden." Siehe ferner: Der neuere Geisterglaube von Schneider. 3. Aufl. bearbeitet von Prof. Dr. Walter. Verlag v. F. Schoeningh. Paderborn 1913. Z.B. Seite 20/21. Übrigens sagt schon Kardinal Bona: "Oft wird dem Geiste des Teufels zugeschrieben, was eigentlich nur eine Äußerung der verdorbenen und gestörten Natur ist." (De discret. spirit.)


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herrschen, so geriet ich nach Abfassung der Schrift in schwere Sorge, welche Aufnahme sie wohl finden würde. Die Geschichte der Naturwissenschaften ist Zeuge, wie oft schon wichtige Entdeckungen verlacht und verspottet wurden. Ich beschloß darum, mich behufs Prüfung meiner Abhandlung an einen Mann zu wenden, dessen Name mir schon von der Chemie her in glänzender Erinnerung stand und dessen allgemeine und umfassende wissenschaftliche Kenntnisse auf den einschlägigen Grenzgebieten mir genügend Garantie bieten mußten, ob ich den Schritt der Veröffentlichung wagen dürfe, nämlich an Herrn Geheimrat und früheren Universitätsprofessor der Chemie in Leipzig, Dr. Wilhelm 0stwald. Derselbe erklärte sich auf meine Anfrage sofort in zuvorkommendster Weise bereit, mein Manuskript zu besichtigen, und schon zwei Tage nach Absendung desselben kam am 6. März 1910 an mich eine Postkarte folgenden Inhalts: "Sehr geehrter Herr! Ich habe Ihr Manuskript alsbald mit lebhaftestem Interesse durchgelesen und freue mich, Ihnen sagen zu können, daß ich nichts einzuwenden habe und es sehr gerne in den Annalen abdrucken lassen will . . ." Die Abhandlung erschien alsdann auch, ohne daß ein Wort der Änderung vorgenommen wurde, in W. Ostwalds "Annalen der Naturphilosophie"*. Damit war der erste Schritt in die Öffentlichkeit getan. Es sei mir gestattet, auch an dieser Stelle noch Herrn Geheimrat Dr. W. Ostwald für sein überaus wohlwollendes Entgegenkommen meinen herzlichsten Dank auszusprechen**.

Die erwähnte Abhandlung war möglichst kurz und präzis gefaßt und ich wollte darin zunächst nur das Wesentliche meiner Ansichten niederlegen. Gleich nach Absendung derselben ging ich deshalb daran, sie allmählich zu erweitern, um sie auch einem größeren, mit den magischen Phänomenen weniger vertrauten Leserkreis verständlicher zu machen. Nach Vollendung dieser Arbeit sehe ich nun wohl ein, daß sie von diesem Gesichtspunkte aus, trotz des mehr als vierfachen Umfanges, noch zu streng wissenschaftlich

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* S. 329-367. Leipzig 1910, Akademische Verlagsgesellschaft.

** Von einigen Kritikern wurde mir nachträglich zum Vorwurf gemacht, daß ich, obwohl Theologe, dem "Präsidenten des Deutschen Monistenbundes" solche Anerkennung zolle. Aus dem obigen Wortlaute ist aber für einen vorurteilsfreien Leser ersichtlich, daß sich meine Verehrung und mein Dank gegen Herrn Geheimrat Ostwald auf ein rein naturwissenschaftliches und persönliches Gebiet beziehen, das mit monistischer Weltanschauung in keinerlei Zusammenhang steht.


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angelegt ist und bedeutender Erweiterung bedarf. Ich hoffe das mit der Zeit nachholen zu können, um so mehr, als es die leichtere und bequemere Aufgabe sein wird.

Freising im April 1912.

Der Verfasser.

 

Zum I. anastatischen (unveränderten) Neudruck. 1918

Die erste Auflage fand überraschend schnell Absatz, so daß bereits für 1915 die Notwendigkeit einer Neuauflage mit Sicherheit vorauszusehen war. Der Ausbruch des Krieges führte dann allerdings sofort eine Verzögerung herbei. Denn erst im September 1917 teilte mir der Verlag mit, daß das Buch vergriffen sei. Mit Rücksicht auf die ungünstigen Zeitverhältnisse wollte ich abwarten, ließ dann aber auf Wunsch des Verlags ein Jahr später (September 1918) als Notbehelf eine beschränkte Anzahl von Exemplaren in einem ersten chemisch anastatischen Neudruck herstellen. Auch dieser war, trotz der bald, darauf anschließenden Revolutionszeit, welche die Gemüter wo möglich noch mehr auf anderweitige Interessen lenkte, bald vergriffen, so daß ich auf Drängen des Verlags, die Erlaubnis zu einem

II. anastatischen Neudruck im Jahre 1920

erteilte.

Vorwort zur zweiten Auflage.

Der gute Erfolg des Buches war für mich um so erfreulicher, als es seinem ganzen Wesen nach doch vorläufig fast nur "Liebhaberinteresse" besitzt, weil der tiefere Gehalt desselben bei dem herrschenden Vorurteile und der Unkenntnis der meisten Gebildeten auf diesem Gebiete von den wenigsten erkannt wird. Welche Schwierigkeiten in dieser Beziehung entgegenstehen, ergibt sich schon daraus, daß viele, trotz seines unzweideutigen Titels, offenbar nicht recht wissen, unter welcher Art von Literaturerzeugnissen es einzureihen ist. Bei Besprechungen, Ankündigungen usw. rangiert es nämlich unter den verschiedensten Rubriken, wie Philosophie, Naturphilosophie, Naturwissenschaften, Spiritismus, Geheimwissenschaften, Varia, - Curiosa!

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An zahlreichen Stellen habe ich Erweiterungen, Ergänzungen und Verbesserungen eingefügt, teils um dem Leser verständlicher zu werden, teils aber auch deshalb, weil naturgemäß im Laufe der Zeit meine eigenen Kenntnisse und Erfahrungen zunahmen. Ich bin selber in ständiger Fortentwicklung begriffen (vergl. dazu die Antwort an meine Kritiker Kap. VIII.) und dementsprechend auch dieses Buch, das darüber Rechenschaft geben soll. Zweifellos ist es an zahlreichen Partien gereifter geworden, obwohl es, wie ich selber am besten fühle, noch lange nicht auch nur aus den Kinderschuhen heraus ist. Infolge der vielen Zusätze konnte ich leider einzelne Wiederholungen (wenn auch mit andern Worten) nicht vermeiden. Auch haben dadurch der Zusammenhang und die Einheitlichkeit des Ganzen etwas gelitten. Meine Berufsarbeiten sowie meine weiteren Experimente ließen mir nicht mehr genügend Zeit, alles noch einmal gründlich und einheitlich durchzuarbeiten und zusammenzufassen. Zum guten Teil dürfte das übrigens kaum von besonderem Nachteile sein. Die meisten Leser bringen doch nur wenige Vorkenntnisse mit, so daß eine wiederholte Darstellung von einem anderen Gesichtspunkte aus oder mehr zusammenfassender Art in manchen Fällen ihnen nur nützlich sein kann.

Um ein erschöpfendes Bild meiner Ansichten über irgend einen bestimmten, an verschiedenen Stellen des Buches behandelten Begriff zu gewinnen, empfiehlt es sich daher, das möglichst ausführlich hergestellte Register zu Rate zu ziehen.

Das Buch hat mit einem doppelten Leserkreise zu rechnen. Viele wünschen nur eine allgemeine, populäre Aufklärung auf diesem Gebiete, andere aber eine streng wissenschaftliche Behandlung des Stoffes. Um beiderlei Anforderungen zu genügen, habe ich mich bemüht, einen Mittelweg einzuschlagen. Wissenschaftliche Interessenten, Theologen, Psychologen, Psychiater, bitte ich, vor allem meine fundamentalen Anschauungen über Halluzination, ferner über den Einfluß peripherer (und zentraler) Körperzustände auf die psychische Beschaffenheit, über Selbstbeobachtung usw. einer eingehenden Prüfung zu unterziehen.

Den zahlreichen intimeren Freunden und,Interessenten meiner Bestrebungen spreche ich auch hier meinen besten Dank aus. Namentlich anfangs war ich hocherfreut, als nicht bloß aus den


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verschiedensten Teilen Deutschlands, sondern auch aus anderweitigen Ländern Zuschriften an mich gelangten und sich außerdem aufgrund einer Bemerkung am Ende des VII. Kapitels auch eine Anzahl Schüler anbot. Leider mischte sich aber bald dieser Freude allmählich immer mehr Wermut bei, als sich herausstellte, daß meine Korrespondenz - wollte ich alles eingehend beantworten - ins Unbegrenzte anwachsen würde. Ich habe daher in dieser neuen Auflage die betreffende Stelle am Ende des VII. Kapitels und die zugehörige Anmerkung entsprechend modifiziert. (Siehe dortselbst.)

Freising bei München im November 1921.

Der Verfasser.


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II. Einleitung und kurze Geschichte der Magie.

In den Lehrbüchern der Geschichte der Chemie liest man häufig ungefähr folgendes: "Wohl selten hat ein menschlicher Wissenszweig solche Wandlungen erfahren wie die Chemie. Bald wurde sie als eine Art heiliger Kunst verehrt und selbst von Priestern ausgeübt und ihre Bedeutung sozusagen bis in den Himmel erhoben, bald aber wurde sie wieder verachtet und verspottet, ja eine Anzahl Fürsten setzte strenge Strafen auf ihre Ausübung. Erst nach Jahrtausenden völliger Verwirrung und oft wüstesten Aberglaubens gelang es, einen Angriffspunkt zu ihrem wissenschaftlichen Betriebe zu gewinnen und sie allmählich zu einer Wissenschaft zu gestalten, die heute bereits eine Achtung gebietende Stellung einnimmt und für die Zukunft eine noch viel glänzendere Entwicklung verspricht."

Ich kenne aber eine Kunst und ein Wissensgebiet, das im Laufe der Zeiten noch viel größere Wandlungen durchgemacht hat, bei welchem jedoch ein wissenschaftlicher Angriffspunkt im strengen Sinne, auch jetzt im 20. Jahrhundert, noch nicht gewonnen wurde, obwohl mir seine Zukunft noch aussichtsreicher erscheint als diejenige der Chemie. Es ist die Magie.

Unter Magie versteht man seit alters her die Kunst, außerordentliche und wunderbare Wirkungen hervorzubringen, welche mit den bekannten Naturkräften oder vermittelst der im Menschen wohnenden, bekannten Fähigkeiten nicht zu erreichen sind. Um magische Phänomene zu erzielen, suchte man sich daher meist mit Geistern in Verbindung zu setzen - guten oder bösen, daher eine weiße und eine schwarze Magie* unterschieden wurde. Der Name

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* Diese Unterscheidung wird auch in anderem Sinne gebraucht so daß man unter weißer Magie die Anwendung der Magie zum Wohle der Menschen, unter schwarzer Magie ihre Anwendung zu selbstsüchtigen Zwecken und zum Nachteile anderer versteht.


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ist von den persischen Priestern, den Magiern, hergenommen. Die indischen und mohammedanischen Zauberkünstler bezeichnet man häufig mit dem arabischen Worte "Fakir". In ungefähr gleichem Sinne gebraucht man auch die deutschen Wörter "Zauberer", "Hexenmeister" und "Hexe".

In der Geschichte aller Völker und aller Zeiten spielt die Magie eine wichtige Rolle. Die gegenwärtigen Namen Hypnotismus, Somnambulismus, animalischer Magnetismus, Mystizismus, Okkultismus sind nur neue Bezeichnungen für uralte Tatsachen.

So gilt als Begründer der Lehre vom animalischen Magnetismus (Mesmerismus) Mesmer (1734 bis 1815). Tatsächlich sagt aber bereits Plinius: "Es gibt Menschen, deren Körper medizinische Kräfte besitzen", und empfiehlt das magnetische Anhauchen der Stirn als ein bewährtes Heilmittel. Ebenso wurde das Berühren, das Bestreichen mit den Händen, das Auflegen der Hände schon im Altertum häufig angewendet, um Lebensenergie auf einen Kranken übertragen.

Die Entdeckung des Hypnotismus schreibt man dem englischen Arzt Dr. James Braid zu, der seine Arbeiten auf diesem Gebiete im Jahre 1841 begann. Doch wurden planlose hypnotische Experimente bereits im Altertum ausgeführt. Bekannt ist in dieser Beziehung namentlich der sogenannte Tempelschlaf.

Das Tischrücken ist in seinen verschiedenen Formen uralt. In China z.B. wurden die Tische für magische Zwecke schon seit den frühesten Zeiten verwendet. Man brachte dortselbst bereits eine Feder oder einen Stift zum Schreiben an einem der Füße an, vergleichbar mit den Planschetten der heutigen Spiritisten. Der Sophist Philostratus (Ende des 2. Jahrhunderts) berichtet, daß Apollonius von Tyana, welcher im ersten Jahrhundert nach Christus lebte, bei den Indiern sogenannte sprechende Tische gesehen habe und daß die Kunst ihrer Benützung schon seit Jahrhunderten bestehe. Tertullian sprach vor dem römischen Senate von der Existenz der Weissagung durch Tische wie von einer allbekannten Tatsache.

Später geriet das Tischrücken in Europa in Vergessenheit, da es der Kirche wegen seines Mißbrauches für abergläubische Zwecke energisch verfolgt wurde, während es sich z.B. in Indien und Tibet bis zur Gegenwart ununterbrochen erhielt.

Die Heiligen und Büßer der verschiedensten Religionen hatten Mystische Visionen, glaubten Geister zu sehen und mit Geistern


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und den Seelen der Verstorbenen verkehren zu können. Die Literatur darüber ist eine unermeßlich große, so daß ich kein Ende fände, wenn ich auch nur im allgemeinen darauf eingehen wollte. Unter den Geistersehern der neueren Zeit ragt Swedenborg hervor (geb. 1688 in Stockholm, gest. 1772 in London). Eine besonders bekannt gewordene Vorläuferin der modernen spiritistischen Medien ist Friederike Hauffe, geb. Wanner (1801 bis 1829), bei welcher bereits alle die Phänomene konstatiert wurden, welche für die späteren großen spiritistischen Medien charakteristisch waren, wie Bewegung von Gegenständen ohne sichtbare Ursache, Töne unbekannten Ursprungs, Auftreten von Phantomen. Der Weinsberger Arzt Justinus Kerner, der die an ihr auftretenden magischen Phänomene während zweier Jahre beobachten konnte, schrieb über sie das Buch: "Die Seherin von Prevorst*.

Trotzdem erlangte in der Neuzeit unter den westlichen Kulturvölkern die Magie erst wieder im Jahre 1848 durch die eigenartigen Phänomene, die im Hause der Familie Fox in Hydesville bei New York auftraten, unter dem Namen "Spiritismus" eine größere Bedeutung. In Gegenwart der jugendlichen Kathie Fox ertönten an den Wänden, in den Tischen usw. Klopflaute, für welche trotz aller Bemühungen, zunächst von seiten der Hausbewohner, keine natürliche Ursache aufzufinden war. Allmählich gelang jedoch eine intellektuelle Verständigung mit dem rätselhaften Klopfgeister, indem man die Zahl der Klopflaute mit den Buchstaben des Alphabets in Verbindung brachte. Derselbe behauptete der Geist eines im Hause ermordeten und im Keller begrabenen Hausierers zu sein. Auch seinen Namen - Charles Raye - gab er an und bezeichnete genau die Stelle, an welcher man tatsächlich in sechs bis sieben Fuß Tiefe Teile eines menschlichen Skelettes fand. Es ließ sich ferner nachweisen, daß früher ein solcher Hausierer dieses Haus besuchte und seit dieser Zeit spurlos verschwunden war.

Der Fall Fox** erregte ungeheueres Aufsehen und es wurden daraufhin zahlreiche Versuche zunächst mit Kathie Fox und ihrer

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* Billiger Neudruck mit einer biographischen Einleitung von du Prel bei Ph. Reclam jun., Leipzig.

** Ich bemerke, daß es nach dem Wesen und Zwecke dieses rein naturwissenschaftlichen Buches nicht meine Aufgabe sein kann, zu prüfen, ob derartige Angaben in allen ihren Einzelheiten unbedingt historisch richtig sind. Für mich ist der Vorgang glaubhaft und leicht und natürlich ohne Zuhilfenahme eines Geistes nach allgemeinen naturwissenschaftlichen Prinzipien zu erklären, und zwar speziell nach Kap. VI als eine telepathische Übertragung vom Unterbewußtsein des Mörders auf dasjenige der Kathie Fox.


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Schwester Leah* angestellt (die dritte Schwester Margarethe wurde Katholikin und nahm an den spiritistischen Zirkeln nicht teil), um zu einer Verständigung mit den Geistern der Verstorbenen zu gelangen. Dem Klopfen folgten das Geisterschreiben und -sprechen und schließlich die Geistererscheinungen. (Materialisationen.) Wenige Jahre reichten aus, um die spiritistischen Experimente nicht bloß in Amerika, sondern auch in Europa bekannt und beliebt zu machen. Freilich folgte natürlich bald wieder ein teilweiser Rückschlag.

Die Spiritisten glauben, daß man sich unter Mitwirkung der psychophysischen Kräfte besonders veranlagter Persönlichkeiten, der "Medien", mit den Geistern der Verstorbenen in Verbindung setzen und durch dieselben Näheres über das Jenseits und namentlich das Schicksal des Menschen nach dem Tode erfahren könne. Sie glauben ferner, daß die in ihren Sitzungen auftretenden Phantome die materialisierten Gestalten wirklicher Bewohner des Jenseits seien und daß dieselben in dieser Form abnorme physikalische und chemische Wirkungen hervorbringen können. Der Spiritismus hat sich in den letzten Jahrzehnten immer mehr zu einem regelrechten Religionssystem ausgebildet, das seine Lehren hauptsächlich auf den Verkehr mit den Verstorbenen gründet. Er besitzt auf der ganzen Erde, namentlich in Amerika, England, Frankreich und Italien Anhänger.

Aber immerhin zeigen sich bei näherer Betrachtung innerhalb desselben bedeutende Differenzen. Es gibt eine große Anzahl ganz naiver Anhänger, sogenannte "0ffenbarungsspiritisten", welche alle magischen Phänomene blindgläubig auf Rechnung von Geistern setzen und deren Führer Hippolyt Rivail (1803 bis 1869), unter dem Pseudonym Allan Kardec verschiedene, völlig kritiklose und abergläubische Werke schrieb, die auch jetzt noch immer wieder neu aufgelegt werden. Zur Verbreitung dieser zudem stark frömmelnden Richtung trugen namentlich auch die Schriften des amerikanischen Sehers J. Davis bei, der übrigens schon im Jahre 1842 mit einem angeblich von Geistern inspirierten Buche auftrat.

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* die ausführliche Geschichte derselben findet sich in "The modern American Spiritualisme" by Emma Hardinge. New York 1870.


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Selbstverständlich konnten naturwissenschaftlich denkende Spiritisten einer solchen Richtung nicht angehören. Nach ihrer Ansicht sind die Phänomene teils übernatürlicher Art, teils rein natürlich zu erklären, d.h. sie vollziehen sich entweder unter Mitwirkung der Verstorbenen oder sonstiger Geister (Spiritismus), oder sie sind auf Rechnung noch unbekannter Seelenkräfte des lebenden Menschen (speziell der Medien) zu setzen (Psychodynamismus, Animismus und Mediumismus). Schon früher glaubte Freiherr von Reichenbach (1788 bis 1869) nachgewiesen zu haben, daß aus dem menschlichen Körper Ausstrahlungen stattfinden können und meinte, damit eine neue Naturkraft entdeckt zu haben, die er mit dem Namen "0d" belegte.

Eine weitere Zersplitterung droht gegenwärtig dem Spiritismus durch den 0kkultismus*, namentlich durch die theosophische Richtung desselben, welche den Verkehr mit den Verstorbenen vielfach direkt verwirft, weil er für die Medien gesundheitsschädlich sei und für letztere die Gefahr bestehe, in die Gewalt von minderwertigen Intelligenzen des Jenseits, von Teufeln, ferner von sogenannten "Spottgeistern" (angeblich Verstorbene, welche im Diesseits ein liederliches Leben führten) - und "Natur"- oder "Elementargeistern" (unsichtbare Lebewesen, die einer niedrigeren Stufe als das Menschengeschlecht angehören sollen) zu geraten (Besessenheit). die Theosophen und die Okkultisten überhaupt meinen ferner, daß die gegenwärtige Wissenschaft nicht genügend tief in die Kenntnis der Naturgesetze eingedrungen sei und nur das Materielle an der Natur kennen gelernt habe, dagegen völlig unwissend der geistigen Bedeutung und den geistigen Gesetzen gegenüber stehe.

Die neuere** Theosophie knüpft an die uralten indischen Geheimlehren an und verteidigt namentlich die Lehre von der Wiederverkörperung (Reinkarnation). Diese indische Lehre führte übrigens bereits Allan Kardec in den Spiritismus ein, der darum auch als der Begründer des sogenannten "Reinkarnationsspiritismus" gilt. Die theosophische Gesellschaft wurde im Jahre 1875 in New York im Verein mit dem amerikanischen Oberst Olcott

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* Genau genommen ist "Okkultismus" der weitere Begriff und schließt den Spiritismus mit ein. Die Okkultisten haben sich aber immer deutlicher in einen gewissen Gegensatz zu den Spiritisten entwickelt.

** Theosophen gab es auch in früherer Zeit. Sie standen alle auf mystischer Grundlage. Hauptvertreter waren schon im Altertume die Neuplatoniker.


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von Madame Blavatzky (1832 bis 1891), einer Russin, gegründet. Mme. Blavatzky führte ein sehr bewegtes Leben* und zeichnete sich durch ungewöhnliche Selbständigkeit und Unternehmungslust aus. Sie hatte auch als spiritistisches Medium vorher eine bedeutende Rolle gespielt.

Die theosophische Gesellschaft hat sich drei Hauptaufgaben gestellt: 1. Die Gründung eines über die ganze Welt verbreiteten Bundes ohne Unterschied des Glaubens, der Rasse und der Abstammung, dessen Mitglieder sich zum Streben nach fortwährender moralischer Vervollkommnung und zu kräftiger geistiger Förderung und wenn möglich auch materieller Unterstützung des Nächsten verpflichten. 2. Die Verbreitung orientalischer Sprachen, Wissenschaften und Kenntnisse. 3. Die Erforschung der tieferen, geistigen Gesetze der Natur und der verborgenen psychischen Kräfte des Menschen.

Zahlreiche Mitglieder der theosophischen Gesellschaft neigen stark dem Buddhismus zu. Olcott selbst trat später öffentlich zu demselben über und verfaßte sogar einen buddhistischen Katechismus. Nachfolgerin der Mme. Blavatzky ist die von ihr zur Theosophie bekehrte Anny Besant (geb. 1847 zu London), welche ebenfalls ein sehr bewegtes Leben hinter sich hat und früher sozialistische und atheistisch-materialistische Schriftstellerin und Rednerin gewesen war. Sie befindet sich für gewöhnlich in Indien und trat dortselbst zum Brahmanismus über.

Nicht bloß in den höchsten aristokratischen Kreisen Englands und Rußlands fand der Spiritismus bzw. Okkultismus Anerkennung, sondern auch bei zahlreichen wissenschaftlichen Autoritäten. Ich erinnere nur an den englischen Chemiker Crookes, der die beiden berühmten Medien D. D. Home sowie Miß Florence Cook nach streng wissenschaftlichen Methoden eingehend studierte, an den russischen Chemiker Butlerow, an den Zoologen Wallace, den Astronomen Schiaparelli, an Lombroso, den englischen Physiker Lodge und den amerikanischen Psychologen W. James. Der Pariser Astronom Flammarion hat bereits eine Anzahl Schriften über den Okkultismus verfaßt. Bekannte Verteidiger und Anhänger des Spiritismus waren ferner der russische Staatsrat Aksákow und der österreichische Baron v. Hellenbach.

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* Vergl. z.B. H. P. Blavatzky. Ihr Leben und ihr Wirken dargestellt von W. P. Schelichowskaja (ihrer leiblichen Schwester). Übersetzt von A. v. Schaefer, Schweidnitz, 1905, Verlag von Frönsdorf.


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Obwohl der Spiritismus und Okkultismus, einschließlich der neueren Theosophie, von großer Bedeutung und Verbreitung im Ausland sind, - wird doch die Zahl ihrer öffentlichen Bekenner in einem vom Verlag der "Zeitschrift für Spiritismus" (Leipzig, Oswald Mutze) versandten Flugblatt auf sechzig Millionen angegeben, die Zahl der einschlägigen Werke auf mehr als 30 000 taxiert - haben dieselben bei uns in Deutschland nur verhältnismäßig wenig Verteidiger und Anhänger. Großes Aufsehen erregte seinerzeit die Bekehrung des Astrophysikers Zöllner, der Gelegenheit gehabt hatte, spiritistischen Sitzungen des amerikanischen Mediums Slade beizuwohnen und alsdann die Möglichkeit des Hereingreifens einer Geisterwelt mit seiner Theorie einer vierten Dimension des Raumes zu erklären versuchte. Ein eifriger Verteidiger des Spiritismus war du Prel.

Erst in neuerer Zeit macht sich in Deutschland eine stärkere theosophische Bewegung bemerkbar. Einer ihrer Hauptvertreter ist Dr. Rudolf Steiner. Sein Bestreben* geht dahin, mit der morgenländischen Weisheit der bisherigen Theosophie die christlichen Lehren und die Mystik des Abendlandes zu verbinden und dem ganzen theosophischen Lehrgebäude eine festere und bestimmtere Form zu geben. Infolge dessen ist gegenwärtig in München die Errichtung einer "Hochschule für Geisteswissenschaften" im Gange. Im Gegensatz zu dem gewöhnlichen wissenschaftlichen Verfahren, welches sich vornehmlich auf das Zeugnis der äußeren Sinne stützt handelt es sich nach ihm bei der Theosophie um übersinnliche Erfahrungen. Der Mensch soll innere Sinnesorgane - Geistesaugen und -Ohren, wie Goethe sie nennt - entwickeln können, mit deren die seelische und geistige Welt ebenso wahrgenommen wird wie die körperliche Welt mit den äußeren Sinnen. Demnach würde der Theosoph sich zum Nichttheosophen bezüglich des geistigen Schauens ähnlich verhalten wie der Sehende zum Blinden. Es ist nach ihm Aufgabe des Zukunftsmenschen, immer mehr solche innere Sinne, die in der Gegenwart einzelne Menschen bereits besitzen, weiter zu entwickeln.

Meine Ansichten über diese "geistigen" Sinnesorgane finden sich namentlich in Kapitel IV S. 43 ff. und V S. 143 Anmerkung 1 auseinandergesetzt.

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* Siehe z.B. Theosophie und Christentum von Max Seiling. Philos.theos. Verlag Berlin, sowie die zahlreichen Schriften Steiners.


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Auch bei den Theosophen ist wieder eine Spaltung eingetreten, indem sich Steiner mit seinem Anhange im Jahre 1912 von der indischen Muttergesellschaft förmlich lossagte und unter dem Namen "Anthroposophische Gesellschaft" eine eigene Gemeinschaft gründete. Andererseits sind ihnen sehr gewandte, erfahrene und schlagfertige Gegner entstanden, wie z.B. Hans Freimark, der in verschiedenen Schriften und Abhandlungen energisch gegen sie auftritt.

Im übrigen werden und wurden die auf magische Phänomene gegründeten Lehren des Spiritismus, der Theosophie und des gesamten Okkultismus und überhaupt die Tatsächlichkeit magischer Phänomene von hervorragenden Autoritäten meist rundweg abgelehnt. So schreibt z.B. der bekannte Philosoph Wundt, der ebenfalls Gelegenheit gehabt hatte, (aber nur in einer einzigen Sitzung!) Slade zu beobachten, ganz im Gegensatz zu Zöllner*: "Ich kann nicht finden, daß irgend eines der Experimente, die ich bei Herrn Slade gesehen habe, über die Leistungsfähigkeit eines guten Taschenspielers hinausgegangen wäre."

Interessant ist nun hierbei, daß eine auf dem Gebiete der Taschenspielerkunst erfahrene Persönlichkeit, nämlich der Hofprestidigitateur [sic] Bellachini in Berlin, über Slade folgendes Zeugnis ablegte:

"Hiernach erkläre ich, daß es sehr vermessen ist, über die objektive Leistung des amerikanischen Mediums Mr. Henry Slade nach einer gehaltenen Sitzung ein endgültiges Urteil bei der möglichst genauesten Beobachtung abgeben zu wollen. - Nachdem ich auf Wunsch mehrerer hochgeachteter Herren von Rang und Stellung sowie im eigenen Interesse die physikalische Mediumschaft des Herrn Slade in einer Reihe von Sitzungen bei hellem Tage wie abends in dessen Schlafzimmer geprüft habe, muß ich der Wahrheit gemäß mitbescheinigen, daß ich die phänomenalen Leistungen des Herrn Slade mit allerschärfster Beobachtung und Untersuchung seiner Umgebung, sowie den Tisch geprüft habe und ich nicht im geringsten gefunden habe, daß irgendwelche auf prestidigitativen oder physikalischen Apparaten beruhende Manipulation hierbei im Spiele war und zwar ist eine Erklärung über die unter den obwaltenden Umständen, stattgefundenen Experimente zu geben absolut in Bezug auf Prestidigitation unmöglich. Es muß vielmehr solchen Männern der Wissenschaft, wie es von Crookes und Wallace

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* Über die Gründe, warum zwei so ausgezeichnete Gelehrte trotz der Beobachtung eines und desselben Mediums Slade zu ganz entgegengesetzten Resultaten gelangten, vergl. meine Ansicht im V. Kap. Nr. 3.


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in London, Perty in Bern, Buttlerow in Petersburg geschehen ist, so hier überlassen bleiben, die Erklärung von dieser phänomenalen Kraft zu suchen und die Objektivität Slades festzustellen. Ich erkläre ferner, daß die der Öffentlichkeit von Laien übergebenen Aufklärungen über das "Wie" übereilt und nach meiner Ansicht und Erfahrung falsch und parteiisch sind.

Diese meine Erklärung ist vor Notar und Zeugen unterschrieben und vollzogen.

Berlin, den 6. Dezember 1877.

Samuel Bellachini."

Ein ganz radikaler Gegner des Spiritismus ist Ernst Haeckel. In seinen "Welträtseln" schreibt er u.a.: "Es ist eine ebenso befremdende wie betrübende Tatsache, daß noch heute Millionen Kulturmenschen von diesem finstern Aberglauben völlig beherrscht sind .... Man beruft sich in den Kreisen der Spiritisten oft darauf, daß selbst angesehene Naturforscher diesem Aberglauben huldigen. In Deutschland werden dafür als Beispiel u.a. Zöllner und Fechner in Leipzig angeführt, in England Wallace und Crookes in London. Die bedauerliche Tatsache, daß selbst so hervorragende Physiker und Biologen sich dadurch haben irreführen lassen, erklärt sich aus ihrem Übermaß an Phantasie und Kritikmangel, teils aus dem mächtigen Einfluß starrer Dogmen, welche religiöse Verziehung dem kindlichen Gehirn in frühester Jugend schon einprägt. Übrigens ist gerade bei den berühmten spiritistischen Vorstellungen in Leipzig, in welchen die Physiker Zöllner, Fechner und Wilhelm Weber durch den schlauen Taschenspieler Slade irregeführt wurden, der Schwindel des letzteren nachträglich klar zutage gekommen. Slade selbst wurde als gemeiner Betrüger entlarvt und bestraft*"

Bereits im Jahre 1869 antwortete der bekannte englische Zoologe Huxley auf eine Einladung der weiter unten zu erwähnenden dialektischen Gesellschaft, an einer Prüfung der spiritistischen Phänomene teilzunehmen, unter anderem folgendermaßen: "Der einzige Fall von "Spiritualistischem", den ich für mich selbst zu untersuchen Gelegenheit hatte, war ein so grober Betrug, als ein solcher jemals unter meine Beobachtung kam. Aber selbst wenn ich annehme, daß die Erscheinungen echt sind, so interessieren sie mich

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* Über die angebliche Entlarvung und Bestrafung Slades siehe: "Herrn Professor Zöllners Experimente mit Slade" von Moritz Wirth. Leipzig 1882. Oswald Mutze.


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dennoch nicht. Wenn mich jemand mit dem Vermögen begaben wollte, das Geschwätz alter Weiber und Pfarrer in der nächsten Kathedralstadt belauschen zu können, so würde ich dieses Privilegium ablehnen, indem ich Besseres zu tun habe."

Der amerikanische Psychologe Münsterberg teilt mit, wie er zu Beginn des Jahres 1910 das italienische Medium Eusapia Palladino entlarvte und verwirft ebenfalls alle spiritistischen Phänomene als Betrug und Täuschung.

Stark skeptisch steht dem Spiritismus Max Dessoir* gegenüber. Er erklärt ihn größtenteils als Schwindel und Betrug, selbst bei Privatmedien, die nicht auf Geld angewiesen sind. Immerhin verpflichtet nach seiner Ansicht schon die große Ausbreitung des Spiritismus, denselben näher zu prüfen und es ist nach ihm zu bedauern, daß in Deutschland in dieser Hinsicht so wenig geschieht. Aber es sei verzeihlich, denn es gebe zahllose wissenschaftliche Aufgaben von derselben Wichtigkeit und von größerer - Reinlichkeit.

Dr. Freiherr von Schrenck-Notzing, der sich seit vielen Jahren mit Untersuchungen auf diesem Gebiete beschäftigt, ist der Ansicht, daß ein großer Teil der Phänomene bereits mit unsern bisherigen wissenschaftlichen Kenntnissen befriedigend zu erklären sei. Für kompliziertere Fälle läßt er die Entscheidung offen und verlangt weitere Prüfung derselben durch das Experiment, empfiehlt aber dabei strenge Kontrolle der häufig betrügenden Medien und schonungslose Bekämpfung des auf diesem Gebiete herrschenden Aberglaubens und üppig wuchernden Dilettantismus.

Andere Gelehrte geben ebenfalls die Realität magischer Phänomene ohne weiteres zu, suchen dieselben aber ausschließlich auf Grund unserer bisherigen Kenntnisse zu erklären. W. 0stwald hatte zwar niemals Gelegenheit, einer spiritistischen Sitzung beizuwohnen, schreibt aber gelegentlich der Besprechung einer okkultistischen Schrift Flammarions sehr treffend in seinen Annalen der Naturphilosophie**: "Der Berichterstatter seinerseits hat schon

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* Interessenten möchte ich bei dieser Gelegenheit auf Mai Dessoirs Werk Vom Jenseits der Seele, die Geheimwissenschaften in kritischer Betrachtung" (Verlag von Ferd. Enke, Stuttgart 1917) aufmerksam machen, in welchem die magischen Phänomene und Lehren, namentlich auch der neuesten Zeit, vom rein theoretisch-philosophischen Standpunkte aus behandelt sind, allerdings mit dem Ergebnis, daß eigentlich von der ganzen Magie soviel wie nichts übrig bleibt.

** 1910, Bd. IX. S. 212.


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an anderer Stelle gelegentlich darauf hingewiesen, daß eine im Rahmen der gegenwärtigen Wissenschaft bleibende Erklärung für viele und gerade die bestbestätigten Formen solcher Vorgänge nicht ausgeschlossen ist. Nimmt man nämlich an, daß die Menschen (oder gewisse Menschen, die Medien) fähig sind, einen Teil der Energie, die sie in Gestalt von chemischer Energie in ihrem Körper besitzen und in bekannter Weise durch die Muskeln in mechanische Energie transformieren können, auch derart zu transformieren, daß sie den Körper verläßt und sich an andern, willkürlich gewählten Stellen betätigt, so hat man eine theoretische Protothese für die Erklärung der meisten derartigen Phänomene." Bei einer andern Gelegenheit äußert er sich*: "In solchem Sinne läßt sich sagen, daß die mediumistischen Erscheinungen folgendermaßen zusammenfaßbar sind: "Gewisse Menschen vermögen ihren physiologischen Energievorrat (der bekanntlich fast ausschließlich als chemische Energie vorhanden ist) in andere Formen zu verwandeln, die sie durch den Raum versenden und an vorgeschriebenen Stellen in eine der bekannten Energien zurücktransformieren können."

Flournoy in Genf gelangte auf Grund seiner mehrjährigen Beobachtungen eines Mediums, das er mit dem Pseudonym Helene Smith nennt, zur Überzeugung, daß es zwar abnorme psychische Fähigkeiten gebe, dieselben aber ausschließlich auf Rechnung des sogenannten Unterbewußtseins zu setzen seien und für den Spiritismus nicht das geringste dabei spreche. In seiner neuesten ziemlich umfangreichen Schrift (551 Oktavseiten) "Esprits et Médiums" verwirft er abermals den Spiritismus, erkennt jedoch die Realität der spiritistischen und mediumistischen Phänomene an und hält der modernen Wissenschaft ihr Unrecht vor, daß sie unter dem Vorwande, alles sei doch nur Illusion und Schwindel, eine Erforschung der sogenannten metaphysischen oder supranormalen Phänomene so lange versäumt und dieses Studium den Spiritisten, Theosophen, Magiern und Okkultisten aller Art überlassen habe.

Wieder andere bekennen sich ganz außerstande, eine wissenschaftliche Erklärung zu geben. Der berühmte Pariser Physiologe und Psychologe Richet, in Frankreich die führende Persönlichkeit auf diesem Gebiete, tritt auf Grund von Versuchen über Gedankenübertragung sowie von Beobachtungen ausgezeichneter spiritistischer

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* Die Forderung des Tages. 1. Aufl. S. 418. Leipzig 1910. Akademische Verlagsgesellschaft.


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Medien entschieden für die Tatsächlichkeit und Natürlichkeit magischer Phänomene ein, drückt sich aber sehr reserviert aus und verlangt die Feststellung weiterer Tatsachen, bevor man daraus eine Wissenschaft begründen könnte. Über das spiritistische Medium Eusapia Palladino sagt er unter anderem: "Die Tatsachen sind wahr; die Eusapia hat dafür viele absolut authentische, über jeden Zweifel erhabene Beispiele geliefert und es gibt noch hundert andere. Was die Theorie anlangt, so muß man den Mut haben, anzuerkennen, daß wir nichts, nichts, nichts davon verstehen. Vorläufig stellen wir die Dinge fest, das Verständnis wird später kommen."

Der italienische Psychiater Professor Morselli, der besonders die Eusapia Palladino geprüft hat, sagt: "Ich bin auf dem Standpunkt, daß ich das wirkliche Vorhandensein und die Authentizität der meisten Phänomene nicht mehr leugnen kann, während ich sie früher für einfache Wirkungen der Einbildungskraft hielt. Ich meine damit die fühlbaren Materialisationen und die Erscheinungen. Aber ich kann auch nicht behaupten, daß ich eine Hypothese oder Theorie daraus genommen habe, welche mich vollständig beruhigte. Ich habe alles wiederholt geprüft und ein Phänomen nach dem andern wiederholt studiert, doch alles scheint mir unfähig, die eusapianische Phänomenologie zu erklären."

Nicht bloß einzelne Persönlichkeiten beschäftigten sich mit der Untersuchung des Spiritismus, sondern auch ganze Gesellschaften von gelehrten und sonstigen hervorragenden Männern bildeten sich wiederholt, um einerseits die Realität der spiritistischen Phänomene festzustellen, anderseits das Wesen derselben zu studieren. Schon im Jahre 1851 entstand eine solche in New York unter der Führung des hochangesehenen Richters Edmonds, deren Mitglieder, obwohl anfangs größtenteils aus Skeptikern oder Feinden des Spiritismus bestehend, trotzdem nachträglich die Überzeugung aussprachen, daß dem Spiritismus zwar unerklärliche aber unanfechtbare Tatsachen zugrunde liegen.

Gegen Ende der sechziger Jahre gründete Lubbock zur philosophischen Untersuchung wichtiger wissenschaftlicher Fragen der verschiedensten Art die dialektische Gesellschaft
(Dialectical Society) in London , welche fast ganz aus fortgeschrittenen Liberalen oder Freidenkern bestand. Dieselbe setzte zur Prüfung des Spiritismus ein Komitee ein, welches nach zwei Jahren ebenfalls die volle Tatsächlichkeit der spiritistischen Phänomene anerkannte, ohne für ihre Ursachen eine genügende Erklärung zu finden.


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Von besonderer Wichtigkeit für die Geschichte der Magie ist die Gründung der "Gesellschaft für psychische Forschung" (Society for psychical Research) in London im Jahre 1882, welche auch jetzt noch besteht und der eine große Anzahl ausgezeichneter Männer als Mitglieder angehört. Bereits im Jahre 1900 waren es 1500. Sie setzte sich zur Aufgabe, alle vom Normalen abweichenden und über dasselbe hinausgehenden Vorgänge physischer, psychophysischer und psychischer Natur zu erforschen, welche von der gegenwärtig dominierenden wissenschaftlichen Richtung keiner ernsten Betrachtung gewürdigt, sondern vielmehr als Aberglaube erklärt werden. Sie hat sich also ein weites Programm gestellt und zieht in den Kreis ihrer Untersuchungen nicht bloß die Erscheinungen des Spiritismus, sondern auch sämtliche anderweitige Tatsachen, welche geeignet sind, das Rätsel des Menschen und seines Seelenlebens aufzuklären. Sie hat insbesondere eine Reihe von Versuchen der sogenannten Gedankenübertragung ausgeführt und außerdem eine ungemein große Anzahl von magischen Tatsachen und Ereignissen gesammelt und konstatiert. Den einzelnen Mitgliedern steht es frei, die festgestellten Phänomene rein naturwissenschaftlich oder auch spiritistisch zu erklären. Die Ereignisse werden in fortlaufenden Bänden, den "Proceedings of Society for psychical Research" publiziert.

Über die sonstigen gegenwärtig bestehenden Gesellschaften zum Studium der magischen Phänomene schreibt das bereits S. 14 erwähnte Flugblatt: "Vereinigungen zum Studium des Spiritismus bzw. der neueren (i. e. spiritistisch-okkultistischen) Psychologie gibt es mehr als tausend, findet man doch in allen größeren Städten Deutschlands mindestens eine, wenn nicht gar zwei bis drei solcher Gesellschaften, abgesehen von den unzähligen stillen Familien- und Privatzirkeln." Die weitere Entwicklung des Spiritismus, Okkultismus und verwandter Gebiete habe ich seit dem Jahre 1912 nicht mehr weiter verfolgt.

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Nach dem Vorstehenden gehen nun offenbar die Ansichten auf diesem Gebiete völlig auseinander. Soweit Beobachtungen an spiritistischen Medien oder selbständige Versuche, z.B. mit Gedankenübertragung, stattfanden, wurden da und dort beachtenswerte Einzelergebnisse erzielt, aber es ist bis jetzt nicht möglich, daraus eine eigentliche magische Wissenschaft auch nur in den Fundamenten zu konstruieren.


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Speziell über den Spiritismus scheinen übrigens trotz der großen Zahl seiner Anhänger andauernde eigene und streng wissenschaftliche Experimente, wie sie sonst in jeder naturwissenschaftlichen Disziplin der Forscher selbständig und berufsmäßig und frei von abergläubischer Voreingenommenheit ausführt, bis jetzt überhaupt nicht unternommen zu sein, oder sie wurden, wie ich sicher vermute, weil zu keinem Resultat führend, nicht publiziert. Selbstverständlich wäre in einem solchen Falle zunächst der betreffende Forscher selber sein eigenes Versuchsobjekt.

Bei dieser Gelegenheit möchte ich aber doch erwähnen, daß der russische Hofrat und Professor a. D. Seiling in seinem zwar stark dem Spiritismus zuneigenden, im übrigen aber ausgezeichneten Schriftchen "Meine Erfahrungen auf dem Gebiete des Spiritismus"* mit rühmlicher Offenherzigkeit die von seiner Frau Helene mit großem Eifer und Ausdauer einige Jahre hindurch angestellten Versuche schildert, obwohl sie kein greifbares Resultat ergaben.

Vor vielen Jahren bin ich nun selber durch Zufall auf dieses Thema geführt worden. Bei meinem Interesse für das Geheimnisvolle und Unerforschte und meiner Neigung, gerade auf völlig unerforschtem Gebiete zu arbeiten, drängte es mich nach Überwindung der ersten Vorurteile immer wieder zu experimentieren, und zwar, um jeden Betrug spiritistischer Medien von vornherein unmöglich zu machen, ausschließlich an mir selber. Welch außerordentliche Schwierigkeiten sich entgegenstellen würden, ahnte ich damals freilich noch nicht; im Gegenteil sagte ich mir, was so ein dummer, spiritistischer Spottgeist fertig bringt, muß ich doch auch zustande bringen können.

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* Leipzig. Oswald Mutze.

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III. Allgemeiner Verlauf meiner Experimente.


Im Februar 1901 - ich war damals gerade 36 Jahre alt* fragte mich ein mir bekannter Herr**, ob die in spiritistischen Sitzungen gelegentlich auftretenden phosphoreszierenden Gestalten sich nicht zum Teil physikalisch oder chemisch erklären ließen. Als ich bemerkte, daß meines Wissens der Spiritismus überhaupt nur auf Schwindel beruhe, war der Fragesteller nicht zufrieden, denn er hatte früher wiederholt Gelegenheit gehabt, spiritistischen Sitzungen beizuwohnen und war von der Realität der Phänomene vollständig aus eigener Anschauung überzeugt. Insbesondere hatte er auch, teils allein, teils in Verbindung mit seinem Bruder, Experimente unternommen und dabei namentlich nachts öfters Klopflaute gehört. Später gab er jedoch die Versuche wieder auf, weil sie ihn sehr nervös machten und zu keinem Resultate führten.

Zu mir hatte er als experimentierenden Naturwissenschaftler größeres Vertrauen und riet mir darum, selber in dieser Richtung Beobachtungen anzustellen. Er zeigte mir auch, wie man bei den Spiritisten zuerst mit Schreibversuchen zu beginnen pflegt. Obwohl ich nicht bloß ihm sondern auch mir selbst einwandte, daß bei derartigen Experimenten erwiesenermaßen unfreiwillige Muskelbewegungen auftreten und dieselben somit nichts beweisen, gab ich seinem weiteren Drängen nach und setzte mich während einiger Tage je eine Zeitlang mit Papier und Bleistift an den Tisch, wartend, ob sich nicht etwa die Hand bewege und der Bleistift zu schreiben beginne. Jedoch bald reute mich die dafür aufgewandte Zeit und ich stellte die Versuche wieder ein, da ich in der Chemie Besseres zu tun hatte.

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* Geboren am 14. Februar 1865.

** Derselbe ist nunmehr Doktor einer naturwissenschaftlichen Disziplin, befindet sich in angesehener Stellung in München und erhielt vor einigen Jahren wegen hervorragender naturwissenschaftlicher Leistungen einen namhaften, der internationalen Bewerbung unterstehenden Geldpreis.


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Der erwähnte Herr kam jedoch wieder und ließ nicht ab, mich zur Fortsetzung der Bemühungen zu ermuntern und ich begann darum von neuem. Schon nach wenigen Tagen verspürte ich jetzt einen eigentümlichen Zug in meinen Fingerspitzen, der bestrebt zu sein schien, den Bleistift von links nach rechts schief aufwärts weiter zu bewegen. In der folgenden Zeit wurde das immer deutlicher. Ich gab, den Bleistift möglichst leicht haltend und meine Gedanken darauf konzentrierend, dem Zuge nach und bemühte mich auch meinerseits, denselben zu unterstützen und zu verstärken. In den nächsten zwei Wochen ging dieser Prozeß immer leichter von statten. Doch suchte sich der Bleistift allmählich nach den verschiedensten Richtungen zu bewegen und manchmal beschrieb er die sonderbarsten Windungen und Schnörkel. Obwohl ich bis dahin keinen vernünftigen Sinn herausfinden konnte, war ich bereits für die Sache gewonnen und mein lebhafter Wunsch war von nun an der, daß aus diesen Schreib- und Zeichnungsversuchen eine planmäßige Schrift oder eine Zeichnung entstehen möge. Besonders aber galt mir eine intellektuelle Verständigung mit den Führern des sozusagen allmählich immer lebendiger werdenden Bleistiftes als erstrebenswert.

Gleichzeitig las ich nebenbei noch ein paar Schriften über den Spiritismus. Unglücklicherweise gerieten mir bei meiner mangelnden Literaturkenntnis gerade solche in die Hände, die von Aberglauben förmlich strotzten. In einer derselben waren die Namen der Geister verschiedener Verstorbener, die sich bei spiritistischen Versuchen gemeldet hatten, genannt, darunter auch "Julie Norne".

Als ich eines Abends wieder den Bleistift hielt, begann er mit einem Male buchstabierend zu schreiben: "Julie Norne ist da!" Ich fragte in Gedanken, ob ein Geist anwesend sei. Die schriftliche Antwort lautete bejahend. Es folgten nun noch verschiedene Fragen und Antworten, aber nur in Dingen, die ich selber bereits wußte. Ich wollte nämlich zunächst sehen, ob ich einen genügend intelligenten "Geist" vor mir habe und prüfte darum "die Julie" hauptsächlich in - Chemie! Gleichzeitig mit dem Schreiben eines Buchstaben kam mir jedesmal der nächste ganz deutlich in den Sinn, während ich weniger bestimmt auch das folgende Wort erraten konnte. Da der Geist bald müde zu sein schien, wurde die Korrespondenz nur kurze Zeit geführt.

Auch in den nächsten Tagen meldete sich das gleiche Wesen, ohne daß etwas Neues dabei herauskam. Ich blieb darum, besonders


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aber weil ich das, was vom "Geiste" geschrieben wurde, allmählich immer leichter selber vorher wußte und außerdem fühlte, daß ich auch bei dessen Antworten selber mitdenken mußte, im Zweifel, ob es sich wirklich um einen solchen handle. Im übrigen hatte ich ganz unbedingt den Eindruck, als ob ein mir völlig fremdes Wesen dabei im Spiele sei.

Schon am zweiten Tage hatte es geschienen, als ob der Geist sein Wesen und seine Schrift etwas verändert hätte, um so mehr aber in den folgenden Tagen und Wochen. Außerdem meldeten sich allmählich auch andere. Einmal kam in besonders schwungvoller und schwulstiger Schrift: "Werner ist da." Ein andermal "Stafford ist da" usw. Das waren wieder Namen, die ich vorher in der erwähnten spiritistischen Schrift gelesen hatte. Während zunächst wissenschaftlicher Ernst in der Sache gewesen war, drohte sich jetzt die Angelegenheit zu verflachen und die Zahl der sich meldenden Geister wurde immer größer. Allmählich kamen unverkennbar auch minderwertige, ja selbst moralisch defekte und bösartige Intelligenzen. Schließlich schienen auch sexuelle Momente ins Spiel treten zu wollen.

Aus dem inneren Vorherwissen dessen, was geschrieben wurde, entwickelte sich mit der Zeit ein "inneres" oder auch nahe am Ohre befindliches Vorherhören desselben. Die Bedeutung des Bleistiftes trat dadurch mehr zurück. Ich fuhr in diesem Stadium mechanisch und die einzelnen Buchstaben oft nur andeutend über das Papier hinweg, da ich immer deutlicher und sicherer vorher ganz leise sprechen hörte, was geschrieben werden sollte. Endlich ließ ich den Bleistift ganz weg und brauchte nur noch unter Aufhorchen auf die "innere Stimme" die rechte Hand und namentlich die drei Finger, mit welchen ich sonst den Bleistift gehalten hatte, gleichzeitig entsprechend etwas zu bewegen. Schließlich wurde auch das überflüssig und ich konnte, da ich inzwischen auch selber "innerlich" sprechen gelernt hatte, jederzeit mit den sich meldenden Wesen verkehren. Ich war also, statt zu einem "Schreibmedium", wie die Spiritisten sich ausdrücken, zu einem "hörenden Medium" geworden.


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Es ging dann tagelang ganz gegen meinen Willen ein unerträgliches und widerliches Streiten fort. Das war die erste große Enttäuschung, die ich auf diesem Gebiete erlebte.

Vielfach erwiesen sich auch die Angaben der sich meldenden Wesen direkt als erlogen. Gegenüber dem Hause, in welchem ich wohnte, zog damals eine fremde Mietspartei ein. Zur Probe fragte ich meine Geister, wie dieselbe heiße. Ohne Zögern erhielt ich die Antwort: "Hauptmann von Müller". Nachträglich stellte sich heraus, daß die Angabe vollständig unrichtig war. Wenn ich ihnen nun in solchen Fällen in Güte Vorwürfe machte, erfolgte oft ganz treuherzig die Antwort. "Wir können halt nicht anders, wir müssen lügen, wir sind böse Geister, das darfst du nicht so schlimm auffassen." Wenn ich aber grob wurde, wurden sie es auch. "Du kannst mir auf den Buckel steigen, du Dummkopf! Du quälst uns ständig! Hättest du uns nicht gerufen! Wir müssen jetzt bei dir bleiben!" Bei weiterer Steigerung war es dann ähnlich, wie wenn sich jemand vor einen Wald oder eine Mauer stellt und gegen dieselbe schimpft. Je stärker er räsonniert, desto stärker bekommt er es wieder zurück. Zeitweilig bedingte schon der geringste unvorsichtige Gedanke an mein Inneres einen Wutausbruch der inneren Stimme.

Da mir der eingangs erwähnte Herr auf Grund der Erfahrungen der Spiritisten geraten hatte, mich an einen bestimmten Geist zu halten, so versuchte ich immer wieder zu dem Wesen, das sich ursprünglich gemeldet hatte, Julie Norne, zurückzukehren, oder vielmehr zu der bekannten inneren Stimme desselben, welche das erste Mal einen guten Eindruck gemacht hatte. Allein es ging nicht. Wenn ich lange Zeit mit demselben gesprochen hatte, trat mit einem Male ein Umschlag ein und es folgte mit der gleichen oder auch mit anderer Stimme die Antwort: "Wir haben dich nur für Narren halten wollen. Wir haben gelogen" usw. Die Entartung nach den verschiedensten Richtungen schritt immer weiter fort. Auch meldeten sich endlos neue Geister.

Außer diesen akustischen Halluzinationen, wie sie der Psychiater nennen würde, traten auch andere, namentlich optische, auf. Ich fühlte zunächst häufig ganz deutlich eine Beeinflussung meiner Augen, einen Zug nach denselben, vergleichbar mit demjenigen, welcher beim Erlernen des mediumistischen Schreibens in die Finger gegangen war. So z.B. wurde es mir dunkler vor denselben, wenn böse Geister anwesend zu sein schienen. Endlich sah ich aber


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auch tatsächlich Gestalten. Besonders häufig waren Illusionen, bei welchen bekanntlich ein wirklich vorhandener Gegenstand als Ausgangspunkt für eine Sinnestäuschung dient. Aus den Zweigen der Bäume, aus vorüberziehenden Wolken usw. suchten sich die verschiedensten geisterhaften oder auch phantastischen Gestalten zu formieren.

Unter den optischen Halluzinationen ist folgende die bemerkenswerteste, weil sie mir zum ersten Male eine besonders klare Vorstellung und unmittelbare Anschauung über das Wesen der spiritistischen Phantome gewährte: Einmal hatte ich einige Tage den Besuch einer hübschen, jungen Dame. Dieselbe machte einen gewissen Eindruck auf mich, der jedoch schnell wieder verschwand, nachdem sie fort war. Ein paar Tage später lag ich nachts in meinem Bette, auf die linke Körperseite geneigt und dabei gelegentlich mit den innern, sich meldenden Stimmen redend. Als ich mich jetzt auf die andere Seite drehte, sah ich zu meiner größten Überraschung rechts neben mir den Kopf des betreffenden Mädchens aus dem Bette herausragen, wie wenn es neben mir liegen würde. Es war magisch verklärt, von entzückender Schönheit, ätherisch durchsichtig und in dem fast dunkeln Zimmer - auf der Straße brannte in einiger Entfernung eine elektrische Bogenlampe - sanft leuchtend. Im ersten Moment war ich über das Wunderbare völlig verblüfft, im nächsten aber war mir bereits klar, um was es sich handelte, um so mehr, als mir gleichzeitig eine rauhe, unheimliche Stimme innerlich spöttisch zuflüsterte. Ich wandte mich daher entrüstet und ohne mich um das Phantom weiter zu kümmern, mit einem kräftigen Schimpfwort wieder auf die linke Seite. Später sagte mir eine freundliche innere Stimme: "Das Fräulein ist schon wieder fort." Ich sah nach, und als nichts mehr vorhanden war, schlief ich ein. Diese Erscheinung war hauptsächlich für mich die Veranlassung, der Julie Norne, die offenbar die Gefahr einer sexuellen Mediumität herbeiführte, endgültig den Laufpaß zu geben. Daß ich damals völlig wach war, kann ich auf das bestimmteste versichern, ebenso, daß ich vorher nicht an die betreffende Person gedacht hatte.

Auch sonstige Phänomene traten ein. So z.B. hörte ich eines Abends, rund um das Zimmer langsam herumgehend, ein sanftes Geräusch, wie wenn die Wände mit einem Federwisch abgeklopft würden, ohne daß ich etwas sehen konnte und ohne daß ich dabei selber irgendwie aktiv war. Ein anderes Mal nahm meine zufälligerweise gerade bei mir im Zimmer anwesende Mutter dasselbe minutenlang ebenso gut wahr.


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Von besonderem Interesse ist der folgende Fall. Als ich eine vor mir liegende Substanz*, welche eine grobkörnige Beschaffenheit hatte, betrachtete, begann dieselbe plötzlich zu meiner größten Überraschung und ohne daß ich vorher die geringste Ahnung davon gehabt hatte, langsam in eine Anzahl kleinerer Partikelchen zu zersplittern, indem ein Korn nach dem andern durch eine anscheinend von innen heraus wirkende Kraft zersprengt wurde, so daß die entstandenen Partikel auf einige Dezimeter auseinander geschleudert wurden. Nachdem ich den Vorgang dem am Anfange dieses Kapitels erwähnten Herrn erzählt hatte, kam derselbe einige Zeit später zu mir, um zu sehen, ob etwas derartiges abermals zu erreichen wäre. Ich breitete die Substanz auf einem Blatt Papier aus und ging einige Schritte weit weg, jetzt aber mit dem lebhaften Wunsche, es möchte die Zersplitterung noch einmal eintreten, worauf mir der betreffende Herr bald zurief, daß sie bereits wieder beginne. Nach ein paar Minuten kam mir der Gedanke, ich solle den Versuch wegen magischer Überanstrengung meiner Geister, die ich aber als solche nicht empfand, unterbrechen und ich brachte darum die Substanz noch in Anwesenheit des erwähnten Herrn in ein Glas, das mit Korkstöpsel verschlossen wurde. Auch jetzt noch dauerte die Zerkleinerung einige Zeit fort. Mit der betreffenden Substanz hatte ich früher und später oft manipuliert, aber niemals sonst zeigte sie ein derartiges Verhalten, so daß die Annahme einer Selbstzersplitterung infolge von Spannungen ausgeschlossen ist.

Dann folgten wieder feindliche Demonstrationen der verschiedensten Art. Manchmal schienen alle Teufel los zu sein. Teufelsfratzen sah ich wiederholt längere Zeit mit völliger Klarheit und Schärfe. Einmal hatte ich, als ich im Bette lag, ganz deutlich das Gefühl, daß mir jemand eine Kette um den Hals schlinge. Gleich darauf nahm ich einen sehr üblen Schwefelwasserstoffgeruch wahr und eine unheimliche innere Stimme sagte zu mir: Jetzt bist du mein Gefangener. Ich werde dich nicht mehr loslassen. Ich bin der Teufel." Es wurden oft die schwersten Drohungen ausgestoßen. Ich habe es an mir selbst erlebt: Die dem modernen Menschen vielfach

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* Ich habe dieselbe seinerzeit in den "Berichten der deutschen chemischen Gesellschaft in Berlin", Jahrg. 1899, S. 2830, unter dem Namen "Reduktionsprodukt der Pseudographitsäure" beschrieben.


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als Schauermären des Mittelalters erscheinenden Erzählungen über böse Geister, sowie die spiritistischen Angaben über Spott und Poltergeister sind nicht aus der Luft gegriffen!

Es drängte mich infolgedessen allmählich, vorsichtiger gegen diese Gesellschaft zu sein. Ich hatte in der Überzeugung, daß hier grundlegende Entdeckungen zu machen seien, meine Versuche mit aller Energie und unter den größten Anstrengungen und Opfern betrieben. Die Fortschritte, die ich in der kurzen Zeit eines Vierteljahres gemacht hatte, waren erstaunliche. Es schien, daß ich bald ein vortreffliches "Medium" werden müsse, dem es ein Leichtes sei, die Welt von der Realität der magischen Phänomene zu überzeugen. Ich hielt es darum nicht für nötig, die Resultate objektiv, z.B. photographisch, zu fixieren, so daß dieses mir jetzt mit einer gewissen Berechtigung zum Vorwurf gemacht werden kann. Man darf aber dabei doch nicht vergessen, daß die Phänomene ohne mein unmittelbares Zutun eintraten und sich von mir niemals voraussehen ließen und daß ein Versuch, sie zu photographieren, in den meisten Fällen die ganze jeweilige Nervenstimmung, von der sie ja abhängig waren, geändert hätte.

Anderseits aber, warum diese abscheulichen Begleiterscheinungen von Teufeln und Spottgeistern?

Jedenfalls war ich fast jedem sich meldenden Wesen mit einer zu großen Offenherzigkeit und Vertrauensseligkeit entgegen gekommen und hatte auf Drohungen zu wenig Rücksicht genommen, da in mir niemals ernstlich die tiefere innere Überzeugung Wurzel faßte, daß mich bei meinen magischen Experimenten wirkliche Geister oder gar böse Geister besuchen könnten. Ferner hatte ich allerdings oft, wie von einem bösen Geiste getrieben, gerade in meinem Übereifer die Anstrengungen bis zur äußersten Scherzhaftigkeit fortgesetzt, nicht bloß halbe sondern ganze Nächte hindurch. Meine Gesundheit war darum auf das schwerste angegriffen und meine Bekannten glaubten, daß ich bald sterben werde.

Ich beschloß daher, die ganze Lebensweise und die ganze Taktik zu ändern und versuchte auf Grund der gemachten Erfahrungen, die Gesetze, nach welchen sich die Phänomene vollziehen, zu erkennen und planmäßige, selbständige Experimente auszuführen, während ich bisher vielfach mich von den sich meldenden Wesen hatte führen und irreführen lassen. Das Verlangen meiner Geister, nicht viel nachzudenken, weil das den ganzen Betrieb störe, glaubte ich jetzt nicht mehr beachten zu brauchen.


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die nähere Überlegung zeigte mir dann auch zur Evidenz, daß es sich bei mir, im allgemeinen* wenigstens, unmöglich um Geister handeln könne. Im ganzen Auftreten und Handeln der sich meldenden Wesen war zweifellos ein gewisses Maß von Intelligenz, von selbständiger Intelligenz vorhanden, allein anderseits war wieder ihr Benehmen so sonderbar, so einseitig befangen, ihre ganze Gesinnung gegen mich häufig (aber durchaus nicht immer) so vollständig von meiner jeweiligen mir fühlbaren Nervenstimmung abhängig, daß offenbar der größte Teil der Ursachen der magischen Phänomene ohne weiteres in mir selber liegen mußte.

Mit der Änderung der Lebensweise nahm auch meine Mediumität wieder ab und erreichte seit dieser Zeit den damaligen Höhepunkt nicht mehr. Die nunmehrigen Resultate waren vielmehr im allgemeinen gering und schwankend. Wenn ich mich z.B., um einen exakten Maßstab für erzielte Fernwirkungen zu gewinnen, vor eine sehr empfindliche, chemische Wage[sic]** setzte und durch Ferndurck ein Senken der einen Schale und damit auch einen entsprechenden Ausschlag der Zunge zu bewirken suchte, bewegte sich dieselbe zwar manchmal ganz deutlich nach der Richtung, nach welcher ich wollte, häufig aber auch ebenso deutlich nach der entgegengesetzten und verblieb in dieser Stellung längere Zeit. Als ich mich dann um so mehr anstrengte und schließlich natürlich mich ärgerte, tauchte allmählich die Halluzination einer Spottfigur mit langer Nase an der Zunge der Wage auf und schien mich höhnisch anzugrinsen.

Damit ich mich von meiner Nervosität erhole, hatte mir der Arzt, über meine Experimente lächelnd, geraten, die ganze Magie "an den Nagel zu hängen" und möglichst wenig zu studieren, dafür aber fleißig Spaziergänge zu machen und namentlich auch auf die Jagd zu gehen. In letzterer Beziehung kam ich seinem Wunsche nach. Allerdings ging ich nur auf Raubzeug aus. Auf dieses aber bald in der mir eigenen Art immerhin mit einer gewissen Leidenschaftlichkeit. Speziell spielte die Jagd auf Elstern und Krähen eine Hauptrolle.

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* Da diese Stelle mißdeutet wurde, bemerke ich, daß sich später bei weiterem Fortsetzen meiner Studien zur Evidenz herausstellte, daß überhaupt niemals Geister bei mir im Spiele waren! Der Ausdruck "im allgemeinen" bezieht sich nur auf meine Auffassung zur damaligen Zeit.

** Derartige Wagen sind bekanntlich vor störenden Luftströmungen durch ein Glasgehäuse geschützt.


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Wenn ich nun aber allein in den Freisinger Isarauen mit dem Gewehr auf dem Rücken herumstreifte, dann kam ich nur allzu häufig auch hier wieder ins Grübeln und Studieren über meine Geister, Teufel und magischen Phänomene überhaupt, besonders wenn sich keine Jagdbeute zeigen wollte, so daß die Erholung oft nur eine sehr zweifelhafte war und sich immer wieder Illusionen und Halluzinationen einstellten. Statt der Elstern sah ich häufig da und dort auf Bäumen und Gesträuchern in schattenhaften, aber ganz deutlichen Umrissen Spottgestalten sitzen, dickbäuchige Kerle mit krummen, dünnen Beinen, langen, dicken Nasen oder langrüsselige Elefanten, die mich anglotzten. Auf dem Boden schien es manchmal von Eidechsen, Fröschen und Kröten zu wimmeln. Bisweilen waren sie phantastisch groß. Alle möglichen Tierformen und Teufelsgestalten umgaben mich. Jeder Strauch, jeder Zweig nahm abenteuerliche, mich ärgernde Formen an. Ein andermal schien auf jedem Baum, auf jedem Strauch eine Mädchengestalt zu sitzen, jedes Schilfrohr sich mit einer solchen umgeben zu wollen. Auf den vorüberziehenden Wolken sah ich Mädchengestalten, verführerisch lächelnd oder auch spöttelnd, und wenn der Wind die Zweige bewegte, winkten mir Mädchengestalten zu. Das Säuseln des Windes wurde zu ihrem Geflüster. Wer die Geschichte der Heiligen der verschiedenen Religionen kennt, weiß, daß dieselben ähnliches gelitten.

Sehr häufig entstand bei der Elsternjagd eine eigenartige Mischwirkung. Ich sah vielfach auf den Bäumen Phantasieelstern sitzen, am hellen Tage, selbst wenn ich mit dem Fernglas scharf zusah, besonders aber am Abend. Namentlich abends schoß ich öfters auf dieselben, und wenn dann natürlich nur ein paar dürre Blätter herunterfielen, wurde ich innerlich aufs ärgste verspottet. Hatte ich tatsächlich eine Elster geschossen, dann sah ich zeitweilig beim Suchen im Gebüsch bald da, bald dort eine Phantasieelster, so daß mir das Auffinden der wirklichen abends bedeutend erschwert wurde.

Immer wieder wütend wurden zeitweilig meine Feinde, sie hätten mich oft am liebsten umgebracht. Durch Monate hindurch schien mir, wenn ich nachts nach Hause ging, so ein Kerl auf dem Nacken zu sitzen. Bei jedem Tritt, den ich machte, nickte er mit, führte spöttische Bewegungen aus, sumste. Dann quälten mich die inneren Stimmen wieder so sehr, daß ich manchmal einen förmlichen Waffenstillstand schließen mußte. Ich behandelte die Urheber derselben


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wie selbständige Wesen, obwohl ich wußte, daß sie meinem eigenen Innern angehören müssen. Ich konnte nicht anders. Da auch die Urheber selber durch ihr Auftreten vielfach gequält zu sein schienen, wurde z.B. fest vereinbart, daß bis zum Ablauf der nächsten 24 Stunden vollständig Ruhe sein müsse, daß innerlich kein Wort gesprochen werden solle und ich meine Aufmerksamkeit nicht nach innen richten dürfe. Darauf schien sozusagen das ganze Haus leer zu sein. Nichts rührte sich. Sobald ich aber nur im geringsten Miene machte, über die Sache nachzudenken und mich wieder zu beobachten, war schon im nächsten Moment ein Kerl da mit dem Ausruf: "Wenn du keine Ruhe gibst, dann mag ich auch nicht." Nach Beendigung des Waffenstillstandes erfolgte wieder eine Art Geplänkel, Sticheleien usw., bis der Kampf wieder in heller Wut entbrannte. Jedenfalls lag ein Hauptgrund dieser inneren Quälereien darin, daß ich zu vereinsamt lebte, zu viel nachdachte und mich selbst beobachtete. Gerade das letztere konnten meine Geister vielfach absolut nicht leiden, obwohl ich anderseits nicht einsehen wollte, daß sie das etwas angehe.

Auch zu Hause gingen dann natürlich die Feindseligkeiten wieder weiter. Wenn ich in meinem Bette lag, schienen sich die Bettzipfel zu beiden Seiten riesig zu verlängern und mich höhnisch anzugrinsen. Gelegentlich erfolgte auch ein Schlag ans Fenster, auf den Boden, an die Wand, ein Knall oder Krachen. Einmal fielen gleich gegen ein Dutzend heftiger Schläge rasch nacheinander auf einige Bücher, die sich in meinem Schlafzimmer befanden. Ein andermal wurde eine vor mir auf dem Tische liegende halbe Semmel zu meiner großen Verblüffung mit Heftigkeit auf den Boden herunter, geschleudert. Schwarze Wolken, die sich zu Teufelsgestalten formten, wälzten sich manchmal nachts gegen mich heran und nur unter Aufbietung aller mir zur Verfügung stehenden psychischen und physischen Kräfte gelang es, die Halluzination aus meinem Vorstellungskreis hinauszudrängen.

Besonders erbittert wurden meine Geister, wenn ich sie gewaltsam zwingen wollte, mir zu gehorchen und meinen Wünschen entsprechend zu handeln. Sie schienen mich dann anzuspucken, drohten mir Ohrfeigen zu geben, mich durchzuprügeln. Je energischer und je länger ich gegen sie auftrat, desto dichter und fühlbarer, sozusagen handgreiflicher wurden die Gestalten, während sie vorher nur schattenhaft gewesen waren. Als ich einmal in starker Erregung über das Wesen meiner Teufel nachdenkend im Garten


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unter einem kleinen Apfelbaume stand, wurde rasch nacheinander, an zwei seitlich von einander entfernten Stellen, je ein noch nicht ganz ausgereifter völlig gesunder, mit dem zugehörigen Stück belaubten Zweiges noch in Verbindung stehender Apfel heruntergeschlagen.

Es konnte für mich kein Zweifel mehr bestehen, nach naivmittelalterlichen Begriffen war ich besessen*. Dazu die verzweifelte Alternative, entweder mache ich grundlegende Entdeckungen, die geeignet sind, das Menschenrätsel von ganz neuen Gesichtspunkten aus zu beleuchten, oder ich bin ein Narr, der in unverantwortlicher Halsstarrigkeit Jahre seines Lebens, Gesundheit und vielleicht das Leben selbst opfert, nachdem ich mir bereits durch die Chemie eine angenehme und gesicherte Stellung im Staatsdienste erworben hatte, die mir genügend freie Zeit gewährte, um mich auf chemischem Gebiete wissenschaftlich weiterzubilden und auch selbständig wissenschaftlich weiter zu arbeiten. Da las ich in einer Zeitung ungefähr folgendes: "der italienische Apotheker N. N. vertiefte sich so sehr in spiritistische Studien und Experimente, daß er irrsinnig wurde. In das Krankenhaus gebracht, verfiel er in Tobsucht und mußte in eine Zwangsjacke gesteckt werden."

Tiefe Schwermut lagerte daher oft wochenlang über mir und ich mußte ernstlich befürchten, auch meinerseits ein ähnliches Schicksal zu erleiden.

Aber unwillkürlich ließ ich mich trotzdem immer wieder von den sich meldenden rätselhaften Wesen führen und beeinflussen und auch zu Übertreibungen hinreißen. Sie gewannen darum vielfach einen ganz bedeutenden Einfluß auf meinen Körper. Bei der Besprechung des spiritistischen Schreibens am anfange dieses Kapitels erwähnte ich, daß ich allmählich des Bleistiftes entbehren konnte und es zur Verständigung genügte, wenn ich die Finger oder die Hand bewegte. Ich fühlte aber deutlich, daß ich die Hand dabei nicht ganz selbständig und allein bewegte, sondern noch eine andere Ursache dabei mitspiele, daß demnach eine Kombinationswirkung vorliegen müsse. Die Wesen hatten also einen merklichen Einfluß auf meine rechte Hand gewonnen. Ähnlich war es später auch mit der linken. Dieser Einfluß erstreckte sich in der Folgezeit auf die verschiedensten anderweitigen Körperteile, namentlich auf die Beine. Wenn ich ruhig am Tische saß und las oder mich mit

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* Vergl. dazu Kap. VIII unter "Besessenheit".


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jemand unterhielt, verspürte ich Muskelkontraktionen in denselben. Sie stellten sich auf die Zehenspitzen oder preßten sich krampfhaft gegen den Boden und wurden eingeschläfert. Sehr oft duldete ich das bis zur äußersten Anstrengung und Schmerzhaftigkeit so daß ich beim Aufstehen anfangs nicht mehr gehen konnte. Auch andere Organe wurden zeitweilig stark beeinflußt, z.B. das Herz und die Lungen. Manchmal war fast eine reine Bauchatmung vorhanden, der Thorax rührte sich nicht merklich, dagegen wölbte sich bei jedem Atemzug die Bauchwand stark hervor, das Zwerchfell samt den Lungen dehnte sich abnorm tief in den Leib hinunter. Manchmal war das Gegenteil der Fall. Der Gesichtsausdruck wurde häufig eigenartig und ich hatte nicht mehr die bekannten und gewohnten Gesichtszüge, was auch mir befreundeten Persönlichkeiten nicht entging. Kurz, ein auffallender Wechsel in den verschiedensten Organen und Körperteilen.

Ich habe jetzt keine Zeit den weiteren Entwicklungsgang während der folgenden Jahre, die noch manches schlimme Ereignis brachten, näher zu schildern und kann darum nur einiges zum Verständnis der im IV. und V. Abschnitt gegebenen wissenschaftlichen Erklärung der Phänomene besonders Wichtiges herausgreifen.

Allmählich hoben sich einzelne Halluzinationen immer deutlicher und bestimmter heraus und kehrten öfters wieder. Schließlich bildeten sich förmliche Personifikationen , indem z.B. die wichtigeren Gesichtsbilder mit den entsprechenden Gehörsvorstellungen in regelmäßige Verbindung traten, so daß die auftretenden Gestalten mit mir zu sprechen begannen, mir Ratschläge erteilten, meine Handlungen kritisierten usw. Ein ganz charakteristischer und allgemeiner Defekt dieser Personifikationen ist, gerade wie bei Hypnotisierten, der, daß sie sich immer wieder wirklich für das halten, was sie nur vorstellen oder nachahmen und daß sie dementsprechend auch im Ernste reden und handeln. Ich bemühte mich lange Zeit, eine Anzahl derselben weiter auszubilden. Hier nur einige Beispiele:

Vor ein paar Jahren gab sich mir bei Besichtigung von militärischen Übungen Gelegenheit, eine fürstliche Persönlichkeit aus unmittelbarer Nähe wiederholt zu sehen und sprechen zu hören. Einige Zeit später hatte ich einmal ganz deutlich die Halluzination, als ob, ich dieselbe wieder sprechen hörte. Zunächst schenkte ich der bald öfters auftretenden Stimme keine Beachtung,sie verschwand auch für längere Zeit wieder. Schließlich entwickelte sich in mir


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aber immer häufiger und deutlicher auch das Gefühl, als ob die betreffende Persönlichkeit in meiner Nähe wäre und auch die Gesichtsvorstellung wurde klarer, ohne daß sie zunächst zur Halluzination wurde, indem sie sich in Verbindung mit der inneren Stimme sozusagen von selber aufdrängte. Später traten die Personifikationen anderweitiger fürstlicher oder regierender Persönlichkeiten in analoger Weise auf, namentlich die Personifikation des deutschen Kaisers, ferner die Personifikationen Verstorbener, z.B. Napoleon I. . Allmählich beschlich mich dabei gleichzeitig ein eigentümliches, erhebendes Gefühl, Herrscher und Gebieter eines großen Volkes zu sein es hob und erweiterte sich deutlich meine Brust fast ohne Mitwirkung meinerseits, meine ganze Körperhaltung wurde auffallend stramm und militärisch - ein Beweis, daß die betreffende Personifikation alsdann einen bedeutenden Einfluß auf mich erlangte -, und ich hörte z.B. die innere Stimme mit majestätischer Erhabenheit sprechen: "Ich bin der deutsche Kaiser." Nach einiger Zeit wurde ich müde, es drängten sich anderweitige Vorstellungen gewaltsam ein und die Haltung wurde immer nachlässiger. Aus der Summe der auftretenden hoheitlichen Personifikationen entwickelte sich allmählich der Begriff "Hoheit". Meine Hoheit besitzt ein großes Verlangen, eine vornehme namentlich fürstliche und regierende Persönlichkeit zu sein, zum mindesten - bei weiterer Aufklärung meinerseits - solche zu sehen und nachzuahmen. Hoheit interessiert sich sehr für militärische Schauspiele, vornehmes Leben, vornehmes Auftreten, vornehmes und reichliches Essen und Trinken, für Ordnung und Eleganz in meiner Wohnung, für noble Kleidung, gute aufrechte, militärische Körperhaltung, für Turnen, Jagd und sonstigen Sport und sucht dementsprechend meine Lebensweise zu beeinflussen, beratend, mahnend, gebietend, drohend. Sie ist dagegen ein Feind von Kindern, von niedlichen Dingen, von Scherz und Heiterkeit, offenbar weil sie die fürstlichen Persönlichkeiten fast nur aus ihrem würdevollen Auftreten in der Öffentlichkeit oder aus Abbildungen kennt. Sie ist namentlich ein Feind von Witzblättern mit karikaturenhaften Abbildungen, vom Wassertrinken usw. Außerdem bin ich selber ihr körperlich etwas zu klein.

Eine weitere wichtige Rolle spielt die Personifikation "Kind": "Ich bin ein Kind. Du bist der Papa. Du mußt mit mir spielen." Kindergedichte werden daher gesummt: "Geht das Pädchen rum, rum, rum." "Kommt ein Vögerl geflogen." Wunderbar zarte Kindlichkeit


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und kindlich-naives Benehmen, wie es selbst das echteste Kind nicht so ergreifend und rührend darbieten könnte. Bei besonders guter Laune werde ich als "Putzi" tituliert oder es sagt einfach "Mein lieber Zi". Beim Spaziergang in der Stadt soll ich an Schaufenstern mit Kinderspielzeug stehen bleiben, dasselbe eingehend besichtigen, ich soll mir Kinderspielzeug kaufen, Kindern beim Spielen zusehen, mich nach Kinderart herumdrehen, - also durchaus unhoheitlich benehmen. Wenn ich auf Betreiben des "Kindes" oder der "Kinder" (zeitweilig tritt Spaltung in mehrere verwandte Personifikationen ein) gelegentlich in München in einem Kaufhaus in der Kinderspielwarenabteilung Umschau halte, ist diese Personifikation ganz außer sich vor Wonne und entzückt erfolgt oft mit kindlicher Stimme der Ausruf: "Ach wie schön, das ist der Himmel!" Für später wird die Einrichtung eines "Kinderzimmers" gewünscht. Als ich behufs Einübung optischer Halluzinationen, wie ich es im IV. Abschnitt näher beschreibe, mir eine ganz kleine, nur einige Zentimeter lange Kinderpuppe kaufte und dann auseinandersetzte, daß ich mit der Zeit bei zunehmender Übung, auch größere Puppen verwenden würde, erfolgte erfreut die Antwort: "das ist der Anfang vom Kindszimmer. Schließlich mußt du auch wirkliche Kinder zum Muster nehmen. Dann wollen wir dir zeigen, was wir sind und was wir können."

Eine andere Personifikation bildete sich folgendermaßen: Meiner Mutter wurde einmal in einem Gasthause von einem Händler ein Scherzartikel aus Gummi, eine Art Gummiball, aufgedrängt, der den wohlgenährten, rundlichen Kopf eines Studenten mit breitem Munde darstellte. Beim Zusammendrücken streckte derselbe die Zunge weit hervor. Sie brachte ihn mit nach Hause und wir spielten gelegentlich mit ihm. Einige Jahre später schien dieser Kopf, aber jetzt von menschlicher Größe, in meiner Nähe zu sein, während gleichzeitig eine der Figur entsprechende innere Stimme zu mir sagte: "Heute bin ich gut aufgelegt. Sei doch nicht so langweilig. Denke an mich. Ich kann, auch etwas. Mich freuen lustige Sachen." Beim Achtgeben schien der Kopf jetzt in den Wellen eines Flusses zu schwimmen und sich darin gleichmäßig und behaglich von denselben weiterschaukeln zu lassen, gelegentlich auch unterzutauchen. Es folgten verschiedene scherzhafte Bemerkungen sowie Kunststücke. Er stellte mit einem Male die Haare steif in die Höhe, schnitt Grimassen, streckte die Zunge, ähnlich wie der Gummiball, heraus usw. Dieser "Rundkopf", der gelegentlich sich bemerklich


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macht, dringt darauf, die "Münchener Fliegenden Blätter", überhaupt Witzblätter zu lesen und die betreffenden Abbildungen eingehend zu betrachten, in unterhaltende Gesellschaft zu gehen, gemütlich Bier zu trinken usw. Als ich einmal in einem Garten Sonnenblumen sah, forderte er mich auf, eine davon mit nach Hause zu nehmen, was ich auch tat. Nachdem ich sie in ein Glas mit Wasser gesetzt hatte, in welchem sie sich längere Zeit hielt, erfolgte von ihm gelegentlich die Anfrage: "Wo ist meine Sonnenblume?" Wenn ich sie dann betrachtete, war er sehr befriedigt. Einmal schien bei ihm auch ein dem Kopf entsprechender Körper vorhanden zu sein, und es bildete sich in mir die Vorstellung, als ob er eine solche Blume in das Knopfloch seines Rockes stecken wolle. Bald aber vernahm ich anderweitige innere Stimmen, welche sich ärgerlich über das "plumpe, geschmacklose und bäuerliche Gebaren" dieser Personifikation äußerten und dieselbe schnell aus dem Geleise brachten, so daß sich ihre heiteren Züge verzerrten und der Scherz vorüber war. Innerlich hörte ich dann noch sagen: "So sollte man einen nicht behandeln. Ich habe euch aufheitern wollen."

Daraus folgt, daß man mit derartigen Personifikationen, die manchmal in ihrer Art geradezu Genies darstellen, wie mit selbständigen Wesen reden kann. Nur muß man für gewöhnlich bei dem speziellen Gebiete bleiben, das sie vertreten, und alles fremdartige fernhalten, denn sobald man mit andern Dingen, namentlich diametral entgegengesetzten kommt, ist meistens die ganze Idylle sofort vorüber.

Später nahm ich am "Rundkopf" allerdings auch schlimme, zum Teil sogar sehr schlimme Eigenschaften wahr. Nach gewissen Richtungen hin schien er vollkommen verwahrlost zu sein und arge moralische Defekte zu besitzen. Dann vergaß ich denselben wieder längere Zeit, bis mir eines Tages auffiel, daß in mir eine fremde Macht bestrebt war, die Zunge seitlich hin und her zu bewegen oder auch vorzustrecken. Es stellte sich heraus, daß der Rundkopf Übungen machte, "seine" Zunge größer und gelenkiger und allseitig beweglicher zu machen, als es beim Gummiball der Fall war. Obwohl ich die Zunge als die meinige in Anspruch nahm, versuchte er seit dieser Zeit noch öfters Übungen mit derselben auszuführen. In der Besorgnis, es könnten sich dadurch bei mir "nervöse" Sprechstörungen entwickeln, warf ich den Gummiball in den damals allerdings nicht geheizten Ofen. Einige Stunden später meldete sich der Rundkopf wieder und sagte innerlich zu mir: "Hol' mich wieder


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heraus! es war nicht so schlimm gemeint." Lachend erfüllte ich seinen Wunsch. Da er aber, namentlich wenn ich in ärgerlicher Stimmung war, immer wieder mit meiner Zunge herummanipulierte und zwar anscheinend in böswilliger Absicht, zerriß ich den Gummiball und beseitigte ihn endgültig.

Inzwischen hatte übrigens der Rundkopf einmal wirklich Gutes gestiftet. Als ich nämlich in sehr aufgeregter und ärgerlicher Stimmung über andere Personifikationen nachts im Bette lag, tauchte im größten Ärger, durch ihn veranlaßt, mit einem Male in schwarzer Zeichnung die optische Halluzination eines Gockels auf, der einen Ölzweig des Friedens im Schnabel hielt und unmittelbar darauf ein Ei legte. Ich mußte lachen und die ganze Situation war jetzt vollständig verändert.

Eine große Rolle spielen bei mir zwei meist gehörnt auftretende, diabolische Personifikationen, "Bock-" und "Pferdefuß", gegen welche ich sehr vorsichtig sein muß, da sie sich immer wieder, namentlich wenn ich mich zu sehr überanstrenge, in gefährlicher Weise zu entwickeln drohen.

Ein hochinteressantes und wichtiges Steitenstück [sic] dazu bildet eine Personifikation des Göttlichen und Erhabenen, darstellend einen ehrwürdigen Greis mit voller, kräftiger Stimme und wallendem Barte, welcher ein natürlicher Gegner der vorher erwähnten diabolischen Personifikationen ist und mich für Tugend und hohe Ziele zu begeistern sucht.

Besonders das Studium dieser drei letzterwähnten Personifikationen wäre für die vergleichende Religionswissenschaft von der allergrößten Bedeutung. Doch kann ich über dieselben, abgesehen von einigen gelegentlichen Bemerkungen im V. Kapitel, erst später einmal Ausführlicheres berichten.

Da eine weitergehende Ausbildung derartiger Personifikationen offenbar vielfach ganz entgegengesetzte Forderungen nach sich zieht und es mir nicht gelang dieselben miteinander zu versöhnen oder wenigstens völlig getrennt voneinander zu behandeln, so nahm die Aufregung in meinem Innern wieder zu, es traten neue Personifikationen direkt gegen meinen Willen auf, Feinde unter sich und gegen mich und häufig bildete sich ein wirres Durcheinander, ähnlich wie in den ersten Jahren meiner magischen Experimente. Da konnte ich zur Evidenz erkennen, daß der Mensch auch psychisch nichts weniger als eine reine Einheit darstellt. Freilich ist dabei nicht zu vergessen, daß es sich alsdann um einen direkt ins


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Pathologische gehenden Zustand handelte. Aber für die Beurteilung der psychischen Beschaffenheit des Menschen bleibt die Möglichkeit solcher Phänomene trotzdem von großer Wichtigkeit, wie sich aus späteren Auseinandersetzungen ergeben wird.

In dieser Art ging es durch weitere Jahre hindurch fort wie in einem Circulus vitiosus, immer wieder verlockend, dann wieder aussichtslos. Fürwahr, wohl selten wurden bei einer wissenschaftlichen Entdeckung solche Um- und Irrwege eingeschlagen als von mir! Ich war ja, fast ohne es zu wollen und zu merken und ohne genügende Vorkenntnisse in ein mir völlig fremdes Gebiet geraten. Durch die zahlreichen Irrfahrten nach den verschiedensten Richtungen habe ich aber dafür in das weite Gebiet der Magie einen Einblick gewonnen, wie ihn bis jetzt niemand besitzt. Immer wieder schöpfte ich darum neue Hoffnung, denn in der Chemie hatte ich bereits gefunden, daß, wenn man jahrelang das gleiche Thema bearbeitet, dasselbe sozusagen Tag und Nacht bebrütet, man fast notwendig eine solche Vertrautheit mit demselben erlangt, daß man schließlich doch das Richtige herausfühlt.

Außerdem hatte ich allmählich einiges aus der modernen Literatur über Hypnotismus, Somnambulismus, Animismus usw. gelesen, ferner über die Lokalisation der Gehirnfunktionen nach Fritsch und Hitzig, sowie nach Munk, über die Assoziationssphären Flechsigs, über die Halluzinationen Geisteskranker usw.

Ich war alsdann erstaunt, daß vieles, was ich mühsam aus mir herausgeschunden, bereits bekannt war, daß aber auch vieles, was mir im Laufe der Jahre als selbstverständlich vorkam und ganz geläufig geworden war, noch völlig unbekannt sei, wie z.B. das tiefere Wesen der Illusionen und Halluzinationen, des Unterbewußtseins usw. Wenn ich darum auch durch die unzulängliche Verbindung mit der bereits feststehenden Wissenschaft* vielleicht manche überflüssige Arbeit verrichtet und manches unnötigerweise gelitten habe, so muß ich mir anderseits doch wieder sagen, ich bin dafür auch vor manchem eingewurzelten Vorurteile der gegenwärtigen Wissenschaft bewahrt geblieben.

So ist es mir nun allmählich möglich geworden, mir ziemlich klare theoretische Vorstellungen über das Wesen der durchlebten magischen Phänomene zu bilden und die Prinzipien einer magischen Wissenschaft festzustellen, namentlich aber auch allgemeine und

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* Fachleute, wie Mediziner, Psychologen usw. werden darum wohl diesbezügliche Defekte in meinem Buche finden.


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einfache Regeln zur praktischen Durchführung magischer Experimente aufzufinden, auf Grund deren nach meiner Überzeugung ein Anfänger so gut wie in jeder andern experimentellen Wissenschaft sich planmäßig im neuen Wissensgebiete ausbilden kann.

Für die zu gestaltende Wissenschaft habe ich nach langer Überlegung den Namen "Magie" gewählt, da er nun einmal für die in Frage kommenden Phänomene seit uralten Zeiten im Gebrauche ist. Freilich besitzt er mystischen Beigeschmack, allein der neueingeführte plumpe Name Okkultismus, der übrigens schon in etwas anderem Sinne mit Beschlag belegt ist, entbehrt gewiß auch nicht eines solchen und hat dem ersteren gegenüber den Nachteil, daß er keinerlei historische Berechtigung besitzt. Außerdem gibt es in jeder anderen Wissenschaft des Okkulten auch jetzt noch genug. Andere Namen, wie Metapsychik (analog der Metaphysik des Aristoteles), Psychodynamik usw. halte ich ebenfalls für nicht viel besser geeignet. Ersterer hat wieder den Nachteil des Mystischen und Neugebildeten, der letztere ist unzulänglich, da es sich bei meiner Magie nicht bloß um die Entfaltung von psychischen und psychophysischen Kräften handelt, sondern namentlich auch um das Studium des Wesens und der Bedeutung des sogenannten Unterbewußtseins im Menschen. Im übrigen schwebt mir die Magie als eine regelrechte exakte und experimentelle Naturwissenschaft, als eine Art Experimentalmagie vor.

Da der Zukunftsmagier vielfach nach andern Prinzipien vorgehen wird als ich mußte, da ferner eine tiefere Erklärung der vorstehenden Phänomene beim gegenwärtigen niedrigen Stande der Kenntnisse auf diesem Gebiete nicht ohne weiteres zu geben ist, so will ich zunächst im folgenden IV. Abschnitt eine Beschreibung und Erklärung einfacherer magischer Phänomene bringen und daran die Besprechung von Experimenten reihen, welche im Gegensatz zu meinen Versuchen der Anfänger in der Magie zunächst ausführen und einüben sollte. Erst im V. Abschnitt gebe ich alsdann eine wissenschaftliche Erklärung meiner eigenen Erlebnisse, welche, wie aus dem Vorstehenden ersichtlich, meist ganz anderer Art waren und größtenteils auf einer Magie des sogenannten Unterbewußtseins beruhen. Sie werden darauf um so leichter verständlich sein.

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IV. Magie des bewußten Ich.


Den Schlüssel zum Verständnis der magischen Phänomene liefert nach meinen Erfahrungen vor allem die Kenntnis der beiden Begriffe "Halluzination" und "Unterbewußtsein". Der erstere spielt zwar in der Psychiatrie schon längst eine wichtige Rolle, sein tieferes Wesen ist aber bis jetzt noch nicht aufgeklärt. Über den letzteren bestehen die verschiedensten, oft geradezu abenteuerlichsten Ansichten. Ich will zunächst einiges über Halluzinationen mitteilen und erst im V. und VI. Kapitel das Unterbewußtsein besprechen.
 
 

1. Wesen der Halluzinationen.


Wenn ich ein vor mir befindliches Licht, etwa einer brennenden Kerze, wahrnehme oder betrachte, gelangt die Erregung von der Netzhaut über das Zwischenhirn zu den Sehzentren und einschlägigen Assoziationsgebieten und schließlich zum Bewußtsein. Der genaue Verlauf in der Hirnrinde ist bis jetzt noch nicht befriedigend aufgeklärt, doch ist eine Kenntnis desselben für die folgenden Erörterungen nicht notwendig.

Wenn ich die Augen schließe und einen Druck auf dieselben und damit zugleich auch auf die Netzhaut ausübe, geht die Erregung auf den gleichen Bahnen wie vorher weiter und ich sehe wieder Licht. Es genügt also die bloße mechanische Reizung des peripheren Nervengebietes, um Licht mit aller Lebhaftigkeit zu sehen, wo tatsächlich keines vorhanden ist, d.h. um die Halluzination von Licht hervorzurufen. Nach meiner Ansicht darf man daraus allein schon mit einer gewissen Berechtigung den Schluß ziehen, daß bei einer Halluzination die Erregung peripherer Organe eine wichtige Rolle spielt.

Wenn ich mir aber jetzt, im Gegensatz zum Wahrnehmen oder Betrachten einer objektiven oder subjektiven Lichterscheinung,


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umgekehrt Licht vorstelle, dann werden dadurch zunächst und hauptsächlich nur die einschlägigen Gebiete der Hirnrinde erregt, nicht aber die peripheren Zentren und Organe. Die nachträglich willkürlich auf Grund des Gedächtnisses hervorgerufenen Vorstellungen sind darum im allgemeinen nicht besonders detailliert, lebhaft und deutlich, für die Zwecke des gewöhnlichen Denkens sind sie jedoch ausreichend. Suche ich mir aber absichtlich Licht besonders lebhaft und deutlich vorzustellen, so daß die Erregung der vorher erwähnten Rindenpartien ungewöhnlich stark wird, dann kann dieselbe nach meinen Erfahrungen nach erlangter Übung mit immer größerer Macht von hier aus noch weiter heruntergehen, über das Zwischenhirn, schließlich bis zur Endausbreitung des Sehnerven, zur Netzhaut, und man sieht, wie bei der vorher erwähnten mechanischen Reizung des Sehnerven, mit aller Lebhaftigkeit Licht, obwohl kein solches vorhanden ist. Man hat wieder die Halluzination von Licht. Die Erregung passiert hier zunächst das optische System in genau umgekehrter Richtung und wirkt dann anderseits, indem sie sich wieder nach rückwärts zur Großhirnrinde fortpflanzt, wie ein real außerhalb befindliches Licht auf das Bewußtsein. Man setzt also gewissermaßen das Spiel in Szene und macht anderseits wieder den Zuschauer. Als letzterer findet man physiologisch genau die gleichen Bedingungen und den gleichen Erregungszustand des gesamten optischen Apparates vor wie beim Sehen, Wahrnehmen oder Betrachten eines realen Lichtes der Außenwelt und sieht infolgedessen scheinbar (d.h. subjektiv) wirkliches Licht.

Nicht bloß Halluzinationen einfachster Art lassen sich auf diese Weise hervorrufen sondern auch kompliziertere, z.B. von Menschen, Tieren, Blumen.

Wie sich mir aus vielfachen Gesprächen mit Bekannten ergab, ist es für solche, welche niemals in ihrem Leben eine regelrechte Halluzination gehabt haben, schwierig, sich eine Vorstellung vom Wesen derselben zu machen. Diesen möchte ich empfehlen, das sogenannte "Nachbild" zu beobachten, über welches in allen Lehrbüchern der Physiologie sich nähere Angaben finden: Betrachtet man eine Zeichnung, eine Figur usw. einige Zeit scharf und aufmerksam und wendet dann den Blick gegen eine helle Wand, so sieht man nach einigen Sekunden mit vollkommener, realistischer Deutlichkeit das gleiche Bild auf der weißen Fläche, allerdings in komplementären Farben und in einer der Entfernung des Hintergrundes


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proportionalen Größe. Für diesen Zweck möchte ich die z.B. im Verlag von Alfons Simon in München und im rheinischen Kunst- und Postkarten-Verlag "Hepp" in Mannheim erschienenen, in weiß und schwarz, als Negativs [sic] in Postkartenformat ausgeführten Künstleransichtskarten empfehlen (König Ludwig II., Kaiser Wilhelm I. und II., Kaiser Franz Joseph, Andreas Hofer, Mona Lisa u.a.). Man kann dadurch innerhalb einer Minute eine unmittelbare Anschauung darüber gewinnen, daß es möglich ist, ein Bild, und zwar selbst ein kompliziertes, mit vollkommen realistischer Deutlichkeit vor sich zu sehen, obwohl ein solches nicht (mehr) vorhanden ist.

Zur Erklärung des Nachbildes nimmt man an, daß beim Fixieren eines Gegenstandes die Netzhaut für die betreffenden Farben ermüdet, so daß beim nachträglichen Betrachten einer weißen Fläche von allen nunmehr das Auge treffenden Farben nur die komplementären des vorher fixierten Objektes eine merkliche Wirkung hervorbringen.

Diese Erklärungsweise des Nachbildes spricht ebenfalls ohne weiteres für die Richtigkeit meiner Behauptung, daß zum realistischen Sehen auch eines nicht vorhandenen Gegenstandes eine Erregung der Netzhaut erforderlich ist. Der Unterschied zwischen dem Nachbild und einer nach meinem Verfahren eingeübten Halluzination, deren Erzeugung aber den meisten Menschen unvergleichlich schwieriger ist, besteht darin, daß im ersten Falle eine von außen her verursachte Erregung der Netzhaut sich noch in ihren Folgen geltend macht, während bei einer Halluzination die Erregung der Netzhaut von innen heraus, von den oberen Zentren des Gehirns verursacht wird, sowie daß der Gegenstand in der gleichen Entfernung und mit den richtigen (nicht komplementären) Farben gesehen wird.

Analog einer Halluzination des Gesichtes erzielt man eine solche des Gehörs, wenn man schließlich die Erregung bis zur peripheren Ausbreitung des Gehörnerven in der Schnecke und von hier aus weiter über periphere Hörnervengebiete bis zum Trommelfell treibt. Da diese Art der Erzeugung von Gehörhalluzinationen unabhängig ist von den Sprachwerkzeugen des Menschen, so läßt sich nicht nur die eigene Stimme naturgetreu nachahmen, sondern auch diejenige anderer Menschen, ferner von Tieren usw. Ebenso kann man nach Art des Grammophons (das Trommelfell entspricht der Schallmembran desselben) beliebige anderweitige Töne und Geräusche,


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ja die schönste Musik, mit realistischer Täuschung sich hervorzaubern.

Wie man aber durch das optische System sozusagen "optische" Energie und durch das akustische System "akustische" Energie in umgekehrter Richtung treiben kann, so läßt sich beim Geruchsystern "odorative", beim Gefühlsystem "sensible" Energie, also für jedes System und für jeden Nerven charakteristische und spezifische Energie erzeugen und in entgegengesetzter Richtung, als der normalen physiologischen Funktion entspricht, leiten. Dementsprechend entstehen dann auch die verschiedensten spezifischen Halluzinationen.

Durch die gleichzeitige Verbindung mehrerer derselben läßt sich eine Person sprechend, singend, gehend darstellen, eine Blume riechend usw. Kurz, man kann sich bei entsprechender Übung und Veranlagung mit geschlossenen Augen, im verdunkelten Raume, in der Stille der Nacht eine der Außenwelt nachgebildete oder nach Belieben modifizierte, subjektive Phantasmenwelt vermittelst des "geistigen" Auges, des "geistigen" Ohres usw. willkürlich produzieren (visuell, auditiv, odorativ, sensitiv, kinästhetisch).

Es handelt sich also hier offenbar um ein magisches Grundgesetz, welches ich als das "Gesetz der Umkehrbarkeit (Reversibilität) des Verlaufs der Nervenerregungen" oder kurzweg als "Reversibilitätsgesetz" bezeichnen möchte.

Gelegentlich besaßen abnorm veranlagte Menschen die Fähigkeit Halluzinationen hervorzurufen, ohne daß sie vorher besondere Übungen dazu ausführten oder einen tieferen Einblick in das Wesen derselben hatten.

Heveroch schreibt*: "In meiner Behandlung stand eine Lehrerin, die durch willkürliches Vorstellen Geigen vor den Augen sah, ein Konzert hörte, den Geschmack von Kirschen oder Honig empfand, eine feuchte Hand am nackten Rücken fühlte usw."

Unter den historischen Persönlichkeiten erwähne ich in dieser Beziehung Cardanus, Goethe, Johannes Müller, Naegeli. Cardanus schreibt: "Video, quae volo nec omnino semper cum volo. Moventur autem perpetuo, quae videntur. Itaque video lucos, animalie,

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* Zur Theorie der Halluzinationen. Archiv für Psychiatrie und Nervenkrankheiten. Band 47.


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orbes ac quaecunque cupio. Goethe* sagt: "Wenn ich die Augen schließe und mir in der Mitte des Sehfeldes eine Blume denke, so legt sich dieselbe auseinander und es entfalten sich aus ihrem Innern wieder neue Blumen aus farbigen, wohl auch grünen Blättern. Es sind keine natürlichen Blumen sondern phantastische, doch regelmäßige, wie die Rosetten der Bildhauerei. Es ist unmöglich die hervorsprossende Schöpfung zu fixieren; sie dauert aber so lange als mir beliebt, ermattet nicht und verstärkt sich nicht. Dasselbe kann ich hervorbringen, wenn ich mir den Zierat einer buntbemalten Scheibe denke, der dann ebenfalls aus der Mitte gegen die Peripherie sich immerfort verändert, völlig wie die Kaleidoskope." - Der österreichische Volksdichter Ludwig Anzengruber äußerte sich über die Art und Weise, wie er seine Theaterstücke schreibe, auf Befragen folgendermaßen: "Wenn ich schreibe sehe ich die Leute vor mir, ich höre sie sprechen, ich bewege sie auf der Bühne." - Von dem Maler Montana wird berichtet, daß er die Bilder, bevor er sie malte, so lebhaft vor Augen sah, daß er jemand, der zwischen ihn und die halluzinierten Bilder trat, aufforderte beiseite zu gehen.

Ein besonders lebhaftes Vorstellungsvermögen ist überhaupt bei Künstlern, Malern usw. aus nahe liegenden Gründen häufig, doch dürfte eine Steigerung desselben bis zu förmlichen Halluzinationen immerhin selten sein. Es sind eben verschiedene Zwischenstufen bis zum Extrem möglich.

Infolge der Umkehrbarkeit des Verlaufs der Nervenerregungen durch Steigerung der Vorstellungstätigkeit lassen sich auch Heilwirkungen im Organismus erzielen. Wenn man nämlich auf die während der Heilung eintretenden, von der Körperperipherie herkommenden angenehmen Gefühle achtet, werden sie verstärkt und ihre spezifische Energie kommt durch Rückläufigkeit dem kranken Organ zugute. Sehr viele Menschen erreichen allerdings durch unrichtiges Manipulieren das Gegenteil und verschlimmern die Krankheit, weil sie zu ängstlich auf die unangenehmen Gefühle und Schmerzen achten, statt sie zu unterdrücken und zu ignorieren. Die Ärzte warnen darum, für den Unerfahrenen mit Recht vor allzu häufiger solcher Selbstbeobachtung und "Autosuggestion", da selbst ganz gesunde Menschen sich durch "Einbildung" krank machen können, weil auch sie bei übertriebener

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* In seinen Beiträgen zur Morphologie und Naturwissenschaft.


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Selbstbeobachtung immer wieder finden, daß nicht jeder Punkt im Körper angenehme Gefühle besitzt.

Menschen, die viel sich selber überlassen bleiben, Sonderlinge, welche die Einsamkeit zu sehr aufsuchen, erzielen häufig solche rückläufige Verstärkungen der aus verschiedenen Körpergebieten kommenden Erregungen unbewußt und unfreiwillig. Sie neigen daher zu Halluzinationen, Gesprächen "mit sich selbst", zu Einbildungskrankheiten, Hysterie usw.

Auch zahlreiche andere schädliche Gefühle, wie Ärger, Kummer, Sorge, Haß, können auf diese Weise unfreiwillig gesteigert werden.

Deshalb darf man aber Selbstbeobachtung und Autosuggestion nicht völlig verwerfen. Im Gegenteil, ich werde später einmal zeigen, daß jahrelange, planmäßige Übung einer Autosuggestion, welche nur auf die angenehmen, nützlichen und besseren Gefühle achtet, dieselben vernünftig leitet und verstärkt, sich zu einer Kunst ausgestalten läßt, wie sie die gegenwärtige Wissenschaft noch nicht kennt.

Bekanntlich wird der Ausdruck "Halluzination" bisher nur in der Medizin gebraucht und zwar ausschließlich in der Psychiatrie, für Sinnestäuschung oder auch unfreiwillige Sinnesempfindung, bei welcher eine äußere Reizquelle nicht vorhanden ist, und ähnliches. Halluzinationen kommen pathologisch bei verschiedenen Geistes- und Nervenkrankheiten vor, ferner in Fieberzuständen, bei Vergiftungen durch Opium, Alkohol usw. Nach dem Vorstehenden lassen sich nun aber auch Halluzinationen durch Übung freiwillig und willkürlich hervorrufen, und es empfiehlt sich daher, beide Arten derselben durch die Ausdrücke freiwillige Halluzinationen und Zwangshalluzinationen zu unterscheiden. Allerdings laufe ich dabei Gefahr mit den Philologen in Konflikt zu kommen, denn die wörtliche Bedeutung von "hallucinari" ist: "gedankenlos sich vorstellen, träumen, reden, handeln," wie es eben tatsächlich bei den Halluzinationen von Irrsinnigen, Nervenkranken, Betrunkenen usw. der Fall ist, so daß bei den planmäßigen, kunstgerecht geübten Halluzinationen der ursprüngliche Sinn des Wortes nicht mehr zutrifft.

Die optischen Halluzinationen nennt man bekanntlich auch "Visionen", die akustischen "Akoasmen".

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Auch die lebhafteste Halluzination ist zunächst etwas Subjektives. Es frägt sich nun, läßt sich dieselbe nicht vielleicht so weit treiben, daß sie auch objektiv und real wird und an einer bestimmten Stelle des Raumes auftritt? Ich behaupte ja, und zwar aus folgenden Gründen:

Wenn man durch lebhaftes Sichvorstellen z.B. eines optischen Bildes oder überhaupt nur von Licht die Netzhaut in Erregung versetzt und die dadurch bewirkte optische Halluzination wie einen realen, außen befindlichen Gegenstand scharf betrachtet fixiert, kommt man unwillkürlich und von selber dazu, dieselbe an eine bestimmte Stelle des Raumes zu projizieren, weil wir von Jugend auf gewöhnt sind alle Gegenstände der Außenwelt an einer bestimmten Stelle des Raumes zu sehen. Um aber eine Halluzination an eine bestimmte Stelle des Raumes zu projizieren, muß man die brechenden Medien des Auges, namentlich die Linse, und überhaupt den ganzen optischen Apparat samt seinen Hilfsapparaten, speziell der Augenmuskulatur, genau wie beim Fixieren eines außen befindlichen Gegenstandes einstellen. Gleichzeitig bleibt es dabei nicht bei einer bloßen Erregung der Netzhaut, denn diese Erregung teilt sich notwendig auch dem umgebenden Äther mit, so daß er in entsprechende Schwingungen gerät. Diese Schwingungen aber nennen wir Licht. Es wird also auch wirkliches Licht erzeugt. Dieses von der erregten Netzhaut produzierte Licht passiert die brechenden Medien des Auges in umgekehrter Richtung als es beim Sehen der Fall ist, geht also zunächst durch Glaskörper, dann durch Linse, Pupillen usw. nach außen und es muß an der Stelle, an welcher man sich Licht oder ein optisches Bild vorstellt, reelles Licht oder ein reelles Bild erscheinen, vergleichbar derjenigen einer Konvexlinse oder eines Projektionsapparates (bzw. auch, soweit es das reine Bild, nicht die Art seiner Erzeugung, anbelangt, eines Hohlspiegels). Diejenigen, welche solche reelle Bilder noch nicht gesehen haben, verweise ich z.B. auf die optische Abteilung des Deutschen Museums in München. Eine jede größere optische Firma liefert übrigens Linsen oder Hohlspiegel zur Erzeugung solcher (ruhender) reeller optischer Bilder.

Denkt man sich nun in der erwähnten Weise Personen oder Gegenstände nicht ruhend sondern in Bewegung, dann werden auch ihre nach außen gelangenden Bilder nicht ruhen sondern Bewegungen ausführen, vergleichbar denjenigen eines Kinematographen. Diese letzteren sind im übrigen allerdings anderer Art


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und nur flächenhaft. Dagegen bilden die Figuren der Tanagra - Spiele", die ich im November 1916 in München zu sehen Gelegenheit hatte, eine ausgezeichnete Demonstration räumlich plastischer und zugleich sich bewegender reeller optischer Bilder. Diese Spiele (Leiter derselben Herr und Frau Fürst) beruhen auf folgenden physikalisch-optischen Prinzipien: Auf dem rückwärtigen, dem Publikum nicht sichtbaren Teil der Bühne führen Schauspieler ein Theaterstück in genau der gleichen Weise redend und handelnd vor, wie wenn sie unmittelbar vor dem Publikum stünden. Die Bilder der agierenden Personen fallen auf einen vorn am Boden der Bühne unter 45 Grad aufsteigenden Planspiegel, welcher dieselben seinerseits einem zweiten über ihm befindlichen, unter 90 Grad gegen ihn geneigten Planspiegel zuwirft. In diesem zweiten Spiegel erscheinen sie natürlich umgekehrt (also mit den Köpfen nach unten). Von hier aus werden sie endlich einem etwas weiter rückwärts (vom Publikum aus gerechnet) und oberhalb befindlichen, diesmal konkav geschliffenen Spiegel zugeworfen, der sie in einer Größe von 25-35 cm als reelle Bilder (natürlich jetzt wieder in aufrechter Stellung) vor die Bühne in den Theatersaal projiziert, so daß dem Publikum reizende ätherische Miniaturmenschen ihre Kunststücke vorführen.

Analog einer optischen ist nun auch eine akustische Halluzination zu erklären. Die Erregung pflanzt sich von der Hirnrinde beiderseits nach peripheren Gebieten bis zum Trommelfell fort.

Prinzipiell ist dabei die Auffassung, daß man vermittelst eines jeden Apparates, der Schwingungen des Äthers (Licht in unserm Falle) aufzunehmen vermag, umgekehrt auch Schwingungen des Äthers (Licht) produzieren kann oder daß man mit einem Apparat, der für Schwingungen der Luft (Töne) empfindlich ist, auch wieder Schwingungen der Luft (Töne) hervorbringen kann, wenn man einen Energiestrom in umgekehrter Richtung durch denselben sendet. Zum Vergleiche hierfür diene das Telephon in seiner ursprünglichen einfachen Anordnung, wie es früher tatsächlich im Gebrauch war. Spricht man gegen seine Membran, dann gerät sie (ähnlich wie das Trommelfell) in Schwingungen. Diese erzeugen in einem Kupferdraht, der um einen Magnet gewickelt ist, Induktionsströme, welche sich auf dem Telephondraht weiter bis zu dem Telephon derjenigen Person fortpflanzen, mit welcher man ein Gespräch anknüpfen will, passieren hier in genau entgegengesetzter Richtung und Reihenfolge den im übrigen völlig gleichen Apparat, versetzen


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schließlich die Membran in Schwingungen und jetzt spricht dieselbe sozusagen, während vorher die Membran bei der telephonierenden Person gehört hat.

Analog kann man also vermittelst des Trommelfells "sprechen" und überhaupt Töne hervorbringen und vermittelst der Augen Licht erzeugen.

Für manchen mag es befremdend wirken, daß ich behaupte, der Mensch sei imstande Licht zu erzeugen. Lichterzeugung durch Lebewesen kommt aber in der Natur nicht allzu selten vor. Man denke z.B. an die Johanniskäfer (Johanniswürmchen, Glühwürmchen, Lampyris noctiluca), die in lauwarmen Sommernächten wie Feuerfunken hin und her fliegen, weil sie in ihrem Organismus (allerdings nicht vermittelst der Augen) Licht hervorbringen. Gewisse Bakterien, die sich nicht selten auf faulendem Fleische ansiedeln, bringen dasselbe im Dunkeln zum Leuchten. Zahlreiche, die Tiefen der Ozeane bewohnende Tiere, namentlich Fische, haben Leuchtorgane.

Man hat mir verschiedentlich eingewendet, es sei wahrscheinlich, daß beim Sehen durch die Einwirkung des Lichtes ein chemischer Vorgang auf der Netzhaut eintrete, und will nicht glauben, daß es möglich sei diesen Vorgang umzukehren und auf chemischem Wege vermittelst der Netzhaut Licht zu erzeugen. Allein wer weiß nicht, daß, abgesehen von der elektrischen Beleuchtung, gerade unsere gewöhnlichen Lichterzeugungsmethoden chemische sind, und daß überhaupt durch zahllose anderweitige chemische Prozesse Licht erzeugt werden kann?

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Bei näherer Prüfung findet man, daß die magische Wiedergabe der eigenen Stimme dadurch erfolgt, daß man dieselbe sich möglichst lebhaft vorzustellen und ihren Klang zu hören sucht, so daß die Erregung von den obern Zentren im Gehirn herunter in den Gehörapparat und schließlich zum Trommelfell geht. Beim gewöhnlichen Sprechen verläuft dagegen die Erregung vom Gehirn herunter zu Stimmbändern, Kehlkopf, Zunge usw.

In akustischer Beziehung sind also (im Gegensatz zum optischen Apparat) zweierlei Bahnen der peripheren Leitung möglich: Die normale zum Kehlkopf und die abnorme (magische) zum Trommelfell.


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Es ist aber klar, daß die ungewohnte Überleitung der Erregung in der Richtung zum Trommelfell und die gleichzeitige Ausschaltung der gewöhnlichen Bahn Schwierigkeiten bietet und eigens gelernt werden muß. Es besteht darum, namentlich bei Wiedergabe der eigenen Stimme, Neigung, daß man statt magisch zu sprechen, selbst bei vollständig bewegungslosem oder sogar geschlossenem Munde, wenigstens mit Teilen seines gewöhnlichen Sprechapparates arbeitet, und zweifellos kamen bei den bisherigen magischen Versuchen solche Verwechslungen immer wieder vor. Namentlich der Anfänger muß daher beim Sprechen vermittelst des Trommelfells immer wieder die Aufmerksamkeit scharf auf das Ohrgebiet (zunächst das eine Ohr) richten und sich die wiederzugebende Stimme in unmittelbarer Nähe desselben vorstellen. Man fühlt ganz deutlich, daß dortselbst infolge Innervierung und Blutstauung ein Druck entsteht, während beim gewöhnlichen Flüstern analog ein solcher in der Kehlkopfgegend zu beobachten ist. Beim Verkehr mit meinen Personifikationen wende ich die letztere Art der Verständigung in neuerer Zeit sehr oft an. Dieses (nicht magische) Sprechen oder Flüstern findet, wie oben angegeben, ohne Bewegung der Lippen statt und ist darum offenbar mit dem gewöhnlichen Bauchreden verwandt. In früheren Zeiten hat man das Bauchreden als Teufelsspuk betrachtet und angenommen, daß die betreffenden Künstler mit dem Satan in Verbindung stehen. Jetzt weiß man, daß es ein ganz natürlicher Vorgang ist, wenn es auch eine Kunst bleibt, die gelernt sein will. Hoffentlich ist im Zeitalter des Grammophons und des Telephons, welche beide vermittelst Membranen sprechen und überhaupt Töne, selbst Musik, hervorbringen können, auch der Augenblick nicht mehr fern, daß man das Sprechen, das Hervorbringen von Tönen und Musik vermittelst des Trommelfells der Ohren nicht mehr als einen Geisterspuk betrachtet, sondern als eine natürliche Kunst , die allerdings ebenfalls gelernt sein will.

Die durch das bloße Vorstellungsvermögen nach außen projizierten Halluzinationen sind, obwohl real, offenbar zu schwach, um von andern Personen wahrgenommen werden zu können. Ob sie nicht durch besonders exakte physikalische oder chemische Mittel, z.B. die optischen durch Projektion auf die höchst empfindliche photographische Platte nachzuweisen wären, weiß ich nicht. Es gibt aber Mittel, sie zu verstärken.


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2. Mittel zur Verstärkung der Halluzinationen.


Unser Körper stellt, rein physikalisch betrachtet, ein äußerst kompliziertes System von optischen, akustischen, motorischen und zahlreichen andern Apparaten dar. Wenn dieselben auch im einzelnen wohl zu unterscheiden und bis zu einem gewissen Grade von einander unabhängig sind, so bilden sie dennoch in letzter Linie ein zusammenhängendes Ganzes, eine Einheit, da schließlich alle durch Nervenfasern miteinander verbunden sind und keiner vollständig isoliert ist. Deshalb können auch Erregungen von einem Gebiet auf ein anderes überstrahlen. So bewirkt z.B. starke Reizung der Augen durch grelles Licht bei manchen Personen Niesreiz. Es ist ferner bekannt, daß Schmerz Lustgefühle auszulösen vermag, daß Schmerz sich sozusagen in Lust verwandeln läßt. Dieses scheinbare Paradoxon erklärt sich in einfachster Weise dadurch, daß die beim Schmerz auftretende Nervenerregung auf ein anderes und zwar lustempfindendes Organ übergeht und dasselbe reizt, wenn man nicht auf den Schmerz achtet sondern auf das Lustgefühl. Auch die gewöhnlichen Reflexe gehören hierher. Eine Gesichts-, eine Gehörswahrnehmung kann reflektorisch eine Abwehrbewegung auslösen, die Sprachwerkzeuge in Bewegung setzen. Von diesem Gesichtspunkte aus können wir darum ganz allgemein von einem Gesetze der Umwandlung der Nervenenergie sprechen: Wenn Energie von einem Nervengebiet in ein anderes übergeht, wandelt sie sich in die für das überstrahlte Gebiet charakteristische Energieform um. Im normalen Zustande erfolgt allerdings eine Überstrahlung und damit eine Umwandlung von Nervenenergie meist nur in kleinen Mengen. Wenn z.B. eine Gesichtswahrnehmung reflektorisch eine Abwehrbewegung auslöst, dann bewirkt die vom optischen ins motorische Gebiet übergehende geringe Energiemenge nicht eigentlich selber die Abwehrbewegung, sondern sie dient nur zur "Auslösung", nur als Anstoß, um die im betreffenden Muskelgebiet aufgespeicherte potentielle Energie in aktuelle oder kinetische überzuführen*. Doch kann nach

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* Den Vorgang darf man sich aber nicht rein mechanisch und physikalisch vorstellen, sondern man muß ihn vor allem physiologisch deuten, in dem Sinne, daß die Nervenzellen des andern Systems, auf welche die Energie überstrahlt, ihrerseits dann aktiv vorgehen.


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meinen Erfahrungen diese Überstrahlung von Nervenenergie bei abnormer Veranlagung, bei pathologischen Zuständen Z.B. Neurasthenie, namentlich aber auch durch Übung in größerer Menge erfolgen und dadurch für die Magie von außerordentlicher Bedeutung werden, wie sich aus dem folgenden ergibt:

Wir besitzen in unserm Körper in Form von potenzieller chemischer Energie einen bedeutenden Energievorrat, vermittelst dessen wir nicht bloß unser eigenes Gewicht sondern auch noch dasjenige schwerer Lasten transportieren können, Wärme zur andauernden Warmhaltung desselben auch im strengsten Winter hervorbringen usw., und welchen wir namentlich vermittelst des motorischen Systems durch Muskelkontraktion verfügbar machen und zu unserm Gebrauche verwenden.

Wenn ich mich nun mit Händen und Füßen anstemme oder einen schweren Gegenstand festhalte, dann geht die bei dieser Leistung des Muskelsystems frei werdende Energie vollständig in Wärme über. Wenn ich aber gleichzeitig, unter Ausschluß anderweitiger Vorstellungen, eine einzige, etwa eine optische, z.B. die einer Blume möglichst lebhaft und etwas gewaltsam festhalte und wie einen realen, vor mir befindlichen Gegenstand zu sehen suche, dann gelingt es durch Übung allmählich einen immer größeren Teil der frei werdenden Energie vom Muskelsystem in das optische Gebiet überzuführen, hier im vorher angedeuteten Sinne in optische Energie zu verwandeln und zur Verstärkung der Lichtwirkung der optischen Halluzinationen zu verwenden, so daß eine in der früher erwähnten Weise nach außen projizierte Halluzination auch für andere ohne besondere Hilfsmittel sichtbar werden muß.

Man kann somit rein theoretisch, aber praktisch jedenfalls ohne scharfe Grenze* die Halluzinationen auch einteilen in subjektive und obiektive oder reelle, von welch letzteren die optischen

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* Wie ja auch nach meiner Theorie die Grenze zwischen Vorstellung und (subjektiver) Halluzination keine scharfe ist und tatsächlich verschiedene Menschen eine sehr verschiedene Vorstellungsintensität besitzen. (Bei vielen Menschen geht analog, wenn auch leichter, lebhaftes inneres Denken in leises Flüstern oder sogar lautes Sprechen über, indem wieder allmählich immer stärker periphere Körpergebiete ergriffen werden.)
Der Deutlichkeit halber möchte ich hier noch anfügen, daß dem Sehen oder Wahrnehmen eines Objektes für den Halluzinierenden als genaues Gegenstück die subjektive Halluzination (und nicht die "Vorstellung") desselben entspricht.


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vergleichbar sind mit dem Sonnenbildchen, welches eine Konvexlinse nach bekannten Gesetzen beim Bestrahlen mit Sonnenlicht erzeugt oder überhaupt mit dem reellen Bild, welches eine Konvexlinse von einem hinter ihm befindlichen Gegenstande entwirft. Ein solches ist natürlich nicht bloß sichtbar, sondern auch photographierbar.

Nach dem vorher Mitgeteilten handelt es sich beim intensiveren magischen Denken und Sichvorstellen um eine psychische Tätigkeit unter gleichzeitiger, planmäßiger Herbeiziehung des Körpers, namentlich der Muskeln, während dieselbe sonst vom Physischen fast unabhängig ist.

Daß gerade die Entwicklung von Muskelenergie eine Hauptrolle spielt, sehe ich an mir selber zur Evidenz, denn bei besonders lebhaften Halluzinationen nehme ich regelmäßig und instinktiv anstrengende Körperstellungen ein, die bei gewaltsamem Ausharren höchst schmerzhaft werden können*.

In geringem Maße wird übrigens auch der normale Mensch durch lebhafte psychische Tätigkeit körperlich beeinflußt. Lebhaftes Aufhorchen bewirkt z.B. Anhalten des Atems, Spannung gewisser Muskeln. Freude, Schmerz, Kummer verursachen Veränderungen in der ganzen Körperhaltung, im Gesichtsausdruck. Schrecken bewirkt Erblassen, Scham Erröten.

Bei allen Magiern der Vorzeit spielt das Gesetz der Umwandlung der Nervenenergie eine außerordentlich wichtige Rolle. Mittel der verschiedensten Art, meist unangenehme, wie Hungern, Frieren, Nachtwachen, Anhalten des Atems, anstrengende Körperstellungen, z.B. stundenlanges Knien, selbst körperliche Mißhandlungen werden angewendet um Nervenenergie um jeden Preis zu gewinnen. Wir brauchen aber trotzdem die indischen Yogis, die mohammedanischen Büßer usw. wegen ihrer Kasteiungen nicht allzusehr zu bemitleiden, da sie im allgemeinen wohl mehr Lust als Schmerz empfinden, wenn wir auch ihre Methoden vielfach als pervers bezeichnen müssen. Ein wissenschaftlicher Magier wird die Nervenenergie hauptsächlich von daher zu bekommen suchen, wo sie in größter Menge und am bequemsten zu erhalten ist, d.h. von den Muskeln.

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* Einen großen Teil derselben muß ich übrigens häufig auch dazu verwenden, sich aufdrängende anderweitige Vorstellungen hinauszudrücken.


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3. Anleitung zur praktischen Ausführung magischer Experimente des bewußten Ich.


Für den Anfänger in der Magie liegt es wohl am nächsten, mit der Einübung optischer und akustischer Halluzinationen sowie mit der Hervorbringung von Fernwirkungen zu beginnen. Besonders möchte ich dabei betonen, daß verschiedene Menschen verschiedene Anlagen besitzen. Wer für optische Versuche geeignet ist, braucht es nicht notwendig auch für akustische oder motorische zu sein. Ein allgemeines Kennzeichen für "magische Begabung" gibt es nicht, ebenso wenig für "künstlerische Veranlagung", da jeder Mensch besonders geprüft werden muß, ob er für Malen, Zeichnen oder Musik usw. begabt ist.

Die auch jetzt noch verbreitete Ansicht Reichenbachs, daß man nur im allgemeinen auf "Sensitviät" oder, in meinem Sinne ausgedrückt, auf "magische Veranlagung" prüfen müsse, ist nicht zutreffend.

a) Optische Halluzinationen

Man betrachte einen in bequemer Sehweite aufgestellten Gegenstand möglichst aufmerksam, schließe die Augen und suche ihn jetzt, ohne den Kopf zu wenden und überhaupt die Körperhaltung zu ändern, lediglich vermittelst des Vorstellungsvermögens ebenso lebhaft und real und in der gleichen Entfernung vor sich zu sehen wie unmittelbar vorher. Entschwindet allmählich das klare Bild desselben, dann öffne man wieder für einige Zeit die Augen, um das Objekt von neuem genau zu betrachten. Es handelt sich also zunächst sozusagen um ein reines halluzinatorisches Kopieren einer optischen Vorlage. Mit der Zeit wird es gelingen, eine Halluzination des betreffenden Gegenstandes bei geschlossenen Augen ganz klar vor sich zu sehen.

Hauptsache ist dabei, die ungewohnte, entgegengesetzt verlaufende Erregung im optischen Apparat einzuüben und die Vorstellung wirklich sehen zu lernen, d.h. zur Halluzination auszubilden. Bei den meisten Menschen, namentlich bei solchen, deren Beruf nur wenig optische Vorstellungen erfordert, ist wohl dazu viel Zeit und Ausdauer erforderlich. Für solche genügt es anfangs, wenn sie die später zu reproduzierenden Gegenstände immer wieder genau und mit gespannter Aufmerksamkeit betrachten. Ferner dürften besonders bei nervösen Naturen starke Schwankungen im Gelingen der Experimente eintreten, da eben der für diese magischen


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Versuche benützte optische Apparat nicht wie ein rein physikalischer völlig unabhängig und mechanisch sich behandeln läßt, sondern in seiner Leistungsfähigkeit unter Umständen stark von der jeweiligen Gesamtnervenstimmung des betreffenden Menschen abhängt. Anfangs tritt sehr leicht Überanstrengung ein. Man übe darum zunächst immer nur kurze Zeit, aber dafür wiederholt während des Tages. Ist einmal der prinzipielle Fortschritt, nämlich das wirkliche Sehen der optischen Vorstellung erreicht, dann wird es bald leicht sich ganz in das vorschwebende optische Bild zu vertiefen und dasselbe unter Aufwendung von Muskelenergie allmählich zu verstärken. Besonders veranlagte Naturen, können dann auch zur Gewinnung noch größerer Energiemengen merkliche Hemmungen der Atmung und der Herztätigkeit eintreten lassen, die bekanntlich von den großen spiritistischen Medien, von indischen Yogis usw. vielfach bis zum Extrem getrieben werden.

Will man die Halluzination photographieren oder andern Personen sichtbar* machen, dann muß man natürlich, wenn sie einmal real zu werden beginnt, einen verdunkelten Raum aufsuchen und selbstverständlich die Augen offen halten, weil sonst aus ihnen das Licht ebenso wenig heraus kann als es bei geschlossenen Augen in dieselben eindringt. Als Dunkelraum genügt ein gewöhnlicher, im Wohnzimmer befindlicher Kasten, z.B. ein Kleiderkasten, dessen Fugen durch schwarze Filz- oder Tuchstreifen lichtdicht verschlossen sind und welcher durch Entfernung des Inhalts und Einbringung eines Stuhles schnell gebrauchsfertig zu machen ist.

Um die Übungen interessanter und anregender zu gestalten, wählt man Gegenstände von besserer, wo möglich künstlerischer

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* Etwaigen Einwendungen gegenüber betone ich, daß der Magier das von ihm erzeugte reale optische Bild nicht in gewöhnlichen Sinne sieht, da von demselben im Gegensatz zu den realen Bildern der Außenwelt keine Strahlen in seine Augen gelangen (solche vielmehr von denselben ausgehen). Er nimmt nur die Erregung seines optischen Apparates wahr, er fühlt die Einstellung der Augenmuskulatur auf die betr. Entfernung, so daß der Effekt für ihn der gleiche ist. Ein fremder Beobachter kann dagegen das Bild unter den gleichen Bedingungen wahrnehmen, unter welchen man ein von einer gewöhnlichen Konvexlinse entworfenes Bild wahrnimmt, d.h. innerhalb des von ihm ausgehenden Strahlenkegels. Allseitig wahrnehmbar wird das Bild (oder auch das Phantom der Spiritisten) erst, wenn es in einem (spiritistischen) Zirkel die Teilnehmer ringsum, jeder von seinem Standpunkte aus, in einheitlichem (vom führenden Medium telepathisch dirigierten) Sinne nach außen projizieren.


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Beschaffenheit. Doch dürfen dieselben, namentlich wenn man möglichst rasch zu photographierbaren Halluzinationen gelangen will, für gewöhnlich nicht zu groß sein (Durchmesser 1 bis 4 cm), damit eine starke Lichtkonzentration stattfindet.

In allen Fällen ist ferner Einfacheit der Zeichnung, Form und Farbe und überhaupt der gesamten Beschaffenheit eine wichtige Bedingung, so daß z.B. von Briefmarken, Ansichtskarten usw. nur wenige geeignet sind.

Ich habe mir - namentlich um mein Unterbewußtsein (s. Kap. V) zur Mitwirkung anzuregen - allmählich eine förmliche Sammlung der verschiedensten für optische Reproduktion geeigneten Gegenstände angelegt. Dieselbe enthält:

Einfache Zeichnungen der verschiedensten Art, wie Ringe, Kreuze, Buchstaben, Ziffern von intensiver, stark vom Hintergrund sich abhebender Farbe, die ich mir vermittelst weißer, roter, grüner, blauer, schwarzer Tinte oder Farbstift auf Papier, zum Teil nach Metallschablonen herstellte.

Ausschnitte größerer farbiger Buchstaben aus Drucksachen.

Farbige Tabellen. "Die Flaggen aller Staaten der Erde" (Verlag Moritz Ruhl, Leipzig) und "Weltflaggenkarte" (Karl P. Geuter, Darmstadt und Leipzig).

In bunter Seide ausgeführte Flaggen der verschiedenen Staaten (Käuflich in Warenhäusern und Spielwarenhandlungen). Besonders geeignet ist darunter z.B. die Schweizerische (weißes Kreuz auf rotem Grunde); Gegenstück dazu die Sanitätsflagge (rotes Kreuz auf weißem Grunde); die japanische Handelsflagge (rote Kreisfläche auf weißem Grunde) usw.

Runde und viereckige Scheiben, Ringe und Kugeln von intensiver Farbe aus Holz, Elfenbein, Celluloid.

Künstliche Blumen.

Selbstverständlich eignen sich auch Naturobjekte, z.B. zahlreiche Blumen und Blätter.



b) Akustische Halluzinationen.


 
 

Die Einübung akustischer Halluzinationen erfolgt analog den optischen. Man spreche sich einzelne Buchstaben in Zwischenräumen vor, z.B. das Alphabet, gebe dabei gleichzeitig genau acht auf den Klang der Stimme und den Eindruck, welchen dieselbe


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auf das Gehör macht und suche den verklingenden realen Ton vermittelst des Vorstellungsvermögens ebenso lebhaft und real noch weiter zu hören, wie unmittelbar vorher. Man suche also das akustische "Nachklingen" zu verstärken und zu unterstützen - ähnlich wie vorher das optische - und richte die Aufmerksamkeit immer wieder auf die Ohrgegend. Entschwindet allmählich die klare Vorstellung, dann spreche man sich den Buchstaben oder den nächstfolgenden abermals vor und verfahre wieder wie vorher.

Natürlich wird man auch hier nach verschiedenen Richtungen abwechseln. Besonders geeignet ist eine schwach tickende Uhr. Man halte sie unmittelbar an das Ohr, horche genau und entferne sie, während man gleichzeitig das Ticken am Ohr weiter zu hören sucht, schnell wieder aus dem Hörbereiche. Namentlich bei Wiedergabe der eigenen Stimme besteht, wie bereits S. 49 erwähnt, die Neigung zu einer Art bauchrednerischen Flüsterns überzugehen. Diese Gefahr einer Verwechslung ist aber um so geringer, je mehr es sich um Töne, Geräusche, kompliziertere Klangfiguren handelt, welche mit der menschlichen Stimme und den gewöhnlichen Sprachwerkzeugen schwer oder gar nicht nachzuahmen sind.
 
 

c) Geruchs- und Geschmackshalluzinationen.



Wenn man eine optische Halluzination einübt, assoziieren sich mit der Zeit fast von selber noch anderweitige Vorstellungen welche mit der ersteren gewöhnlich verbunden sind. Bei Einübung der optischen Halluzination einer Rose, eines Veilchens oder Maiglöckchens nimmt man sehr leicht den entsprechenden Geruch wahr. Will man jedoch das Hauptgewicht auf den Geruch legen, dann denke man sich die Blume unter die Nase gehalten und bemühe sich an ihr zu riechen. Man richte also die Hauptaufmerksamkeit auf die Geruchsnervenendigungen und suche sie durch die entsprechende Geruchsvorstellung zu beeinflussen. Analog verfahre man mit Geschmacksobjekten, z.B. Früchten, die man sich in den Mund geführt denkt.

Eine Geruchsempfindung entsteht bekanntlich dadurch, daß von einer riechenden Substanz materielle Partikel (Moleküle) in die Nase gelangen und durch ihre Schwingungen die Geruchsnervenendigungen mechanisch reizen, Ich bin nun schon wiederholt gefragt worden, ob wohl umgekehrt eine reine Geruchshalluzination


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so weit getrieben werden könne, daß eine riechende Substanz erzeugt werde (scheinbar entsprechend einer Lichterzeugung durch eine reale optische Halluzination). Diese Frage muß ich entschieden verneinen, denn das wäre eine vollständige Materialisation, welche vermittelst der Geruchsnerven allein sicher nicht möglich ist. Im übrigen verweise ich in dieser gewiß nicht vordringlichen Frage auf Abschnitt f dieses Kapitels S. 59 "Materialisationen". - Wenn sich in der Literatur Angaben über Geruchsempfindungen z.B. bei spiritistischen Sitzungen finden, so dürfte es sich wohl nur um telepathische Vorstellungsübertragungen von seiten des Mediums auf die Sitzungsteilnehmer handeln (vergl. dazu S. 178 ff.).
 
 

d) Motorische Halluzinationen (mechanische Fernwirkungen).



Da man motorische Energie ohne weiteres und in normaler Weise auf den gewöhnlichen, hierfür bestimmten Nervenbahnen bis zur Körperperipherie, z.B. bei Bewegung der Finger bis zu den Spitzen derselben senden kann, ist hier die besondere Einübung einer zentrifugalen Erregung nicht erforderlich. Aber trotzdem ist etwas Neues dabei zu lernen. Es besteht die Aufgabe, die zentrifugale Erregung der peripheren Organe (Hände, Füße) vom Bewegungsakt, der sonst stets damit verbunden wird, zu trennen, also Hände und Füße motorisch zu innervieren, ohne sie wirklich zu bewegen. Man muß also z.B. lernen sich immer lebhafter vorzustellen, daß man einen vor sich auf den Tisch gelegten Gegenstand mit der Hand in Bewegung setze, ohne sie aber in Wirklichkeit zu rühren. Man muß, physiologisch und psychologisch ausgedrückt, die bloße (sonst hauptsächlich nur die motorischen Gebiete der Hirnrinde erregende) Bewegungs-Vorstellung zur subjektiven (auch die peripheren motorischen Organe innervierenden) Bewegungs-Halluzination ausbilden. - Eine reale Halluzination erzielt man schließlich, wenn es auf diese Weise gelingt größere Energiemengen in die Hand und über dieselbe hinauszutreiben, so daß der davor befindliche Gegenstand ohne Berührung in Bewegung gerät.

In der Praxis verwende man natürlich kleine, leichte Gegenstände wie Kugeln, runde Bleistifte, die sich in unmittelbarer Nähe der auf dem Tische liegenden (oder langsam darüber hinweggeführten)


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Hand befinden. Die Unterlage muß möglichst glatt sein, damit beim Rollen nur eine geringe Reibung zu überwinden ist.

Ein vorzügliches Mittel, um schwächere derartige Fernwirkungen einzuüben und zu kontrollieren, bietet die Anwendung einer empfindlichen, natürlich durch ein Glasgehäuse vor Luftströmungen geschützten Wage[sic], die noch Bruchteile eines Milligramms anzeigt. Man setzt sich vor dieselbe, richtet die Aufmerksamkeit auf die eine Schale und sucht sie in Gedanken herunterzudrücken.

Man wird es vielleicht für phantastisch erklären, wenn ich die Möglichkeit behaupte, einen Gegenstand lediglich vermittelst ausgestrahlter Energie zu beeinflussen. Wie würden wir aber über die Leistungen eines Magnets erstaunen, wenn uns dieselben nicht schon von Jugend auf geläufig wären! Gibt es nicht außerdem in die Ferne wirkende anziehende und abstoßende elektrische Kräfte sowie eine Massenanziehung, die nicht bloß auf irdische Entfernungen wirkt sondern in unendliche Räume, und welche die Erde mit der Sonne und die Himmelskörper überhaupt untereinander verbindet? Selbstverständlich will ich aber damit die Frage bezüglich des inneren Wesens der bei den erwähnten motorischen Experimenten wirksamen Energieform durchaus offen lassen.

Herr A. H., Chemiker in U. bei Brüssel, teilte mir, nachdem er die erste Auflage dieses Buches gelesen, aus eigenem Antriebe in einem Briefe vom 18. November 1912 bezüglich seiner Erfahrungen über Fernwirkungen folgendes mit: "Ich habe ebenfalls psychophysikalische Experimente gemacht. Zunächst Bewegungsphänomene. Dieselben gelangen mir alle vorzüglich vor drei Jahren, bis vor einem halben Jahre etwa - während einer langen und schweren Erkrankung - Herzerweiterung - Herzbeutelentzündung - Arteriosklerose etc., wo ich alle Zeit der Rekonvaleszenz diesen interessanten Studien widmete. Auch das Wagenexperiment[sic] S. 25 Ihrer Schrift (II. Auflage S. 29) gelang mir oft. Heute ist mir jede Beeinflussung jener Papierapparate usw. unmöglich. Vor 2 Jahren konnte ich in einer Entfernung von 2 1/2 bis 2 3/4 Meter selbst durch Konzentration des Willens eine kleine Mühle in Bewegung setzen!

Wir arbeiteten öfters zu zweit: Wir erhielten Addition und Subtraktion der bez. Willenskräfte. - Sollte die gänzliche Wiederherstellung Schuld an dem Verlieren jener Psychokräfte sein?"

Ich beantwortete die Frage mit Ja und verweise im übrigen den Leser auf S. 101 dieses Buches.


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e) Kompliziertere Halluzinationen.
Materialisationen.



Wie bereits vorher erwähnt, assoziieren sich sehr leicht selbst ganz verschiedene Vorstellungen, wenn sie nur gewöhnlich miteinander zusammen vorkommen, so daß man fast, ohne es zu wollen, z.B. statt der einfacheren Halluzination des Geruchs einer Rose die zusammengesetzte einer riechenden Rose einübt. Wenn man versucht, magisch auf die Schale einer Wage[sic] zu drücken, um einen Ausschlag derselben zu bewirken, gesellt sich dazu sehr leicht die optische Vorstellung einer Hand, da man eben gewöhnt ist, eine solche Manipulation vermittelst der Hand hervorzubringen. Es gesellt sich ferner dazu das Gefühl, daß man die Schale berühre, kurz, es verbinden sich mit der motorischen namentlich noch optische und sensible Vorstellungen bzw. Halluzinationen.

Da wir es nun in der realen Welt, die uns umgibt, nicht bloß mit optischen, akustischen, sensiblen Wahrnehmungen usw. zu tun haben, sondern besonders auch mit wirklichen materiellen Gebilden, so wird es verständlich, daß bei der magischen Wiedergabe irgend eines Gegenstandes die Neigung besteht, denselben nicht bloß rein optisch, akustisch, sensibel zu reproduzieren sondern auch wirklich materiell. Es besteht sozusagen die natürliche Tendenz zur vollständigen Materialisation des betreffenden Gegenstandes, selbst wenn man zunächst nur die eine Sinnesseite desselben, z.B. die optische, wiedergeben will.

Im III. Kapitel teilte ich mit, daß meine "Geister", je mehr ich mit denselben stritt, um so dichter, fühlbarer und handgreiflicher zu werden schienen. Auch konnte ich oft beobachten, daß eine zunächst rein optische Halluzination, je mehr ich mich in sie vertiefte und je energischer ich sie festhielt, um so deutlicher den Eindruck des Materiellen machte.

Wenn nun, wie bereits wiederholt auseinandergesetzt, die Kunst des Magiers darin besteht, aus einer bloßen "Einbildung" etwas Reales zu machen und wenn wir z.B. vermittelst des optischen Apparates, den unser Körper besitzt, imstande sind durch bloße "Einbildung" wirkliches Licht magisch zu produzieren, dann können wir es, ohne uns auf tiefgründige Erörterungen über das Wesen der Materie zu stützen, nicht prinzipiell für unmöglich erklären, vermittelst der Organe, welche uns die Materie wahrnehmen lassen, auch umgekehrt Materie wieder zu erzeugen. Man braucht


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daher die Angaben, daß in spiritistischen Sitzungen wirkliche Materialisationen vorkommen, nicht ohne weiteres von der Hand zu weisen und für unrichtig zu erklären. Allein es ist zu beachten, daß es sich bei den bisher besprochenen Halluzinationen, optischen, akustischen, motorischen, sensiblen usw., lediglich um Energieausstrahlungen handelt. Daß die Materie auch nichts anderes sei als eine besondere Energieform (oder eine Summe von solchen), läßt sich bis jetzt experimentell, trotz der großen Fortschritte von Physik und Chemie, nicht beweisen. Vom rein experimentellen Standpunkte aus betrachtet, ist darum gegenüber den Literaturangaben über Materialisationen jedenfalls Vorsicht geboten und man wird dieselben wohl meist ohne weiteres als Energieprojektionen betrachten können, welche die Materie in ihren äußeren sinnfälligen Eigenschaften (optisch, sensibel usw.) täuschend wiedergeben, ohne aber tatsächlich eine solche zu sein.
 
 

f) Gedankenübertragung auf andere Personen.



Im Vorstehenden habe ich gezeigt, daß es möglich ist, sinnliche Vorstellungen aus der Tiefe unseres Innern nach außen real zu produzieren und auch für andere Personen sinnlich wahrnehmbar zu gestalten. Aus zahlreichen zufälligen Beobachtungen seit alter Zeit, sowie namentlich aus den exakten und planmäßigen Versuchen der Gegenwart ergibt sich ferner mit Sicherheit, daß es möglich ist, Vorstellungen ohne Anwendung der äußeren Sinnesorgane direkt auf andere Personen, also von Gehirn zu Gehirn, selbst auf größere Entfernungen zu übertragen. Ich verweise darüber auf den VI. Abschnitt dieses Buches.

Die zur Erlernung der Magie des bewußten Ich angegebenen allgemeinen Regeln sind so einfach, daß man fast meinen könnte, es handle sich um ein Ei des Kolumbus. Bei näherer Prüfung verhält es sich aber doch anders. Abgesehen davon, daß die Einübung der ungewohnten physiologischen Prozeduren manche Schwierigkeiten bietet, sowie daß bei unrichtigem Manipulieren sehr leicht Nervenüberreizungen und namentlich Störungen von seiten des im folgenden Abschnitt zu besprechenden "Unterbewußtseins" eintreten können, stellen sich verschiedene sonstige Hindernisse entgegen.


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Es besteht vor allem große Gefahr der Zersplitterung und Übertreibung. Meinem geistigen Auge enthüllte sich (unter Mitwirkung des Unterbewußtseins) oft eine wunderbare Detailkunst. Ich nahm nicht bloß einzelne Blumen wahr sondern ganze Blumenbukette, z.B. von Maiglöckchen mit lieblichem Wohlgeruch, grünende Wiesen mit bunten Blumen, Personen mit allen Details ihrer Kleidung, ihrer Stimme und sonstigen Ausdrucksweise und Benehmens. Manchmal schienen sie sogar zu atmen und fühlbar zu werden. Ich hörte rauschende Musik einer ganzen Musikkapelle. Das war eine Wiedergabe viel zu komplizierter Phänomene und erforderte viel zu starke psychophysische Kraftleistungen für den Anfänger. Daher auch die im III. Abschnitt beschriebenen, oft schrecklichen Gegenreaktionen von seiten der überreizten Nervenzentren, wodurch mein Inneres tief aufgewühlt wurde.

Ich erwähnte bereits, daß sich Vorstellungen, die gewöhnlich miteinander vorkommen, sehr leicht auch magisch assoziieren. In manchen Fällen ist das ein Vorteil, anderseits aber entsteht dadurch große Gefahr, immer mehr verschiedene Nervenbahnen und Zentren auszubilden und den ganzen Betrieb zu verflachen und zu zersplittern, um schließlich nichts Greifbares zu erreichen. Indem die stärkere Erregung eines Nervenzentrums ein damit näher assoziiertes in Mitleidenschaft zieht, kommt man unwillkürlich dazu, den dabei auftretenden neuen Phänomenen seine Aufmerksamkeit zuzuwenden, namentlich wenn das erstere infolge von Überanstrengung wieder zu erschlaffen beginnt. In omnibus aliquid, in toto nihil ist für den Anfänger in der Magie besonders zu befürchten. Wer sich für eine meinen eigenen Irrfahrten vergleichbare Zersplitterung auf rein spiritistischem Gebiete interessiert, dem empfehle ich, in dem bereits wiederholt erwähnten Schriftchen Seilings das dritte Kapitel, "Die Mediumität meiner Frau", zu lesen.

Diese für den Unerfahrenen fast unvermeidliche Zersplitterung war wohl ein Hauptgrund, warum bisher in der Magie nicht viel Planmäßiges erreicht wurde. Vom rein physikalischen Standpunkte aus betrachtet ist ja der menschliche Organismus gewissermaßen ein Universalapparat, vermittelst dessen man sozusagen die ganze Welt magisch reproduzieren kann. Es ist eine unendliche Fülle von Vorstellungsmöglichkeiten gegeben, und tatsächlich besteht auch eine verwirrende Mannigfaltigkeit von Verbindungen in der Hirnrinde, so daß man sich bemühen muß, nur bestimmte Bahnen auszubilden und eine Ausstrahlung auf andere Gebiete zu verhindern.


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Man muß ferner mit Kleinem und Einfachem beginnen. Erst wenn man Kinderpuppen von einigen Zentimetern Länge eingeübt hat, wird man größere zum Modell nehmen, schließlich sogar ein wirkliches Kind oder selbst einen erwachsenen Menschen. In dieser Weise läßt sich eine planmäßige und stufenförmige Steigerung erzielen bis zur höchsten und kompliziertesten Leistung - im Kopieren. Ein künstlerisches Genie auf magischem Gebiete wird aber natürlich nicht dabei stehen bleiben, sondern alsdann selber frei erfinden.

Ähnliche Fehler, wie ich anfangs, machen ständig die Spiritisten. Sie versuchen möglichst bald ganze Geistergestalten zu produzieren. Es finden sich Literaturangaben, daß die Phantome greifbare, lebenswarme Hände hatten und gleichzeitig wie wirkliche Menschen atmeten, sprachen usw. Die Spiritisten beginnen vielfach gleich mit dem Tischrücken und bemühen sich große und schwere Tische zu bewegen, ja es kam vor, daß ganze Bettladen in die Höhe gehoben wurden oder daß ein großer schwerer Kasten wie ein Ungetüm daherhumpelte! So werden die schweren Schädigungen, welche die Medien vielfach erleiden, verständlich.

Gefesselt und geblendet durch die merkwürdigsten und darum auch am schwierigsten zu erklärenden und nachzuahmenden Experimente genialer Medien übersah man die Erklärung und Ausführung der allereinfachsten und nächstliegenden.

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Wenn man nun in der erwähnten Weise den verschiedenen Organen größere Mengen von Nervenenergie zusendet, werden sie natürlich kräftiger entwickelt und ausgebildet. Gleichzeitig erfolgt auch ein stärkerer Blutzufluß und damit eine bessere Ernährung derselben, so daß die Leistungsfähigkeit allmählich immer mehr zunimmt. Bei näherer Beobachtung fühlt man dann auch in der Regel zu Beginn eines Versuchs nicht bloß den Eintritt des Energiestromes sondern auch ein Anschwellen und sogar Starrwerden des Organs. Allen, welche das spiritistische Schreiben erlernt haben, ist dieses Phänomen an der Hand und in den Fingern wohl bekannt.

Ich möchte diese Erregung eines Organs, welche mir in mancher Beziehung mit der allerdings nur reflektorisch eintretenden sexuellen Erektion vergleichbar zu sein scheint, ebenfalls als "Erektion" bezeichnen. Auf einer derartigen freiwilligen oder


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unfreiwilligen Erektion der Augen beruht nach meiner Ansicht der sogenannte magische oder ekstatische Blick, ferner der Blick mancher irrsinniger Halluzinanten usw.

Da eine solche Ausbildung bei den verschiedensten Organen möglich ist, darf man mir nicht einwenden, unser Nervenapparat, unser Auge, unser Ohr usw. seien viel zu zart, als daß man vermittelst derselben irgendwie merkbare Wirkungen hervorbringen könnte. Anderseits ist es auch nicht gerechtfertigt, alle Angaben über abnorme physische und psychophysische Phänomene bei indischen Yogis oder mohammedanischen Fakiren, z.B. über Unverwundbarkeit, beziehungsweise rasche Heilung selbst zugefügter, an sich lebensgefährlicher Verletzungen als Schwindel zu erklären, wenn auch vieles und selbst das meiste davon übertrieben oder erfunden sein sollte. Sogar das häufig und für längere Zeit wiederholte, fast vollständige Anhalten des Atems und die Hemmung der Herztätigkeit, wie sie bis jetzt nur pathologisch bei Scheintod bekannt sind, schaden dem planmäßig Geübten in seiner Gesundheit nicht. Eine Dame (Ärztin), die mehrere Jahre in Indien zubrachte, teilte mir mit, daß die indischen Yogis, die solche Prozeduren ausführen, gesunde und kräftige Leute seien.

Auf Grund eigener Erfahrung an mir selber kann ich auf das bestimmteste erklären, daß die verschiedensten Körperteile durch lange andauernde Übung ganz unglaublich widerstandsfähig gemacht und vorübergehend in einen Zustand versetzt werden können, in welchem selbst bedeutende Mißhandlungen und Verletzungen derselben in überraschend kurzer Zeit heilen, indem ihnen schnell sozusagen vom ganzen Körper her Energie zugeführt wird und in welchem sie weniger anatomische und physiologische, als vielmehr zähe, gummiartige, ich möchte sagen energetische*, eventuell aber auch steinharte Gebilde zu sein scheinen, denen selbst die gröbsten Prozeduren nichts mehr schaden.

Nicht selten machte es mir z.B. Vergnügen meinen Kopf mit den Fäusten zu bearbeiten. Ich schlug 10-15 Minuten, lang in einem sich mir von innen heraus (Unterbewußtsein) aufdrängenden Rhythmus mit immer größerer Stärke gesetzmäßig auf denselben ein und fühlte mich dabei völlig sicher, daß es mir nicht schaden werde. Herr Geheimrat von G. sowie gelegentlich auch andere

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* Ob sie sich hierbei einer "Dematerialisation", im Sinne der Spiritistischen Literatur nähern, weiß ich nicht.


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Personen, denen ich die Manipulation zeigen wollte, ersuchten mich jedesmal schnell, aufzuhören, da ihnen grauste. (Über einen Teil meiner weiteren Erfahrungen auf diesem Gebiete siehe im V. Abschnitt.) - Der tiefere Sinn und Zweck derartiger Prozeduren wird erst im Zusammenhang mit meinem bei einer späteren Gelegenheit zu besprechenden Hauptziel verständlich.

In der Berliner illustrierten Zeitschrift "Die Woche"* las ich nachträglich aus der Feder des Hauptmanns a. D. Dannhauer über die Reise des deutschen Kronprinzen nach Indien im Jahre 1911 bezüglich der indischen Yogis folgenden Bericht, der meine Ansichten bestätigt: "Den Frömmsten der Frommen, den heiligen Fakiren, genügte ein bloßes Gangesbad nicht. Sie taten des der Gottheit Wohlgefälligen noch viel mehr. Nur mit einem Lendenschurz bekleidet, schmutzstarrend am ganzen Körper, der samt dem Gesicht mit Asche beschmiert war, übten sie am eigenen Leib die schwersten Kasteiungen inmitten der herbeigeströmten Pilgerscharen aus. Einer von ihnen hatte sich bis zum Hals eingraben lassen. Nur sein Kopf ragte über dem Erdboden empor. Das Gesicht himmelwärts gekehrt, die Augen weit geöffnet, starrte er bewegungslos in die unbarmherzig niederbrennenden Strahlen der Tropensonne, ohne auch nur mit den Wimpern zu zucken. Der Tollste von diesen religiös Wahnsinnigen war ein Fakir, den die nächste von unserem Kronprinzen aufgenommene Abbildung, S. 396, zeigt. Unbeweglich, in stoischer Ruhe vor sich hinstarrend, hockte er auf einer mit Hunderten von spitzen Nägeln gespickten Holzbank und schien sich dabei ganz wohl zu befinden."

Im Jahre 1912 hatte ich in München Gelegenheit, einer öffentlichen Vorstellung zweier indischen Fakire, eines Mannes und einer Frau, beizuwohnen und dieselben aus unmittelbarer Nähe zu beobachten. Dieselben durchstachen sich die Zunge, die Wangen, die Muskulatur des Oberarmes mit langen Nadeln und ließen dieselben während 5-10 Minuten darin stecken, ohne daß Blutung erfolgte oder Narben zurückblieben. Der Mann durchstach sich mit einer Nadel von der rechten zur linken Seite quer den ganzen Hals unterhalb der Kehlkopfgegend und beließ sie ca. eine Viertelstunde lang in demselben. Nach seiner Behauptung ging der Stich durch die Luftröhre, während die zahlreich anwesenden Ärzte bei der Kürze der Zeit nicht mit Sicherheit konstatieren konnten, ob die Nadel in der Luftröhre stecke oder unmittelbar hinter derselben.

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* S. 391.


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Daß manche Personen ohne Übung, lediglich infolge abnormer Veranlagung, imstande sind, ihre Muskulatur ohne Schmerz und Blutung mit Nadeln zu durchbohren, ist auch sonst bekannt. Ein hiesiger Herr (Chemiker) teilte mir mit, daß er früher eine derartige Prozedur öfters ausführte, sowie daß er sich in Freising einmal bei Gelegenheit einer Faschingsunterhaltung im engen Kreise in dieser Beziehung als "indischer Fakir" produziert habe. Nachträglich wurde mir das auch von Augenzeugen bestätigt.

Eine Erklärungsmöglichkeit künstlich erzeugter "Unverwundbarkeit" ergibt sich aus folgenden Erfahrungen meinerseits: Meine magischen Versuche erforderten häufig andauernde Muskelkontraktionen (s. z.B. S. 51). Dadurch entstanden im betreffenden Organ natürlich Blutstauungen. Dieselben wurden von mir oft noch weiter durch verschiedene Mittel, z.B. durch Unterbinden verstärkt, so daß das Organ, ähnlich wie beim "Einschlafen" der Arme und Beine schwer und unempfindlich wurde. Wenn nun das auch nachträglich einige Zeit Schmerzen verursachte, so gewöhnte es sich dennoch allmählich an diese Prozedur und schließlich näherte es sich dem Stadium der "Unverwundbarkeit" in dem Sinne, daß allmählich immer weniger Schmerz nicht bloß bei diesem Verfahren sondern überhaupt auch beim Schädigen und Verletzen desselben entstand und außerdem schnell wieder Heilung erfolgte. Prinzip war dabei, durch Hemmung des Blutumlaufs und der Innervierung und damit auch der Empfindlichkeit nachträglich einen um so stärkeren Blut- und Energiestrom nach dem betreffenden Organ zu erzielen. Die vorher erwähnte Unempfindlichkeit des Kopfes hatte ich, ohne es zu beabsichtigen, jedenfalls dadurch erreicht, daß es mich öfters drängte, den Hals stark mit einem Tuche zusammenzuschnüren, wobei außerdem manchmal noch des Guten zu viel wurde, namentlich wenn ich nachts im Bette eine solche Prozedur ausführte und dabei einschlief.

Manche Leser werden wohl über derartige Manipulationen meinerseits den Kopf schütteln. Ich verweise jedoch auf das mir nachträglich bekannt gewordene, in der Literatur häufig zitierte Werk von Bier "Hyperämie als Heilmittel" (Leipzig, Verlag von F. C. W. Vogel), das bereits eine Anzahl von Auflagen erlebte und in welchem Stauungen, speziell auch Kopfstauungen durch Unterbinden als wichtige Heilmittel empfohlen sind.

Ich zweifle nicht, daß die "Unverwundbarkeit" sowie die vorher


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erwähnte Möglichkeit einer abnorm intensiven Energiekonzentrierung auf einzelne Körperteile später einmal in medizinischer Beziehung von Bedeutung werden wird. Ich zweifle auch nicht, daß der Mensch der Zukunft bei allen scheinbar rein geistigen Verrichtungen immer mehr auch seinen Körper zu Hilfe nehmen wird durch Anspannung der Muskulatur, durch Anhalten des Atems usw., so daß eine größere Vereinheitlichung und Zentralisierung des gesamten Betriebes erfolgen muß, wie es tatsächlich bei gespanntester Aufmerksamkeit, bei lebhaftestem Nachdenken schon vom gegenwärtigen Menschen unwillkürlich geschieht, wenn auch in geringem Grade, und wie es zur Steigerung des Gedächtnisses und Vorstellungsvermögens und zur Hervorbringung magischer Phänomene die indischen Religionsstifter und religiösen Fanatiker schon vor Jahrtausenden ausführten, wenn auch häufig in sinnloser und barbarischer Weise.

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V. Magie des Unbewußten oder Unterbewußtseins.

Nachdem der Leser im vorstehenden Abschnitt einen Begriff von dem Wesen der Magie des bewußten Ich bekommen hat, wird es ihm jetzt leichter möglich sein meine Anschauungen über meine bereits im III. Kapitel geschilderten persönlichen Erlebnisse, die größtenteils auf einer Magie des Unterbewußtseins beruhen, zu verstehen. Es wird sich dabei auch herausstellen, daß ich seinerzeit unglücklicherweise mit dem schwierigeren und gefährlicheren Teile der Magie zuerst begann, sowie daß die Spiritisten ständig den gleichen Fehler machen.
 
 

1. Wesen des Unterbewußtseins.

Die Kenntnis des Unterbewußtseins ist nicht bloß für die Magie sondern auch für verschiedene andere Wissenschaften, z.B. die Psychologie, von grundlegender Bedeutung. Dementsprechend äußert sich darüber der bekannte Münchener Psychologe Lipps: "Die Frage des Unterbewußtseins ist weniger eine psychologische Frage als die Frage der Psychologie." "In der Psychologie auf das Unbewußte verzichten, heißt auf die Psychologie verzichten." "Der Begriff des Unbewußten ist weder hypothetisch noch mystisch sondern der Ausdruck für Tatsachen." "Das Unbewußte ist nicht etwas gelegentlich Hinzutretendes sondern die allgemeine Basis des psychischen Lebens" usw. Trotzdem besitzt die Wissenschaft bis jetzt keinen eigentlichen Angriffspunkt zum Studium desselben.

Ich stelle mir die Sachlage so vor: Vom histologischen Standpunkte aus kann man den menschlichen Körper als ein Aggregat einer ungeheuern Anzahl von Zellen, gewissermaßen von einzelnen Bausteinen betrachten, die verschiedene Struktur und verschiedene Grade der Entwicklung und Ausbildung besitzen. Aber es sind


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keine toten Bausteine sondern lebende Zellen der verschiedensten Art, und gerade der menschliche Organismus enthält eine unermeßliche Fülle aller möglichen Formen animalischen und höheren psychischen Daseins. Dementsprechend ist es ganz unrichtig, wenn man die Begriffe "empfinden", "sich vorstellen" und "denken" entweder rein theoretisch-philosophisch oder zu sehr materialistisch, -im letzteren Falle als bloßes mechanisches Erregen von Zellreihen der Hirnrinde auffaßt. Die bei einer Vorstellung und beim Nachdenken durch die psychische Tätigkeit des bewußten Ich erregten Zellen und Zellkomplexe der Hirnrinde sind vielmehr ebenfalls als Lebewesen zu betrachten, welche mehr oder weniger selbständig psychisch tätig sein können, dem bewußten Ich gewissermaßen als Mitarbeiter und Detailberater zur Seite stehen und mit ihm psychisch zusammenarbeiten. Wenn ich z.B. an einen Herrscher denke oder an irgend etwas Hoheitliches, Vornehmes, Nobles oder überhaupt etwas "Besseres", dann interessieren, sich für dieses Thema vor allem diejenigen Zellen und Zentren, welche bei meiner Personifikation "Hoheit" die Hauptrolle spielen. Sie greifen darum sofort auch selber aktiv in den Gedankengang ein, arbeiten die ihnen suggerierte, angenehme Vorstellung weiter aus und geben als Spezialisten auf diesem Gebiete Ratschläge und Auskünfte, so daß mir bei weiterem Nachdenken immer wieder etwas Neues auf diesem Gebiete "einfällt", bis ich wieder abschneide und an etwas anderes von anderer Gefühlsnuance denke, das hauptsächlich wieder andere psychische Zentren beschäftigt. Sie besitzen also, wenn auch für bestimmte einseitige Zwecke ausgebildet und ein für allemal an einen bestimmten Platz im Organismus verwiesen, doch eine gewisse Sonderexistenz und haben - wegen ihrer einseitigen Stellung und Aufgabe ein gewisses Sondergedächtnis, das dem bewußten Ich weniger leicht zugänglich ist. Sie verfolgen auch unter Umständen Sonderinteressen, die mit denjenigen des bewußten Ich durchaus nicht immer übereinzustimmen brauchen. Sie wollen z.B. Hoheit, Kind, Teufel (aber ohne Höllenqualen) sein, aber nicht "Staudenmaier" oder zu ihm gehören. Weil verschiedener Affekte fähig, erlangen sie oft namentlich bei nervösen Naturen, einen bedeutenden Einfluß auf die Gemütsstimmungen und die ganze Lebens- und Handlungsweise des Menschen. Da sie imstande sind etwas zu lernen, können sie sich, wie bei mir, schließlich zu förmlichen intelligenten Teilwesen entwickeln, mit denen man ernstlich rechnen muß.


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Die Psychischen Fähigkeiten und Tätigkeiten dieser in der Rangordnung unmittelbar nach dem bewußten Ich folgenden höheren Zentren der Hirnrinde (im wesentlichen wohl Flechsigs Assoziationszentren) bilden den Hauptsitz des sogenannten Unbewußten oder Unterbewußtseins. Sie sind die (beim normalen Menschen stummen) Berater des bewußten Ich. Doch möchte ich gleich hier schon bemerken, daß eine scharfe Grenze weder nach oben noch nach unten zu ziehen ist. Je einseitiger und untergeordneter die Stellung solcher Zentren ist, desto niedriger ist ihre psychische Tätigkeit und desto geringer im allgemeinen ihr psychischer Einfluß. (Näheres darüber S. 90.)

Daß die "Hoheit" bei mir zeitweilig durchaus selbständig denken kann, beweist zur Evidenz z.B. die folgende Tatsache: Als ich eine Stadt wiederholt besichtigt hatte, wurde ich von "Hoheit" aufgefordert, dieselbe wieder einmal zu besuchen. Auf meine Bemerkung, es sei das nicht mehr nötig, da ich das Wichtigste schon gesehen hätte, erfolgte die Frage: "Weißt du wirklich nichts Wichtiges mehr?" Ich besann mich und erwiderte: "Nein." Jetzt kam die mich völlig überraschende aber für "Hoheit" sehr charakteristische Antwort: "die Residenz!" Bald darauf entsprach ich dem Wunsche und besichtigte dieselbe.

Wie weit die Denkfähigkeit und der psychische Einfluß einzelner meiner Personifikationen öfters reicht, ergibt sich auch daraus, daß sie mich nicht selten heimlich auszufragen und mir ihre Ideen aufzudrängen suchen. Sie wollen z.B. wissen, was ich alles am kommenden Tage zu tun gedenke, sie wünschen, daß ich einen größeren Spaziergang oder gar einen Ausflug mache und geben sich gleichzeitig Mühe, mich in ihrem Sinne zu beeinflussen. Mit einem Male fange ich nun an nachzudenken: "Morgen muß ich das und das tun. Vielleicht ist es wieder einmal angezeigt einen größeren Spaziergang zu machen. Das Wetter wird voraussichtlich günstig und außerdem habe ich Zeit dazu." Sehr häufig spreche ich dabei, ohne es zu wollen und näher zu beachten, halluzinatorisch leise das Gedachte mit, so daß sie es hören können und sicherer wissen, wie sie daran sind. Wenn ich nun aber in einem solchen Falle ebenfalls heimlich horche, vernehme ich häufig diese oder jene wohlbekannte Stimme irgend einer Personifikation, die dann leises halluzinatorisches Sprechen ebenfalls nicht unterdrücken kann und erkenne, daß der ganze Ideengang mir von ihr suggeriert wurde und daß zum guten Teil das ganze Nachdenken eine Art stummen


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Zwiegesprächs und Hin- und Herfragens zwischen mir und ihr sowie noch anderweitigen, unwillkürlich in die Diskussion hereingezogenen Personifikationen und nicht personifizierten Zentren darstellte.

Ganz deutlich kann ich auch oft beobachten, wie zwei oder mehrere Personifikationen zusammenhelfen, um mich zu unterstützen, oder wie sie sich untereinander heimlich zu verständigen suchen, um mich, den "Alten" - das ist der Spitzname, welchen sie mir aufgebracht haben und auch regelmäßig gebrauchen - zu bekämpfen und zu ärgern (bis zu einem gewissen Grade, ähnlich wie in einem komplizierten Netz von Telegraphenstationen zwei oder mehrere Telegraphisten ohne Wissen der übrigen zusammen arbeiten können), oder aber auch, wie sie sich gegenseitig bekämpfen und beschimpfen.

Allerdings sind in solchen Fällen die Personifikationen durchaus unvollständig. Meist höre ich abwechselnd* nur zwei oder mehrere bekannte Stimmen, z.B. eine Kinderstimme und diejenige der "Hoheit", während Gesichts- und sonstige Halluzinationen zurücktreten, oder ich sehe eine Gestalt, während ich ihre Stimme innerlich, also nicht vom optischen Bilde ausgehend, vernehme, offenbar weil für eine vollständige Personifikation die Mitwirkung einer größeren Anzahl von niederen Zentren und Organen erforderlich ist, die aber gerade anderweitig in Anspruch genommen sind. Dementsprechend wechselt auch unverkennbar ihre Intelligenz ganz außerordentlich, indem ihnen gewisse Assoziationen zeitweilig erschwert oder unmöglich sind, namentlich wenn ich bei lebhaftem Nachdenken ausgedehnte Hirngebiete für meine eigenen Zwecke verwende. Selbst das bewußte Ich ist ja auch nicht immer gleich gut denkfähig.

Daß der normale Mensch, bei welchem allerdings ihr Einfluß und ihre Selbständigkeit nicht so groß ist wie bei mir und bei welchem sie namentlich nicht halluzinatorisch reden können, von der psychischen Tätigkeit der Zentren seines Unterbewußtseins für gewöhnlich nichts so Evidentes und ich möchte beinahe sagen, Handgreifliches erfährt, beweist nichts gegen meine Behauptungen. Wenn die Verdauung, die Verteilung des Blutes im Körper, kurz, wenn eine Anzahl niederer Funktionen, ja selbst die künstlerische Formierung der Organe und der ganzen Körpergestalt nach einheitlichem

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* Niemals gleichzeitig!


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Plane, sowie die dauernde Erhaltung derselben gegenüber äußeren und inneren Einflüssen und Widerständen fast oder ganz unabhängig vom Mitwissen und Mitarbeiten des bewußten Ich sich vollziehen, warum sollten nicht auch anderweitige psychophysische und schließlich selbst rein psychische Funktionen einfacherer Art ohne unser Wissen sich vollziehen können?

Freilich wird unter den Millionen die einzelne Zelle keine besondere Rolle spielen. Aber schon rein histologisch und anatomisch betrachtet hat nicht bloß der gesamte Körper im allgemeinen sondern auch jeder Teil desselben, speziell in unserem Falle die Hirnrinde, eine gesetzmäßige Struktur. Sie ist durchaus kein einheitliches, gleichartiges Zellenaggregat, es lassen sich vielmehr bestimmte Bezirke unterscheiden. Die Angehörigen eines Bezirkes, die man gewöhnlich zusammen als ein "Nervenzentrum" oder auch "Nervenfeld" bezeichnet, werden annähernd gleichartige Eindrücke empfangen und infolgedessen durch gemeinsames Empfinden, Fühlen und Wollen eine größere spezifische Rolle spielen. Da wir ferner beim Denken hauptsächlich immer wieder mit gleichen oder verwandten Vorstellungen operieren, ist die Möglichkeit gegeben, daß die bei einer bestimmten Vorstellungsreihe in Tätigkeit tretenden Zellen und Zellkomplexe sich mit der Zeit daran gewöhnen, gemeinsam zu arbeiten, selbst wenn sie anatomisch und histologisch in keiner unmittelbaren Beziehung zu einander stehen. Dieses Zusammenarbeiten wird begünstigt, wenn es sich um besonders angenehme oder sonstwie tiefergreifende Vorstellungen handelt. Wie das bewußte Ich immer wieder gerne an eine liebe Person, ein schönes Gemälde, eine schöne Gegend usw. denkt, so auch die Zentren des Unterbewußtseins. Als ich mich einmal im scharfen Hören übte, sagte zu mir eine innere Stimme: "Wenn du dein Gehör üben willst, mußt du Musik anhören, sonst ist es zu langweilig."

Wenn man nun noch berücksichtigt, daß, wie bereits S. 33 angegeben, selbst die besonders emanzipierten und ausgebildeten Zentren meines Unterbewußtseins im allgemeinen nicht die Fähigkeit besitzen, Wirklichkeit (objektive Wahrnehmung) und bloße Vorstellung von einander zu unterscheiden und sich infolgedessen gleich für die Person halten und deren Rolle im Ernste spielen, an welche ich oder sie tatsächlich nur denken, wird es begreiflich, daß sich bei entsprechend veranlagten, die Einsamkeit liebenden Naturen, z.B. den großen Magiern der Vorzeit, ferner bei einseitig pathologisch entwickelten Menschen oder auch infolge planmäßiger


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Übung, einzelne "Vorstellungen" zu förmlichen "Personifikationen", beziehungsweise, wenn es sich etwa um die Vorstellungen von Tieren oder Pflanzen handelt, zu "Individualisationen" entwickeln können. Bei verschiedenen Menschen sind dieselben, je nach Veranlagung, Übung und Bildungsgrad, natürlich verschieden, weil an sich eine unendliche Fülle von Vorstellungen und damit eine unbegrenzte Auswahl möglich ist. Wie ich nämlich von außen her die verschiedensten Vorstellungen aufnehmen, wie ich die unendliche Fülle der Außenwelt gewissermaßen in mein Inneres projizieren kann, so kann ich umgekehrt - rein theoretisch gesprochen - alles wieder vermittelst des Vorstellungsvermögens innerlich reproduzieren und nach außen projizieren. Ja die innere Vorstellungswelt ist noch mannigfaltiger, da in derselben die verschiedensten Kombinationen möglich sind, welche die Außenwelt nicht bietet. Je größer aber die Zahl der zugelassenen Vorstellungen ist, desto geringer wird - beim Alltagsmenschen - die Bedeutung und der Einfluß der einzelnen, desto größer die Verflachung des gesamten Vorstellungslebens. Darum arbeitet auch ein Fachmann in irgend einem Spezialberufe hauptsächlich nur mit einer beschränkten Anzahl spezifisch einseitiger Vorstellungen, sei es als Gelehrter, Künstler, Musiker usw. Wie sich aus dem bereits früher über meine "Hoheit" und das "Kind" Angedeuteten ergibt erfordert auch in der Magie des Unterbewußtseins die tiefere Ausbildung bestimmter Vorstellungen bis zu förmlichen Personifikationen wegen der Verschiedenartigkeit der Anforderungen derselben eine Beschränkung ihrer Zahl.

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Um meine Ansichten über das tiefere Wesen der verschiedenen Personifikationen und des Unterbewußtseins noch deutlicher zu machen, will ich folgendes bemerken:

Es ist bekannt, daß bei einer "Vorstellung" jedenfalls eine große Anzahl von Gehirnzellen beteiligt ist und zwar, selbst wenn es sich etwa um eine scheinbar rein optische handelt, z.B. um diejenige einer Person, nicht bloß solche in den optischen Gebieten des Gehirns, sondern auch noch in verschiedenen andern. Wenn ich mir aber einen Kaiser, einen König, eine fürstliche Persönlichkeit vorstelle oder überhaupt eine mächtige, vornehme Person, so werden dabei außerdem noch weitere spezifische Nervengebiete - bei verschiedenen Menschen allerdings je nach ihrer Empfindlichkeit


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verschieden leicht - mehr oder weniger und in verschiedenen Nuancen erregt nämlich solche, welche der Sitz hoheitlicher und vornehmer Gefühle sind. Ein Kaiser, ein König ist eben keine Person schlechtweg.

Wie ich mir nun etwa die magische Personifikation meiner "Hoheit" denke, will ich durch ein Vergleichsbild aus der Musik erläutern:

Bei der Aufführung einer musikalischen Produktion werden verschiedene Töne mit verschiedenen Instrumenten gleichzeitig hervorgebracht. Im einen Moment ertönt diese komplizierte Klangfigur, im nächsten wieder eine andere. Das Bild wechselt also ständig, aber trotzdem hat das ganze Musikstück einen bestimmten allgemeinen Charakter. Ferner können einzelne Musikinstrumente oder einzelne Töne oder sogar gewisse Töne einzelner Musikinstrumente immer wieder eine besondere Rolle spielen.

Wenn ich mir nun einen bestimmten Kaiser oder König vorstelle, dann denselben weiter als solchen redend und handelnd, so werden dabei allerdings die verschiedensten Nervenelemente in Erregung kommen, gewissermaßen erklingen, namentlich aber immer wieder die optischen und diejenigen, welche das Hoheitsgefühl vermitteln. Es spielen also in diesem Falle gewisse Gehirnzellen eine besondere Rolle, und wie der optische Sinn an eine Anzahl Zellen und Zellkomplexe gebunden ist, so sind es auch die hoheitlichen und vornehmen Gefühle.

Da nun aber die höheren Zentren des Unterbewußtseins, wie bereits S. 67 ff. erwähnt, keine toten Instrumente sind, die absolut willenlos vom bewußten Ich "gespielt" werden, sondern Lebewesen und Intelligenzen, so können sie, namentlich bei besonders veranlagten Menschen, bis zu einem gewissen Grade auch aktiv vorgehen, sich selber in ihr Gebiet einschlagende oder sie überhaupt interessierende Vorstellungen machen und die Gedanken und Vorstellungen des bewußten Ich dadurch beeinflussen, so daß demselben, wie man sich ausdrückt, mit einem Male etwas "einfällt", an das es vorher nicht gedacht hat. Das bewußte Ich merkt diese Einmischung des Unterbewußtseins für gewöhnlich gar nicht und empfindet sie durchaus nicht als Zwang, handelt vielmehr häufig dementsprechend, ähnlich wie es auch keinen Zwang empfindet, wenn die Außenwelt ständig sich mit ihren Eindrücken aufdrängt und es zum Weiterdenken und Handeln veranlaßt. Erst wenn die Tätigkeit des Unterbewußtseins zu lebhaft und


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der Einfluß einzelner Zentren desselben zu groß und einseitig wird, so daß sie dem bewußten Ich Zwangsvorstellungen oder gar Zwangshalluzinationen aufdrängen oder dasselbe sonstwie gewaltsam beeinflussen, wird die Sache unangenehm oder direkt pathologisch.

Nach meinen Erfahrungen sind die Zentren des Unterbewußtseins auch imstande etwas zu lernen, was nicht unmittelbar in ihr Gebiet einschlägt und sich für andere Dinge zu interessieren, ähnlich wie auch das bewußte Ich nach verschiedenen Richtungen sich weiter entwickeln und ausbilden kann. Aus diesem Grunde ist die Lokalisation der Funktionen bei den höheren Zentren der Hirnrinde nicht scharf zu erkennen und wird darum - offenbar mit Unrecht - von vielen Physiologen überhaupt bestritten.

Bei meiner Personifikation "Hoheit" übernehmen nun diejenigen Zellen und Zellkomplexe, welche zunächst und vor allem der Sitz der hoheitlichen und vornehmen Gefühle sind, die Führung. Sie haben allmählich auch auf andere Hirn- und Nervenpartien einen größeren Einfluß erlangt, ferner namentlich auf die Muskulatur und können sich dadurch mehr Geltung verschaffen, während sonst bei normalen Menschen nur das bewußte Ich der scheinbar unabhängige Herrscher ist. Analog bilden andere spezifische Hirnzentren den Mittelpunkt und Ausgangspunkt für andere spezifische Personifikationen.

Aber die Grenzen sind für die Zentren des Unterbewußtseins doch enger gezogen als für das bewußte Ich. Ihre Stellung ist offenbar keine so allseitige und dominierende im Gehirn. Man kann mit einer tieferen Saite nur mit einem gewissen Zwang und nur bis zu einer gewissen Grenze auch einen höheren Ton hervorbringen, indem man sie stärker spannt, oder mit einer höheren Saite auch einen tieferen Ton, wenn man sie schwächer spannt. Darum erfolgte auf meine Frage, warum die Personifikation "Kind" denn immer mit Kinderstimme spreche, obwohl sie doch kein Kind sei, oft die Antwort: "Wir müssen sprechen wie ein Kind, wir können nicht anders." Mit zunehmender Intelligenz hieß es später: "Das Sprechen mit anderer Stimme ist nicht so schön. Da mögen wir nicht so gerne mittun. Das überlassen wir lieber den andern. Da müssen wir uns zu sehr anstrengen. Auch ist es dann eben keine Kinderstimme mehr, so daß du uns nicht mehr erkennst, wenn wir bei andern mittun." In psychischer Beziehung handelt es


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sich darum bei meinen Personifikationen gewissermaßen um Teilwesen, die, Wirklichkeit und Vorstellung nicht unterscheidend, in einer gewissen Suggestion befangen sind, oder wenigstens hauptsächlich und mit Vorliebe in einer bestimmten einseitigen Vorstellungsreihe sich bewegen und eine bestimmte einseitige Aufgabe im Organismus zu erfüllen haben, im Gegensatz zum bewußten Ich, welches den freien Überblick und die oberste Direktion besitzt und sich allseitig betätigt*. Hoheit denkt immer wieder am liebsten an hoheitliche und vornehme Dinge, sucht alle meine Handlungen und Pläne in hoheitlichem Sinne zu beeinflussen und auszulegen, meine ganze Lebensweise und Denkart vornehm zu gestalten. Und wenn sie wirklich nicht Hoheit oder Herrscher sein und sich als solcher im Ernste fühlen kann, so will sie wenigstens als solche denken und mich zum Gleichen veranlassen und wenn ich zur Wirklichkeit zurückkehre, soll ich mich wenigstens richtig als Professor fühlen, mich meiner errungenen Stellung freuen, standesgemäß leben, essen und trinken und nicht wie ein alter Student immer weiter grübeln und studieren, um vor lauter Studium den Lebensgenuß gänzlich zu versäumen. Sie will sozusagen allen Dingen eine vornehme Seite abgewinnen und betrachtet alles von der vornehmen Seite aus, übersieht dagegen die andern Gesichtspunkte.

Da also offenbar meine Personifikationen bzw. überhaupt die psychischen Zentren spezifische Aufgaben zu erfüllen haben, wird

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* Infolgedessen sind die Zentren des Unterbewußtseins im allgemeinen gewöhnt und bereit, sich in Dingen, die nicht in ihr Spezialgebiet einschlagen, vom bewußten Ich blindlings führen zu lassen. Dadurch wird das Wesen des Hypnotismus, die Handlungsweise der Hypnotisierten und namentlich auch ihre große Suggestibilität - d.h. ihre Bereitwilligkeit, sich vom Hypnotiseur führen zu lassen und die von ihm ausgehenden Anregungen und Vorstellungen ohne nähere Prüfung für Wirklichkeit zu halten und ihnen entsprechend zu handeln - verständlich. Beim Hypnotisierten übernimmt nämlich der Hypnotiseur die Rolle des bewußten Ich desselben, welches selbst mehr oder weniger zurücktritt und lethargisch wird (Wachsuggestion) oder ganz einschläft und ausgeschaltet wird (eigentliche Hypnose), während einzelne Zentren des Unterbewußtseins wach bleiben und jetzt hauptsächlich nur mehr vom Hypnotiseur beeinflußt werden. Leider mißbraucht derselbe gerade in öffentlichen Produktionen zur Unterhaltung des Publikums sehr häufig seine Rolle und suggeriert ihnen allen möglichen Unsinn, auf den sie meistens auch eingehen, da ihr sonstiger Führer - eben ihr nunmehr schlafendes Oberbewußtsein - nicht in solcher Weise mit ihnen verfährt und sie infolgedessen auf derartige Fälle des Mißbrauchs nicht eingeschult sind. (Vergleiche dazu S. 71.)


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es begreiflich, daß sie in ihrem Spezialgebiete im allgemeinen ein größeres Maß von Empfindlichkeit, Feinfühligkeit und Gedächtnistreue besitzen als ich selber und daß ich von den Intelligenteren vieles lernen kann, während es anderseits bedenklich ist, sich nach Art der Mystiker oder der spiritistischen Medien von einer einzelnen Personifikation ausschließlich führen zu lassen, möge sich dieselbe auch für einen Schutzgeist, einen Engel oder selbst für eine Gottheit ausgeben.

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Daß es sich bei den höher stehenden Komplexen, namentlich wenn sie zu größerer Selbständigkeit gelangen, schließlich um regelrechte Intelligenzen handelt, beweisen verschiedene anderweitige Tatsachen, z.B. die oft raffinierten Handlungen Geisteskranker, ergibt sich ferner vielfach aus Träumen. Von hervorragenden Dichtern, Mathematikern, Predigern, Rednern ist bekannt, daß sie manchmal im Traume bedeutende Geistesleistungen vollbrachten. Auch im gewöhnlichen Leben übersteigt ausnahmsweise die Leistung im Traume diejenige des wachen Menschen. Ein mir befreundeter Herr, Beamter von unzweifelhafter Glaubwürdigkeit, teilte mir mit, daß er einmal, als er am Gymnasium studierte, abends eine schwierige mathematische Aufgabe, die der Klasse gestellt war, nicht zu lösen vermochte. Über dieselbe nachgrübelnd ging er zu Bett und schlief schließlich ein. Nun träumte ihm eine Lösung derselben. Nach dem Erwachen erinnerte er sich noch daran und schrieb sie auf. Die spätere Kontrolle ergab, daß sie tatsächlich richtig war. Auch ein hiesiger Mathematikprofessor erzählte mir einen ganz ähnlichen Fall aus seinem Leben.

Daraus folgt, daß auch bei normalen Menschen einzelne Gehirnpartien unter Umständen wach bleiben und in einem Spezialgebiete sogar lebhaft und intelligent psychisch tätig sein können, während der übrige Teil schläft oder in einem Zustande der Lethargie oder wenigstens beschränkter Assoziationsfähigkeit sich befindet. Dabei können sogar dem normalen Wachbewußtsein feindliche Äußerungen erfolgen. Eine junge, unbedingt glaubwürdige Dame erzählte mir einmal, daß sie nachts öfters im Traume laut rede. Eine im gleichen Zimmer befindliche Schwester benützte dann manchmal die Gelegenheiten, mit ihr ein Gespräch anzuknüpfen und sie mit Erfolg über persönliche Geheimnisse auszufragen, welche sie ihr im wachen Zustande nicht geoffenbart hätte. Bis zu


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einer gewissen Grenze ist das bekanntlich auch bei manchen Hypnotisierten möglich.

Aber auch im völlig wachen Zustande kann sich die psychische Tätigkeit einzelner Gehirnpartien besonders bemerklich machen, ohne daß es pathologisch zu bezeichnen wäre, auch hier wieder im Gegensatz zum bewußten Ich. Bekanntlich kommt es manchmal vor, daß man eine Melodie tagelang nicht aus dem Kopfe herausbringt, daß man, selbst ohne es zu wollen, immer wieder mit ihr beginnt und sie sich hinsingt, ja daß sie einem förmlich in den Ohren klingt oder daß man immer wieder die gleichen Worte spricht bzw. lebhaft an sie denkt, sobald man sich für einige Zeit vergißt und in der Aufmerksamkeit nachläßt, bis man nach dem völligen Bewußtwerden wieder Hemmung eintreten läßt.

Nach dem bereits früher über meine Personifikationen Mitgeteilten ist die Stimme meiner "Hoheit", des "Kindes", des "Bockfußes" usw. unverkennbar eine andere als ich sie besitze, schon deshalb, weil diese Personifikationen die Stimmen derjenigen Personen und Wesen nachzuahmen suchen, welche sie darstellen wollen. Gelegentlich bringen es nun einzelne Zentren, selbst bei noch ziemlich normalen Menschen, fertig, innerlich leise etwas zu sprechen. Der Unerfahrene gewinnt dabei unbedingt den Eindruck, als ob eine geheimnisvolle, unsichtbare und völlig fremde Persönlichkeit dabei im Spiele wäre. Diese "innere Stimme" galt darum schon im Altertume, je nach ihrer Beschaffenheit, vielfach als göttlicher oder teuflischer Natur. Ich erinnere z.B. an das Daimonion des Sokrates.

Von Interesse ist, daß bereits vor dreieinhalb Jahrhunderten die heilige Theresia* erkannte, daß dieselbe nicht immer göttlicher oder teuflischer Natur sei oder von Geistern herrühren müsse. Nachdem sie einiges über die Stimme Gottes im Innern mitgeteilt, schreibt sie über die Täuschungen, die hier eintreten können: "(Man) muß sehr erfahren sein, um zu unterscheiden, ob die Worte vom guten oder vom bösen Geiste herrühren, und um zu erkennen, ob unser Geist sie sich einbildet oder sie zu sich selbst spricht. Bis jetzt war mir das letztere nicht ganz klar, aber seit heute meine ich, daß er wirklich mit sich selbst reden könne."

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* Leben der heil. Theresia, von ihr selbst geschrieben. Aus dem Spanischen übersetzt von Ida Gräfin Hahn-Hahn. Mainz 1867 (Kirchheims Verlag), S. 241.


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Die von Zentren des Unterbewußtseins herrührende innere Stimme tritt nun allerdings, wenn überhaupt, gewöhnlich nur dann auf, wenn der Mensch stark in seinem Gemüte bewegt ist, vor einer wichtigen, vielleicht für sein ganzes Leben entscheidenden Handlung steht, wenn er im Begriffe ist eine große Tat zu verrichten oder ein unglückseliges Verbrechen zu begehen, oder wenn infolge von Krankheit die betreffenden Gebiete in starke Erregung geraten und sich dann, meist allerdings nur vorübergehend, Zutritt zu den einschlägigen Nervenapparaten erzwingen. Dementsprechend kann die Stimme gut oder böse sein, freundlich oder feindlich, lobend oder tadelnd, warnend, gebietend, drohend usw. Sie kann zum Guten auffordern oder auch zum Bösen, je nachdem eben spezifische Zentren in der erwähnten Weise angenehm oder unangenehm erregt sind.

Aber nicht bloß Gehörshalluzinationen können sie verursachen, sondern auch solche des Gesichts, namentlich im Traume. Gerade hier sind die Bilder oft besonders lebhaft und deutlich, so naturgetreu und anschaulich, wie sie das bewußte Ich im wachen Zustande wegen der zahlreichen fremden Eindrücke nicht fertig bringt.

Aus dem Vorstehenden ergibt sich somit, daß selbst bei anscheinend ganz normalen Menschen und in völlig wachem Zustande, namentlich aber im Traume und bei Geisteskrankheiten, sich für kürzere oder längere Zeit einzelne Zentren des Unterbewußtseins mehr oder weniger weit emanzipieren können, wobei dann natürlich oft schwer zu unterscheiden ist, ob und inwieweit das bewußte Ich noch beteiligt ist. Es gibt eben die verschiedensten Zwischenstufen von der völligen autokratischen psychischen Einheit des normalen Menschen bis zur förmlichen pathologischen Zersplitterung und weitestgehenden Emanzipation einzelner Gehirnpartien.

Von historischer Bedeutung ist, daß zahlreiche große Männer gelegentlich Halluzinationen des Unterbewußtseins hatten und sich durch dieselben in ihren Handlungen bestimmen ließen. Attila soll auf seinem Zuge gegen Rom durch die Erscheinung eines alten Priesters, welcher ihn mit gezogenem Schwerte mit dem Tode bedrohte, bestimmt worden sein, umzukehren. Nach Thierry sah Napoleon bei wichtigen Gelegenheiten einen glänzenden Stern, auf den er vertraute. Luther soll bekanntlich nach dem Teufel mit dem Tintenfaß geworfen haben. Nachts disputierte er nicht selten


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mit dem Teufel. Die großen Religionsstifter, wie Buddha, Mohammed, zahlreiche Heilige und Büßer der verschiedensten Religionen hatten Halluzinationen des Unterbewußtseins, so daß man mit Recht geradezu von einer weltgeschichtlichen Bedeutung der Halluzination sprechen kann.

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Nach dem früher Mitgeteilten sind offenbar die häufig gebrauchten Ausdrücke, "das Unterbewußtsein" ("das Unbewußte"), bei mir nicht recht zutreffend. Abgesehen davon, daß eine scharfe Abgrenzung überhaupt nicht möglich ist, handelt es sich bei mir um keine reine Einheit, die dem "Oberbewußtsein" gegenübergestellt werden könnte, sondern das Unterbewußtsein hat sich bis zu einem gewissen Grade in eine Anzahl von Teilwesen, ein jedes mit einem Sondergedächtnis und Sonderbestreben, gespalten. Aus bereits erwähnten sowie später zu erörternden Gründen besteht bei den Zentren des Unterbewußtseins eines jeden Menschen, obwohl es zu eigentlichen Personifikationen nicht kommt, zweifellos wenigstens die Tendenz zur Parteibildung, Personifizierung und Individualisierung überhaupt, indem eben die intelligenteren oder stärker entwickelten oder sonstwie günstiger situierten Zellen und Zellkomplexe die Oberhand zu gewinnen und je nach ihrer physischen und psychischen Daseinsform, je nach ihrer Stellung im System des Organismus, die andern und auch das bewußte Ich zu beeinflussen, ja unter Umständen sogar zu tyrannisieren suchen und auf die Bildung von selbständigen Wesen hinzielen. Der normale Mensch, der fast kein Innenleben führt, merkt für gewöhnlich freilich nicht viel davon, besonders da er sie bei seinem autokratischen Regimente nicht zum Sprechen kommen läßt. Die Zentren des Unterbewußtseins haben aber offenbar genügend freie Zeit und selbst beim Nachdenken des bewußten Ich sind nicht alle und namentlich nicht alle in gleicher Weise in Anspruch genommen, so daß sie sich immer wieder ihren Sonderideen und Sonderbestrebungen widmen können, besonders aber, wenn man sich zwanglos seinen Gedanken und Träumereien überläßt. Die Sachlage ist offenbar eine ähnliche wie bei den rein physischen Funktionen, die der Mensch verrichtet. Auch hier sind stets nur einzelne Teile in Tätigkeit, während die übrigen Organe ruhen oder in ihrer Art weiterarbeiten, bis man sie wieder in Anspruch nimmt.


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Da ich, um einen tieferen Einblick in das Wesen der Magie zu erlangen und den längst gesuchten wissenschaftlichen Angriffspunkt auf diesem Gebiete zu gewinnen, durch Jahre hindurch weniger Magie des bewußten Ich trieb, als vielmehr das Unterbewußtsein selbständig tätig sein und sich entwickeln ließ, so daß sich bei mir förmliche Personifikationen ausbildeten, muß ich vorläufig mit denselben als gegebener Tatsache rechnen. Freilich bringt das verschiedene Unannehmlichkeiten mit sich, anderseits aber habe ich den Vorteil, das höhere Maß von Einsicht und Kenntnissen, die sie in ihrem Spezialgebiete besitzen, sowie ihre größere Macht auf einzelne Körperteile in meinem Interesse und demjenigen des gesamten Organismus benützen zu können. Mit intelligenten Personifikationen, die (innerlich) reden gelernt haben, kann ich mich eben besser (weil vermittelst der Sprache) verständigen, als mit einem "Unterbewußtsein" schlechtweg, wie es beim normalen Menschen vorliegt, der sich mit demselben nur vermittelst unbestimmten Fühlens in Verbindung setzen kann.

Außerdem bietet die weitere Ausbildung derartiger Personifikationen noch besondere Vorteile. Dadurch, daß die Personifikation "Kind" bei mir einen größeren Einfluß erlangt hat, ist nicht bloß mein Interesse für naives, kindliches Benehmen, für Kinderspiele, ja sogar für Kinderspielzeug gestiegen sondern auch für kindlichen Frohsinn und harmlose Herzensfreude, was auf den ganzen Organismus erfrischend und verjüngend wirkt und über manche Sorge des immer mehr mit dem Verstande arbeitenden, alternden Menschen hinwegsetzt. Analog wirkt auch eine Anzahl anderer Personifikationen günstig bei mir. So hat z.B. mein Interesse und Verständnis für Kunst zweifellos bedeutend zugenommen. Besonders bemerkenswert und charakteristisch für die weitgehende Spaltung in meinem Innern ist dabei die Tatsache, daß, während mein Interesse für Kunst früher nur sehr gering war, namentlich für diejenige des Altertums und Mittelalters, einzelne meiner Personifikationen sich gerade für letztere leidenschaftlich interessierten und immer wieder dazu drängten, mich mit ihr zu beschäftigen.

Unsere gegenwärtigen Ansichten über das Unterbewußtsein sind vielfach durchaus unzutreffend und zu geringschätzig. Man kennt es meist nur aus Träumen, in welchen tatsächlich in der Regel aller möglicher Unsinn produziert wird, den man nachträglich ausschließlich auf Kosten des Unterbewußtseins setzt. Das bewußte Ich war aber offenbar bei derartigen Träumen gerade so hilflos


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und ungeschickt wie das Unterbewußtsein, weil eben beiden ein großer Teil von Assoziationen infolge des Schlafens ausgedehnterer Gehirnpartien unmöglich war. Vielleicht wird man einwenden, daß die Träume immerhin ein gewisses Mittel zum Studium des Unterbewußtseins bieten, weil es bei Träumen besonders lebhaft tätig ist. Tatsächlich träumt mir aber trotz meines außerordentlich hoch entwickelten Unterbewußtseins im allgemeinen genau der gleiche Unsinn wie bei einem normalen Menschen. Wenn es bei Somnambulen oder bei hervorragenden spiritistischen Trancemedien, ferner in den S. 76 erwähnten Fällen besondere Leistungen unabhängig und ohne Wissen des bewußten Ich vollbringt, so sind das Ausnahmen, in welchen logische und planmäßige Assoziationen, aber nur auf beschränktem Spezialgebiete, für einzelne Zentren, die dabei die Führung übernehmen, möglich sind. Die normale Weiterbildung des gesamten Unterbewußtseins und das Studium desselben muß für gewöhnlich vom bewußten Ich des betreffenden Menschen selber ausgehen, also im wachen Zustande erfolgen. Selbstverständlich will ich aber damit keineswegs die Bedeutung des Studiums des Traumlebens für die Psychologie überhaupt bestreiten*.

Da ich aus den vorher erwähnten Gründen mein Unterbewußtsein und viele meiner Personifikationen hoch schätzen lernte, schreite ich gegen ihre Tätigkeit in der Regel nur dann ein, wenn sie zu lebhaft wird und z.B. ihre Vorstellungen sich mir gewaltsam aufzudrängen beginnen und zu Zwangsvorstellungen zu werden drohen, oder wenn unmoralische oder gemeingefährliche, die Einheit meiner Persönlichkeit bedrohende Tendenzen auftreten; denn nicht bloß der bewußte Mensch kann Veränderungen durchlaufen und schließlich entarten und verkommen, sondern auch ausgedehnte Partien des Unterbewußtseins, so daß sich, wie ich glaube, der Individualpsychologie des Menschen und der Völkerpsychologie, die bekanntlich verschiedene Parallelen aufweisen, bei eingehendem Studium eine analoge Psychologie einzelner Gehirnzentren und Personifikationen zur Seite stellen ließe.

Ein Einschreiten ist ferner häufig erforderlich, weil sich in unserm Körper zahlreiche minderwertige Organe und Betriebe finden und die

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* Ein Verfahren, im halbwachen (schlaftrunkenen) Zustande zu beobachten, wurde von Herbert Silberer angegeben. (Jahrb. f. psychoanalyt. u. psycho-pathol. Forschungen 1909, Bd. 1, S. 513 ff. u. 1910, Bd. 11, S. 541 ff.)


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denselben vorstehenden oder wenigstens nahestehenden Zentren in der Hirnrinde ebenfalls Ausgangspunkt oft sehr bedenklicher Personifikationen werden können, so daß wahre Lausbuben und direkt teuflische Wesen entstehen. Man darf als Seitenstück zu Goethes Versen:

"Wär' nicht das Auge sonnenhaft,
die Sonne könnt' es nie erblicken.
Läg' nicht in uns des Gottes eigene Kraft,
Wie könnt' uns Göttliches entzücken?"
sagen: "Wäre nicht etwas Teuflisches in uns, wie könnten wir Teuflisches wahrnehmen und uns vor ihm entsetzen?"

Die entsprechenden Personifikationen sind in ihrer Art und auf ihrem Gebiete ebenfalls oft durchaus intelligent, aber ohne tieferes Verständnis und Interesse für das Gesamtwohl des Organismus. Sie suchen alles Schlimme, das ihnen einfällt oder das sie von außen her, z.B. wenn ich eine Zeitung lese, erfahren, sofort nachzumachen. Sie haben eine besondere Feinfühligkeit auf schlimmem Gebiete und es gewährt ihnen bei ihrem beschränkten Gesichtskreis, indem offenbar dadurch ihre spezifischen Nerven angenehm erregt werden, nur zu leicht Genuß und Vergnügen, gemeinschädlich zu handeln. Bekannt sind die heftigen Kämpfe, welche die Heiligen und Büßer aller Religionen gegen Teufel und böse Geister führten. Auch ich könnte über die Bosheit, Hinterlist und den Hochmut derartiger kretinenhafter Teilwesen eine lange Leidensgeschichte erzählen. Nicht selten kam ich mir fast vor wie ein Weißer, der, unvorsichtig zu weit vordringend, unter die Wilden Afrikas geriet und rings umher von ihnen bedroht wird. Gar oft rief mir dann eine wohlbekannte innere Stimme (Bockfuß) zu: "Quälen ist Lust!" So manche nervöse Störung ist zweifellos auf Rechnung solcher entarteter Partialwesen zu setzen und es ist oft schwer, ihnen beizukommen, da sie sehr raffiniert sein können.

Daß aber trotzdem eine Personifikation, selbst wenn sie bedeutenden Einfluß auf meinen Körper, namentlich auf die Muskulatur bekam, mich nicht überwuchern konnte, ist begreiflich, weil sie bei mir nicht infolge von Geisteskrankheit entstand, sondern infolge jahrelanger körperlicher und geistiger Übung und Trainierung, und selbst im Falle unfreiwilliger Bildung gewissermaßen nur als Nebenwirkung beim Experimentieren, so daß ich ihr gegenüber dennoch die erforderliche allgemeine Erfahrung und Widerstandsfähigkeit bereits besaß, wenn sie sich in gemeingefährlicher Weise bemerkbar machte. Außerdem hat eine Personifikation, sobald sie, was nicht selten vorkommt,


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gewissermaßen als ein Konkurrenzunternehmen gegen mich auftreten will, sofort die ganze übrige körperliche und geistige Beschaffenheit meiner gesamten Persönlichkeit gegen sich. Gerade beim heftigsten Kampfe erfolgte darum oft mit einem Male die Aussage: "Du hast recht. Ich bin ja das gar nicht, was ich gern sein möchte. Ich habe mich getäuscht. Du mußt mich immer wieder daran erinnern", während unmittelbar vorher mir mit nervöser Erregtheit etwa zugerufen worden war: "Ich bin nicht du. Du bist mein Feind. Du hinderst mich auf Schritt und Tritt. Du gehst immer anderswo hin und tust etwas anderes, als was ich will. Du alter Trottel."

Wie leicht übrigens selbst anscheinend ganz harmlose Experimente mit dem Unterbewußtsein ausarten können, dafür bietet der Spiritismus zahlreiche Beispiele. In der bereits wiederholt zitierten Schrift* schreibt Seiling über diesbezügliche unliebsame Erfahrungen seiner Frau folgendes:

"Zu dieser nachgerade lästig gewordenen Komödie möchte ich noch bemerken, daß H. (d.h. Frau Helene Seiling) insofern eine Ausnahme unter den Schreibmedien zu sein scheint, als sie sich niemals selbst zum Schreiben abwartend hinsetzte, sondern stets eine unabweisbare Aufforderung erhielt, die bisweilen unter sehr unangenehmen und peinlichen Umständen an sie herantrat. Die Geister fuhren in sie und verlangten zu schreiben, ob sie mit einer dringenden häuslichen Arbeit beschäftigt oder in eine Lektüre vertieft war, ob sie sich bei Bekannten zu Besuch oder in einem öffentlichen Lokale (Theater, Konzert, Restauration) befand; auch im Bett wurde nicht selten am frühen Morgen und am späten Abend geschrieben. Gleich zu Beginn dieser Schreibperiode gerieten wir in einem Kaffeehause dadurch in große Verlegenheit, daß H. plötzlich dreimal heftig auf den Tisch schlug und dadurch die Aufmerksamkeit der Umgebung und namentlich der Bedienung in ungewöhnlicher Weise auf sich lenkte. Ich hatte alle Mühe, den Geist durch Zureden zu beruhigen und ihm begreiflich zu machen, daß er mit dem Schreiben warten möchte, bis wir wieder zu Hause wären. Daß er mich schließlich verstand, konnte ich aus H.s Handbewegungen ersehen. Später ging H. nie mehr ohne Papier und Bleistift aus."

An einer andern Stelle** heißt es über auftretende böse Geister: "Einer dieser 'Lümmel' (wie sich ein kleiner Geist ausdrückte) meldete

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* Meine Erfahrungen, S. 42 u. 43.

** S. 40.


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sich einmal in der Nacht, worauf H. den Versuch machte, ihm auf keine Weise zu willfahren. Zu diesem Zwecke legte sie sich mit übereinandergeschlagenen Armen auf den Leib um zu verhindern, daß der Geist ihre Arme freimache und die übrigen wilden Bewegungen ausführe. Über zwei Stunden hatte H., die schließlich in Schweiß ganz gebadet war, einen förmlichen Kampf mit diesem Geiste zu bestehen, der immer wieder den Versuch machte ihre Arme zu befreien."

Bei stark leidenschaftlichen Naturen, namentlich aber in gewissen Geisteskrankheiten kann ein einzelnes Zentrum oder auch eine Personifikation das bewußte Ich mehr oder weniger weitgehend beherrschen, es mehr oder weniger willensschwach und denkunfähig machen, indem es die Muskulatur und die zum Denken erforderlichen Assoziationsbahnen und -zentren gewissermaßen mit Beschlag belegt und in seinem einseitigen Sinne ausnützt.

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Wenn mehrere Zentren des Unterbewußtseins einen ungebührlichen Einfluß gewinnen, erfolgt eine Art Zersplitterung der Persönlichkeit, oder die einzelnen Personifikationen können in ihrer Herrschaft miteinander abwechseln.

Über einen interessanten diesbezüglichen Fall, den der Bostoner Arzt Morton Prince in seinem Buche "die Spaltung einer Persönlichkeit" beschrieb, berichten die "Psychischen Studien"*. Er betrifft eine Studentin Miß Christine L. Beauchamp:

Im Frühling 1898 kam dieselbe zu ihm und klagte über schwere nervöse Erscheinungen. Sie hatte sich ihren Studien mit großem Eifer hingegeben und war ganz dem Leben entfremdet und menschenscheu geworden. Sie litt stark an Kopfschmerzen und Schlaflosigkeit und zeigte die Merkmale einer mangelhaften Ernährung und starken Müdigkeit, so daß sie jede Bewegung in freier Luft und alle körperliche Tätigkeit vermied. Der Arzt bemerkte nun allmählich, daß nacheinander vier verschiedene "Persönlichkeiten" von dem Körper der jungen Dame Besitz ergriffen, wodurch sie schrecklichen seelischen Martern ausgesetzt war und in ihren Vorstellungen und Anschauungen völlig verwirrt wurde. Als er sie nämlich hypnotisierte, sprach ein anderes Wesen aus ihrem Munde, peinigte sie und äußerte sich in völlig anderer Weise, als es vorher die Studentin getan hatte. In diesem hypnotischen Zustande mehrten sich im April 1898 die Anzeichen,

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* 1910, S. 496. Leipzig, Oswald Mutze.


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daß noch ein drittes Wesen von dem Körper Besitz ergriffen habe. Es nannte sich "Sally" und hatte gegen die Studentin einen außerordentlichen Haß, nannte dieselbe "Stubenhockerin", die in dummen alten Büchern lese, sinnloses Zeug studiere und sich das Leben verbittere. Es hatte wieder eine andere Stimme, war sehr ungebildet, konnte nicht orthographisch schreiben und sprach fremde Wörter falsch aus. Es war eine unermüdliche Spaziergängerin. In den lichten Zwischenzeiten jammerte die Studentin, daß sie nicht mehr Herrin über ihre Seele sei und oft lange Zeit hindurch nicht wisse, was ihr Körper tue. Sie erfahre dann nachträglich, daß sie während dieser Zeit allerhand tolle Streiche gespielt habe, ihre Freunde auf das schamloseste anlüge und ihr Geld mit vollen Händen hinauswerfe. Manchmal fand sie sich beim Wiedereintreten des normalen Bewußtseins völlig erschöpft bis zum Umsinken durch einen langen Marsch, den "Sally" gemacht hatte, eine brennende Zigarette in der Hand, die "Sally" angesteckt hatte, die Börse völlig leer, für deren Inhalt "Sally" ein lukullisches Mahl eingenommen hatte. "Sally" schrieb, wenn sie von ihrem Körper Besitz ergriffen hatte, Briefe an die Studentin, die sie dann in ihrem bewußten Zustande auf dem Tische liegend fand. Sie wurde darin für eine Trottel und Muckerin erklärt und die tollen Streiche, die "Sally" ausgeführt hatte, wurden mit gehässigem Behagen bis in die Einzelheiten erzählt. Sogar Spinnen tat sie in das Briefkuvert der furchtsamen und nervösen Studentin und drohte ihr, sie würde sie mit Mäusen und Schlangen erschrecken. Im Jahre 1899 regte sich eine vierte Persönlichkeit, die in Form einer gesunden, energischen und kraftvollen Frau auftrat, die aber sehr zänkisch war und die "Sally" grimmig haßte. Die Kranke hatte darin furchtbare Anfälle, während deren die beiden gegensätzlichen Wesen in ihrer Seele schreckliche Kämpfe aufführten, einander beschimpften und den Körper stark entkräfteten. Zu dieser Zeit zeigte die Studentin in ihrem bewußten Zustande eine sonderbare religiöse Schwärmerei und wollte in ein Kloster gehen. Durch Suggestion erzielte der Arzt allmählich günstige Resultate bei der Kranken, so daß dieselbe seit dem Januar 1905 wieder in den ununterbrochenen Besitz ihres Bewußtseins gelangte, auch keine Halluzinationen mehr hat und sich physisch wie geistig in guter Verfassung befindet.

Bei dieser Studentin waren also außer dem bewußten Ich noch drei Partien des Unterbewußtseins besonders lebhaft tätig und einflußreich geworden. Damit wäre aber die Sache nach meiner Ansicht, wenn sie sich nicht in ärztliche Behandlung begeben hätte, noch nicht zum Stillstand


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gekommen, denn die zuletzt angeführte Mitteilung, daß zur Zeit der Ausbildung der vierten Persönlichkeit die Studentin eine sonderbare religiöse Schwärmerei zeigte und in ein Kloster gehen wollte, beweist, daß mit dem stärkeren Erwachen der religiösen Gefühle sich eine fünfte und zwar eine religiöse gebildet hätte. Man sollte nun meinen, daß schließlich auf diesem Wege eine allgemeine Zersplitterung und Degeneration eintreten müßte. Das folgt jedoch nicht notwendig. Die dritte Persönlichkeit (Sally) und die vierte bekämpften sich gegenseitig auf das bitterste. Wenn das auch für die Studentin höchst anstrengend war, so hoben sich doch die Wirkungen der beiden zweifellos wenigstens zum Teil auf. Ferner bilden sich alsdann nach meinen Erfahrungen an mir selber allmählich auch Personifikationen, welche die eigentliche Person, die schließlich doch die gesamte körperliche und geistige Beschaffenheit, also die Wirklichkeit auf ihrer Seite hat, direkt schützen und verteidigen, allerdings in ihrer einseitigen Art. Man nähert sich, wie das bei mir gegenwärtig der Fall ist, einem Zustande, der zwar noch nicht ideal ist, da er als allgemeine Nervosität bezeichnet werden muß, der aber nicht mehr gefährlich ist, weit kein Zentrum des Unterbewußtseins mehr eine solche Macht besitzt, daß es das Ganze ernstlich bedrohen könnte.

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In der eben erwähnten Abhandlung über die amerikanische Studentin ist der Ausdruck "Persönlichkeit" statt meines Ausdrucks "Personifikation" gewählt. Auffallend ist dabei, daß die Personifikationen, also z.B. die "Sally" als gleichwertig mit der eigentlichen und wirklichen Persönlichkeit, nämlich der Studentin, betrachtet werden. Ich kann dieser Anschauung nicht beistimmen.

Bei einem normalen und gesunden Menschen liegt der Begriff der Persönlichkeit vollkommen klar. Bei ihm ist das bewußte Ich im Besitze der wichtigsten körperlichen und geistigen Kräfte. Wenn nun aber bei der Studentin mit dem Auftreten der "Sally" nicht bloß das Bewußtsein schwand und das bewußte Ich, ähnlich wie im normalen Schlafe des normalen Menschen, seine Tätigkeit einstellte, sondern die "Sally" sogar spazieren gehen, lesen, Briefe schreiben, eine reichliche Mahlzeit einnehmen und Geld dafür ausgeben konnte, hatte offenbar dieses neue Wesen einen guten Teil der körperlichen und geistigen Kräfte, einen guten Teil der wichtigsten Assoziationsbahnen und Zentren sozusagen mit Beschlag belegt, und es scheint allerdings, daß man in diesem Falle mit einer gewissen Berechtigung von einer andern


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"Persönlichkeit" sprechen könne. Das ist aber nicht richtig, obwohl es allerdings bei der amerikanischen Studentin nicht ganz evident liegt. Ganz deutlich folgt es aber aus meinen eigenen Beobachtungen an mir selber.

Bei mir spielt, wie bereits erwähnt, die Personifikation "Kind" eine große Rolle. Wenn dieselbe nun, ähnlich wie die "Sally" bei der Studentin, einen übergroßen Einfluß gewinnen und im Zustande meiner Bewußtlosigkeit gewissermaßen von meinem Körper Besitz ergreifen und als zweite Persönlichkeit herrschen würde, so wäre diese sogenannte zweite Persönlichkeit nichts weiter als Humbug, denn die ganze Körpergestalt eines 56jährigen Mannes, namentlich aber meine stark ergrauten Haare würden dem "Kinde" schlecht anstehen. Und wenn gar die Personifikation "Mädchen" in ähnlicher Weise aufträte! Selbst wenn dieselbe während meines bewußtlosen Zustandes meine Hosen ausziehen und dafür Frauenkleider anlegen und in meisterhafter Weise Frauenstimmen und -manieren nachahmen würde, so bliebe ich trotzdem eben ein Mann. Bei der Ueberwucherung einzelner psychischer Zentren zu solch scheinbaren Persönlichkeiten stellen sich denselben schließlich offenbar unüberwindliche Schwierigkeiten entgegen, so daß das bewußte Ich immer wieder aufkommt, wenn nicht andere Ursachen z.B. regelrechte Geisteskrankheit dieses verhindern. Die Frage der zweiten Persönlichkeit scheint mir etwa so zu liegen, wie wenn bei einem Kampfe zwischen zwei Gegnern der eine eine freie Position auf einem hohen Hügel und damit einen Überblick über die ganze reale Sachlage besitzt, während der Gegner von einem Seitenwinkel aus eine Anzahl Straßenzüge zum Schaden des Gemeinwohls beherrscht. Vielfach handelt es sich übrigens bei den Personifikationen nur um die allerdings exzessive Ausübung einfacherer alltäglicher Funktionen, wie Essen, Trinken, Spazierengehen, für welche sich wegen der damit verbundenen angenehmen Gefühle ohnehin ein großer Teil anderweitiger Zentren interessiert und welche von Jugend auf schon erlernt sind. Die Leiden der Studentin und das Auftreten der Personifikationen und eventuell die Gefahr einer Geisteskrankheit wurden nicht so sehr durch die auftretenden Personifikationen als vielmehr durch unrichtige Lebensweise und geistige Überanstrengung verursacht, wenn ich auch nicht bestreiten will, daß die Personifikationen das Unheil noch vergrößerten. Darum verschwanden mit der Beseitigung der Ursachen und Vermeidung der Überanstrengung allmählich auch ihre Folgen.

Es ist also offenbar nicht angängig zwei oder mehrere Persönlichkeiten im Menschen anzunehmen. Die Bildung von Personifikationen


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ist vielmehr etwas Pathologisches und Unnatürliches. Der Mensch besitzt darum natürlich auch nur eine einzige "Seele".

Trotzdem unterliegt es mir aber nach den magischen Erfahrungen an mir selber keinem Zweifel, daß Wille und Bewußtsein, die gesamte Geistestätigkeit und das menschliche Seelenleben überhaupt keineswegs eine so ideale Einheit darstellen als man gewöhnlich annimmt. Übrigens läßt das schon ein Vergleich mit dem menschlichen Körper vermuten, welcher für diesen Zweck als Substrat und Instrument der verschiedenen menschlichen Seelentätigkeiten betrachtet werden kann. In letzter Linie bildet derselbe auch eine strenge Einheit. Aber sein histologisches und anatomisches Studium offenbart eine wunderbare Detailorganisation und -Struktur. Die Hirnrinde allein enthält Milliarden gesetzmäßig angeordneter Nervenzellen und Tausende von Kilometern kunstvoll verlaufender Nervenleitungsbahnen. Die Muskeln sind gesetzmäßig im ganzen Körper verteilt und organisiert, mit Zentralen (Muskelzentren) in der Großhirnrinde. Auch die peripheren Organe der Sinnesfunktionen, wie des Sehens und Hörens, haben eine zweckmäßige Lage im Körper und sozusagen höhere Instanzen in der Hirnrinde. (Sehzentren, Hörzentren.*)

Kurz, überall herrscht Plan, Ordnung und Gesetz, überall findet sich Differenzierung und Detaillierung, überall gilt das Prinzip der Arbeitsteilung. Wie will man da bezweifeln, daß die höchsten und kompliziertesten, die rein geistigen Funktionen, ebenfalls streng organisiert, geordnet und lokalisiert sind, in dem Sinne, daß sie sich im allgemeinen in verschiedenen Hirnpartien, gewissermaßen Regierungsgebäuden, vollziehen und daß den betreffenden Zentren für psychische Detailfragen bestimmte, in diesem oder jenem Körperteil befindliche periphere Nervenkomplexe und Nervenendausbreitungen sowie sonstige untergeordnete Gebiete zur Verfügung stehen, daß also auch auf

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* Nach den neueren Forschungen von Exner, Kraepelin, Nissl, Otto Ranke u.a. dürften die Verhältnisse in der Hirnrinde allerdings vielfach verwickelter liegen, als man bisher meinte. Doch ändert das am Wesen meiner Auffassung nichts, denn auch diese Autoren nehmen an, daß z.B. die motorischen Zellen der Großhirnrinde, selbst wenn sie nicht im topographischen Sinne streng lokalisiert sein sollten (d.h. zu einem scharf umgrenzten "motorischen Zentrum" vereinigt, sondern in verschiedenen Partien der Großhirnrinde verteilt), dennoch untereinander durch Leitungen sowie infolge von Übung und Angewöhnung in näherer Beziehung zu einander stehen als Hirnelemente, welche spezifisch verschiedenen Funktionen dienen, selbst wenn sie örtlich unmittelbar benachbart und zwischen die ersteren eingestreut sind.


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rein psychischem Gebiete das Prinzip der Arbeitsteilung herrscht ?

Das bewußte Ich verrichtet daher z.B. beim Nachdenken nicht alle komplizierten psychischen Funktionen unmittelbar selber, sondern es stellt sich vielfach nur unter den Einfluß der Anregungen und psychischen Kräftewirkungen, welche von den verschiedenen durch das Thema in Tätigkeit versetzten psychischen Zentren ausgehen, ähnlich wie es sich auch beim scheinbar rein aktiven Betrachten der Außenwelt zum guten Teil nur unter den Einfluß der von den Augen bzw. den Sehzentren usw. zu ihm gelangenden Erregungen stellt.

Infolge des weitgehenden, häufig direkt pathologischen Einflusses einzelner Zentren und Personifikationen konnte ich immer wieder zur Evidenz beobachten, mit welch gewaltigen Anstrengungen dieselben, vielfach unter Aufbietung von Muskelkraft, kämpfen, um ihnen unangenehme Vorstellungen und Gefühle hinauszudrängen und ihre Wünsche und angenehmen Vorstellungen bei mir durchzusetzen und überhaupt ihre Stellung im Organismus zu verbessern und einflußreicher zu gestalten. Es ist also zweifellos eine gewisse Spaltung möglich, aber es handelt sich nicht um verschiedene selbständige Seelen und verschiedene Persönlichkeiten. Die Zellen und Zentren für das Hoheitsgefühl sind nicht zu vergleichen etwa mit der Zelle eines Protozoons. Diese stellt einen einheitlichen und unabhängigen, für sich selber existenzfähigen Organismus dar und ist auch psychisch eine selbständige und abgerundete Einheit, während die psychischen Zentren im Gehirn von vornherein etwas spezifisch Einseitiges an sich haben und z.B. diejenigen, an welche das Hoheitsgefühl gebunden ist, sich am wohlsten befinden, wenn sie zunächst ohne Rücksicht auf den Gesamtorganismus einseitig "hoheitlich" sich betätigen können.

Aber gerade wegen dieser einseitigen Ausbildung und der dadurch bewirkten umso stärkeren Abhängigkeit vom großen Ganzen in den letzten und höchsten Existenzbedingungen bleibt die letzte und höchste psychische Einheit immer wieder gewahrt, um so mehr als die ganze Körperstruktur, die geistige Veranlagung, Erziehung und Vorbildung von früher Jugend an, soziale Stellung und Beruf, die gesamte Außenwelt überhaupt, den Willen, das Bewußtsein und Denkvermögen des einzelnen Individuums notwendig immer wieder in bestimmte, engbegrenzte, gewissermaßen selbstverständliche Bahnen weisen, so daß stärkere psychische Spaltungen - abgesehen von planmäßiger Übung, wie ich sie unter V,3 beschreibe, im allgemeinen nur pathologischer Natur sind und der normale Mensch die Kompliziertheit des psychischen


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Getriebes in seinem Innern in der Regel gar nicht bemerkt, ähnlich wie er auch für gewöhnlich nichts wahrnimmt von der schon längst bekannten und anerkannten Kompliziertheit der physikalischen, chemischen und physiologischen Vorgänge in seinem Körper.

Gleichzeitig ergibt sich daraus, daß die Bedeutung der verschiedenen Zentren für die psychische Gesamtheit ganz außerordentlich verschieden ist und daß eben das bewußte Ich vor allem die psychischen Eigenschaften des Ganzen und die Eigenart der Persönlichkeit bestimmt.

Außerdem glaube ich, daß die Ansicht der mittelalterlichen Philosophen, der Sitz der Seele* sei, wenn auch nicht mit gleicher Kraft und gleicher Art der Tätigkeit, im ganzen Körper (nicht bloß in der Hirnrinde, modern ausgedrückt), ihre Berechtigung hat. Je mehr aber die einzelnen Zellen und Zentren nach der Peripherie zu gelegen sind, je einseitiger ihre Stellung im Gesamtorganismus ist, desto einseitiger und minderwertiger, desto mehr mechanisch und physisch, maschinen- und arbeitermäßig sind im allgemeinen die ihnen im Organismus zugewiesenen Funktionen, desto weniger haben sie die Möglichkeit höherer geistiger Tätigkeit und Entwicklung und desto geringer ist ihr psychischer Einfluß - bei verschiedenen Menschen allerdings sehr verschieden - auf den psychischen Gesamtzustand. Mit dieser meiner Auffassung des Organismus als Zellenstaat, als Komplex von (allerdings physisch und psychisch sehr ungleich gestellten und durchaus einseitig entwickelten) Lebewesen, stimmen die Ergebnisse der neueren Forschungen, namentlich Verworns und seiner Schüler überein, aus welchen folgt, daß selbst die Nervenfasern, die man bisher als reine Leitungsbahnen, gewissermaßen als bloße Telegraphendrähte, betrachtete, alle Eigenschaften des Lebens besitzen, indem sie ermüdbar, erstickbar, narkotisierbar sind, Sauerstoff verbrauchen und Kohlensäure produzieren und nach dem Durchschneiden wieder zu verwachsen suchen.

 

2. Magische Leistungen des Unterbewußtseins, insbesondere Genialität desselben.

 
Im III. Abschnitt habe ich auseinandergesetzt, wie ich das magische Schreiben erlernte. Ich ließ dabei, wie es jeder andere wissenschaftliche Beobachter zunächst auch tun müßte, die Frage offen, ob es sich

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* Vergl. Gutberlet: Der Kampf um die Seele. V. Vortrag: Über den Sitz der Seele. Mainz. Kirchheims Verlag.


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um die Mitwirkung von Geistern handle oder nicht. Beim rein spiritistischen Schreiben besteht der Unterschied darin, daß man ganz von der Überzeugung ausgeht, daß Geister ins Spiel treten werden und man erregt mit dem Bleistift in der Hand und mit dem lebhaften Wunsche und Gedanken, es möchten Geister kommen und schreiben, unwillkürlich die Zentren und Hirngebiete, welche die Vorstellung von Geistern vermitteln, bis es denselben mehr oder weniger gut gelingt, die Hand zu gebrauchen und sich zu äußern, verhält sich also beim Schreiben selber mehr passiv und abwartend, während die betreffenden Partien des Unterbewußtseins größere Selbständigkeit erlangen. Auch in diesem Falle spürt man beim näheren Achtgeben ganz deutlich, wie der Energiestrom allmählich immer stärker in die Hand geht. Nur besorgen diesmal das Innervieren die "Geister".

Nach diesem Prinzip kann man natürlich nicht bloß eine "Geisterschrift" erhalten, sondern auch beliebig anderes z.B. Erscheinungen von Geistern, Klopflaute, Bewegung von Gegenständen. Die sichtbaren und photographierbaren Geisterphantome der Spiritisten sind darum nach meiner Auffassung nichts weiter als reelle, vom Unterbewußtsein ausgehende Halluzinationen, und die Klopflaute, die Bewegung von Gegenständen werden vom Unterbewußtsein durch Fernwirkung (vor allem durch Aussendung von motorischer Energie) vermittelst der eigenen Hände des "Mediums" (und eventuell auch der Sitzungsteilnehmer) hervorgebracht und selbst wenn die Phantome sprechen, sich bewegen und fühlbar werden, ist das nichts weiter als eine kunstvolle, einheitlich gestaltete Kombination von reellen optischen, akustischen und sonstigen Halluzinationen, einigermaßen vergleichbar mit den kombinierten Vorführungen eines Kinematographen und Grammophons. Vermittelst der letzteren Kombination kann man bekanntlich eine bestimmte Person optisch und akustisch d.h. sichtbar sich bewegend, gestikulierend, handelnd und gleichzeitig mit ihrer eigenen, charakteristischen Stimme sprechend vorführen. Nur gelingt eine solche Kombination vermittelst des einheitlichen menschlichen Universalapparates den genial veranlagten spiritistischen Medien (oder vielmehr deren Unterbewußtsein) in noch viel einheitlicherer, präziserer und daher um so täuschenderer Weise* wie folgende von Crookes und Richet berichtete Phänomene zeigen:

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* in neuerer Zeit hat Edison bekanntlich einen Apparat "Kinetophon" konstruiert, bei welchem ein streng synchronistisches Zusammenwirken von Kinematograph und Grammophon stattfindet. Würde es dabei noch gelingen, die optischen Figuren statt auf der Leinwandfläche auf freier Bühne dreidimensional und in den natürlichen Farben auftreten zu lassen, so wäre das Problem der Geistererscheinung rein physikalisch ziemlich genau gelöst.


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Crookes hatte anfangs der siebziger Jahre längere Zeit Gelegenheit, mit dem berühmten sechzehnjährigen Medium Miß Florence Cook zu experimentieren. Während der Sitzungen erschien ein (photographierbares) Phantom, das sich Katie King nannte, behauptete im Leben Anni Morgan geheißen zu haben und 21 Jahre alt vor mehr als 200 Jahren gestorben zu sein. Das Phantom war von wunderbarer Schönheit, nachdem es die ersten Phasen seiner Bildung überwunden hatte. Es sprach, scherzte, lachte mit den Anwesenden, gestikulierte, mit der rechten Hand nach Art der orientalischen Frauen und begleitete seine Worte mit graziösen Kopfbewegungen.

Im Jahre 1905 wohnte Richet in der Villa des Generals Noël in Algier vielen Materialisationssitzungen des Mediums Mlle. Marthe bei, der Verlobten des in Afrika gestorbenen Sohnes des Generals. Das Phantom nannte sich Bien Boa. Die Gestalt war groß und ganz in Weiß gekleidet, mit einer Art Helm auf dem Kopfe. Den Mund und die untern Gesichtspartien bedeckte ein dichter schwarzer Bart. Sein Körper war fest und von einer gewissen Muskelstärke und besaß alle Eigenschaften des Lebens. Man hörte das Geräusch seiner Schritte, seine Atmung und seine Stimme. Seine Hand war wohlgebildet, warm und beweglich.

Die Zentren des Unterbewußtseins können also in ähnlicher Weise Magie treiben, wie ich es im IV. Abschnitt vom bewußten Ich schilderte.

Das bewußte Ich merkt dabei, selbst wenn es vollständig wach bleibt, namentlich bei geringeren Leistungen, in der Regel gar nicht, daß von seinem Körper Gebrauch gemacht wird, im Gegenteil bekommt der Unerfahrene auch hier, wie bei der früher erwähnten "inneren Stimme", meistens den Eindruck, als ob es sich um völlig fremde Wesen handle. Es macht aber nur den Zuschauer und Beobachter des vom Unterbewußtsein in Szene gesetzten Spieles, im Gegensatz zu den nach S. 40 ff. von ihm selber hervorgebrachten Halluzinationen. Bei den subjektiven akustischen Halluzinationen des Unterbewußtseins z.B. ist also der Vorgang der, daß die Erregung der peripheren akustischen Gebiete, speziell des Trommelfells, von Zentren des Unterbewußtseins ausgeht (l. Stadium), daß sie aber bei ihrem Zurücklaufen


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(vergl. S. 40 ff.) nicht bloß von diesen, sondern auch vom bewußten Ich empfunden wird (II. Stadium).



das bewußte Ich empfängt im II. Stadium die akustische Erregung in genau der gleichen Weise vom Trommelfell her, wie wenn eine außenbefindliche wirkliche Person zu ihm sprechen würde. Ein geistig gesunder und vorurteilsfreier Mensch wird sich allerdings bei näherer Prüfung z.B. vermittelst des Gesichtsinnes, durch Tasten oder auch vermittelst vernünftiger Überlegung leicht überzeugen, daß niemand neben ihm steht, der sprechen könnte, daß also eine Halluzination vorliegt. Einem Spiritisten aber, der unter Hintansetzung eines obersten wissenschaftlichen Grundsatzes, daß außerordentliche Erklärungsmittel (in diesem Falle "Geister") erst dann herbeigezogen werden dürfen, wenn die normalen und natürlichen nicht ausreichen, versagen die gewöhnlichen Kontrollmittel zum größten Teil, weil eben Geister im allgemeinen nicht sichtbar oder fühlbar sind.

Nach dem Obigen wird es auch verständlich, daß bei Spukerscheinungen (S. 103) das Medium sich oft selber als solches nicht erkennt und darum erst ermittelt werden muß, ferner daß Geisteskranke dauernd alle möglichen vom Unterbewußtsein ausgehende Halluzinationen mit der Wirklichkeit verwechseln.

Wenn darum ein bekannter deutscher Gelehrter über den Spiritismus spottend sagt: "Angenommen, mit all diesem Unsinn und noch vielem andern habe es seine Richtigkeit, dann würde die Welt, die uns umgibt, eigentlich aus zwei völlig verschiedenen Welten zusammengesetzt sein. Die eine ist die Welt eines Kopernikus, Galilei, Newton, eines Leibniz und Kant, jenes Universum ewig unveränderlicher Gesetze, in dem das Kleinste wie das Größte harmonisch dem Ganzen sich einfügt. Neben dieser Welt . . . . nun würde es aber noch eine kleine Welt geben, eine Welt der Hutzelmännchen und Klopfgeister, der Hexen und magnetischen Medien, und in dieser kleinen Welt wäre alles, was in jener großen und erhabenen Welt geschieht, auf den Kopf


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gestellt, alle sonst unabänderlichen Gesetze zum Nutzen höchst gewöhnlicher, meist hysterischer Personen gelegentlich außer Gebrauch gesetzt", so erwidere ich darauf: "es gibt trotzdem eine kleine Welt der Hutzelmännchen. Diese Welt gehorcht ebenso strengen, wenn auch bis jetzt nicht näher studierten Gesetzen, wie die große Welt, aber die Hutzelmännchen - warum mit der Erklärung in die Ferne schweifen, wenn das Gute so nah - sind unsere Nachbarn im eigenen Gehirn."

Nach dem Mitgeteilten gestatten nun offenbar meine Theorien der Halluzinationen und des Unterbewußtseins sowohl die Vorstellungen des normalen Menschen, die gelegentlichen Halluzinationen Gesunder und die Zwangshalluzinationen von Geisteskranken als auch die spiritistischen Phantome und Geistererscheinungen unter völlig einheitlichen Gesichtspunkten aufzufassen. Auch meine im III. Kapitel beschriebenen unfreiwilligen Erlebnisse erklären sich damit ohne weiteres als Produkte der halluzinatorischen Tätigkeit besonders stark erregter Zentren meines Unterbewußtseins.

Voraussetzung für das Eintreten bedeutender Phänomene ist selbstverständlich, daß man hierzu besondere Anlage besitzt, daß man, wie die Spiritisten sich ausdrücken, ein "Medium" ist, denn sonst wird man auch bei größtem Fleiße nicht viel erreichen, ähnlich wie einer nur wirklicher Künstler z.B. in der Musik wird, wenn er dazu veranlagt ist.

Einmal verlangte von mir eine innere Stimme meine Hand gebrauchen zu dürfen, um das Zeichnen zu erlernen. Es sei nichts weiter nötig, als daß ich den Bleistift in die Hand nehme und ihn durch das sich meldende Wesen führen lasse. Der Künstler sei es selber. Es sei Genie auf diesem Gebiete. Wer die spiritistische Literatur kennt, weiß, daß tatsächlich unter den "Geistern" sich solche Künstler fanden.

Besonders berühmt war in dieser Beziehung der Geisterzeichner Anderson in New York. Derselbe verstand an sich vom Zeichnen nichts, war aber "von Geistern berühmter Maler inspiriert", so daß er innerhalb kürzester Zeit unter ihrem Einflusse künstlerische Porträte herstellte. Als ihn Robert Dale Owen im Jahre 1867 besuchte, brachte er ihm einen großen Bogen Zeichenpapier. Owen riß an zwei Ecken zur Wiedererkennung des Bogens unregelmäßige Stücke ab, worauf sich Anderson in ein anderes Zimmer zurückzog. Genau nach 28 Minuten kehrte er mit dem Zeichenbogen wieder zurück. Auf demselben war jetzt ein weiblicher Kopf mit Büste in Lebensgröße gezeichnet, im


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allgemeinen Umriß und Ausdruck einer jungen englischen Dame ähnlich, die dem Owen sehr teuer gewesen, aber schon anfangs der dreißiger Jahre verstorben war und sich im Jahre 1856 zu Neapel als sein Schutzgeist ankündigte. Als Schmuck erschien an der untern Spitze des sich vorne öffnenden Kleides zum Erstaunen Owens ihre Lieblingsblume. Owen hatte aber nicht die geringste Anspielung auf diese Dame gemacht. Als er das Porträt dem Künstler Carpenter zeigte, erklärte dieser, ein guter Zeichner würde ein bis zwei Tage, wohl auch länger hierfür nötig haben, wenn er auf seine eigenen Mittel beschränkt wäre.

Trotzdem macht eine rein natürliche Erklärung kaum Schwierigkeiten: Es gibt in unserm Gehirn Zentren, die wichtige optische Aufgaben zu erfüllen haben und daher in ihrem Spezialgebiete an Feinfühligkeit das bewußte Ich weit übertreffen. Sie könnten darum auch an sich in optischen Dingen, in Fragen des Formen- und Farbensinnes, in optischen künstlerischen Vorstellungen weit mehr leisten als der bewußte Mensch, sind aber für gewöhnlich nicht imstande sich zu äußern und selbständig aufzutreten. Wenn ihnen das jedoch ermöglicht wird, entsteht Genialität des Unterbewußtseins z.B. im Zeichnen. Außerdem ist aber auch der Fall denkbar, daß zwar das bewußte Ich infolge physischer, psycho-physischer oder psychischer Hindernisse nicht imstande ist, derartige an sich vorhandene, künstlerische Zentren und Fähigkeiten zu gebrauchen, wohl aber gewisse Zentren im Unterbewußtsein, für welche solche Hindernisse beim betreffenden Menschen nicht vorliegen. Dann muß eben das bewußte Ich den magischen Umweg über diese Zentren einschlagen, wenn es diese Fähigkeiten ausnützen will.

Bei der erwähnten Zeichnung Andersons kompliziert sich allerdings die Sache dadurch, daß gleichzeitig eine Wirkung vom Unterbewußtsein Owens auf dasjenige Andersons (speziell auf die künstlerischen Zentren im Unterbewußtsein desselben) erfolgte, so daß gerade die dem Owen teure Dame mit ihrer Lieblingsblume abgebildet wurde. Doch erklärt sich auch dieses aus dem im VI. Abschnitt darüber Mitgeteilten vollkommen natürlich. Auch der Umstand, daß die Zeichnung so außerordentlich rasch erfolgte, macht keine ernsten Schwierigkeiten. Ein Genie arbeitet eben ungemein viel schneller als selbst ein guter Künstler. Ein musikalisches Genie spielt manchmal ein unbekanntes Musikstück sofort direkt vom Blatte, während ein gewöhnlicher Musiker vielleicht längere Zeit zur Einübung desselben braucht.


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Gleichzeitig haben wir an Anderson ein interessantes Beispiel einer vom bewußten Ich völlig unabhängigen Genialität.

Das Geisterzeichnen hatte Anderson aber in folgender Weise erlernt: Als junger Mann setzte er sich in den Kopf unter allen Umständen ein Medium werden zu wollen. Zu diesem Zwecke schloß er sich jeden Tag um die bestimmte Stunde ein, harrte mit Papier und Bleistift in der Hand der Dinge, die da kommen würden und bat um die ersehnte Beeinflussung durch Geister. Nach 52 Sitzungen von je einer vollen Stunde spürte er endlich eine Bewegung des Bleistiftes und es entstanden nach und nach im Dunkeln* schöne Gesichter, wobei namentlich die Augen voller Ausdruck waren und sich als Porträte Verstorbener auswiesen.

Von einem zehnjährigen Mailänder Schulknaben Paul Schiapi las ich, daß er sich durch eine große Geschicklichkeit im Zeichnen und Modellieren bemerklich macht. Ohne jede Unterweisung und ohne jedes Hilfsmittel formt er u.a. mit freier Hand vorzüglich charakterisierte Tiertypen aus jedem beliebigen Stückchen Papier. Er ist das Kind einer armen Arbeiterfamilie und ganz einseitig mit staunenswerter Entwicklung des Formensinnes begabt.

Wie nun aber, wenn eine solche Fähigkeit, ähnlich wie bei Anderson, ganz im Unterbewußtsein ruht ohne sich äußern zu können? Man wird sagen, wenn der betreffende Mensch Zeichenunterricht erhält, muß diese verborgene Eigenschaft zum Vorschein kommen. Mag sein, allein ich bin überzeugt, daß das in vielen Fällen nicht zutrifft, daß alsdann die Mitwirkung des, bewußten Ich eher störend wirkt und daß es besser gewesen wäre, wenn die betreffende Person gerade wie Anderson sich zum Bleistifthalter degradiert und gewartet hätte, bis ihre künstlerischen Zentren im Unterbewußtsein zu zeichnen begonnen hätten. Ein Genie darf man eben bekanntlich nicht allzusehr bevormunden und, so füge ich noch hinzu, selbst wenn es ganz im

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* Der Ausdruck "Im Dunkeln" ist hier jedenfalls nicht im absoluten Sinne aufzufassen. Das spiritistische Dunkel ist in der Regel kein vollkommenes. Somnambule, Hypnotisierte sehen vielfach bei sehr schwacher Beleuchtung ausgezeichnet. Dies beruht auf einer Erweiterung der Augenpupillen, so daß größere Lichtmengen eindringen. An mir konnte ich eine solche oft beobachten, während anderseits nicht selten eine ganz abnorme Verengung erfolgte. Bekannt ist das große Erweiterungsvermögen bei mehr nächtlich lebenden Tieren, z.B. Katzen, Eulen usw. In völliger Dunkelheit sehen sie aber auch nicht.


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Unterbewußtsein liegt. Darum ist bei vielen großen spiritistischen Medien, wenn besonders hervorragende Leistungen geboten werden sollen, gerade der Übergang in den Zustand der Bewußtlosigkeit, in den Zustand der Hypnose oder des Trance erforderlich, in welchem die in Frage kommenden Zentren möglichst unabhängig tätig sein können*.

Bei mir ließen sich zweifellos zahlreiche latente Fähigkeiten entwickeln, bei welchen ich mich selber möglichst passiv verhalten müßte, namentlich auch zeichnerische. Die Gestalten, die ich öfters (meist in Form von Illusionen) sehe, sind in der Regel künstlerisch schön, oft wunderbar schön. Sie sind lebensvolle und interessante Kombinationen und Neuschöpfungen, nicht bloß rein schablonenhafte Reproduktionen von früher einmal Gesehenem, anderseits wieder künstlerisch raffiniert spöttisch und häßlich, so daß ich sie, der ich nicht zeichnen gelernt und auch keine Anlage hierzu besitze, absolut nicht etwa bewußt hervorbringen könnte. In meiner Jugend bekam ich zwar einige Zeit Zeichenunterricht, brachte es aber zu gar nichts, hatte auch keine Freude daran und gab darum die Sache wieder auf. Hätte ich aber, mit einem Blatt Papier auf dem Tische und mit dem Bleistift in der Hand, immer wieder kunstvolle Zeichnungen und Bilder betrachtend und mich in dieselben vertiefend und ähnliches zu produzieren wünschend, nach spiritistischer Art gewartet, dann wären vielleicht meine künstlerischen "Geister" hingerissen und angeeifert worden, den Bleistift regieren zu lernen, um dann nach Überwindung der kleinen Schwierigkeiten, welche das Lenken der Hand und des Bleistiftes erfordert, verhältnismäßig rasch künstlerische Zeichnungen zu liefern.

Was vom Zeichnen gilt, gilt auch von anderweitigen Fähigkeiten, namentlich künstlerischen z.B. von Musik, Dichtkunst, Tanz usw.

Fast ohne Zutun meinerseits erweiterte sich manchmal meine Brust und ich begann mit einer Stimme zu singen, die wesentlich schöner, voller und kräftiger war und wie ich sie bis dahin überhaupt nicht besessen hatte, so daß es meiner Mutter sofort auffiel. Meine Treffsicherheit steigerte sich dabei gleichzeitig ganz unverkennbar. Ferner hörte ich zeitweilig magisch singen. Ich brauchte nur zu horchen und alle störenden Gedanken fern zu halten.

Ich habe nie tanzen gelernt und verstehe auch nichts von dem tieferen Wesen desselben. Einige Zeit traten bei mir, da eben sozusagen alle Tiefen meines Innern aufgewühlt wurden, unverkennbare

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* Vergl. dazu S. 116.


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Anzeichen auf, daß ich an sich die Fähigkeiten zu einem "Tanzmedium" nach Art der bekannten "Traumtänzerin" Madeleine* in mir hätte. In der Nähe meiner damaligen Wohnung war ein Sommerkeller, in welchem nachts öfters Musikkonzerte stattfanden. Wenn ich mich allein im Garten befand und auf das gespannteste, mich selber dabei fast völlig vergessend, der Musik lauschte, dann begann mein Körper allmählich immer kunstvoller sich zu drehen und zu winden und zu biegen und die Hände führten dazu harmonische Gesten aus. Mein Körper schien allmählich zum musikalischen Instrumente zu werden und zu den verschiedenen Klangfiguren der Musik harmonische, plastische Figuren des Körpers darzustellen. Namentlich wurde auch das Mienenspiel bedeutend beeinflußt. Aber nicht bloß Tänze sondern auch andere Musikstücke begannen spezifische, künstlerische Bewegungen auszulösen. Dabei bereitete mir gleichzeitig das Aufhorchen auf die Musik ein Vergnügen, ja ich muß sagen eine Lust, wie ich sie bis dahin bei solcher Gelegenheit nicht kannte.

Über die Traumtänzerin Madeleine habe ich manches gelesen, auch Abbildungen ihrer künstlerischen Leistungen gesehen, doch hatte ich keine Gelegenheit sie persönlich zu beobachten, dafür aber eine andere Tänzerin, die zwar keine Somnambule war, über deren Leistungen dagegen in einer Zeitungskritik ungefähr folgendes berichtet wurde: "Wenn sie tanzt, kann man Musik sehen. Der Beschauer ist Zeuge davon, wie die durch Töne geweckten Empfindungen edle Gestalt gewinnen und sich in ausdrucksvoller Bewegung widerspiegeln. Die Künstlerin zeigte, wie vollkommen eine feinfühlende Seele in Musik aufgehen kann und welche Schönheit in dem Adel einer vollendeten Glieder- und Gebärdensprache liegt. Wahrhaft erquickend wirkte, wie der geschmeidige Körper allen Nuancen der Musik folgte." Freilich war ich nachher etwas enttäuscht, da das ganze Auftreten derselben viel mehr den Eindruck des künstlich Eingeübten und Theatralischen machte als den einer "Naturtänzerin" und Wachsomnambulen, wie ich sie mir auf Grund der Zeitungskritik und meiner eigenen Erfahrungen an mir selber vorgestellt hatte. Sehr unangenehm berührte es mich, daß sie öfters der Musik mit ihren Gesten vorauseilte, statt daß die Bewegungen als eine unmittelbare Wirkung und als ein Ausfluß der Musik erfolgten. Nur in drei Nummern, die sie offenbar selber als die besten betrachtete und sich

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* Siehe Dr. Freiherr von Schrenck-Notzing "Die Traumtänzerin Madeleine G." (Stuttgart 1904. Verlag v. Ferd. Enke.)


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darum auf die für eine Nachwirkung auf das Publikum günstigste Zeit verspart hatte, machte sie tatsächlich den Eindruck, den ich erwartete. Es waren die Schlußnummer der ersten Abteilung und die beiden letzten Nummern der zweiten (Schluß-)Abteilung.

Auch Versuche im Dichten wurden wiederholt von meinen Künstlern im Unterbewußtsein zu meiner Überraschung gemacht. Bei größter physischer Anstrengung sprach ich z.B. einmal, als ich nachts im Garten stand und namentlich meine Beinmuskeln so angespannt waren, daß ich wie am Boden festgewurzelt schien, ein Gedicht langsam versweise herunter, oder ich möchte vielmehr sagen, es wurde förmlich aus mir herausgepreßt. Seinem ganzen Inhalte nach konnte es keine Reproduktion eines längst vergessenen, früher einmal gelesenen Gedichtes sein. Ich war erstaunt über den unverkennbar dichterischen Geschmack, der in demselben lag, während ich selber nicht die geringste Anlage zum Dichten besitze. Ich hatte dabei das deutliche Gefühl, daß es erst gleichzeitig mit dem langsamen Heruntersagen gedichtet wurde. Besonders beachtenswert ist, daß bei mir offenbar, wenn die dichterischen Zentren zur Geltung kommen und frei in ihrer Art sich betätigen sollen, ganz bedeutende psychophysische Hindernisse zu überwinden und starke körperliche Anstrengungen aufzubieten sind, während dagegen bekanntlich vielen geborenen Genies manchmal die Verse ohne Nachdenken und natürlich auch ohne jede psychophysische Anstrengung ganz wie von selber kommen. Offenbar ist auch in diesen Fällen mehr das Unbewußte als das bewußte Ich der eigentliche Dichter.

Mit Recht hebt Seiling* hervor, daß bei Goethe die Niederschrift mancher Gedichte unter Umständen erfolgte, die an Schreibmediumschaft erinnern. Nachdem Goethe gegen Eckermann geäußert (März 1830), daß er die meisten seiner Balladen viele Jahre lang im Kopfe hatte, bis er sie endlich auf Betreiben Schillers zu Papier brachte, fuhr er fort: Zu andern Zeiten ging es mir mit meinen Gedichten gänzlich anders. Ich hatte davon vorher durchaus keine Eindrücke und keine Ahnung, sondern sie kamen plötzlich über mich und wollten augenblicklich gemacht sein, so daß ich sie auf der Stelle instinktmäßig und traumartig niederzuschreiben mich getrieben fühlte. In solchem nachtwandlerischen Zustande geschah es oft, daß ich einen ganz schief liegenden Bogen Papier vor mir hatte und daß ich dieses erst bemerkte, wenn alles geschrieben war oder wenn ich zum Weiterschreiben

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* Goethe und der Okkultismus. S. 19. Leipzig, Oswald Mutze.


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keinen Platz fand." Schon im Jahre 1778 schrieb Goethe an Merk: "Auch mach' ich manches in der Dumpfheit, das wohl oft das Beste ist." 1814 schreibt er von Knebel: "Mit Riemer lese ich jetzt, eine neue Ausgabe vorbereitend, Wilhelm Meister. Da ich dieses Werklein, sowie meine übrigen Sachen, als Nachtwandler geschrieben . . . ."

Wie sehr der Sänger und Dichter, bei welchen das Unterbewußtsein, wie bei genialen Menschen überhaupt, häufig eine größere Selbständigkeit besitzt, von ihm, ja sogar von seiner jeweiligen Stimmung abhängt, drückt Schiller in seinem Gedichte "Der Graf von Habsburg" so treffend aus mit den Worten:

"Nicht gebieten werd' ich dem Sänger, spricht
der Herrscher mit lächelndem Munde;
Er steht in des größeren Herren Pflicht,
Er gehorcht der gebietenden Stunde.
Wie in den Lüften der Sturmwind saust,
Man weiß nicht, von wannen er kommt und braust
wie der Quell aus verborgenen Tiefen,
So des Sängers Lied aus dem Innern schallt!"
Freilich gewöhnen sich Bewußtes und Unbewußtes meist so sehr an gemeinsames Zusammenarbeiten und ihre Tätigkeiten verschmelzen derart miteinander, daß die Kompliziertheit des Vorganges, namentlich bei den gewöhnlichen und alltäglichen Leistungen gar nicht mehr erkannt wird.

In den extremen Fällen ist aber der Unterschied ganz klar und es wird nach meiner Überzeugung eine wichtige Aufgabe der Zukunftsmagie sein, ähnlich wie bei Anderson und den spiritistischen Medien überhaupt, ferner bei der Traumtänzerin Madeleine und andern, ganz im Unterbewußtsein ruhende und für gewöhnlich völlig latente Genialitäten (oder wenigstens Talente) unabhängig vom Spiritismus zu entdecken und auszubilden. Ich möchte die Methoden, bei welchen man, ähnlich wie die Spiritisten, statt mit dem Oberbewußtsein zu beginnen, unmittelbar mit dem Unterbewußtsein anknüpft und dasselbe auf seinem Gebiete Herr sein läßt, allgemein als die magischen Methoden des Lernens bezeichnen, wenn es auch natürlich zwischen den gewöhnlichen und bisher fast allein gebräuchlichen Methoden des Lernens und den rein magischen je nach der verschiedenen Veranlagung der Menschen alle möglichen Übergänge gibt.


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Auch sonstige Ursachen und Mittel dienen zur vorübergehenden Steigerung der Nerventätigkeit, der Genialität der magischen Phänomene z.B. Hunger und Durst. Es ist bekannt, daß Hungernde und Durstende in der Wüste - abgesehen von einer rein physikalisch zu erklärenden Fata Morgana in der Nähe einer Oase - nicht selten Halluzinationen von Speisen und Getränken, von rauschenden Bächen, von wasserreichen Landschaften haben. Die Halluzinationen sind auch hier vielfach künstlerisch schön, beziehungsweise raffiniert angenehm schmeckend und duftend.

Selbst bei Krankheiten kann infolge von Überstrahlung der Nervenenergie nach S. 50 Genialität vorübergehend gesteigert oder sogar direkt hervorgerufen werden. Bei andauernder Krankheit kann sie andauernd eine pathologische sein. Darum wurde auch gelegentlich irrtümlicherweise vermutet, daß sie überhaupt etwas Pathologisches sei. In einem Berichte über die letzte Lebenszeit Schillers las ich einmal, daß man nicht begreifen könne, wie ein Sterbender eines der größten Dichterwerke aller Zeiten, die Wallensteintrilogie, so eigentlich dem Tode abgerungen habe, während eben tatsächlich nach meiner Ansicht die Leiden der Krankheit die dichterischen Zentren reizten und damit die Genialität steigerten.

Wenn beim Menschen stärkere psychische, psychophysische oder physische Umwälzungen vor sich gehen, werden natürlich ebenfalls oft verschiedene Zentren des Unterbewußtseins in Mitleidenschaft gezogen und entfalten besonders lebhafte Tätigkeit. Zur Zeit der eintretenden Pubertät eignen sich darum bekanntlich jugendliche Personen, namentlich junge Mädchen, häufig zu spiritistischen Medien. Es genügen alsdann wenige Versuche um überraschende Leistungen zu erzielen. Ja in manchen derartigen Fällen treten magische Phänomene von selber auf. Ein hiesiger, mir wohlbekannter Herr teilte mir mit, eine jugendliche Nichte von ihm brauchte nur ihre Hand auf einen Tisch zu legen, dann folgte derselbe ihr ohne weiteres Zutun und ohne weitere Übung im ganzen Zimmer herum. Diese Fähigkeit verlor aber das Mädchen später wieder. Die Spiritisten setzten vielfach große Hoffnungen auf solche Medien in der Erwartung, daß sie bei ihrem vielversprechenden Anfange sich zu besonderer Leistungsfähigkeit ausbilden lassen müßten. In den meisten Fällen erfolgte begreiflicherweise das Gegenteil. Derartige Medien werden von manchen Spiritisten unter völliger Verkennung der tatsächlichen Verhältnisse gelegentlich auch "Missionsmedien" genannt, indem sie glauben, daß dieselben vorübergehend


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die besondere Aufgabe zu erfüllen hätten, die Menschheit von der Realität einer Geisterwelt zu überzeugen.

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Auf ähnliche Ursachen wie die letzterwähnten Phänomene d.h. auf physische und psychische Störungen und Spannungen im Menschen sind die seit alten Zeiten gefürchteten Spukerscheinungen zurückzuführen. Nur einige Beispiele*:

In der Augsburger Abendzeitung berichtet der praktische Arzt Dr. Wolfram in Küps in Oberfranken über rätselhafte Vorgänge, die sich im Januar 1897 in Gegenwart der vierzehnjährigen Dienstmagd Barbara Röschlau ereigneten, zum größten Teil nach den Aussagen ihrer Dienstherrschaft - "ruhige und gesetzte Biederleute" -, zum kleinen Teil nach seinen eigenen Beobachtungen. Ganz schwere Gegenstände gerieten ins Wanken oder fielen um, leichte und mittelschwere flogen dem Mädchen nach. So geriet ein volles Bierfaß mit 20 Litern, das auf dem Fußboden stand, ins Wanken, ebenso eine volle Wasserbutte, die von der Bank gefallen wäre, wenn sie nicht die andere Magd noch erfaßt hätte. Ein großer Schweinefutterbottich, vielleicht fünfzig Kilogramm schwer mit Inhalt, fiel mehrmals um und wurde daher schließlich angenagelt. Während die Röschlau den steinernen Hausflur reinigte, flog ihr ein Kinderschlitten, der hinter der Stiege stand, um diese herum auf den Rücken usw.

In seinem Werke "Vorläufer des Spiritismus"** verzeichnet der russische Staatsrat Aksákow eine Anzahl von Spukphänomenen, die sich in den Jahren 1840 bis 1894 in Rußland zutrugen. Besonders ausführlich (S. 11 bis 220) werden die Ereignisse in dem Hause des Hauptmanns Shandatschenko geschildert. Dieselben besitzen eine besondere Beweiskraft, weil schließlich infolge einer auf magischem Wege verursachten Feuersbrunst das Gericht einschreiten und eine Reihe von Zeugen amtlich vernehmen mußte, deren Aussagen protokollarisch festgelegt sind. Ein anderer Fall (S. 221 bis 315) betrifft ebenfalls Erscheinungen bösartiger Natur, die in dem Landhause eines Herrn Schtschapoff auftraten. Das letzte Ereignis wird von dessen Frau folgendermaßen dargestellt: "Kaum hatte ich die Türe zum Flur geschlossen, als der ganze Erdboden plötzlich hinter mir zu erbeben begann, ein Lärm, und in demselben Augenblick kam aus dem Fußboden

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* Vergl. dazu die Anmerkung 2 auf S. 10.

** Leipzig, Oswald Mutze.


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mit einem eigenartigen Krache ein bläulicher Funke heraus, wie wir diese früher schon unter dem Waschschränkchen heraus aufsteigen gesehen haben. Ich wollte vor Schreck aufschreien, als ich auch schon in Flammen stand und das Bewußtsein verlor." Dabei ist es indes bemerkenswert, daß sie selbst nicht die geringste Brandwunde erlitt, obgleich sie vom Feuer fast ganz bedeckt und ihr sehr dünnes Kleid bis an die Knie verbrannt war, während ein ihr zu Hilfe eilender Mann, der mit seinen Händen löschen wollte, dieselben verbrannte, so daß er bedeutende Schmerzen empfand.

Aus meinen eigenen Erfahrungen möchte ich hier anfügen, daß einige Male sich ein paar Personifikationen unter schweren Drohungen bemühten meine Jagdpatronen, die sich in einem Kistchen befanden, zur Explosion zu bringen. Ich fühlte deutlich Energieausstrahlungen in der Richtung des Patronenkistchens, allmählich trat auch ein eigentümlich knisterndes Geräusch auf, so daß ich es, da Zureden und sonstige Mittel nichts halfen, für geraten fand, die Patronen längere Zeit in einem abgelegenen Winkel des Hauses aufzubewahren. Über verschiedene sonstige feindliche Demonstrationen gegen mich habe ich bereits im III. Kapitel berichtet.

S.26,28 und ebenso S.93 teilte ich mit, daß bei magischen Phänomenen des Unterbewußtseins das bewußte Ich oder auch fremde Personen häufig gar nicht merken und wissen, von wem dieselben ausgehen. So erklärt es sich, daß auch bei Spukphänomenen das Medium öfters ermittelt werden muß*, wie z.B. im folgenden Falle**, welcher im Gegensatz zu den vorher erwähnten harmlos verlief, wenn auch nicht gerade harmlos in gesundheitlicher Beziehung für das Medium:

Am 1. Januar des Jahres 1852 vernahm die Familie Sänger in Bergzabern in ihrem Hause ein Klopfen, ein Gehämmer, das anfangs sehr fern zu sein schien, später aber näher kam und stärker und heftiger wurde. Als die Schläge an jedem folgenden Abende sich vernehmen ließen, konnte man allmählich ermitteln, daß dieselben in irgend einer Beziehung zum schlafenden elfjährigen zweiten Kinde der Eheleute stehen mußten. Bei weiterer Entwicklung der Phänomene wurden sogar militärische Märsche und Tänze geklopft, das Kind begann jetzt auch im Schlafe zu sprechen, gab laut Befehle zum Klopfen

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* Bei den sogenannten "Spukhäusern" ist ebenfalls ein im betreffenden Hause oder in seiner Nähe wohnendes unbekanntes Medium anzunehmen, selbst wenn die Phänomene jahrzehntelang andauern, da manche Personen durch 30, 40 Jahre ihre Mediumität beibehalten können.

** Justinus Kerner. Magikon, V. Band, S. 274 ff. Stuttgart 1852.


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und kommandierte zum Schlusse "Halt". Am 26. Februar trat statt des Klopfens zum Teil auch Kratzen auf. Endlich begann das Kind im Schlafe auch religiöse Gespräche, ja sogar förmliche religiöse Vorträge zu halten. Natürlich hatte sich allmählich am Abend um das Bett des Kindes ein größeres, neugieriges Publikum versammelt, besonders am 6. März. An diesem Abend erfolgte nicht bloß ein Klopfen und Kratzen, sondern es erhob sich sogar die Bettlade in die Höhe. Dann folgte ein längerer religiöser Vortrag des Kindes.

Da bereits am 25. Januar abends ein größerer Volksauflauf entstanden war, wurde vom Kgl. Friedensgericht in Verbindung mit dem Kantonsarzt Dr. Beutner die Sache näher untersucht und als festgestellt wurde, daß das Klopfen nicht von außen rühre, zur Untersuchung des Mädchens geschritten. Diese ergab, daß dasselbe an funktionellen Störungen im Unterleibe, allgemeiner Muskelschwäche und unwillkürlichen Muskelbewegungen litt, welch letztere das Eigene darboten, daß sie am Tage ganz sistierten, mit dem Moment des Einschlafens auftraten und dann stundenlang fortwährten . . . Gleichzeitig entwickelte sich ein Traumleben, in welchem sie es gewöhnlich mit einer andern Person zu tun hatte . . .

Auf Betreiben der Medizinalpolizei nahm schließlich Dr. Beutner das Kind am 1. April in seine eigene Familie auf. Der Zustand desselben besserte sich rasch bei einfacher Diät, Bewegung im Garten und zweckmäßiger geistiger und körperlicher Beschäftigung und magische Phänomene traten gewöhnlich nur mehr dann auf, wenn Gemütsaufregungen vorangegangen waren oder wenn es etwas genossen hatte, was eine Indigestion nach sich zieht.

Der Bericht des Arztes schließt wörtlich folgendermaßen: "Leute einer gewissen Richtung gehen von der Ansicht aus, daß ein Wesen aus einer andern Welt das Klopfen hervorbringe, und daß ein Geist, eine religiöse Mystik vorwalte. Ich glaube, daß wir es hier mit einer ganz eigentümlichen Mystik zu tun haben. Die Ph. Sänger ist somatisch krank: Die somatische Basis der Krankheitsform ist die Gangliensphäre (Neurosis coeliaca)*, wodurch die Eigentümlichkeit des physiologischen Rätsels bedingt wird, das in den Bereich des Elektromagnetismus fällt. Dr. Mari in Paris und Dr. Plath haben ähnliche Fälle veröffentlicht. Dr. Beutner, Kantonarzt."

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* Damit hängt, wie ich glaube, zusammen, daß das Mädchen am 6. März und auch sonst öfters religiöse Gespräche führte. Vergl. dazu meine Ansichten auf S. 125 und S. 140.


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Bei stark nervösen, wenn auch nicht gerade magisch veranlagten Menschen sind selten alle Zentren ganz ruhig. Es kommen dabei bei ihnen ebenfalls allerdings weniger auffallende Energieausstrahlungen der verschiedensten Art an einzelnen Teilen des Körpers oder am gesamten Körper vor. Die Spiritisten gebrauchen dafür den Ausdruck "Exteriorisation des Ods". Wie S. 12 erwähnt, hat schon Reichenbach durch zahlreiche Versuche festzustellen sich bemüht, daß der menschliche Körper ein Fluidum auszustrahlen vermöge, welches er mit dem Namen "Od" belegte. Von der Wissenschaft wurde die Existenz eines Ods nicht anerkannt und Reichenbach erntete von derselben nur Spott. Nach der spiritistischen und okkultistischen Lehre* besteht der Mensch aus dem sichtbaren, grobstofflichen (materiellen) Körper, ferner aus einem sehr feinstofflichen, gewöhnlich unsichtbaren, ätherischen Körper, dem sogenannten "Ätherleib" oder Astralleib" (Perisprit[sic]) und endlich aus der Seele, die das unvergängliche und unsterbliche Prinzip im Menschen darstellt. Wenn der Mensch stirbt, dann verläßt die Seele samt dem Astralkörper den grobstofflichen Leib, welcher alsdann der Zersetzung für immer anheimfällt. Die nunmehr nur mit dem Astralkörper bekleidete Seele nennt man "Geist". Im lebenden Menschen bildet der Astralkörper das Bindeglied zwischen dem Körper und der Seele, da die letztere vermöge ihrer rein immateriellen Beschaffenheit nicht auf den grobmateriellen Körper direkt einwirken kann. Der Astralleib ist darum auch sozusagen das Werkzeug, vermittelst dessen die Seele den Körper beeinflußt und bearbeitet. Selbstverständlich muß er daher demselben möglichst genau nachgebildet sein und wird daher bei der Trennung vom Leibe beim Tode des Menschen für gewöhnlich dessen Abbild darstellen. Nach Anschauung der Spiritisten können aber solche Trennungen (samt der Seele) unter besonderen Umständen z.B. in den höheren Stadien der Hypnose, im Somnambulismus, in hochgradigen Zuständen der Ekstase schon beim lebenden Menschen eintreten. Im Volksglauben bezeichnet man das als "Selbstverdoppelung" oder "Doppelgängerei" ("Dedoublierung"). Durch besondere Einflüsse kann ferner der Astralkörper ausgedehnt werden, so daß er überall oder nur an einzelnen Stellen als sogenannte "Aura" über die Grenze des Körpers hinausragt. Das wird vielfach auch mit dem bereits oben angeführten Ausdruck als "Exteriorisation des Ods" bezeichnet. Das Od und der Astralleib der Medien (beide Begriffe

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* Die Lehre und Nomenklatur ist auf diesem Gebiete keine streng einheitliche.


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werden übrigens häufig mehr oder weniger identisch gebraucht) wirken in spiritistischen Sitzungen bei den Materialisationen und bei der Bildung der Phantome der Verstorbenen mit. Daher müßten dieselben nach du Prel in erster Linie Ähnlichkeit mit dem Medium haben, wenn nicht in der Regel ein anderes vom sich meldenden Verstorbenen ausgehendes Gestaltungsprinzip eingreifen und den Phantomen Gestalt und Gesichtszüge des betreffenden Verstorbenen verleihen würde.

Nach meinen Beobachtungen existiert bei mir eine Aura und ein Astralleib im spiritistisch - okkultistischen Sinne nicht und das, was man als "Doppelgänger" bezeichnet, ist nichts weiter als eine vom Unterbewußtsein ausgehende magische Projektion der Vorstellung des eigenen Körpers nach außen. Wie das bewußte Ich die Vorstellung einer Blume, eines Tieres, eines Menschen und selbstverständlich auch der eigenen Person halluzinatorisch nach außen sichtbar projizieren kann (s. S. 46), so auch das Unterbewußtsein. Bei genauerer Beobachtung fühle ich, daß bei mir, um mich spiritistisch auszudrücken, der Astralleib fast jederzeit da oder dort über meinen materiellen Leib hinausragt, freilich meist nicht in Form meiner eigenen Gestalt sondern in Form Napoleons, des Deutschen Kaisers, Bismarcks usw. oder tierischer Gestalten und Ungeheuer. Sehr häufig scheint sich z.B. mein Mund magisch in Form eines Löwen-, eines Krokodilrachens usw. fortzusetzen, je nachdem eben verschiedene Zentren des Unterbewußtseins gerade phantasieren und halluzinieren. Aber etwas Besonderes ist dahinter nicht zu suchen. Daß gelegentlich auch am ganzen Körper oder an einzelnen Teilen desselben formlose Energieausstrahlungen vorkommen können, welche auf rein physikalischen, physiologischen oder namentlich pathologischen Ursachen beruhen, will ich damit nicht bestreiten.

Übrigens ist es auch leicht den "Astralleib" zu vervielfältigen. Ich stellte mir z.B. nachts beim Auf- und Abgehen im Garten möglichst lebhaft vor, daß außer mir noch drei weitere gleiche Gestalten vorhanden seien. Allmählich bildete sich die entsprechende Gefühlshalluzination. Es schienen dann vor mir drei mir völlig gleich gekleidete "Staudenmaier" in gleichem Tempo zu gehen. Sie blieben stehen, wenn ich stehen blieb, streckten die Hände aus, wenn ich es tat usw. weil ich es eben so eingelernt hatte.

Komplizierter wird natürlich die Sachlage, wenn die Anzahl der Gestalten noch größer ist, wenn eine jede selbständige Bewegungen ausführt oder andere Kleidung trägt. Einen hierher gehörigen Fall beschreibt Johannes Müller: "Ein von angeregten Gesprächen ermüdeter


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und zugleich hungriger Professor sah beim Nachhausegehen plötzlich auf einer Wiese sich selbst ganz behaglich in 12 bis 15 Exemplaren umherwandeln, welche aus verschiedenen Altern waren und die längst vergessenen Kleider des Gelehrten trugen, bei gesammelter Besonnenheit aber alle verschwanden." Hier ging offenbar die Vervielfältigung vom Unterbewußtsein aus, und zwar von verschiedenen Zentren desselben gleichzeitig und in verschiedenem Sinne.

Natürlich kann ferner nicht bloß das bewußte Ich sondern auch irgend ein Zentrum des Unterbewußtseins die Gestalten anderweitiger lebender Personen nach außen projizieren, oder es kann eine "Verdoppelung" der eigenen Persönlichkeit auf telepathischem Wege erfolgen, wobei dann allerdings nicht die eigene Person sondern der telepathische Empfänger dieselbe wahrnimmt. Vergleiche dazu den Fall Lisbeth und die folgenden im VI. Kapitel, S. 199, bis 208. Das nennen die Spiritisten "Gespenster (Phantome) lebender Personen". Eine vortreffliche Illustration derselben (im verkleinerten Maßstabe) bieten die (auf S. 47 erwähnten) Figuren der Tanagra-Spiele.

Wenn endlich die Gestalten Verstorbener magisch produziert werden, dann sind wir beim reinen Spiritismus angelangt. Also nirgends besteht eine scharfe Grenze und die gewöhnlichen spiritistischen Phänomene sind alle mit den bisherigen naturwissenschaftlichen Gesetzen rein natürlich zu erklären.

Um den Materialisten den Glauben an die Möglichkeit eines Verkehrs mit den Verstorbenen annehmbar zu machen, suchen die Spiritisten den Nachweis eines vom Körper unabhängigen, lebenden Prinzips zu liefern. Daß die unter anderm hierfür zitierte "Selbstverdoppelung" nichts beweist ist nach den vorhergehenden Auseinandersetzungen klar, denn mit dem gleichen Grunde könnte man behaupten, in einem Kinematographen befinde sich ein vom sichtbaren, materiellen Apparate unabhängiges, für gewöhnlich unsichtbares Prinzip, weil die bei einer kinematographischen Vorstellung auf den Schirm projizierten optischen Gestalten außerhalb des Apparates auftreten, sich bewegen und handeln können.

"Professor Baraduc in Paris* erweiterte diese Experimente, die im Beisein verschiedener Gelehrter stattfanden und bediente sich dabei

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* Zitiert nach einem Aufsatz von Georg Korf in "Der Türmer" XIV. Jahrgang, 1911, S. 92. Verlag von Greiner u. Pfeiffer in Stuttgart.


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zweier Medien. Und zwar hatte ein hypnotisiertes Medium die von Baraduc suggerierten Befehle auszuführen; und ein magnetisiertes Medium (Somnambule) diente zur Kontrolle über die teilweise unsichtbaren Vorgänge.

An einem Abend, an dem Dr. Baraduc mit dem hypnotischen Medium allein war, gab er diesem folgende Suggestion: Am kommenden Montag werden Sie um zehn Uhr abends müde, legen sich zu Bett und schlafen gleich ein. Dann verlassen Sie Ihren Körper und Ihre Wohnung, kommen hierher (die Wohnung war eine halbe Stunde von Dr. Baraducs Experimentierzimmer entfernt), steigen durch jenes Fenster ein, setzen sich dann auf diesen Stuhl und gehen darauf nach der hier stehenden Wage[sic] und drücken die eine Schale derselben so weit herunter, daß dadurch ein angebrachter elektrischer Kontakt geschlossen wird und Sie das Läutewerk hören!

Zu diesem betreffenden Montagabend lud Baraduc einige Gelehrte und die Somnambule ein. Das Fenster des Experimentierzimmers hatte er vorher mit Stoff überspannt, der mit Schwefelkalzium präpariert war; ebenso war der Stuhl vorbereitet. Das Zimmer war natürlich völlig verdunkelt. In dessen Mitte stand eine einfache Tafelwage unter einer an den Tisch festgesiegelten Glasglocke, so daß niemand aus Absicht oder Unvorsichtigkeit die Wage berühren konnte.

Kurz nach zehn Uhr meldete die Somnambule: "Ich sehe ein Phantom durch das Fenster hereinsteigen." Gleich darauf sehen alle Teilnehmer den Schwefelkalziumschirm in den Umrissen einer menschlichen Gestalt aufleuchten. Darauf sagte die Somnambule: "Jetzt setzt sich das Phantom auf den Stuhl." Sofort sah man auch dort ein Aufleuchten. "Nun geht das Phantom nach der Wage," meldete die Somnambule weiter; und gleich darauf ertönten mehrere im Hause angebrachte Glocken, deren Läuten auch von Personen außerhalb des Experimentierzimmers, gehört wurde; es konnte also nicht Halluzination seitens der Teilnehmer gewesen sein. Als jetzt Licht gemacht wurde, sah man die Wage noch lebhaft schwanken. Nachdem die Unverletztheit der Siegel konstatiert war, wurde die Glasglocke entfernt. Man mußte die eine Schale mit 26 Gramm belasten, um den Kontaktschluß der Klingelleitung absichtlich herzustellen. Also mit 26 Gramm Kraft hatte das unsichtbare Phantom - die mit ihrem Bewußtsein in beträchtlicher Entfernung von ihrem Körper befindliche Individualität - den einen Wagebalken heruntergedrückt.

Dieses Experiment ist im Juli 1909 gemacht worden, laut Bericht in "Annales des Sciences Psych." in Paris. Auch deutsche Zeitschriften,


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die sich mit den Phänomenen des Seelenlebens befassen, berichten beständig über solche Experimente. ("Psychische Studien", Oswald Mutze, Leipzig. "Mitteilungen der deutschen Ges. f. psych. Forschung", Dr. Hugo Vollrath, Leipzig. "Neue Lotosblüten", von Dr. Franz Hartmann, Jaegerscher Verlag, Leipzig u.a.)*

Knüpfen wir an die geschilderten Experimente einige Betrachtungen. Was wäre geschehen, wenn der Körper des hypnotisierten Mediurris während der Abwesenheit seines "Geistes", als dieser im Experimentierzimmer "arbeitete", tödlich verletzt respektive ein Mord der "schlafenden" Persönlichkeit begangen worden wäre? Dann hätte die Individualität "Seele" oder "Geist" nicht wieder in den Körper zurückkehren können! Da wir aber aus dem Experiment ersehen haben, daß der bewußte Geistmensch in dem feinstofflichen Körper - den wir hier zunächst voraussetzen müssen und der im folgenden noch beschrieben wird - vorübergehend getrennt und unabhängig von der Gegenwart seines Gehirns wirken konnte, so dürfen wir die Annahme nicht verwerfen, daß derartiges vielleicht auch möglich sein kann, wenn eine totale Trennung des ätherischen Körpers vom physischen stattgefunden hat, wenn, mit andern Worten, der Vorgang eingetreten ist, den wir Tod nennen. Ist es nicht nahe gerückt zu glauben, daß diese unsichtbare Konstitution des Menschen, die der Somnambulen sichtbar war, das Schwefelkalzium zum Aufleuchten brachte und schließlich eine mechanische Kraftleistung tun konnte, die feinstoffliche Seele ist, die den irdischen Körper zu überdauern vermag?"

Meine Auffassung des ganzen Experimentes ist aber die folgende:

Dr. Baraduc hat den Bock dadurch zum Gärtner gemacht, daß er eine magisch veranlagte Persönlichkeit, eine Somnambule, zur Kontrolle verwandte, denn diese hatte offenbar telepathisch (siehe Kap. VI) von der Aufgabe, welche die Hypnotisierte lösen sollte, erfahren und alsdann selber ihre Rolle übernommen. Sie projizierte selber (bzw. ihr Unterbewußtsein) das Phantom der Hypnotisierten nach außen, brachte das Schwefelkalzium zum Aufleuchten und drückte durch Fernwirkung auf die Wage. Ich bin weit entfernt jemand den Glauben an die Unsterblichkeit der Seele nehmen zu wollen, aber das sind keine wissenschaftlichen Beweise für dieselbe.

Soll das Unterbewußtscin größere psychophysische Leistungen vollbringen, dann muß es natürlich namentlich auch entsprechenden

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* Der Leser lernt hier die Namen einiger bekannter spiritistischer und okkultistischer Zeitschriften kennen.


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Einfluß auf die Muskulatur des Körpers erhalten, es muß unter Aufwendung von Muskelkraft arbeiten lernen, ähnlich wie ich es in IV.2. vom bewußten Ich auseinandersetzte. Derartige Muskelleistungen sind an sich natürlich ebensowenig gesundheitsschädlich wie diejenigen, welche das bewußte Ich bei der Hervorbringung der magischen Phänomene vollbringt, im Gegenteil, sie können der Gesundheit zuträglich sein und einen Teil der für das Wohlbefinden des gesamten Organismus notwendigen Muskelleistungen ersetzen. Anders liegt aber die Sache, wenn einzelne Zentren des Unterbewußtseins sich so weit emanzipieren, daß sie selbständig ohne irgendwelche Zustimmung von seiten des bewußten Ich in dieser Richtung vorgehen. Der Körper gelangt in einem solchen Falle z.B. während des Schlafes in eine anstrengende, unnatürliche Lage, so daß man am Morgen müder ist wie am Abend vorher, der Schlaf wird unruhig und ist voller Träume. Aber nicht bloß im Schlafe können solche anstrengende Körperlagen automatisch eintreten - gelegentlich kommen sie hier auch beim normalen Menschen vor -, sondern auch im völlig wachen Zustande beim Lesen, Studieren, während der Unterhaltung mit andern Menschen. Wie ich bereits S. 32 ff. auseinandersetzte, arbeiteten bei mir auf diese Weise nicht selten einzelne Zentren, ohne im geringsten mit mir in geistigem Zusammenhange zu stehen, ja ohne daß ich wußte, welche gerade tätig sind und was sie näher treiben.

Mit der Zeit erkannte ich, daß sie dadurch zu einer gefährlichen Macht werden können, indem sie mit immer größerer Gewalt und Kraft ihre Vorstellungen, Gedanken und Halluzinationen dem bewußten Ich aufdrängen, so daß für dasselbe Zwangsvorstellungen und Zwangsgedanken (sogenannte "unterschobene oder allogene Gedanken") oder auch Zwangshalluzinationen entstehen und der ganze Zustand immer mehr ins Pathologische übergeht.

Wenn die selbständige, von mir ganz unabhängige psychische Tätigkeit der Zentren des Unterbewußtseins, die übrigens im allgemeinen eine viel einfachere und gleichmäßigere ist als beim bewußten Ich, nicht sehr stark und ungewöhnlich lebhaft ist, nehme ich sie in der Regel nicht wahr, ich beachte sie nicht, ähnlich wie jemand, der mit anderweitigen Gedanken beschäftigt ist, die Bilder der Außenwelt oder den Lärm derselben oder sogar das heftige Stoßen und Rollen eines Eisenbahnzuges nicht beachtet oder wie man innere, an sich wahrnehmbare Vorgänge z.B. die Bewegungen der Brust beim Atmen, die Atmungsgeräusche, die Herztätigkeit usw. für gewöhnlich nicht wahrnimmt. Erst wenn die fremden Eindrücke stärker werden und meine


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eigene psychische Tätigkeit dadurch gehemmt wird, drängen sie sich mir ohne weiteres auf. Vielfach muß ich auch förmlich nach den Halluzinationen des Unterbewußtseins suchen, wenn ich sie beobachten will. Besonders leicht sehe ich die verschiedensten Illusionen, die, obwohl sie sich offenbar von den Halluzinationen nicht prinzipiell unterscheiden, überhaupt leichter wahrnehmbar sind, weil sich bei ihnen infolge ihrer Bildung an einem bestimmten Gegenstande der Außenwelt das Auge scharf auf die genau gegebene Entfernung einstellen läßt. Ich kann sie (auch am hellen Tage) jederzeit studieren, namentlich wenn ich mich auf den Diwan lege, mit den Beinen auf der Lehne und dem Kopfe nach unten, so daß eine Blutstauung im Kopfe entsteht und verschiedene Zentren des Unterbewußtseins in stärkere Tätigkeit geraten.

Bei einer solchen Illusion überdecken sich natürlich zwei Bilder auf der Netzhaut, das vom Unterbewußtsein durch halluzinatorisches Phantasieren hervorgebrachte und das vom Gegenstand der Außenwelt verursachte. Geht das bewußte Ich auf die Illusion ein, dann kann es dieselbe dauernd vorwalten lassen und betrachten. Fixiert es aber scharf den außen befindlichen Gegenstand, der dem Unterbewußtsein als Unterlage für die Illusion dient, dann muß sie wieder verschwinden. Gelingt es dem bewußten Ich auch bei intensivem Fixieren nicht, die Illusion zum Verschwinden zu bringen, dann beginnt wieder das Pathologische, weil jetzt das Unterbewußtsein bereits einen größeren Einfluß auf das optische Gebiet besitzt als das bewußte Ich. - Vorübergehende kleinere Störungen schaden aber auch hier nicht nennenswert. Bekanntlich nehmen übrigens auch völlig normale Menschen manchmal für einen Moment (vom Unterbewußtsein ausgehende) Illusionen und Halluzinationen wahr. Einem mir näher bekannten Herrn (Zeichenlehrer an einer Studienanstalt) ist es leicht, sich z.B. aus Wolkengebilden phantastische Illusionen (kombinierte des Oberund Unterbewußtscins) von riesenhaften Tieren, Figuren, Gebäuden usw. zu bilden. Illusionen und Halluzinationen brauchen also durchaus nicht notwendig etwas Pathologisches zu sein. Wie wäre das aber auch möglich, wenn sie beim Träumen etwas alltägliches sind! Erst wenn sie sich anhaltend zwangsweise aufdrängen und der Halluzinant keine genügenden Mittel mehr besitzt, sie von der Wirklichkeit zu unterscheiden, so daß für ihn gröbere Selbsttäuschungen entstehen, kann man hier von eigentlicher Geisteskrankheit sprechen*.

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* Vergleiche Goldstein: Die Halluzination usw. Wiesbaden, Bergmanns Verlag 1912. S. 70.


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Wie sich aus meinem Entwicklungsgange und aus der Erfahrung der Spiritisten ergibt, bleibt es, wenn man einzelne Zentren des Unterbewußtseins weiter ausbildet meist nicht bloß bei spezifisch einseitigen Halluzinationen z.B. rein optischen, sondern die sich stärker entwickelnden Zentren können allmählich auch Einfluß auf anderweitige Organe und schließlich auf einen großen Teil des gesamten Körpers erlangen, so daß, ähnlich wie bei den magischen Übungen des bewußten Ich eine auftretende optische Halluzination des Unterbewußtseins sich mit der Zeit mit akustischen, motorischen Halluzinationen usw. desselben verbinden kann. Die Geister, welche die Spiritisten zitieren, erscheinen nicht bloß (treten also nicht nur optisch auf), sondern sie können unter Umständen auch sprechen oder schreiben oder Klopflaute hervorbringen. Sogar musikalische, dichterische und sonstige Leistungen sind von ihnen bekannt. Kurz, es besteht mit der Zeit deutlich die Tendenz zur Ausbildung eines neuen, selbständigen, vom bewußten Ich unabhängigen Wesens, das zwar zunächst während der spiritistischen Sitzungen nur eine magische Projektion nach außen darstellt, dessen innerer Akteur aber immer vielseitiger und selbständiger wird und sich häufig allmählich auch außerhalb der Sitzungen bemerklich macht. Es besteht eben auch hier die Tendenz zur Personifikation, deren Gefahren und Schwierigkeiten ich an mir bereits schilderte und deren gesundheitsschädliche Folgen für die Medien neben andern Ursachen die Spiritisten in neuerer Zeit immer mehr in das Lager der Theosophen und Okkultisten, welche den Verkehr mit Geistern verwerfen, hinübergedrängt haben.

Bei der Besprechung der Personifikation "Rundkopf" setzte ich früher auseinander, daß die Personifikationen gelegentlich ihren gedachten Körper mit dem wirklichen Körper des betreffenden Menschen verwechseln. Ich teilte mit, daß der Rundkopf statt mit seiner gedachten Zunge mit meiner wirklichen Zunge Übungen anstellte. Häufig kam es auch vor, daß sich meine Gesichtszüge auffallend änderten. Wenn die hoheitlichen Zentren bei mir besonders tätig waren, fand ich beim bloßen Betrachten meines Gesichtes im Spiegel, daß mein ganzer Gesichtsausdruck napoleonsartig wurde. Ich konnte oft schon durch einen Blick in den Spiegel erkennen, welche Zentren jeweils eine größere Rolle spielten, da sie mir deutlich die Gesichtszüge der Gestalten und Personen aufprägten, welche sie sich gerade besonders lebhaft vorstellten*. Ja wenn einzelne Personifikationen

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* Vergl. dazu auch S. 130.


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mir gefährlich zu werden drohten, benützte ich öfters den Spiegel geradezu als Mittel um genügend frühzeitig ihr Auftreten festzustellen. Mehr oder weniger stark findet übrigens bekanntlich bereits eine solche Veränderung der Gesichtszüge auch bei Schauspielern, Mimikern, Rednern statt. Von der Schauspielerin Jenny Lind wird berichtet, daß sie während des Spieles viel schöner und jünger aussah als im normalen Zustande. Das ist durchaus glaubhaft. Es handelt sich eben um einen extremen Fall. Der Unterschied besteht in den zuerst erwähnten Beispielen nur darin, daß die Beeinflussung des Körpers von den Zentren des Unterbewußtseins ausging, in den letzteren dagegen hauptsächlich vom bewußten Ich aus erfolgt. Daß aber auch die Zentren des Unterbewußtseins so etwas fertig bringen können, ist begreiflich, weil sie im gleichen Körper und im gleichen Gehirn sitzen wie das bewußte Ich. Nur gestattet ihnen das letztere für gewöhnlich keinen so großen Einfluß.

Den Spiritisten ist eine derartige Umbildung eines Mediums, die sich übrigens meist nur auf die Gesichtszüge zu erstrecken pflegt, unter dem Namen "Transfiguration" wohlbekannt. Du Prel schreibt darüber*: "Wenn das Medium keine hinreichende Odquelle ist oder die Odexteriorisierung Schwierigkeiten begegnet, so daß die Bildung einer vom Medium abgelösten Gestalt nicht möglich ist**, so wird das Medium selbst als nachtwandlerischer Kleiderstock, häufig unter vorheriger Lösung seiner Fesseln, aus dem Kabinett herausgeführt und es liegt dann nur mehr die leichtere Aufgabe vor, das Medium zu transformieren oder transfigurieren, ihm die Gesichtszüge eines Verstorbenen zu geben und es mit Kleiderstoffen zu umhüllen . . . ."

Eine solche Transfiguration im Sinne einer Verklärung, also einer Veredelung und einer Verschönerung der Gesichtszüge erfolgt nach spiritistischen Angaben häufig dann, wenn das Medium von einer besonders hohen und erhabenen jenseitigen Intelligenz inspiriert wird.

 

3. Anleitung zur praktischen Ausführung magischer Experimente des Unterbewußtseins.

 
Bevor man mit diesbezüglichen Versuchen beginnt, empfiehlt es sich wohl in den meisten Fällen zunächst längere Zeit nur Magie des bewußten Ich zu treiben, bis man überhaupt einen klaren Einblick in das Wesen der magischen Phänomene bekommen hat. Alsdann ist

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* Zitiert nach Seiling, Meine Erfahrungen, S. 69.

** D.h. nach meiner Ansicht in naturwissenschaftlicher Ausdrucksweise, wenn das Medium nicht genügend Energie auszustrahlen imstande ist, um ein eigenes Phantom zu bilden.


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namentlich der alte Aberglaube, daß nur Geister kommen könnten, zu überwinden und daran festzuhalten, daß es sich bloß darum handelt, einzelne Zentren des Unterbewußtseins zu größerer Selbständigkeit heranzubilden und ihnen vorübergehend d.h. während der Übungen größeren Einfluß auf die Augen, die Ohren, die Hände oder sonstige Organe zu gewähren, damit sie sich vermittelst derselben in spezifischer Weise äußern können.

Auf dem Gebiete des Unterbewußtseins läßt sich, viel mehr noch als auf demjenigen des bewußten Ich, eine große Anzahl von magischen Experimenten ausführen. Hierher gehören vor allem das automatische Schreiben, die Ausbildung optischer, akustischer, motorischer und sonstiger Halluzinationen, ferner künstlerische Übungen, wie Zeichnen, Musizieren, Dichten usw. Hat man durch eine Anzahl derselben wieder eine genügende allgemeine und unmittelbare Anschauung vom Wesen und der Tätigkeit des Unterbewußtseins erlangt, dann wird man meistens auch schon erkannt haben, für welche Arten von Versuchen man am besten veranlagt ist, und welche man daher in Zukunft weiter betreiben soll.

Die wenigsten Schwierigkeiten bereitet, soweit meine bisherigen Erfahrungen an anderen Personen reichen, in der Regel die Erlernung des automatischen Schreibens. Zu diesem Zwecke lege man auf einen Tisch ein Blatt Papier, setze sich, je nach Neigung und verfügbarer Zeit, immer wieder mit einem weichen Bleistift in der Hand in Schreibstellung vor dasselbe und warte ab, bis eine fremde Kraft in den Fingern auftritt, welche sich bemüht, den Bleistift in Bewegung zu setzen und mit ihm zu schreiben. Alsdann folge man dem leisesten Zuge und verhalte sich im übrigen möglichst passiv. Wie ich selber das automatische Schreiben seinerzeit erlernte, habe ich zu Beginn des III. Kapitels angegeben.

Verwandt mit den Schreib- sind die Zeichnungsversuche, wenn sie natürlich auch selten zu wirklich hervorragenden Leistungen führen werden. Bei mangelnder Stimmung suche man durch gelegentliches Betrachten von anregenden Zeichnungen und Bildern, verbunden mit dem lebhaften Verlangen Ähnliches produzieren zu können, nachzuhelfen.

Optische Experimente des Unterbewußtseins werden in der Art ausgeführt, daß der Übende in bequemer Stellung mit geschlossenen Augen, wenn möglich außerdem noch in einem dunkeln Raume, geradeso vor sich ausblickt und acht gibt, ob er nichts wahrnimmt, wie er es etwa auf offener Straße am hellen Tage tun würde.


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Zunächst erfolgt in der Regel eine Aufhellung des Gesichtsfeldes. Später treten allmählich regelrechte optische Bilder von Menschen, Tieren, Blumen, Früchten, Zeichnungen, Figuren usw. auf, deren Intensität sich mit der Zeit steigert*.

Akustische Experimente: Man horche (am besten in der Einsamkeit bei geschlossenen Augen oder im Dunkeln), ob sich keine bekannte oder unbekannte Stimme meldet, ob man keinen Ton, Gesang oder Musik vernimmt. Bei künstlerischen Versuchen auf diesem Gebiete kann man, analog dem vorher über Zeichnungsversuche Gesagten, durch Anhören von Gesang oder überhaupt Musik die spezifische Stimmung anregen und heben. Wenn sich bekannte Lieder oder Musikstücke akustisch aufdrängen, kann man eventuell auch mitwirken. Sobald man aber merkt, daß der sich meldende Künstler sich selber zu helfen vermag oder gar mehr versteht, muß man ihm möglichste Freiheit lassen. Man gebe eventuell auch acht, ob sich nicht ein fremdes Bestreben äußert, mit dem wirklichen Munde zu sprechen oder zu singen (d.h. nicht bloß magisch vermittelst des Trommelfells); vergl. dazu S. 136 und 112.

Leicht gelingen bei Vielen motorische Experimente. Zu diesen gehören teilweise schon die vorher erwähnten Schreib- und Zeichnungsversuche, namentlich aber die Hervorbringung der den Spiritisten wohlbekannten Klopflaute (die wohl eben meist mehr motorischer als rein akustischer Art sind), ferner die Bewegung leichter Gegenstände, Beeinflussung der Wage[sic] usw. durch Fernwirkung.

Je nach der Richtung, nach welcher bestimmte Zentren des Unterbewußtseins geweckt und weitergebildet werden sollen, wird es dem angehenden Magier unter Berücksichtigung des früher, namentlich unter V.2. sowie IV.3. Angegebenen nicht schwer fallen, sich entsprechende Verhaltungsmaßregeln zurecht zu legen.

Zu beachten ist bei allen Übungen folgendes: Man bleibe immer bei der spezifischen Stimmung. Gelingt es durchaus nicht dieselbe festzuhalten, dann verschiebe man das Experiment. - Tändelnde Versuche außerhalb der eigentlichen Übungszeit sind unbedingt zu unterlassen. - Man sei immer von dem Wunsche durchdrungen, daß etwas

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* Physiologisch ausgedrückt handelt es sich beide Male um eine Beobachtung der Bilder, also der optischen Erregungszustände der Netzhaut. Im einen Falle werden dieselben von dar Außenwelt im andern vom Unterbewußtsein verursacht. Ein in dieser Beziehung nicht magisch veranlagter Mensch, bei welchem das Unterbewußtsein keine halluzinatorische Tätigkeit entwickeln kann, wird natürlich nichts wahrnehmen.


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Ernsthaftes und Brauchbares herauskommen möge, wende stets die ganze Aufmerksamkeit der Sache zu und ignoriere fremde Störungen, damit minderwertige Intelligenzen, die vom Hauptziel abführen wollen, möglichst ausgeschlossen werden. Namentlich anfangs ist in dieser Beziehung größere Vorsicht erforderlich. Nicht zu verwechseln mit der Einmischung minderwertiger Zentren sind die ersten unbeholfenen Übungen wirklicher Künstler, welche zunächst das betreffende Organ, also z.B. beim Zeichnen die Hand, gebrauchen lernen müssen.

Übrigens kann auch diesen nachträglich wieder für kürzere oder längere Zeit die Geduld ausgehen, so daß mit dem Gelingen der ersten Versuche die Sache noch keineswegs endgültig gewonnen ist. Schon mancher Mensch hat mit der Erlernung der Musik oder des Zeichnens begonnen und dabei anfangs große Freude gehabt und rasch Fortschritte gemacht, später aber das Interesse und die Ausdauer wieder verloren. Warum sollte das nicht auch bei den Zentren des Unterbewußtseins möglich sein, namentlich wenn man die Versuche zu lange ausdehnt, so daß Überanstrengung eintritt?

Die Spiritisten haben sich im Laufe der Zeit durch zahllose Experimente eine große praktische Erfahrung in der Ausübung der Magie erworben. Da mich nun aber meine eigenen, jahrelangen Versuche zur Evidenz überzeugt haben, daß die gewöhnlichen spiritistischen Phänomene nichts weiter als eine spezifisch einseitige und für religiöse Zwecke ausgebildete Magie des Unterbewußtseins darstellen, so wird man die Erfahrungen der Spiritisten, nach Wegnahme dieses einseitigen Charakters, ohne weiteres auch auf die Praxis einer wissenschaftlichen Magie übertragen können.

Als besonders die Mediumität fördernd heben die Spiritisten hervor, daß das auszubildende Medium zuerst in den hypnotischen oder magnetischen Schlaf versetzt und während desselben gefragt werden solle, nach welcher Richtung seine Ausbildung zu erfolgen habe. Im hypnotischen Zustande bleiben eben einzelne selbständigere Hirnzentren wach und geben auf Befragen dem Hypnotiseur Auskunft darüber, in welcher Weise sie tätig sein wollen, so daß man mit ihnen näher anknüpfen und sie weiter ausbilden kann. Ist das bis zu einem gewissen Grade erreicht, dann empfiehlt es sich, wie ich glaube, selbst in diesem Falle - ausschließliche Trancemedien ausgenommen - nachträglich das Unterbewußtsein allmählich zu gewöhnen, auch im wachen Zustande des bewußten Ich seine Leistungen auszuführen. Der wissenschaftliche Magier soll nämlich das Unterbewußtsein und die magischen Phänomene vor allem an sich selber und nicht an


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fremden Personen studieren und darum wach bleiben, weil er dann auch die feinsten mit den magischen Phänomenen verbundenen physiologischen Vorgänge unmittelbar wahrnimmt. Außerdem hat er bei dem gegenwärtig noch herrschenden Mißtrauen gegen die Magie den unschätzbaren Vorteil, daß er vor Betrug unbedingt gesichert ist. In den meisten Fällen wird er es tatsächlich so weit bringen, daß er, ohne das Bewußtsein zu verlieren, die betreffenden Zentren des Unterbewußtseins fast wie unabhängige Wesen selbständig arbeiten lassen kann. Da ich stets die Versuche an mir selber ausführte, war ich natürlich ohne weiteres gezwungen von einem hypnotischen Schlafe abzusehen. Selbstverständlich ist aber in diesem Falle eine starke "Konzentration der Gedanken", wie schon die alten Indier[sic] sich ausdrückten, d.h. gespannte Aufmerksamkeit notwendig, die übrigens nicht allzu schwer ist, weil die Tätigkeit des Unterbewußtseins zur Konzentration auf den bestimmten Gegenstand mitwirken hilft. Darum versanken auch verschiedene spiritistische Medien selbst bei größeren Leistungen nicht immer in den hypnotischen Schlaf. Besonders ausgezeichnet war in dieser Beziehung Frau d'Esperance, welche häufig während der Sitzungen mit den Teilnehmern sprechen und beobachten konnte*. Wenn der Magier wach bleibt, hat er namentlich weiter den Vorteil, daß er jederzeit selber kontrollieren kann, wie lange er ohne Schädigung seiner Gesundheit und ohne allzu große Anstrengung das Unterbewußtsein arbeiten lassen darf.

Einen großen Fehler begehen in dieser Beziehung oft die Spiritisten, indem sie, um möglichst bedeutende Phänomene zu erzielen, die Medien, die sich gewöhnlich doch mehr oder weniger in dem Zustand der Bewußtlosigkeit befinden, zu sehr überanstrengen. Die bei den Geistermanifestationen tätigen Zentren des Unterbewußtseins nehmen naturgemäß im allgemeinen keine Rücksicht auf die physischen Folgen der Überanstrengung. Es wäre daher dringend wünschenswert, daß wenigstens ein Arzt den physischen Zustand des Mediums während der Hypnose kontrolliert.

Ober die Folgen einer besonders hervorragenden Leistung des bekannten Mediums Frau d'Esperance berichtet Seiling**: "Das Ereignis hatte ein sehr ernstes Nachspiel. Mit Mühe konnteFrau d'E. meine Wohnung verlassen. Als der Schlitten vor ihrem Absteigequartier angekommen war, wurde sie von General T. berausgehoben, wobei er über ihr leichtes Körpergewicht ganz verblüfft war. Frau d'E. teilte ihm

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* Seiling, Meine Erfahrungen, S. 6.

** Meine Erfahrungen, S. 19.


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hierauf mit, daß ihr Gewicht nach Sitzungen schon öfters um etwa fünf Kilogramm geringer befunden wurde als das normale. Diesmal müsse die Differenz bedeutend mehr betragen haben, meinte er. Bei ihrer zwei Tage später erfolgten Abreise sah Frau d'E. so angegriffen und erschöpft aus, daß man sich wegen des Verlaufs der Reise ernstliche Sorgen machen mußte. Diese verlief indessen ohne Unfall; aber zu Hause angekommen, fühlte sich Frau d'E. von Tag zu Tag hinfälliger und apathischer, sowie von einer so ungewöhnlichen Schlafsucht befallen, daß sie schon deshalb ihre geschäftliche Stellung nicht mehr bekleiden konnte. Ihre Haare wurden zusehends weiß, obwohl sie nicht viel über dreißig Jahre alt war. Eine von Staatsrat Aksákow gewünschte ausführliche Mitteilung über das, was sie während und nach dieser denkwürdigen Sitzung empfunden, konnte sie erst nach Ablauf eines Vierteljahres machen, weil ihr bis dahin schon die Erinnerung an dieses Phänomen mit all seinen schreckhaften Empfindungen unerträglich gewesen war. Ein volles Jahr mußte in kostspieligen Reisen nach südlichen Kurorten vergehen, bis Frau d'E. einigermaßen wiederhergestellt war. Ihre mediumistische Begabung war in den letzten Monaten total verschwunden und stellte sich dann nur ganz allmählich wieder ein; ihre volle frühere Stärke hat sie übrigens selbst jetzt (nach beinahe fünf Jahren) noch lange nicht erreicht."

Vom schottischen Medium Home schreibt Crookes*, daß er Zeuge war von dem peinlichen Zustande nervöser und körperlicher Ermattung, in welchem manche Experimente Mr. Home zurückließen, und daß er ihn in einer fast ohnmächtigen Verfassung, bleich und sprachlos am Boden liegend sah.

Es ist darum nicht zu verwundern, daß die Medien fast regelmäßig neurasthenische oder hysterische Persönlichkeiten sind, daß die spiritistischen Experimente vielfach stark in Mißkredit gerieten und der eigentliche Spiritismus immer mehr durch die Geisterexperimenten feindliche okkultistische und theosophische Richtung verdrängt wird.

Was einer nicht fertig bringt, das bringen mit vereinten Kräften oft mehrere oder viele zustande. Daß es in der Magie auch nicht anders ist, wissen die Spiritisten schon längst. Sie vereinigen sich daher meist zu sogenannten "Zirkeln", bei welchen zwei oder mehrere Personen zusammenarbeiten. Nach meiner Auffassung bildet sich in solchen spiritistischen Versammlungen eine Art magisches "Kräftebalancement" d.h. ein energetischer Gleichgewichtszustand, so daß

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* Der Spirituatismus und die Wissenschaft S. 102. Leipzig 1898, Oswald Mutze.


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ohne allzugroße Überanstrengung des einzelnen größere Leistungen vollbracht werden können. Daher sollten zur Hervorbringung stärkerer magischer Phänomene sowohl des bewußten Ich als auch des Unterbewußtseins analog wissenschaftliche magische Zirkel gebildet werden, die im übrigen ähnlich arbeiten wie die spiritistischen, so daß ich in dieser Beziehung auf die einschlägige spiritistische Literatur verweisen kann,. Selbstverständlich müssen sich für besonders bedeutende Leistungen in der gleichen Richtung gut veranlagte Persönlichkeiten zusammenfinden. Außerdem ist zum gleichmäßigen gemeinsamen Zusammenwirken eine längere Übung und gegenseitige Angewöhnung notwendig. Daß eine in den Zirkel neu eintretende Persönlichkeit störend wirkt, ist den Spiritisten wohlbekannt.

Da man, wie bereits auseinandergesetzt bei der Magie des Unterbewußtseins einzelnen Zentren eine größere Macht über den Körper verleihen muß, ist klar, daß dieselbe besonders mit Rücksicht auf unsere noch unzureichenden Kenntnisse des Unterbewußtseins schwieriger und gefährlicher zu handhaben ist als die Magie des bewußten Ich. Doch kann auch die letztere, namentlich anfangs und bei Übertreibungen, zu Störungen im Nervensystem überhaupt und damit schließlich durch unfreiwillige Überreizung einzelner Zentren des Unterbewußtseins auch zu einer unfreiwilligen Magie desselben führen. Diese Gefahren vermeiden aber die Spiritisten offenbar hauptsächlich dadurch, daß sie, wie vorher angegeben, die Experimente in der Regel nicht allein anstellen, sondern daß mehrere dieselben gemeinsam ausführen. In solchen Fällen ist der einzelne außerhalb der festgesetzten gemeinsamen Übungszeit sozusagen aus der magischen Kette ausgeschaltet und frei. Jugendliche und unerfahrene Personen sollten darum nur in Verbindung mit andern arbeiten.

Die Übungen, bei welchen das Unterbewußtsein eine größere Rolle spielt, dürften bei den meisten Menschen sehr viel Geduld und Ausdauer erfordern und es werden bedeutende Schwankungen eintreten, welche den Anfänger leicht mutlos machen. Es kommt hier eben nicht bloß auf den eigenen guten Willen an, sondern man hängt auch gleichzeitig von der jeweiligen Stimmung des Unterbewußtseins ab. Was Schiller in früher zitierten Versen über den gottbegnadeten Sänger sagt, man könne ihm nicht gebieten, sondern müsse ihn zur rechten Zeit dem inneren Drange folgen lassen, gilt mutatis mutandis auch von den großen spiritistischen Medien. Ihre Leistungen sind ganz außerordentlichen Schwankungen unterworfen. Dem Medium wird aber einfach eine Zeit für die Sitzung festgesetzt und dieselbe findet statt, ob


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es disponiert ist oder nicht. Wie oft ist ein großer Sänger oder Schauspieler "unpäßlich"! In diesem Falle wird die Vorstellung abgesagt. Nun aber denke man sich ein meist nervös oder hysterisch veranlagtes spiritistisches Medium. Wie soll dasselbe immer erkennen, ob sein Unterbewußtsein zur angekündigten Zeit richtig funktionieren wird? Es hat keinen tieferen Einblick in das ganze Wesen der Sache und ist häufig nur hilfloses Werkzeug seines Unterbewußtseins. Ist es da zu verwundern, daß zahlreiche Berufsmedien, um ihr Renommee zu erhalten, künstlich nachhelfen und darum nicht selten als Schwindler entlarvt werden?

Dabei ist ferner auch noch zu berücksichtigen, daß die Medien von den Prüfenden oft ganz unrichtig behandelt werden. Von einem Genie in der Darstellung von Geistermanifestationen darf man nicht ohne weiteres auch wissenschaftliche Demonstrationen verlangen. Es sind bei demselben ganz andere Zentren und Organe ausgebildet, und es wäre ähnlich, wenn man von einem musikalischen Genie mit einem Male zeichnerische Künste verlangen wollte. Ein typisches Beispiel bietet eine Sitzung, welche das berühmte schottische Medium D. D. Home in Petersburg in Gegenwart einer Anzahl von Gelehrten abhielt. Dieselbe mißlang vollständig, offenbar weil das ganze Arrangement dem religiös und etwas naiv veranlagten Medium viel zu wissenschaftlich war und weil namentlich die Ungeschicklichkeit eines Anwesenden das Medium immer wieder verhinderte, in eine richtige "Geisterstimmung" zu kommen. Wie schwer würde es z.B. selbst nur einem gewöhnlichen Redner mit einer wohleinstudierten Rede werden, in eine ordentliche Stimmung zu kommen, wenn das ganze Publikum ihn von vornherein mit spöttischen und feindseligen Augen betrachtete und alles nur darauf berechnet wäre, ihn als Schwindler zu entlarven.

Vielfach müssen bei spiritistischen Versuchen, selbst mit großen Medien, auch die Anwesenden bewußt oder unbewußt mitwirken, wenn Bedeutendes zustande kommen soll. Sie müssen sich also selber in eine entsprechende Stimmung versetzen. Zur Kontrolle, ob infolgedessen bloß Sinnestäuschungen vorliegen oder reale Phänomene, hat man trotzdem noch Mittel genug, z.B. die Photographie, physikalische Apparate usw., die völlig unabhängig von der Gemütsstimmung und einer etwaigen Voreingenommenheit und Suggestion des Beobachters die Tatsachen objektiv registrieren.

Bei dieser Gelegenheit muß ich übrigens bemerken, daß gegenwärtig eine geradezu lächerliche Abneigung und ein unglaubliches Mißtrauen


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gegen jede subjektive Beobachtung und namentlich Selbstbeobachtung auf diesem Gebiete herrscht. Weil Geisteskranke, Betrunkene, Morphinisten, willenlose Hypnotisierte ihre Zwangsvorstellungen und -halluzinationen mit der Wirklichkeit verwechseln, soll der experimentierende Naturwissenschaftler auch nicht imstande sein, seine freiwilligen, kunstgerechten Halluzinationen und Illusionen oder die magischen Demonstrationen spiritistischer Medien planmäßig zu beobachten und zu studieren! Natürlich schließt das vereinzelte Irrtümer und Selbsttäuschungen nicht aus. Solche sind aber auch schon den größten Forschern auf anderen naturwissenschaftlichen Gebieten wie z.B. in Physik, Chemie, Astronomie usw. gelegentlich passiert.

Wenn man den gläubigen Spiritisten Voreingenommenheit und Sinnestäuschung vorwirft, so läßt sich die Sache auch umkehren. Ein Gelehrter, der von vornherein alle spiritistischen Phänomene als reinen Humburg und Schwindel betrachtet, der keinen tieferen Einblick und kein tieferes Verständnis und Interesse für denselben besitzt, ist auch keine geeignete Persönlichkeit zum Urteil über denselben, denn er kann umgekehrt sehr leicht dort Betrug und Schwindel finden, wo keiner vorhanden ist.

Alle im Vorhergehenden erwähnten Umstände machen es verständlich, daß verschiedene Beobachter bezüglich der Leistungen eines und desselben Mediums manchmal zu ganz verschiedenen Anschauungen und Resultaten gelangten; es wird verständlich, warum die Eusapia Palladino von einer Anzahl ausgezeichneter Forscher als hervorragendes Medium anerkannt wurde, z.B. von Schiaparelli, Lombroso, während sie anderseits wiederholt als Schwindlerin entlarvt wurde. Eine solche gelegentliche Entlarvung beweist aber nach meiner Überzeugung nichts und namentlich ist es ganz unstatthaft, auf Grund einer einzigen Sitzung bereits ein definitives Urteil abzugeben.

Selbstverständlich will ich aber damit durchaus nicht bestreiten, daß es schon oft berufsmäßige Schwindler gab, welche die Leichtgläubigkeit der Menschen mißbrauchten. Deshalb besitzen die magischen Phänomene aber trotzdem eine reale Unterlage, welche zu einer wissenschaftlichen Erklärung herausfordert. Auf jedem noch dunkeln Wissensgebiete spielten immer wieder Aberglaube, Betrug und Schwindel eine Rolle. Man denke nur an Astrologie und Alchimie.

Übrigens heben die Spiritisten mit Recht hervor, daß verschiedene geradezu berühmt gewordene "Entlarvungen" in Wirklichkeit gar keine solchen waren, sondern daß dieselben lediglich auf einer unrichtigen Deutung der dabei in Frage kommenden spiritistischen Phänomene beruhten.


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Besonders bekannt ist die angebliche Entlarvung des Mediums Bastian durch den Kronprinzen Rudolph von Österreich und den Erzherzog Johann in Wien. Als man den auftretenden "Geist" festnahm, stellte sich heraus, daß das Medium selbst die Rolle desselben übernommen hatte. Damit schien natürlich Bastian und selbstverständlich auch der ganze Spiritismus gebrandmarkt zu sein. Der einzige sachverständige Teilnehmer an dieser Sitzung war der bereits früher erwähnte Baron von Hellenbach, der aber, von der Unschuld des Mediums fest überzeugt behauptete, daß es sich um eine Transfiguration desselben gehandelt habe. So wird es auch begreiflich, daß der aus dem Trance so plötzlich aufgeschreckte Bastian das ihm ausgesetzte Honorar von 1000 Gulden in nobler Weise zurückwies und sich von der Öffentlichkeit zurückzog, um nicht ein zweites Mal "von den Geistern mißbraucht" zu werden. Außerdem hatte gleichzeitig offenbar eine "Odexteriorisation" stattgefunden, wie ich sie bereits in V. S. 105 beschrieb, da die Garderobe des "Geistes" spurlos verschwunden war.

Mit Recht fährt darum du Prel bei der Besprechung der Entlarvungen in dem V. S. 121 zitierten Abschnitt fort: "Die Spiritisten haben im Anfange der Bewegung jahrelang verschiedenen Medien schweres Unrecht getan, indem sie diesen Schwindel den Medien selbst zuschrieben. Wenn nämlich das Phantom ergriffen wurde und es steckte darin das Medium als des Pudels Kern, so war die Entlarvung fertig. Mit der Zeit aber wurde man vorsichtiger; denn es zeigte sich, daß dieser Vorgang selbst bei den besten Medien zeitweilig eintritt .... Der Begriff der Transfiguration ist nicht etwa erfunden worden um Medien zu entlasten, sondern sie tritt oft in sehr überzeugender Weise für sich allein ein und beschränkt sich auf das Gesicht, ohne daß das Medium herumwandelt. Ein Medium dieser Art scheint zur Apostelzeit Simon der Magier gewesen zu sein."

Übrigens dürften nicht bloß aus den S. 113 angeführten Gründen, also infolge von Verwechslungen, Transfigurationen eintreten, sondern es können namentlich bei sehr starker Oberanstrengung des Mediums, nach meinen Erfahrungen an mir selbst, direkt absichtliche Irreführungen und feindliche Demonstrationen von seiten "böser Geister" vorkommen, so daß Bastian nicht mit Unrecht einen "Mißbrauch durch Geister" zugibt.

Von der Traumtänzerin Madeleine wurde gelegentlich behauptet, daß sie später zeitweilig nachgeholfen habe. Auch das braucht man, wie ich glaube, selbst wenn es wirklich der Fall gewesen sein sollte,


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durchaus nicht als eigentlichen Betrug zu betrachten. Bei Ausübung ihrer Kunst befand sie sich in einer leichten Hypnose. Es ist nun ganz gut denkbar, daß diese nicht immer genügend tief war, sondern daß das bewußte Ich noch tätig sein konnte und unwillkürlich tätig war, und daß dann eine Mischwirkung zwischen der Tanzkunst des bewußten Ich und des Unterbewußtseins entstand. Wie ich bereits früher hervorhob, verschmelzen bei den Leistungen der Genies, namentlich aber bei den alltäglichen Verrichtungen des gewöhnlichen Menschen die Tätigkeiten des bewußten Ich und des Unterbewußtseins sogar in der Regel miteinander und es entsteht eine einheitliche Resultante, bei der man kaum mehr angeben kann, was auf Rechnung des einen oder des andern zu setzen ist.

Ähnliches gilt auch von den rein magischen Phänomenen. Eine derartige Mischwirkung kann man hier z.B. bei optischen und akustischen Halluzinationen erzielen, wenn man sich und das einschlägige Gebiet des Unterbewußtseins durch Betrachten von Bildern, Zeichnungen, durch Pflücken von Blumen zu einem Strauße oder durch Anhören von Musik in eine spezifische "Stimmung" versetzt und sich dann zwanglos, ohne eine einzige unter den vielen miteinander verwandten Vorstellungen, die jetzt auftauchen, gewaltsam festzuhalten, jedoch auch ohne - im Gegensatz zur reinen Magie des Unterbewußtseins - völlig passiv zu bleiben, in seine Gedanken und Träumereien über das Gesehene und Gehörte zu versenken sucht, natürlich im Gegensatz zum Maler, Musiker oder Künstler überhaupt, den letzten Zweck nicht in Pflege der Kunst oder Musik sich setzend, sondern in das Bestreben, das Gesehene und Gehörte wieder zu sehen und zu hören, also halluzinatorisch, optisch und akustisch zu reproduzieren. Eine solche Mischwirkung lag offenbar bei meiner im III. Abschnitt beschriebenen Art der Erlernung des magischen Schreibens vor. Sowohl ich als auch die betreffenden Zentren des Unterbewußtseins hatten das Verlangen, das magische Schreiben zu erlernen, sich gegenseitig zu verständigen und zu unterstützen, so daß beide entsprechend zusammenwirkten. Übrigens geht eine zunächst begonnene reine Magie des Unterbewußtseins nicht selten allmählich in eine kombinierte über.

 

4. Einfluß des physischen Zustandes auf die Entstehung magischer Phänomene.

 
Bei der Besprechung des Wesens des Unterbewußtseins habe ich namentlich am Schlusse hervorgehoben, daß die verschiedenen psychischen

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Funktionen in der Hirnrinde lokalisiert sein müssen. Warum haben nun aber verschiedene Zentren der Hirnrinde verschiedene psychische Funktionen?

Das hängt nicht bloß mit ihrer Struktur, mit ihrer Lage in der Hirnrinde (von der psychischen Tätigkeit niedriger stehender Zentren können wir hier absehen), mit ihrer Angewöhnung zusammen, sondern auch mit ihren Beziehungen zu peripheren Organen. Bei manchen Personifikationen kann ich deutlich wahrnehmen, daß sie auf gewisse Organe, namentlich auch solche, die meiner Willkür entzogen sind, einen auffallend großen Einfluß ausüben. Bei Entartung können sie denselben schwer mißbrauchen und meinen Versuchen, ihn auf ein geringeres Maß zu beschränken, setzen sie oft bedeutenden Widerstand entgegen. Für zahlreiche Empfindungen, Gefühle und Triebe sind die Zentren sowie die Endnerven und Endorgane bereits bekannt. Die letzteren sind im ganzen Körper verteilt und befinden sich z.B. für die optischen Empfindungen im Auge, für die akustischen im Ohre, für die sexuellen in den Sexualorganen, für Durst- und Hungergefühl im Munde, Schlundkopf und Magen.

Nach meinen Erfahrungen gibt es nun auch für viele andere, kompliziertere und mehr geistige Gefühle die verschiedensten Endorgane, namentlich auch im Gebiete des Sympathikus. So liegen, zum Teil nach eigenen Mitteilungen der Personifikationen, die peripheren, spezifischen End- und Lustnerven für die hoheitlichen und vornehmen Gefühle hauptsächlich in der Pylorusgegend, diejenigen für die religiösen und erhabenen besonders in der oberen Dünndarmgegend (Plexus solaris coeliacus) usw., für die teuflischen, gemeinen und minderwertigen Gefühle und Triebe zum Teil im Dickdarm- (Bocksgestalten) und Enddarmgebiet (Pferdefuß). Letzteres macht begreiflich, daß das Stinken der Teufel in der Magie eine Rolle spielt und daß meine teuflische Bockfußpersonifikation Meister in der Erzeugung von Darmgasgeruchshalluzinationen ist.

Bei zu weit gehender Ausbildung derartiger Personifikationen entstehen darum auch leicht im Magendarmkanal an entsprechenden Stellen unnatürliche krampfhafte Verengerungen und Hemmungen für den Durchgang des Darminhalts, gewissermaßen Gebietsgrenzen, welche mir und namentlich auch ihnen selber untereinander manchmal bedeutende Unannehmlichkeiten verursachen. Ja, es kann geradezu Streitigkeiten mit dem "Vormann" geben, wieviel man jeweils noch durchlassen solle. Freilich suche ich alsdann, wenn die Herstellung der Ruhe nicht schon von anderen Zentren erreicht wird, sie in verschiedener


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Weise zu zwingen, derartige Schwierigkeiten durch einfachere psychophysische oder physische Mittel, statt auf dem Wege diplomatischer Verhandlungen zu lösen, indem ich z.B. lebhaft an andere Dinge denke, so daß ihnen die Möglichkeit einer weitergehenden intellektuellen Tätigkeit benommen wird oder indem ich durch Turnübungen die ganze Situation verändere. Daß gerade die zum Verdauungskanal in näherer Beziehung stehenden Zentren bei mir so hoch entwickelt sind, wird man begreiflich finden, wenn ich mitteile, daß ich seit vier Jahrzehnten immer wieder an nervösen Verdauungsstörungen leide. Ich war darum auch seit dieser Zeit gezwungen, mich in diese Richtung zu beobachten und zu studieren, so daß vor dem Beginn meiner eigentlichen magischen Experimente, wenn man will, mehr als 20 Jahre unfreiwilliger Vorarbeiten liegen.

Bei längerer Entziehung von Speisen und Getränken und dadurch bewirkter starker Reizung spezifischer Nerven des Verdauungskanals tritt nicht bloß das allgemeine Gefühl von Hunger und Durst auf, sondern es folgen bald auch die spezifischen Vorstellungen und schließlich sogar die optischen Halluzinationen von Speisen und Getränken, also von Dingen, die zur Befriedigung und Beruhigung der erregten Nerven dienen. Die Entstehung solcher Halluzinationen ist so zu denken, daß die zum Magen in näherer Beziehung stehenden und daher zunächst betroffenen, dann aber auch entferntere Zentren der Hirnrinde von dem Hunger- und Durstgefühl ergriffen werden und die einschlägigen Gegenstände sich vorstellen und auch das bewußte Ich hierzu veranlassen, bis die Vorstellungen und damit die optischen Erregungen durch das gemeinsame Zusammenwirken ausgedehnterer Partien der Hirnrinde schließlich so stark sind, daß sie auch die peripheren optischen Gebiete ergreifen und zu Halluzinationen werden*. Analog empfindet man allmählich ganz deutlich den Geschmack und Geruch der betreffenden Speisen und Getränke, und schließlich kann man förmlich magisch essen und trinken, wie das von den verschiedenen Heiligen und Büßern berichtet wird und wie ich das auch an mir selber öfters mit genügender Deutlichkeit beobachten konnte. Selbstverständlich wird man darum die magische Reproduktion von Speisen und Getränken nur bei leerem Magen unternehmen, weil dann die bereits vorhandene Erregung der spezifischen Endnerven und Endorgane schon eine allgemeine Prädisposition für die entsprechenden Halluzinationen schafft.

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* Auf diese Weise sind die im VIII. Kapitel erwähnten Halluzinationen des Hungers von Mikkelsen und Iversen zu erklären.


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Auch anderweitige magische Experimente wird man im allgemeinen möglichst unter Bedingungen anstellen, welche ihr Gelingen begünstigen. Darum halten die Spiritisten ihre Sitzungen abends und im verdunkelten Zimmer ab, da am hellen Tage nicht so leicht eine "Geisterstimmung" zu erreichen ist und außerdem natürlich im Dunkeln optische Halluzinationen leichter zu sehen sind. Allerdings sind sie dadurch in Mißkredit gekommen, weil unter solchen Bedingungen leicht betrogen wird. Die Medien selbst befinden sich in der Regel im hypnotischen Schlafe, hier "Trance" genannt, wobei die einschlägigen Zentren des Unterbewußtseins durch die Vorstellungen des Wachbewußtseins, die sie bei größerer Intensität als Zwangsvorstellungen empfinden, nicht gestört sind. Bei besonders günstig veranlagten Individuen ist aber wie bereits S. 117 erwähnt, der Schlaf nicht notwendig, ja die Phänomene können sogar am hellen Tage eintreten.

Die peripheren Endorgane für die Furcht - und Schreckensgefühle liegen bekanntlich zum Teil in der Haut (Überlaufen einer Gänsehaut, ähnlich wie beim Frieren). Es ist darum begreiflich, daß Hauterregungen der einen Art diejenigen der andern Art zu begünstigen geeignet sind. Wenn man sich fürchtet, "läuft es einem eiskalt über den Rücken", wie man sich auszudrücken pflegt. Man friert darum auch leichter. Wenn man an Gespenster und Geister denkt, ist es ähnlich. Auch in diesem Falle spielen Erregungen peripherer Hautnerven eine wichtige Rolle. Bei spiritistischen Sitzungen beobachten darum die Teilnehmer regelmäßig ein auffallendes Kältegefühl an sich. Sie können sich das nicht erklären. Ja, ein bekannter italienischer Gelehrter sagt darüber: "Vielleicht ist es symbolisch die Kälte der Gräber, welche sich öffnen, um die Verstorbenen herauszulassen? Gewiß ist, daß sie empfindlich ist und nicht eingebildet."

Anderseits beobachtete ich an mir zur Evidenz, daß durch starkes Frieren Furchtgefühle und damit entsprechende Halluzinationen begünstigt werden. Wenn ich zur Prüfung im Winter nachts im kalten Schlafzimmer, nur mit Hemd bekleidet, lange Zeit außerhalb des Bettes weilte, drängten sich Teufelsgestalten mit immer größerer Macht in meinen Vorstellungskreis ein*). Und wenn solche Vorstellungen infolge

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* Auch jetzt noch kann ich, obwohl ich seit Jahren keine absichtlichen, diesbezüglichen Experimente mehr anstellte, leicht erkennen, daß sich in mir gehörnte Bockfuß- und verwandte Gestalten verschiedener Art zu rühren anfangen, sobald ich nur z.B. bei kalter Witterung längere Zeit (auch am hellen Tage) bis zur beginnenden Erkältung ruhig sitzen bleibe. Der warme Ofen vertreibt alsdann diese Art von Teufeln schnell wieder.


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der vorhergehenden gesamten Lebensweise gerade überhaupt eine größere Rolle spielten, getraute ich mir nachts manchmal nicht das warme Bett zu verlassen, weil sie sonst halluzinatorisch sichtbar zu werden begannen und auch den ganzen Körper in bedenklichster Weise beeinflußten.

Um in mir die Furcht- und Schreckensgefühle besonders zu begünstigen und entsprechende Halluzinationen hervorzurufen, trieb ich mich nach eingebrochener Dämmerung auf der Jagd bei kaltem, windigem, regnerischem Wetter in den waldigen, sumpfigen Auen eines größeren, rauschenden Flusses - der Isar - herum und dachte absichtlich an unheimliche Dinge, an Räuber- und Gespenstergeschichten, die ich zuvor gelesen hatte. Bei meiner großen Empfindlichkeit beschlich mich schon nach wenigen Versuchen, obwohl ich das geladene Gewehr auf dem Rücken trug, ein früher nie gekanntes, abnormes Furchtgefühl. Bald auch traten die entsprechenden Vorstellungen immer lebhafter auf, schließlich folgten Illusionen und Halluzinationen. Wenn der Wind die Zweige bewegte, schienen Mörderhände nach mir zu greifen, unheimliche, schreckhafte Gestalten mit gezücktem Messer mir zu drohen, schwarze, finstere Gesellen aufzulauern, kurz, die Wirkung war derart, daß ich es bald vorzog, diese Art von Mediumität nicht weiter auszubilden. Zudem hatte ich ja meinen Zweck, auch dieses Gebiet etwas näher kennen zu lernen und zu studieren, genügend erreicht.

Wie man auch hier wieder sieht, kann es zu einer sehr weit gehenden "Spaltung des Bewußtseins" kommen, so daß die Halluzinationen und Personifikationen sich wie die schlimmsten Feinde gegen die eigene Person verhalten. Das wollen die Spiritisten vielfach nicht glauben und gerade feindliche Demonstrationen als einen Beweis für die Anwesenheit von fremdartigen Wesen - d.h. von Geistern - in diesem Falle von bösen Geistern ansehen. Dieser Schluß ist aber durchaus nicht berechtigt, denn wie schon früher hervorgehoben, besteht ein sehr charakteristischer Irrtum der auftretenden Personifikationen darin, daß sie sich wirklich für das halten, was sie nur halluzinieren und daß sie dementsprechend auch handeln. Umgekehrt ist es darum von seiten der Spiritisten ebenso verfehlt, einem auftretenden guten Geiste unbedingten Glauben zu schenken, selbst wenn er sich als denjenigen des verstorbenen Vaters, der Mutter oder des Gatten erklärt und auch durch sein Verhalten als solchen legitimiert. Im Falle einer Täuschung kann man dem "Geiste" (d.h. dem betreffenden


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Teile des Unterbewußtseins) keinen Vorwurf für ein unnatürlich lügenhaftes Verhalten dem bewußten Ich gegenüber machen, weil er es selber nicht besser weiß. Der Irrtum beruht eben auf Gegenseitigkeit. Derjenige, der den Geist zitiert, ist im Irrtum befangen, daß die auftretenden Personifikationen Geister seien und behandelt sie dementsprechend, und umgekehrt halten sich die Personifikationen wirklich für Geister und handeln dementsprechend.

Aus dem vorher Erwähnten ergibt sich, daß durch Reizung spezifischer Endnerven spezifische Vorstellungen hervorgerufen oder wenigstens begünstigt werden, also durch Reizung der Schlund- und Magennerven die Vorstellungen von Speisen und Getränken, durch Reizung gewisser peripherer Hautnerven diejenigen von Geistern, Gespenstern usw.

Darauf beruhen vielfach auch die Träume. Bei starker Erregung des Sexualsystems z.B. durch Spermadruck, treten im Traume sexuelle Halluzinationen und Personifikationen auf. Bei abnormer Überreiztheit kommen sie sogar im völlig wachen Zustande vor.

In analoger Weise können infolge Erregung anderer Endorgane oder auch Zentren schließlich die verschiedensten anderweitigen Vorstellungen, Halluzinationen und Träume entstehen, so daß offenbar das Physische einen mächtigen Einfluß auf das Psychische ausübt.

Durch die gleichzeitige Erregung verschiedener Endnerven und Endorgane und der zugehörigen höheren Zentren sind endlich die verschiedensten Kombinationen möglich, wodurch oft die sonderbarsten und abenteuerlichsten Gestalten halluzinatorisch auftauchen, die es jedoch meist zu keiner größeren Rolle bringen.

Derartige Wesen kann man zunächst weder bei den landläufigen Begriffen von Geistern der Verstorbenen noch von Teufeln noch auch von Menschen und Tieren unterbringen. Bei näherer Prüfung findet man aber, daß es nichts weiter als phantastische Verzerrungen von bekannten und normalen Gestalten sind oder Kombinationen von Teilen verschiedener, ähnlich wie die mythologischen Figuren, die bei den verschiedensten Völkern, Dichtern und Künstlern eine Rolle spielen. Übrigens ist selbst der teuflische Bockfuß, der bei mir immer wieder auftritt, im wesentlichen nur die Kombination einer menschlichen Gestalt mit derjenigen eines aufrecht auf den Hinterbeinen stehenden, kurz gehörnten Geißbocks. Von hier aus aber erfolgen die verschiedensten Verzerrungen und Übertreibungen einzelner Körperteile, namentlich


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auch wenn ich oder andere Zentren ihm energisch entgegentreten, so daß er sein Ideal nicht erreicht.

Wenn in pathologischen Fällen spezifische Endorgane (oder auch Zentren) dauernd stark erregt sind, können für das bewußte Ich dauernde Zwangsvorstellungen oder sogar Zwangshalluzinationen entstehen. Die verschiedenen Zentren des Unterbewußtseins wählen sich dabei natürlich, je nach ihrer psychophysischen Veranlagung, ihren Neigungen und Leidenschaften und je nach ihrem Bildungsgrade spezifisch verschiedene Vorstellungen. Die hoheitlichen bevorzugen bei mir, außer Mitgliedern des bayerischen Königshauses, den deutschen Kaiser, Napoleon I., Bismarck, Moltke usw. Auf mein Befragen erklären sie, natürlich wieder unter Verwechslung von Wirklichkeit und Vorstellung und in Ermangelung eines tieferen Verständnisses für das Wesen der ihnen vorschwebenden Persönlichkeiten: "Ich kann verschiedene Formen annehmen, ich brauche nicht bloß Deutscher Kaiser zu sein, ich kann auch Napoleon sein oder Bismarck, Moltke." Sie gehen also gewissermaßen von der Ansicht aus, daß man seine Gestalt wechseln könne, wie man seine Kleider wechselt. Meist bevorzugen sie aber von den verschiedenen, ihnen sympathischen Vorstellungen eine bestimmte für kürzere oder längere Zeit oder auch dauernd. Sie sagen dann: "Das ist meine Lieblingsgestalt, die ich mir dauernd erwählt habe und in welcher ich mich am wohlsten fühle."

Besonders hartnäckig halten meine Dickdarmzentren die vorher erwähnte Bockfußgestalt fest, obwohl sie gelegentlich auch für andere Figuren z.B. für einen afrikanischen Barotsehäuptling, dessen Abbildung ich zufälligerweise sah, schwärmten, oder für den schwarzhaarigen Zigeunerknaben in Murillos "Würfelspieler".

Wenn also bei mir das Colon transversum beziehungsweise die entsprechenden Zentren im Gehirn stark erregt sind, entsteht für gewöhnlich die Halluzination des diabolischen Bockfußes. Gleichzeitig tritt dabei eine bedeutende Anschwellung des Dickdarms und damit eine Erektion desselben ein, die gleichwertig ist mit den Erektionen der Organe, welche das bewußte Ich ausführen kann.

Eine solche Erektion erreichen aber, wie ich teils durch eigene Beobachtung, teils durch Mitteilung von seiten freundlich gesinnter Personifikationen erfahren habe, diejenigen Zentren, die zu einzelnen Darmabschnitten in näherer Beziehung stehen, dadurch, daß sie in den von ihnen beherrschten Partien den Inhalt an bestimmten Stellen zusammenschieben und diese Stellen dann fest verschließen. Durch die Blähung werden die anliegenden peripheren Nerven gereizt und es entstehen


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für die zugehörigen Zentren der Hirnrinde spezifische Lustgefühle, welche ihnen das Festhalten ihrer spezifischen Lieblingsvorstellungen und Halluzinationen erleichtern.

Manche Personifikationen betreiben eine derartige Manipulation mit großer Leidenschaft, so daß ich oft einen schweren Standpunkt habe. In dieser Beziehung fürchte ich besonders den "Bock- und Pferdefuß". Die zugehörigen Zentren muß ich geradezu als Onanisten bezeichnen, die ihre mythologischen Bock- und Pferdefußfiguren mit unglaublicher Zähigkeit festhalten und außerdem auch zu sexueller Onanie, Grausamkeit und anderen Lastern neigen, entsprechend der Beschaffenheit ihrer peripheren Organe oder deren unmittelbarer Nachbarschaft. Die Unsittlichkeit und Verführungskünste der Teufel spielen in der Geschichte der Magie bekanntlich eine wichtige Rolle.

Bekanntlich glauben an funktionellen Nervenleiden erkrankte Personen, Verlagerungen und Bewegungen der Eingeweide wahrzunehmen. Das ist nach meiner Überzeugung durchaus nicht immer bloße Einbildung. Daß ich mich z.B. in der Beobachtung der Darmerektionen nicht täusche, ergibt sich daraus, daß ich bei meinem meist sehr mageren Körper ohne weiteres die starke Hervorwölbung des Colon transversum sehen kann, sobald der "Bockfuß" auftritt, oder auch nur die spezifisch innere Stimme oder das Gefühl, daß meine Beine bockfußartig werden. Mein Bockfuß kann ferner den Dickdarm in der verschiedensten Weise biegen und winden und in der Lage verändern, namentlich auch um seine Erektion besser zu verdecken. Er kann mit demselben verschiedene Kunststücke ausführen, wie sie der bewußte Mensch meist nur mit Organen vollbringt, die eine gestreifte Muskulatur besitzen. Wenn es ihm zu langweilig wird, dann dreht er z.B. an einer genau in der Mitte des Colons transversum oberhalb der Nabelgegend liegenden Stelle, wie ich es zeitweilig ganz scharf fühle, kleine rundliche Exkremente, von der Form derjenigen eines Geißbocks. Der Pferdefuß macht ihm gelegentlich ein solches Kunststück nach, natürlich in seinem Darmabschnitt, und da er für das Größere und Massigere schwärmt und nach verschiedenen Richtungen - allerdings nicht nach den besten - das Pferd sein Urbild ist, in vergrößertem Maßstabe.

Wenn nun bei einem Menschen derartige Phänomene aus pathologischen Ursachen auftreten und er deshalb den Arzt zu Rate zieht, dann findet derselbe häufig nichts von dem, was ihm der Patient angegeben hat. Gerade bei einer ärztlichen Untersuchung werden nämlich derartige rein funktionelle Störungen besonders leicht verschwinden,


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schon deshalb, weil dabei die Aufmerksamkeit des Kranken besonders stark in Anspruch genommen ist und infolgedessen die Halluzinationen des Unterbewußtseins und die Erektionen der peripheren Organe zurückgedrängt werden. Bei besonderer Empfindlichkeit tritt übrigens eine eigentliche Erektion gar nicht ein. Es genügt ein stärkerer peripherer Nervenreiz, um die gleichen Vorstellungen und Halluzinationen hervorzurufen.

Als eine Art Universalmittel raten die Ärzte einem solchen Patienten möglichste Zerstreuung. Dabei handelt es sich hauptsächlich darum, durch die Vorstellungsbilder, welche die Außenwelt hervorruft, die von innen her, d.h. vom Unterbewußtsein verursachten Vorstellungen und Halluzinationen zu verdrängen, nach dem bekannten Prinzip, daß jeweils nur eine einzige Vorstellung klar im Bewußtsein vorhanden sein kann. Jedoch reicht dieses Mittel nicht in allen Fällen aus. Wenn es sich nämlich um besonders angenehme Vorstellungen und besonders einfache Lustgefühle oder tief eingewurzelte Leidenschaften des Unterbewußtseins handelt, dann hilft unter Erigierung und Reizung ihrer peripheren Organe häufig eine größere Anzahl von Zentren, oft unter Führung einzelner z.B. bei mir des Bockfußes, mit ganz außerordentlicher Zähigkeit zusammen und hält sie längere Zeit trotz gewaltsamster und stärkster Gegenvorstellungen fest, bis der Reiz noch weitere, zunächst unbeteiligte ergreift und schließlich selbst auch für das bewußte Ich entsprechende Zwangsgefühle, -Vorstellungen und -Halluzinationen eintreten. Man bedenke nur, welch unwiderstehlicher und unerträglicher Reiz allein schon durch leichte Erkrankung oder sonstige Erregung selbst ganz minderwertiger und untergeordneter Organe entstehen kann beim Husten, Niesen, bei Katarrh, Diarrhöe, Hunger, Durst usw. (vergl. dazu in Kapitel VIII Mikkelsens Halluzinationen des Hungers). Eine Überreizung höherer psychischer Endorgane oder Zentren wirkt in pathologischen Fällen zweifellos nicht minder stark.

Außer den bisher erwähnten könnte ich hierfür beliebige anderweitige Beispiele aus meiner eigenen unmittelbaren Erfahrung anführen. Sie zeigen, welch übermächtigen Einfluß vorübergehend oder auch andauernd einzelne Zentren des Unterbewußtseins, mögen sie personifiziert sein oder nicht, auf den körperlichen und geistigen Zustand des Menschen auszuüben vermögen. Sie beweisen außerdem die Richtigkeit meiner Behauptung, daß diese Zentren intellektuelle Fähigkeiten besitzen und bieten zugleich den Schlüssel zum tieferen Verständnis der Neurasthenie und Hysterie und überhaupt der funktionellen


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Nerven- und Geisteskrankheiten, sowie zahlreicher psychischer Abnormitäten und Perversitäten. Auch die Literatur liefert Beispiele in großer Zahl. Nur werden sie bis jetzt von den Psychiatern infolge mangelnder Kenntnisse bezüglich des Wesens des Unterbewußtseins nicht genügend verstanden. Hier nur einige Beispiele beiderlei Art:

Der Wiener Arzt Dr. Breuer berichtet von einem hysterischen Mädchen: "Es war im Sommer eine Zeit intensiver Hitze gewesen und Patientin hatte sehr arg durch Durst gelitten; denn, ohne einen Grund angeben zu können, war ihr plötzlich unmöglich geworden zu trinken. Sie nahm das ersehnte Glas Wasser in die Hand, aber sowie es die Lippen berührte, stieß sie es weg wie ein Hydrophobischer. Dabei war sie offenbar für diese paar Sekunden in einer Absenz. Sie lebte nur von Obst, Melonen und dgl., um den qualvollen Durst zu mildern. Als das etwa sechs Wochen gedauert hatte, räsonierte sie einmal in der Hypnose über ihre englische Gesellschafterin, die sie nicht liebte, und erzählte dann mit allen Zeichen des Abscheus, wie sie auf deren Zimmer gekommen sei, und da deren kleiner Hund, das ekelhafte Tier, aus einem Glas getrunken habe. Sie habe nichts gesagt denn sie wollte höflich sein. Nachdem sie ihrem steckengebliebenen Ärger noch energisch Ausdruck gegeben, verlangte sie zu trinken, trank ohne Hemmung eine große Menge Wasser und erwachte aus der Hypnose mit dem Glas an den Lippen. Die Störung war damit für immer verschwunden."

Der Grund für die quälende Wasserscheu war also der, daß einzelne Zentren des Unterbewußtseins sich am Trinken des Hundes aus dem Glase geekelt hatten und von da an, in Erinnerung dessen, das bewußte Ich jedesmal im entscheidenden Momente gewaltsam verhinderten, ebenfalls zu trinken. Ihnen ging offenbar der Ekel tiefer als der Durst. (Durch meine unmittelbaren Beobachtungen an mir selber kann ich immer wieder feststellen, daß selbst so "allgemein-menschliche" Bedürfnisse, wie Essen und Trinken, einzelnen Zentren meines Unterbewußtseins - allerdings im Gegensatze zu vielen andern durchaus gleichgültig sind, ja daß sie ihnen selbst bei nur ganz mäßiger Sättigung direkt verhaßt werden. Vergl. dazu auch weiter rückwärts unter psychischer Differenzierung und Spaltung.)

Das Hysterische und Pathologische lag bei diesem Falle in dem übermächtigen Einflusse des Unterbewußtseins, der allerdings nur ein ganz einseitiger war, da er sich bloß auf das Trinken bezog. Die "Einbildung" aber bei einer solchen "Einbildungskrankheit"


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befand sich nicht auf seiten des bewußten Ich, sondern des Unterbewußtseins.

Ein mir bekannter Herr, Dr. St., Chemiker, teilte mir eines Abends mit, daß ihn nachmittags ohne erkennbare Ursache ganz plötzlich ein schweres Angstgefühl überfallen und längere Zeit gefangen gehalten habe.

Plötzlich auftretende Angst- und Furchtgefühle, Heiterkeits- und Wutausbrüche, hysterische Ohnmachtsanfälle usw. kommen bekanntlich bei nervösen Menschen nicht selten vor. Nervöse Angst und Furcht, Schwermut, starke Aufregung, Erbleichen, überhaupt "funktionelle Nervenstörungen" können bei mir durch verschiedene Ursachen bewirkt werden. Wenn sich z.B. nur Darmgase oder sonstiger Darminhalt infolge andauernder, ungünstiger Stellung oder Lage meines Körpers, etwa bei anstrengendem Studium, an irgend einer Stelle stauen, oder wenn dieselben absichtlich durch übermächtige Personifikationen in den von ihnen beherrschten peripheren Gebieten gestaut werden*, entwickeln die darunter leidenden Zentren während dieser Zeit, ebenfalls unter spezifischer Erektion ihrer peripheren Organe, oft ganz unglaubliche psychophysische Kräfte, die mein eigenes, d.h. meines Oberbewußtseins Gefühlsleben, auch gegen meinen Willen und gegen mein besseres Wissen, wenigstens vorübergehend, stark beeinflussen können.

Ist der "Pferdefuß" bei mir in schlechter Laune, dann bemüht er sich mit den Füßen zu scharren, ähnlich wie ein Pferd, aber häufig unter Verwechslung seiner gedachten mit meinen wirklichen Füßen (vergl. dazu das über die Zungenübungen des Rundkopfes S. 36 Mitgeteilte), indem er, wenn ich beim Gehen jeweils einen Fuß aufsetze, denselben am Boden schleifend nach rückwärts zu ziehen sucht, so daß es mich einigemale direkt Anstrengung kostete, Widerstand zu leisten, um nicht auf der Straße Aufsehen zu erregen. Manchmal sucht er mit meinen Augen zu zwinkern.

Jean Paul erzählt, Kardinal Richelieu habe zeitweilig das Bedürfnis gehabt, wie ein Pferd zu trampeln und mit den Füßen zu scharren. Offenbar war er alsdann von einer meinem Pferdefuß entsprechenden Personifikation stark beeinflußt.

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* In diesem letzteren Falle könnte offenbar unter Umständen auch eine S. 135 erwähnte rein psychische Behandlung zur Beseitigung des Übels führen, da die in Frage stehenden Zentren eben intellektuelle Fähigkeiten besitzen.


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Ein römischer Feldherr soll nach der Rückkehr vom Feldzuge das Bedürfnis gehabt haben, wie ein Kind zu spielen, also entsprechend den Wünschen meiner Personifikation "Kind" zu handeln. Der tiefere Grund war jedenfalls der, eine Störung im psychophysischen Gleichgewicht der verschiedenen Nervenzentren, die infolge der lange Zeit einseitig erfolgten Anspannung der Kräfte entstanden war, durch Betätigung in ganz anderer, entgegengesetzter Richtung zu beseitigen. Der "Bockfuß" bemüht sich bei mir in schlechter Laune beide Augen gewaltsam nach innen (d.h. gegen die Nasenwurzel) zu drehen, so daß "nervöse Sehstörungen", namentlich Schwierigkeiten im genauen Fixieren entstehen, oder den Absatz des Schuhes meines rechten Fußes gegen den linken Knöchel zu schlagen, um mir wehe zu tun. Namentlich führt er das öfters aus, wenn ihm beim Spaziergange zu warm wird, da er gerne kühl oder gleich direkt kalt haben möchte. Ähnlich äußert er seinen Unwillen, wenn der Dickdarminhalt nicht die ihm angenehme Qualität und Quantität besitzt. Eventuell ruft er mir schon vorher zu: "Das darfst du nicht mehr essen, sonst bekomme ich zu viel Arbeit" oder "das darfst du nicht mehr trinken, sonst wird der Darminhalt zu dünn und jauchig, das reizt mich zu sehr." "Ich will nicht den ganzen Tag arbeiten."

Bei zu lange ausgedehnter, anstrengender Radfahrt wurde ich schon ein paarmal durch Personifikationen (Pferd, Pferdefuß usw.), die gewissen Muskelzentren näher stehen und somit unter der Ermüdung stärker leiden, vom Rade heruntergeworfen, indem sie die eine Hand steif hielten, so daß ich trotz allen Widerstrebens während einiger Sekunden die Lenkstange nicht genügend dirigieren konnte und einer Straßenfurche zusteuern mußte. Gleichzeitig wurde ich höhnisch verlacht mit dem Rufe: "Ich lasse mich nicht schinden" oder "der Kerl muß herunter" usw. Daß sie für den Fall eines Bein- oder Armbruches selber am meisten leiden würden, ist ihnen dabei entweder nicht genügend klar oder in der Aufregung gleichgültig.

Sobald der "Pferdefuß" und damit die Tendenz, meinen (Mittel-) Fuß zum Pferdefuß auszubilden, stärker auftritt, werden die vorderen und hinteren Partien der Füße, namentlich die Zehen kalt, die Haut der Fersen bekommt zahlreiche, wirr durcheinander verlaufende Risse, die rasch tiefer gehen und schließlich zu schmerzen und jedenfalls auch zu bluten anfangen würden, wenn ich nicht Gegenmittel ergriffe.

Der bereits weiter oben zitierte Dr. Breuer teilt folgendes mit:

Ein 21 jähriges Mädchen hatte eine steife Lähmung der beiden rechtsseitigen Extremitäten und Unempfindlichkeit derselben, zeitweilig


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die gleichen Affektionen an der linken Körperseite, Störungen der Augen, mannigfache Beeinträchtigung des Sehvermögens, Schwierigkeiten der Kopfhaltung, nervösen Husten, Zustände von Abwesenheit, Verwirrungen und Delirien, Alteration der ganzen Persönlichkeit. Durch rein psychische Beeinflussung gelang die Heilung der Patientin.

Um überhaupt auf psychischem Wege solche hysterische Konversionen (d.h. nach Freud Umsetzungen psychischer Zustände in körperliche Innervationen) zu erforschen und beseitigen zu lernen, wurde von dem eben erwähnten Dr. Breuer in den Jahren 1880-82 die Psychoanalyse begründet, die von Freud und seinen Schülern weiter ausgebildet wird*. Auf die Beziehungen zwischen den Ergebnissen derselben und meinen eigenen Versuchen kann ich vorläufig noch nicht eingehen.

Da bei mir allmählich immer mehr Personifikationen auftreten, sollte man erwarten, mein Zustand müsse sich dementsprechend auch ständig verschlimmern. Wie aber bereits früher erwähnt, ist das nicht der Fall, denn einerseits stören sich benachbarte Personifikationen bei stärkerer Ausdehnung ihrer Erektionen notwendig gegenseitig selber und halten daher einander in Schach, anderseits werden die peripheren Organe, z.B. im Darmkanal, durch den Reiz der mit der Erektion verbundenen Stauungen um so mehr veranlaßt den Inhalt zu verteilen und damit die Erektion zu beseitigen. Eine größere Gefahr wird infolgedessen immer wieder beseitigt.

Trotzdem mußte ich, namentlich anfangs, fortwährend nach neuen Mitteln zur Bekämpfung der verschiedenen Personifikationen und der durch sie bedingten Störungen suchen. Da die Hirnzentren selbst, abgesehen etwa durch Medikamente, direkt nicht gut zu treffen sind, ging ich über ihre leichter zugänglichen peripheren Organe. Um aber beim Einschreiten gegen spezifische Störungen sozusagen nur die schuldigen Urheber derselben zu treffen und die Organe nicht beteiligter Zentren zu schonen, um also "magisch zielen"** zu können, war es für mich von besonderer Wichtigkeit, die genaue Lage der erigierten peripheren Endorgane zu kennen. Diese läßt sich aber in verschiedener Weise auffinden, z.B. durch Achten auf die angenehmen und unangenehmen

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* Siehe z.B. "Über Psychoanalyse". Fünf Vorlesungen von Prof. Dr. Freud. Leipzig und Wien. Franz Deutike.

** Ich spiele dabei auf einen Ausdruck Ehrlichs an, welcher sagt, die Mediziner müssen "chemisch zielen" lernen, d.h. mit ihren Medikamenten möglichst nur die kranken und entarteten Organe zu treffen suchen, ohne andere in Mitleidenschaft zu ziehen.


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Gefühle, die aus den verschiedenen Körperpartien kommen, namentlich auch dadurch, daß man seine Aufmerksamkeit auf eine verdächtige Körperpartie richtet und innerlich gewissermaßen über das physische oder psychische Befinden der zugehörigen Personifikation Anfrage stellt. Wenn ich auf diese Weise z.B. mit der Pförtnergegend, also der peripheren Nervengebiete der "Hoheit" verfahre, vernehme ich beim Horchen alsdann, scheinbar von dorther, ihre Stimme, von der Mitte des Colon transversum her aber diejenige des "Bockfußes" usw.
So ist es auch erklärlich, daß Halluzinanten öfters behaupten, aus verschiedenen Körperpartien Stimmen zu vernehmen oder daß ihr Quälgeist, der Teufel, oder auch ihr Schutzgeist usw. in diesem oder jenem Körperteil (in welchem sich eben, das periphere Endorgan der betreffenden Personifikation befindet) seinen Sitz habe.
Was nun aber die Anwendung von Gegenmitteln anbelangt, so erziele ich bei Personifikationen, deren Endgebiete sich z.B. im Darmgebiete befinden, abgesehen von purgierenden und sonstigen Mitteln, welche ein andauerndes Starrstellen (Erektion) oder ein völliges Verschließen ihrer Darmabschnitte verhindern, sehr günstige Wirkung, wenn ich Rumpfbewegungen ausführe oder auch nur beim Liegen mich abwechselnd immer wieder von der einen auf die andere Seite wende. Dadurch werden die betreffenden Personifikationen, wie mir einmal sehr ärgerlich der "Bockfuß" unfreiwillig verriet, stark in ihren Träumereien und Halluzinationen gestört, weil dabei jedesmal eine bedeutende Veränderung in der Lage der lose aufgehängten Eingeweide und damit auch ihrer peripheren Lustnerven und erigierten Endorgane erfolgt, sodaß sie dann meistens lieber nachgeben, als eine Fortsetzung erzwingen zu wollen.
Als spezifisches Mittel gegen zahlreiche Personifikationen erwies sich ferner ein Anstemmen einzelner Partien der Wirbelsäule gegen einen harten Gegenstand, z.B. beim Sitzen gegen die Stuhllehne. Beim Auftreten des "Bockfußes" muß ich speziell den Processus spinosus des 10. oder 11. Brustwirbels in dieser Weise traktieren. Dadurch erlahmt allmählich die Erektion des Colon transversum (namentlich der mittleren Partien desselben), die Bockfuß - Vorstellungen verschwinden und die Passage für den Darminhalt wird dortselbst wieder frei. Später folgen unangenehme und schließlich direkt schmerzhafte Gefühle. Dann ist es höchste Zeit aufzuhören, sonst ist der Schaden größer wie der Nutzen. Der Vorgang ist jedenfalls so aufzufassen, daß beim Anpressen und damit verbundenen Einbiegen


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der betreffenden Partie der Wirbelsäule auch die davor liegenden Ganglien des Sympathikus, welche den genannten Darmabschnitt innervieren und unter der Herrschaft des Bockfußes stehen, allmählich lahm gelegt werden.
Da aber die Erektionen oft selbst nach Stunden nicht nachlassen wollten, benützte ich zu ihrer Bekämpfung die Nachtzeit und unterlegte beim Liegen im Bette unter der Wirbelsäule einen kugeligen Tuchknäuel, speziell gegen den "Bockfuß" natürlich in der vorher erwähnten Gegend. Bei ausgedehnteren, über größere Darmpartien sich erstreckenden Erektionen umschnürte ich den Leib mit einem Riemen, um den erigierten Organen möglichst wenig Spielraum zu lassen. In letzteren Fällen verstanden es jedoch namentlich "Bock- und Pferd fuß" ganz raffiniert, ihren Darmabschnitt mehr nach hinten gegen die Wirbelsäule, also in die Tiefe der Bauchhöhle zurückzudrängen, so daß ich das Zusammenschnüren oft aufs äußerste treiben mußte, um auch Ihnen genügend beizukommen.

Ganz ohne meine Absicht erlangte ich dadurch in dieser Beziehung, wie ich nebenbei erwähnen will, eine große Fertigkeit. Im August 1915 betrug der Umfang meines zwischen Brust und Becken derart zusammengeschnürten, bloßen Leibes 39 cm. Ein hiesiger Arzt, Dr. H., dem ich einmal bei zufälligem Zusammentreffen (also ohne besondere Vorbereitungen meinerseits) die Prozedur vorführte, ist mir für 39½ cm Leibesumfang Zeuge. Die Riemendehnung ist in Rechnung gezogen. Die für mein damaliges Alter (51½ Jahre) verhältnismäßig leichte Biegsamkeit meiner Rippen und Rippenknorpel sowie der völlige Mangel eines Fettansatzes in meinem Körper spielten dabei natürlich auch eine Rolle. (Mein Körpergewicht betrug zur gleichen Zeit 37½ kg (75 Pfund). Von da an ging es wieder langsam aufwärts. Vor Beginn meiner magischen Experimente, vom 24. bis 36. Lebensjahre, schwankte es um 50 kg herum, bei einer Körpergröße von 1,64 m.

Einzelne Personifikationen, namentlich der "Bockfuß", waren, wie schon erwähnt, nicht selten äußerst hartnäckig und in ihrem ärgsten Sinnestaumel fast ganz unempfindlich gegen die Regungen und Einwendungen anderer Gefühle und psychischer Zentren. Dadurch wurden natürlich auch die letzteren ihrerseits wieder auf das stärkste verletzt und gereizt und es traten entsprechende Gegenreaktionen ein. Ich selber wurde dabei oft wider Willen mitgerissen und geriet in arge Wut, so daß ich mit der Faust und noch viel gröberen Dingen auf sonst sehr empfindliche Organe der Gegner einschlug. Das schadete


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ihnen aber in diesem Zustande entweder gar nicht oder sie erholten sich in unglaublich kurzer Zeit wieder. In solchen Fällen empfand ich ebenfalls keine nennenswerten Schmerzen. (Vergl. dazu Unverwundbarkeit.) Damit war ich allerdings in ein anderes Extrem verfallen und befand mich, wenn man will, im Anfangsstadium einer Art "Manie".

Auch gegen diese ergaben sich, im einzelnen Falle zum Teil instinktiv, verschiedene Gegenmittel. Freilich übertrieb ich zunächst wieder bedeutend, oft bis aufs äußerste. Jedenfalls war ich in meinem schroffen und rücksichtslosen Vorgehen gegen mich selbst zum Teil unwillkürlich beeinflußt durch die mir, entsprechend meiner Erziehung und Bildung, von Jugend auf näher bekannten Manipulationen der Asketen und Visionäre der Vorzeit, zum Teil war ich aber auch in dem allgemein verbreiteten Vorurteil befangen, als ob die Magie ganz besondere Anforderungen an den Menschen stelle.

Da ich meine diesbezüglichen Erfahrungen hier nicht weiter auseinandersetzen kann, möchte ich nur noch betonen, daß nach dem Obigen eine "Selbstmißhandlung" Rasender häufig ihren guten inneren Grund besitzt. Sie ist nämlich keine Selbstmißhandlung im eigentlichen Sinne, wenigstens keine beabsichtigte, obwohl sie infolge der Einheitlichkeit des menschlichen Organismus schließlich doch zu einer solchen wird, sondern vielmehr nach vorhergegangener psychischer Spaltung ein Kampf psychischer Zentren gegen einander und gegen die peripheren Organe des Gegners. So etwas bleibt allerdings der heutigen Psychiatrie unverständlich, weil sie das Wesen der psychischen Spaltungen noch nicht erkannt hat.

Weiter oben betonte ich, man müsse magisch zielen lernen und nur die Schuldigen zu treffen suchen (S. 135). Das gelang mir aber, namentlich anfangs, sehr häufig nicht. Es wurden darum auch andere, bisher ruhige Zentren, immer mehr in Mitleidenschaft gezogen, welche alsdann wieder nach ihrer Eigenart reagierten, so daß die Aufregung sich weiter ausbreitete und die Nervosität eine allgemeine wurde. Außerdem ging ich, wie erwähnt, überhaupt viel zu schroff und mit äußerster Anspannung aller physischen und psychischen Kräfte vor.

Naturgemäß folgten darauf wieder mehrtägige Erschöpfung, anhaltende Verdauungsstörungen, Schwermut usw. Manchmal schien alles in mir lebendig zu werden. Eine Halluzination verdrängte in wilder Abwechslung die andere. (Vergl. III. Kapitel.) Beim normalen Menschen meines Alters längst starr gewordene Systeme begannen zu wanken. Mein Körper wurde oft außerordentlich elastisch, biegsam und ich möchte sagen plastisch, mein Becken durch die gegen "Bock und Pferdefuß"


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angewandten Prozeduren auffallend klein und schmal. Ähnlich ging es auch mit dem Thorax und andern Körpergebieten. Ich brachte dann in der Turnstunde der Freisinger Männerriege vorübergehend zur Überraschung meiner Mitturner Übungen zustande, die nur ganz jugendliche Personen fertig zu bringen pflegen, speziell Übungen, bei welchen die rückwärtige Becken-, Muskel- und Fettpolsterwölbung Schwierigkeiten bereitet. Am Reck konnte ich zeitweilig meine Arme "durchrenken", wie ich es als junger Student kaum vermochte, obwohl ich immer ein guter Turner war (wenn auch durchaus kein Kunstturner, weil ich zur weiteren Ausbildung auf diesem Gebiete keine Zeit und Gelegenheit hatte). Als Gymnasialstudent sprang ich zwar unter Anwendung des gewöhnlichen Sprungbrettes leicht über das der Länge nach aufgestellte "Pferd", im Alter von 42 Jahren aber setzte ich einmal gleichzeitig über "Bock" und "Pferd", die beide der Länge nach aneinander gereiht waren, am Schlusse nur ganz leicht anstreifend! Beim Anlauf hatte ich starr mein Ziel vor Augen, es schien eine förmliche magische Anziehungskraft auf mich auszuüben und mein Körper flog mit einer früher nicht gekannten Leichtigkeit, als ob er geringeres Gewicht besäße, dahin. Freilich hatte es mich damals gedrängt, vor dem Turnen ein paar Stunden im Bette zu verweilen und möglichst auszuruhen, so daß ich alsdann meine vollen Körper- und Geisteskräfte für diesen Zweck aufbieten konnte.

Die Ärzte werden mir nun wohl sinnlose Übertreibung vorwerfen. Jedenfalls nicht ganz mit Unrecht, denn ich kam mir selber zeitweilig beinahe wie ein Gefangener verschiedener, in ihrer Vorherrschaft schnell wechselnder psychischer Zentren vor und nicht wissend, wie ich mich den immer wieder neu auftauchenden Halluzinationen und nervösen Erregungen gegenüber verhalten sollte, verfiel ich von einem Extrem in das andere. Zu dem nahe liegenden Radikalmittel, die Experimente mit den Geistern, die ich gerufen, gänzlich aufzugeben, wollte ich mich aber, da ich die Wichtigkeit der hier in Frage kommenden Probleme klar erkannte, um keinen Preis entschließen. Ich machte daher aus der Not eine Tugend und ließ mit der Beobachtung und dem Studium der rätselhaften Vorgänge und ihrer Ursachen nicht nach. In der Tat konnte ich dadurch allmählich nicht bloß meinen Zustand angenehmer gestalten, sondern auch mir ein viel größeres und begehrenswerteres Ziel setzen, als es die Magie ist, so daß ich das Studium derselben jetzt fast nur mehr als eine Art Vorarbeit und Vorbedingung zur Erreichung dieses neuen Zieles betrachte.

Jedenfalls steht nun aber nach dem Mitgeteilten zweifellos fest,


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daß es zahlreiche periphere Nerven, namentlich auch Lustnerven gibt, durch deren stärkere Erregung spezifische Vorstellungen und Halluzinationen begünstigt (wenn auch keineswegs notwendig hervorgerufen) werden, und zwar nicht bloß während des Schlafes, sondern auch im wachen Zustande. Beim normalen Menschen spielen viele derselben meistens keine größere Rolle und es existieren für sie im menschlichen Körper überhaupt keine eigentlichen Organe und Apparate im gewöhnlichen Sinne, wie sie etwa für die vegetativen Funktionen als Magen, Darm, Herz, Leber usw. oder für die Sinnesempfindungen als Auge, Ohr, Nase oder für die sexuellen Funktionen als Sexualorgane vorhanden sind. Meine Personifikationen bemühen sich daher immer wieder, künstlich förmliche erigierbare Organe für ihre Zwecke zu gewinnen, indem sie z.B. (wie bereits S. 129 ff. angegeben) den in ihrem peripheren Nervengebiete liegenden Darmabschnitt durch Zusammenschieben der Gase oder sonstigen Inhalts zu blähen und an beiden Enden abzuschließen suchen. Sie bemühen sich ferner, ihre Gebietssphäre zu erweitern und verlangten schon oft von mir, ich solle psychische Provinzen anerkennen, in welchen sie die Oberherrschaft führen möchten, nach Art der physischen Bezirke, wie sie auf Grund der Körperstruktur in den Organen und Organsystemen vorliegen und welche von den höheren vegetativen Zentren der Hirnrinde in letzter Instanz dirigiert werden. Natürlich entstehen dadurch immer wieder Konflikte sowohl mit mir als auch zwischen den verschiedenen Zentren untereinander.

Es ist bemerkenswert, daß religiöse Büßer und Einsiedler, welche den gewöhnlichen und normalen Lustgefühlen, die im Essen, Trinken, in Befriedigung des Geselligkeitstriebes, des Geschlechtstriebes, im Gebrauche der persönlichen Freiheit und Unabhängigkeit usw. liegen, entsagten, dafür eine Anzahl ungewöhnlicher, dem normalen Menschen fast unbekannter Lustgefühle, häufig bis zur förmlichen Virtuosität ausbildeten.

 

5. Einfluß psychischer Faktoren auf die Hervorbringung magischer Phänomene.
Der menschliche Körper als Werkzeug für psychische Funktion.

Bei einer optischen Halluzination werden, wie früher mitgeteilt, das ganze optische Nervensystem sowie sonstige Nervenkomplexe (z.B. nach S. 46 diejenigen der Augenmuskulatur) erregt. Wer also etwa die Farbe "rot" sich mit realistischer Deutlichkeit vorstellen will, muß die Erregung bis zur Netzhaut treiben und die Netzhaut von


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Innen heraus (vom Gehirn aus herunter) durch das bloße Vorstellungsvermögen in genau den gleichen Zustand versetzen, wie er beim wirklichen Sehen (Wahrnehmen) einer roten Farbe durch den Gegenstand der Außenwelt von außen her entsteht. Dementsprechend erfolgt Innervierung bestimmter peripherer Muskelnerven und Muskeln , wenn man imstande ist, sich eine Person kinästhetisch - halluzinatorisch, also gehend, handelnd usw. vorzustellen. Analog müssen bei der halluzinatorischen Reproduktion einer vornehmen, hohen Persönlichkeit gleichzeitig auch noch die entsprechenden, spezifisch hoheitlichen Nervenkomplexe bisher unter zu den peripheren Endnerven in der Pförtnergegend in Tätigkeit versetzt werden, sonst erhält man wohl die optische Halluzination der betreffenden Persönlichkeit, es fehlt ihr jedoch das spezifisch Hoheitliche und Vornehme in realistischer Täuschung.

Ebenso entstehen erst lebenswahre himmlische, erhabene und religiöse Halluzinationen, wenn nicht bloß das ganze optische System usw., sondern auch die spezifischen Nervenkomplexe für die erhabenen und religiösen Gefühle bis herunter zu den peripheren Endgebieten in der oberen Dünndarmgegend mitwirken. Um die betreffenden Gefühle zu steigern und sich in himmlische Verzückung zu versetzen, richteten schon die alten indischen Yogis in Befolgung der Yogalehre, in sich zusammengekauert und unverrückt in derselben Stellung verharrend, ihre ganze Aufmerksamkeit auf die Nabelgegend, so daß ein möglichst großer Teil der durch die anstrengende Körperstellung frei werdenden Muskelenergie dahin geleitet wurde und die spezifischen Lustgefühle sich aufs höchste steigerten. In der mystischen Literatur finden sich zahllose Angaben, daß die religiösen Ekstatiker nicht bloß die Gottheit sahen, sondern auch ihre Gegenwart fühlten, ja die Mystiker fanden vielfach ihre höchste Belohnung darin, die Gottheit schon in dieser Welt nicht bloß zu schauen, sondern auch zu genießen, und ergehen sich in überreichen Schilderungen der himmlischen Wonnen, die ihnen zu teil wurden.

Selbstverständlich darf man dieses aber nicht so auslegen, als ob ich behaupten wollte, die Religion, die religiösen und erhabenen Gefühle und das Göttliche seien überhaupt und in allen Fällen etwas rein Subjektives* denn sonst könnte man mir mit dein gleichen Rechte

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* Vermutlich in der Erkenntnis, daß die bei ihm auftretenden Personifikationen etwas Subjektives und mehr oder weniger von ihm und seinen inneren Zuständen Abhängiges seien, hat Buddha, seine rein persönlichen Erfahrungen zu sehr verallgemeinernd, die Verehrung und Anerkennung eines höchsten Wesens überhaupt abgelehnt, ein Fall, der für einen Religionsstifter einzig in der Geschichte dasteht.


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vorwerfen, ich halte auch die Außenwelt für etwas rein Subjektives, weil ich behaupte, daß man sie mit Hilfe peripherer Apparate* die in unserem Körper vorhanden sind, völlig realistisch nachahmen kann (nach S. 42 und 46).

Die Sachlage bei einer möglichst realistischen Halluzination ist offenbar eine sehr komplizierte, weil es sich dabei um das gleichzeitige Inbewegungsetzen und Zusammenarbeiten ausgedehnterer Hirngebiete samt den untergeordneten Zentren und peripheren Endverzweigungen handelt. Allerdings wird anderseits wiederum eine derartige äußerste Steigerung des Gedächtnisses und Vorstellungsvermögens durch den Prozeß selber begünstigt. Je mehr Nervenkomplexe nämlich mitwirken und je weiter ferner die Erregung nach der Peripherie zu geht und je mehr untergeordnete Zentren in sie mit hineingezogen werden, desto lebhafter und deutlicher gestaltet sich durch das gemeinsame Zusammenarbeiten zum gleichen Zwecke die Erinnerung und die Vorstellung, desto detaillierter und realistischer wird sie, weil eben einerseits die Wahrnehmungen der Außenwelt stets selber auch etwas sehr Kompliziertes sind und anderseits gerade die reale Welt zunächst und vor allem auf unsere peripheren Organe einwirkt - beim Sehen, Hören, Fühlen usw. - und weil außerdem der beim Übergange auf die peripheren Endorgane vielfach entstehende spezifische angenehme Reiz nicht bloß die zugehörigen, sondern auch zahlreiche entfernter stehende Zentren der Hirnrinde zu intensiverem Mitarbeiten veranlaßt, das Festhalten der Vorstellungen erleichtert und ein Abweichen der Aufmerksamkeit auf andere Vorstellungen mit anderen spezifischen Zentren und Endorganen verhindert, indem er die von denselben zur gleichen Zeit ausgehenden schwächeren Reize sozusagen übertönt.

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* Nebenbei möchte ich hier noch erwähnen, daß der uralte Kampf zwischen göttlichen, himmlischen und religiösen Personifikationen einerseits und diabolischen anderseits, der in allen Religionen eine Rolle spielt, sich zum Teil rein psychophysisch erklären läßt. Die peripheren Endnerven der ersteren liegen hauptsächlich in der oberen Dünndarmgegend, diejenigen der letzteren in dem quer darüber hinwegziehenden Colon transversum, so daß eine stärkere Erektion des einen Abschnittes fast notwendig zu einer Betriebsstörung in dem andern führt. Den ständigen Hader beider Parteien allein schon aus diesem Grunde kann ich an mir fast täglich beobachten, wenn auch immerhin natürlich vor allem die psychischen Tendenzen derselben sich diametral gegenüberstehen.


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Je tiefer man also von einem bestimmten Gefühle ergriffen ist und je stärker infolgedessen auch die zugehörigen peripheren Organe in Mitleidenschaft gezogen werden, desto handgreiflicher und lebenswahrer werden die entsprechenden Vorstellungen und Halluzinationen. Je tiefer man von göttlichen, erhabenen und religiösen Gefühlen ergriffen ist, desto deutlicher nimmt man göttliche, erhabene und himmlische Gestalten wahr*, je tiefer man von der vermeintlichen Anwesenheit von Geistern ergriffen ist, desto deutlicher, dichter und handgreiflicher treten Geister auf, je tiefer man von Furcht ergriffen ist, desto deutlicher treten Schreckensgestalten auf, je stärker ein Bräutigam verliebt ist, desto deutlicher und fühlbarer schwebt ihm das Bild seiner Geliebten vor und - man verzeihe mir diese triviale Zusammenstellung, denn sie ist von dem hier behandelten, rein psychophysischen Standpunkte aus berechtigt - je tiefer der Magen von Hunger** ergriffen ist, desto deutlicher sieht und schmeckt und riecht man Speisen. Je mehr man von Durst ergriffen ist, desto deutlicher sieht und riecht und schmeckt man Getränke.

Ich kann darum, im Gegensatz zu den bisherigen Ansichten der offiziellen Wissenschaft, mit einer gewissen Berechtigung sagen: Der Sitz des halluzinatorischen (anschaulichen Detail-) Gedächtnisses und des halluzinatorischen Vorstellungsvermögens ist im ganzen Körper, nicht bloß in der Hirnrinde. Gerade die feineren Details sind hauptsächlich in den peripheren Nervengebieten aufbewahrt, und um sie zu wecken (sich an etwas möglichst genau zu erinnern) muß sich das bewußte Ich direkt oder unter Vermittlung der entsprechenden höheren Zentren des Unterbewußtseins an diese Nervengebiete wenden. Das Detailgedächtnis und halluzinatorische Vorstellungsvermögen kann man von diesem Gesichtspunkte aus etwa mit einer großen Bibliothek vergleichen, in welcher der Oberbibliothekar (das bewußte Ich) nur einen allgemeinen, allerdings jederzeit zur Verfügung stehenden Überblick über das Ganze besitzt, bei Detailfragen aber meistens sich an seine Unterbeamten wenden oder gleich in den einzelnen Bibliothekräumen und Büchern nachforschen

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* Ich möchte darum Theosophen und überhaupt mystisch veranlagte Persönlichkeiten eindringlich warnen, der "inneren" Erfahrung, den "inneren" Eingebungen und Stimmen allzu großes Vertrauen zu schenken, weil es sich bei ihnen jedenfalls meistens nur um subjektive Äußerungen ihres Unterbewußtseins handelt.

** Vergl. dazu auch noch S. 125.


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muß. Wenn ich weiter vorne von einem gewissen Sondergedächtnis der Zentren des Unterbewußtseins spreche, ist das so zu verstehen daß z.B. die hoheitlichen Zentren über Dinge, welche in ihr Gebiet einschlagen, infolge von Übung als Spezialisten, besser orientiert sind und außerdem leichter und gewandter die zugehörigen untergeordneten und peripheren hoheitlichen Organe zu benützen (zu befragen, spezifisch zu reizen) vermögen als das bewußte Ich, teils infolge ihrer näheren Verwandtschaft mit denselben in der strukturellen (histologischen und anatomischen) Beschaffenheit, teils infolge ihrer besseren und direkteren Verbindungen mit denselben durch Leitungsbahnen.

Daß das bewußte Ich und überhaupt die obersten Gehirnzentren ebenfalls ein gewisses Maß von Detailkenntnissen unmittelbar in ihren eigenen Ganglienzellen, namentlich bei besonderer "zentraler Veranlagung" der betreffenden Menschen, aufbewahrt haben können, will ich damit selbstverständlich nicht bestreiten. Welch ein staunenswertes Detailgedächtnis (wenn ich den hier wenig passenden Ausdruck gebrauchen soll) besitzt ja schon eine einzelne (befruchtete) Eizelle eines höheren Lebewesens, speziell des Menschen, da in ihr alle Gesetze und gewissermaßen der gesamte Bauplan für die Neubildung eines außerordentlich komplizierten Organismus vererbt liegen. Mit der Zunahme der Entwicklung dieses Organismus und der dadurch bedingten Erweiterung der physischen Aufgaben desselben sowie mit der Anhäufung von erworbenen Kenntnissen und Lebenserfahrungen werden aber für Detailfragen immer mehr Spezialisten erforderlich. Je größer das Bibliothekgebäude und die Zahl der Bücher und je größer dementsprechend die Menge des aufgespeicherten Wissens wird, desto zahlreichere und besser ausgebildete Unterbibliothekare und Diener sind erforderlich.

Nach allem Bisherigen, besonders aber nach S. 140 ff. erlangen somit in der Magie neben den höheren und niederen Zentren des Gehirns auch zahlreiche, im Körper verteilte Ganglienkomplexe und Endnerven, ja selbst ganze Körperorgane eine gewisse psychische Bedeutung für das Gedächtnis, das Vorstellungsvermögen, die Affekte usw. Ihre Mitwirkung ist für abnorme, magische und überhaupt besonders intensive psychische Leistungen erforderlich und dementsprechend werden sie auch bei solchen in Anspruch genommen. Die notwendige Folge davon ist aber weiter, daß dadurch auch die physiologische Tätigkeit der Körperorgane, in welchen sie sich befinden, mehr oder weniger stark beeinfluß und verändert, ja vorübergehend ganz aufgehoben wird. Damit haben wir das Gegenstück zu


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dem in V,4 besprochenen Einfluß physischer Zustände auf die Entstehung magischer Phänomene.

Wenn nun also auch an sich ein Organ, z.B. das Herz, zunächst und hauptsächlich physiologischen Funktionen dient, so täuscht man sich dennoch sehr, wenn man es vom rein mechanisch-materialistischen Standpunkte aus nur als ein Pumpwerk zur Verteilung des Blutes im Körper betrachtet und die wichtige psychische Bedeutung seiner Nerven oder eines Teiles derselben, und damit auch zugleich jener des Blutgefäßsystems überhaupt, für verschiedene Affekte und Gefühle nicht berücksichtigt. Freilich wird man einwenden, der normale gesunde Mensch muß seine Gefühle soweit beherrschen können, daß das Herz nicht durch dieselben beeinflußt wird. Gewiß! Man muß ja auch sein optisches Vorstellungsvermögen im normalen Zustande soweit beherrschen können, daß die Erregung nicht gleich bis zur Netzhaut heruntergeht und optische Halluzinationen entstehen oder am Ende gar noch anderweitige Nerven in oder am Auge erregt werden. Deshalb stehen aber die optischen Vorstellungen trotzdem in näheren Beziehungen zu den Augen, insofern das optische System ein zusammenhängendes, engeres Ganzes bildet dessen Teile sich ständig beeinflussen, und eben darum stehen auch verschiedene Gefühle in näherer Beziehung zum Herzen und Blutgefäßsystem überhaupt, weil ihre peripheren Endnerven dortselbst liegen. Außerdem gibt es nicht bloß normale, sondern eben auch abnorme psychische Zustände, für welche die gewöhnlichen Gesetze und Regeln nicht mehr ausreichen, weil bei ihnen gerade die peripheren Organe häufig eine Hauptrolle spielen. An meinem besonders empfindlichen Magen - Darmsystem kann ich das ständig beobachten. Ich glaube darum auch analog, daß die alte Ansicht, das Herz sei in gewisser Beziehung ein "Gemütsorgan" (wenn auch keineswegs das einzige im Körper) und z.B. Sitz der Liebe, ferner daß die Ausdrücke "hartherzig", "weichherzig", "herzlos" usw. durchaus nicht völlig aus der Luft gegriffen sind, wenn sie auch anderseits ebensowenig zutreffen, wie eine etwaige Behauptung, die Netzhaut oder das Auge sei der Sitz der optischen Vorstellungen.

Im übrigen verhalten sich verschiedene Menschen schon von Natur aus auch in dieser Beziehung sehr ungleich. Manchen kann man geradezu als peripher veranlagt bezeichnen, wenigstens für ein einzelnes Gebiet, da bei ihm dortselbst die Erregung vom Gehirn aus leicht auf die zugehörigen peripheren Organe übergeht, weil bei ihm wenig, bzw. zu wenig "Hemmungen" vorhanden sind. Bei dem einen nähern sich dadurch z.B. die optischen Vorstellungen dem Charakter


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von optischen Halluzinationen, bei einem andern wird dieser oder jener Affekt leicht stark übertrieben, so daß z.B. die Liebe "überschwenglich", der Haß "tödlich", die Wut "wahnsinnig", die Rachgier "teuflisch", die Aufregung "sinnlos" wird. Alles zum betreffenden Affekte Gehörige gestaltet sich bei einem solchen dramatisch und realistisch, selbst wenn das Objekt der Liebe, des Hasses usw. nicht anwesend ist.

Daß auf die Lebhaftigkeit und Deutlichkeit einer Vorstellung oder eines Affektes (bei zentraler Veranlagung) auch die entsprechenden oberen Gehirnzentren über das gewöhnliche Maß hinaus von Einfluß sein können (analog dem "zentralen Gedächtnis" S. 144), will ich damit selbstverständlich nicht bestreiten.

Zweifellos gibt es aber nicht nur eine physiologische, sondern auch eine psychologische (psychische) und magische Kinetik, selbst der peripheren Nerven und Organe, z.B. des Herzens, die mit der physiologischen in Konflikt kommen kann, da bei stärkeren psychischen Erregungszuständen das Herz anders zu arbeiten gezwungen ist, als es dem normalen physiologischen Betriebe entspricht.

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Bekanntlich steht die gegenwärtige Psychiatrie den funktionellen Nerven- und Geisteskrankheiten, wie Neurasthenie, Hysterie, Melancholie, Manie, obwohl sie sehr häufig in allen Abstufungen vorkommen, noch fast ganz ratlos gegenüber. Vergleicht man nun die bei derartigen Krankheiten auftretenden Phänomene, die in abnormen Denken, in abnormen Vorstellungen, Empfindungen und Handlungen, in Illusionen und Halluzinationen der verschiedensten Art bestehen, mit den in diesem Buche, namentlich in den beiden vorhergehenden Abschnitten beschriebenen, dann ergibt sich, daß sie sich in ihrem Wesen nicht prinzipiell von denselben unterscheiden, daß es sich also auch bei ihnen um magische Phänomene handelt. Von einer von mir erstrebten wissenschaftlichen Magie, bei welcher der Magier imstande sein muß, dieselben kunstgerecht und freiwillig zu produzieren, unterscheiden sie sich allerdings in schwerwiegender Weise dadurch, daß sie bei den Patienten zwangsweise und von ihnen nicht weiter regulierbar auftreten, so daß sie also pathologische Phänomene sind. Insbesondere handelt es sich in sehr zahlreichen Fällen um eine unfreiwillige Magie des Unterbewußtseins infolge übermächtigen Einflusses einiger Zentren desselben. Bei meinem ständigen intimeren Verkehr mit einem hochentwickelten Unterbewußtsein sowie


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infolge besonderer Feinfühligkeit durch vieljährige berufsmäßige Selbstbeobachtung und Übung kann ich das im kleinen und kleinsten Maßstabe jederzeit an mir beobachten.

Hier nur einige Beispiele, die ich zum Teil schon an anderer Stelle zu anderen Zwecken erwähnte. Wenn ich den Kopf tiefer lege, so daß eine Blutüberfüllung im Gehirn entsteht, dann entfalten bereits einzelne Zentren meines Unterbewußtseins eine lebhafte psychische Tätigkeit und ich kann bei näherem Zusehen ihre Vorstellungsbilder in Form von Illusionen und Halluzinationen wahrnehmen (S. 111), die bei Steigerung der Ursache natürlich an Intensität zunehmen und eventuell zu Zwangserscheinungen führen würden. Verschlimmert wird im letzteren Falle die Sachlage noch dann, wenn eine Anzahl psychischer Zentren des Unterbewußtseins im gleichen Sinne zusammenwirkt und mit vereinten Kräften ihre Vorstellungen und ihren Willen dem Oberbewußtsein aufdrängt (vgl. z.B. S. 110 u. 131). Die Ursache der psychischen Spaltung und Störung ist dabei eine rein zentrale. Außerdem ist die Störung eine rein funktionelle, die im Gegensatz zu einer organischen (infolge pathologischer Veränderung der Hirnsubstanz) mit Beseitigung der Ursache im allgemeinen sofort auch wieder verschwindet. Natürlich kann eine derartige Blutstauung oder überhaupt eine abnorme Erregung eines zentralen Hirngebietes und im Zusammenhange damit eine psychische Störung aus verschiedenen andern Ursachen eintreten, ohne daß eine anatomische Veränderung des Gehirns im bisherigen Sinne der Psychiatrie stattfindet.

Eine zweite Art funktioneller geistiger Störungen entsteht dadurch, daß die Erregung zentraler psychischer Gebiete (im Ober- oder Unterbewußtsein) infolge ungenügender Hemmungen sich zu leicht in zentrifugaler Richtung auf periphere Endnervengebiete fortpflanzt, sich dadurch (nach V,5) psychisch detaillierter, anschaulicher und realistischer ausgestaltet und den Patienten um so leichter fesselt und gefangen hält. Die S. 146 erwähnten Phänomene können in extremen Fällen in regelrechte Geisteskrankheiten mit charakteristischen Halluzinationen und Handlungen ausarten.

Eine dritte Quelle funktioneller psychischer Störungen liegt endlich umgekehrt darin, daß in pathologischem Zustande befindliche periphere Endorgane infolge ungenügender "Hemmungen", d.h. hier infolge ungenügender Widerstandsfähigkeit der Zwischenzentren, das psychische Gleichgewicht übermäßig beeinflussen. Wenn bei mir infolge Überfüllung, Stauung oder abnormer Beschaffenheit des Inhaltes Reizzustände im Magen oder Darm entstehen, kann ich sofort auch


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beim Horchen und Anfragen (nach S. 136) die wohlbekannte innere Stimme der Hoheit, des Bockfußes und verschiedener anderer Hirnzentren vernehmen, die zu der betreffenden Körperpartie mehr oder weniger nahe Beziehungen haben. Bezüglich des übermächtigen Einflusses eines rein physischen Organs, nämlich des Magens und eines rein physischen Zustandes, nämlich des Hungers auf das gesamte Gedanken- und Vorstellungsleben des Menschen verweise ich auf Mikkelsens Halluzinationen des Hungers (Kapitel VIII. Vergl. dazu auch S. 125). Man denke ferner an die Halluzinationen Dürstender in der Wüste. Mit Beseitigung der physischen Ursachen, mit Stillung von Hunger und Durst sind auch hier wieder die psychischen Wirkungen beseitigt, während umgekehrt bei längerer Fortdauer und Steigerung derselben empfindliche Personen direkt irrsinnig werden können.

Geringere physische Störungen lösen beim normalen Menschen im wachen Zustande infolge des Überwiegens der Eindrücke der Außenwelt keine merklichen psychischen Reaktionen aus, wohl aber sehr häufig während des Schlafes. Man weiß in dieser Beziehung schon längst, daß das Träumen, d.h. nach meiner Auffassung das geistige Weiterarbeiten und Halluzinieren einzelner Zentren des Unterbewußtseins während des Schlafes, oft nur durch reine Körperzustände bedingt wird. Wenn man z.B. vor dem Zu-Bette-gehen eine schwer verdauliche Speise genossen hat, die dem Magen zu viel Arbeit macht, oder wenn infolge ungünstiger Körperlage usw. einzelne periphere Körpergebiete benachteiligt werden, können die denselben näher stehenden psychischen Zentren der Hirnrinde nicht zur Ruhe kommen, während andere und namentlich auch das Oberbewußtsein noch nicht ernstlich in Mitleidenschaft gezogen sind*. Wie nun schon vorher und wiederholt angegeben, treten derartige Zustände lebhafterer Tätigkeit des Unterbewußtseins bei mir, besonders vom Magen- und Darmkanal (vergleiche S. 125) ausgehend, bei völligem Wachsein auf. Ich kann daher das Verhalten des Unterbewußtseins in solchen Fällen ganz genau von Anfang bis zu Ende beobachten und studieren. Im allgemeinen kann ich auch die Störung und die mit ihr zusammenhängenden psychischen Phänomene meistens wieder leicht beseitigen. Je stärker aber die Störung ist, desto schwieriger gelingt das. Es ist mir daher wohl verständlich, wenn in extremen Fällen bei einem Kranken das pathologisch

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* Hierher gehört z.B. auch das Auftreten sexueller Halluzinationen im Traume infolge von Spermadruck.


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erregte Unterbewußtsein mehr oder weniger die Oberhand gewinnt und mit seinen Eingebungen (d.h. seinen inneren Stimmen, Halluzinationen und motorischen Antrieben) die Eindrücke der Außenwelt schließlich fast vollständig übertönt, so daß der Patient, wie die Zentren des Unterbewußtseins, unter Verwechslung von Wirklichkeit und Vorstellung (S. 33) im Widerspruch mit der realen Außenwelt denkt und handelt.

Nach meiner Ansicht gibt es eine große Zahl peripher verursachter Nerven- und Geisteskrankheiten. Nur ist bei vielen derselben die Ursache und der Sitz der Störung schwieriger zu erkennen. Außerdem legen die Ärzte solchen Störungen in oft entlegenen Körperteilen noch zu wenig Bedeutung für das geistige Befinden vieler Menschen bei und berücksichtigen nicht genügend, daß sie namentlich in chronischen Fällen bei unglücklicher Veranlagung die schlimmsten psychischen Folgen haben und zu ganz charakteristischen Nerven- und Geisteskrankheiten mit bestimmten und spezifisch einseitigen Ideen, Halluzinationen, Handlungen usw. führen können.

Alle im Vorstehenden besprochenen Zustände haben nun, wie schon erwähnt, nichts mit einer anatomischen Veränderung des Gehirns zu tun. So sehr darum auch die von Nissl und Alzheimer begründete Schule mit glänzendem Erfolge bemüht ist, die Nerven- und Geisteskrankheiten nur auf organische Erkrankung der Hirnrinde zurückzuführen und eine pathologische Anatomie und Histologie der Geisteskrankheiten zu begründen, so zweifle ich dennoch nicht, daß eine Anzahl rein funktioneller Störungen im vorher angedeuteten Sinne übrig bleiben wird, zu deren völligem Verständnis gerade die Magie wichtige Beiträge liefert. - Da die Magie aber auch für die Aufklärung des psychischen Zustandes anatomisch Geisteskranker zweifellos wichtige Anhaltspunkte bietet, erscheint sie von diesem Gesichtspunkte aus unbeschadet ihrer sonstigen wissenschaftlichen Selbständigkeit und Eigenart für die Zukunft zugleich als eine Hilfswissenschaft der Psychiatrie.

 

6. Psychische und psychophysische Weiterbildung des Unterbewußtseins.

Wie früher mitgeteilt, handelt es sich bei meinen Personifikationen offenbar um Teilwesen, die, wenn auch in einem charakteristischen Irrtum befangen, dennoch ein gewisses - je nach dem Grade ihrer Entwicklung verschiedenes - Maß von Intelligenz besitzen und einer


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Weiterbildung fähig sind. Wenn sie sprechen lernen, wenn sie mir in ihrem Spezialgebiete vielfach vernünftige Ratschläge erteilen können, warum sollten sie nicht auch noch andere Fortschritte machen? Mein bewußtes Ich ist verhältnismäßig sehr weit, aber immerhin hauptsächlich nur in bestimmten Gebieten ausgebildet, meine Personifikationen sind auf ihren Spezialgebieten ebenfalls sehr hoch entwickelt, aber durchaus einseitig und ohne Verständnis für das Gemeinwohl, ohne Verständnis für die Außenwelt, ja oft mit ganz läppischen und naiven Angewöhnungen, an welchen sie mit unglaublicher Zähigkeit hängen können, so daß Genialität und Blödsinn bei ein und demselben Teilwesen nebeneinander existieren. Die Entwicklung hat auf beiden Seiten viele Jahre hindurch zu isoliert, zu unabhängig von einander, ohne gegenseitige Verständigung und Belehrung stattgefunden, wie das ja schließlich bei jedem Menschen der Fall ist, nur mit dem Unterschiede, daß hier das Unterbewußtsein eben dauernd in seiner untergeordneten Stellung bleibt.

Freilich kann es nicht meine Absicht sein, die Zentren des Unterbewußtseins zu eigentlichen menschlichen Intelligenzen heranzubilden, denn ich würde mich dadurch sozusagen selber überflüssig machen. Außerdem ist das nach allem bisher Mitgeteilten überhaupt nicht möglich. Die verschiedenen Zentren befinden sich schon infolge der rein histologischen und anatomischen Beschaffenheit, ferner infolge der topographischen Lage ihrer Hirnrindengebiete, sowie namentlich auch wegen ihrer Beziehungen zu bestimmten peripheren Endorganen in der physischen Unmöglichkeit, das bewußte Ich zu ersetzen und jemehr aus irgend einem Grunde dennoch einzelne derselben das bewußte Ich überwuchern und beherrschen und ihm seine freie und unabhängige Stellung rauben, desto einseitiger, unnatürlicher und pathologischer wird der betreffende Mensch und seine gesamte Geistestätigkeit. Ich hebe das besonders hervor und spreche absichtlich immer wieder von (sc. belebten und psychisch begabten) Zellkomplexen und Zentren, obwohl es vielen Psychologen zu empirisch roh vorkommen mag, weil mir dieselben die Wichtigkeit der histologischen, anatomischen und physiologischen Tatsachen und Grundlagen für die reine Psychologie noch nicht genügend zu würdigen scheinen.

Beim Versuche einer weiteren Ausbildung des Unterbewußtseins ist der vorher erwähnte Umstand zu berücksichtigen, daß bei den Halluzinationen und Personifikationen nicht bloß bestimmte Zellgruppen in der Hirnrinde in Frage kommen, sondern auch nach der Peripherie


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zu gelegene, untergeordnete Zentren und Organe. Natürlich kann es sich bei den letzteren nicht um eine intellektuelle Ausbildung handeln, unter den ersteren aber auch nur bei den höchststehenden und besonders Empfänglichen.

Die weitere Entwicklung der psychischen Zentren denke ich mir so, daß ich sie vor allem immer wieder über ihren prinzipiellen Irrtum der Verwechslung von realer Außenwelt und innerer Vorstellung aufkläre, daß ich ihnen immer wieder, so unangenehm es ihnen oft ist, sage: "Du bist kein Kind, du bist keine Hoheit, du bist kein Teufel," und daß ich ihnen ihre Zugehörigkeit zum einen großen Organismus begreiflich zu machen suche. Die meisten nehmen ja ihre Personifikation so ernst, daß sie, bei unrichtiger Führung oder Vernachlässigung, der Einheit des Ganzen gefährlich zu werden drohen. Diese Gefahr ist namentlich auch deshalb immer wieder vorhanden, weil mit dem Auftreten der verschiedenen Halluzinationen und Personifikationen, wie bereits erwähnt, spezifische Lustgefühle verbunden sind.

Im Zusammenhang mit der vorher erwähnten aufklärenden Belehrung wird es sich bei mir weiter darum handeln, die psychischen Zentren des Unterbewußtseins wieder inniger dem bewußten Ich anzugliedern und sie zu lehren, mehr gemeinsam mit demselben und übereinstimmend mit den großen Zielen des gesamten Organismus zu denken und zu fühlen. Die Personifikationen im eigentlichen Sinne, im Sinne von Teilwesen, die sich ohne Rücksicht auf den Gesamtorganismus und das Gemeinwohl weiter zu entwickeln streben, die das im Ernste werden und sein wollen, was sie nur als eine Art Künstler oder Schauspieler darstellen können, müssen wieder verschwinden. Statt mit Personifikationen muß ich dann dafür allmählich immer mehr mit intelligenteren Gehirnzentren rechnen.

Es ist aber klar, daß dieselben entsprechend ihrer einseitigen Stellung im Organismus auch fernerhin noch Sonderinteressen verfolgen und bei mir energischer zur Geltung bringen werden als beim normalen Menschen. Die Belehrung muß ich darum mit einer gewissen Vorsicht ausüben, da ich mich sonst leicht Intelligenzen gegenüber sehe, die, in ihrem Spezialgebiete besondere Feinfühligkeiten besitzend, sofort bei allen Handlungen einseitig Kritik üben. Manchmal erschrak ich förmlich, als eine Anzahl scheinbar geradezu menschlicher Intelligenzen auftrat, die von ihrem spezifischen Standpunkte aus meine Handlungen und Unternehmungen mit einer gewissen Leidenschaftlichkeit benörgelten und kritisierten. Als echter Professor war ich viele


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Jahre hindurch gerade mit Belehrungen jeder sich meldenden inneren Stimme gegenüber besonders freigebig gewesen, um dann nachträglich zu finden, daß ich mir dadurch manchmal förmliche Konkurrenten geschaffen hatte. Freilich konnte ich mich zum Teil wieder damit trösten, daß die meisten das, was nicht in ihr Spezialgebiet einschlägt, schnell wieder vergessen, daß sie also für fremdartige Dinge ein auffallend geringes Gedächtnis besitzen. Selbst der bewußte Mensch vergißt bekanntlich indifferente Dinge viel leichter als solche, die ihn interessieren. Für die Zentren des Unterbewußtseins gibt es aber infolge ihrer einseitigen Stellung naturgemäß noch sehr viel mehr des Indifferenten.

Eine weitere Art der Ausbildung besteht darin, daß ich mich bemühe, mit den Personifikationen mehr als psychophysische Übung oder als anregendes und unterhaltendes Spiel magische Künste einzuüben. Da jedoch die Versuche, welche ich jetzt in erhöhtem Maße zur Erreichung meines Hauptzieles ausführe (siehe S. 139 und 229), zu viele psychophysische Kräfte absorbieren, komme ich gegenwärtig - abgesehen von gelegentlichen, nicht weiter dirigierbaren spontanen objektiven Äußerungen einzelner Zentren des Unterbewußtseins über Illusionen und subjektive Halluzinationen im allgemeinen nicht mehr hinaus.

Ein vorzügliches Mittel, den Gesichtskreis der psychischen Zentren des Unterbewußtseins zu erweitern und sie ihrer Einseitigkeit zu entreißen, ist endlich die Beschäftigung mit anderweitigen nützlichen Dingen, die geeignet sind, allgemeineres Interesse zu erwecken und auch Fernerstehende zu gewinnen, z.B. Kunst, Musik, fesselnde Lektüre einfacheren Inhaltes. Kurz, entsprechend der bei mir besonders stark ausgeprägten psychischen Differenzierung muß ich mich bemühen, auch meine psychische Tätigkeit vielseitiger zu gestalten.

Wenn ich nun von einer psychophysischen Weiterbildung des Unterbewußtseins spreche, darf man sich dieselbe freilich nicht immer rein so vorstellen, wie etwa die Unterrichtung eines anderen Menschen, z.B. eines wirklichen Kindes. Es handelt sich ja um meine Nachbarn oder Untergebenen im Gehirn. Häufig besteht nur die Aufgabe, ihnen bisher unzugängliche oder schwerer zugängliche Gebiete dadurch zu eröffnen, daß ungewohnte und ungeläufige Nervenbahnen besser eingeübt werden. Betrachtet man z.B. ein Gemälde ganz besonders aufmerksam und intensiv, so wird die damit verbundene, optische und sonstige Erregung weiter im Gehirn ausstrahlen und es werden Zentren,


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die für gewöhnlich anderweitig beschäftigt sind, wenigstens vorübergehend in den Stand gesetzt oder sogar gezwungen sein, am Sehen, an der Betrachtung des Kunstwerkes, am Kunstgenuß teilzunehmen. Öftere Übung erleichtert natürlich diesen Vorgang und die psychische Tätigkeit verschiedener Zellkomplexe nimmt dadurch an Mannigfaltigkeit zu. Wenn z.B. bei der Betrachtung eines außen befindlichen Gegenstandes die von ihm kommende optische Erregung, bis sie von der Netzhaut zum bewußten Ich gelangt, tatsächlich schon eine Anzahl Ganglienkomplexe passiert haben muß, warum sollte sie sich bei stärkerer Anstrengung von seiten des Oberbewußtseins nicht auch auf eine größere Anzahl von Zentren im Gebiete des Unterbewußtseins erstrecken können, d.h. warum sollte dann nicht eine größere Anzahl derselben den außen befindlichen Gegenstand wahrnehmen, als bei geringerer Anstrengung und geringerer Aufmerksamkeit?

Man könnte höchstens einwenden, daß vielleicht die erforderlichen Leitungsbahnen nicht vorhanden seien. Dieser Einwand mag in manchen Fällen berechtigt sein, ist aber sicherlich durchaus nicht immer stichhaltig. Daß meine Personifikationen sehr gut sehen, hören und überhaupt sehr scharf beobachten können, beweist ohne weiteres die Tatsache, daß sie ihnen sympathische Personen oder Gegenstände, die "ich" nur ein einziges Mal gesehen habe, oft mit so vollkommener Naturtreue wiedergeben, wie ich es selber nicht imstande wäre.

Vielen mag nun wohl ihre psychophysische Aufgabe im Organismus weniger Zeit und Kraft dazu lassen, aber trotzdem besteht für mich kein Zweifel, daß sie sich nicht für alles in gleicher Weise interessieren, ähnlich wie auch selbst der bewußte Mensch z.B. in dem Potpourri von Bildern, welches das Treiben einer Großstadt bietet, nur einer kleinen Anzahl wirklich nähere Aufmerksamkeit schenkt. Meine "Hoheit" muß sich sehr überwinden, ein Kind oder gar ein Kinderspielzeug anzusehen, und wenn ich solches gewaltsam und aufmerksam betrachte, so daß die Wahrnehmung eine größere Intensität erlangt und infolgedessen auch ihr sich stärker aufdrängt, empfindet sie dieselbe mehr als eine unangenehme Zwangswahrnehmung. Ein vermittelnder Weg bietet sich bis jetzt dadurch, daß ich auf ihren Wunsch manchmal wenigstens vornehme und fürstliche Kinder wiedergeben lasse, indem ich z.B. die in einem meiner Künstleralbums befindliche Abbildung des jugendlichen Söhnchens Karls I. von England von van Dyck zum Ausgangspunkt für eine Halluzination nehme.


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Als Gegenstück zu meiner vorher aufgestellten Behauptung, daß, wenn ich z.B. ein Gemälde ganz besonders aufmerksam und intensiv betrachte, Zentren, die für gewöhnlich anderweitig beschäftigt sind, wenigstens vorübergehend von mir in den Stand gesetzt werden können am Sehen teilzunehmen, kann ich an mir täglich zur Evidenz beobachten, daß meine eigene Sehkraft, mein Interesse an einem Kunstwerk usw. sich im nämlichen Augenblicke steigert, in welchem eine gerade besonders einflußreiche Personifikation "sich erigiert" und beim Zusehen mitwirkt (bzw. sich verringert, wenn sie nachläßt oder gar entgegenarbeitet). Das Sehvermögen z.B. hängt also nicht bloß ab von der physischen Beschaffenheit des optischen Apparates und von der Aufmerksamkeit des Oberbewußtseins, sondern auch davon, ob eine größere oder geringere Anzahl anderweitiger psychischer Zentren beim Sehen mitwirkt oder nicht. Ich habe mit manchen derselben zu kämpfen, die grundsätzlich eine Betrachtung des größten Teiles der Außenwelt verachten und nur ihren Suggestionen leben wollen.

 

7. Zusammenfassende Darstellung meiner Ansichten über die psychische Differenzierung und über die Organisation der psychischen Gesamtregierung im Menschen.

Um dem Leser eine klare Vorstellung von der psychischen Zusammensetzung des Menschen (als Seitenstück zur Anatomie und Histologie des Körpers) und dem komplizierten psychischen Getriebe in seinem Innern (als Seitenstück zur Physiologie des Körpers) zu geben, möchte ich jetzt meine Erfahrungen darüber, obwohl ich sie, zum Teil wenigstens, bereits früher an verschiedenen Stellen angedeutet habe, im Zusammenhang darstellen: An der Spitze steht ein oberstes Nervenzentrum, das ist ein Komplex von Lebewesen (von Ganglienzellen), welcher die höchsten psychischen Aufgaben zu erfüllen hat. Die psychische Tätigkeit desselben gelangt zu unserer unmittelbaren Kenntnis, wird uns ohne weiteres bewußt. Ich nenne es im Anschluß an den bisherigen Sprachgebrauch der Psychologen, aber keineswegs zutreffend "das bewußte Ich" oder "Oberbewußtsein" ("Selbstbewußtsein"). Ihm stehen alle übrigen Nervenzentren gegenüber. Diese führen als Komplexe von Lebewesen ebenfalls ein gewisses Sonderdasein und üben mehr oder weniger selbständig psychische Tätigkeiten aus, welche jedoch dem normalen Menschen nicht oder wenigstens nicht klar und deutlich zur unmittelbaren Kenntnis gelangen, auf deren Vorhandensein darum für gewöhnlich nur aus äußeren Anzeichen geschlossen werden kann, während ich durch die


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"inneren Stimmen" und sonstige Halluzinationen ebenso einfache als bequeme Kontrollmittel habe. Ich fasse sie alle miteinander unter dem leider bereits in sehr verschiedenen Bedeutungen gebrauchten Namen das "Unterbewußtsein" oder das "Unbewußte" zusammen. Diese Gegenüberstellung von Ober- und Unterbewußtsein, in dem von mir gemeinten Sinne, ist etwa zu vergleichen mit der Zweiteilung der Regierung eines Landes: einerseits Präsident oder Herrscher, anderseits sämtliche Regierungsbeamte und Instanzen von den höchsten, den Ministern, bis herunter zu den niedrigsten in den einzelnen Provinzen und Bezirken.

Aus dem Vorstehenden folgt ohne weiteres, daß ich an sich und zunächst eine strenge Lokalisierung sämtlicher psychischer Funktionen annehme, d.h. ein Gebundensein derselben an bestimmte Nervenzentren (vergl. S. 88 Anmerkung). Umgekehrt hin ich auch der Überzeugung, daß ein jedes höheres physisches Nervenzentrum der Hirnrinde seiner Hauptbestimmung nach zunächst eine Zentrale ist für eine bestimmte (und darum zunächst einseitige) höhere psychische Tätigkeit. Bei den niedrigeren und niedrigsten Zentren der Hirnrinde und anderweitiger Körperpartien tritt dagegen die psychische Tätigkeit immer mehr zurück, während physiologische und schließlich rein mechanische Aufgaben eine größere Rolle spielen.

Bei den niedrigsten Zentren gilt eine Lokalisierung der Funktionen ohne weiteres als selbstverständlich und wird allgemein anerkannt. Bei den höheren, z.B. den motorischen und sensiblen Zentren der Hirnrinde wurde dieselbe auch schon vor einigen Jahrzehnten festgestellt und zwar durch Fritsch und Hitzig bzw. Munk. Bei den höchsten (den "psychischen Zentren" im eigentlichen Sinne) wird sie im allgemeinen auch jetzt noch bestritten und zwar jedenfalls hauptsächlich deshalb, weil sie hier viel schwieriger zu erkennen und nachzuweisen ist. Bei ihnen entsteht nämlich eine bedeutende Komplikation der an sich ebenfalls einfachen Verhältnisse dadurch, daß sie imstande sind, auch in Dingen, die nicht unmittelbar in ihr Gebiet einschlagen , etwas zu lernen und damit ihre psychische Tätigkeit nachträglich und in zweiter Linie vielseitiger zu gestalten (vergl. S. 74). Besonders ist das beim Oberbewußtsein der Fall. Die Folge davon ist, daß sich die scharfen Grenzen der psychischen Lokalisierung mehr oder weniger stark verschieben und verwischen, sowohl zwischen Ober- und Unterbewußtsein, als auch zwischen den einzelnen Zentren des Unterbewußtseins unter sich. Gleichzeitig wird dadurch


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verständlich, daß bei Verletzungen, Erkrankungen oder sonstigen physischen Defekten einzelner Hirnpartien andere bis zu einem gewissen Grade vikariierend eintreten können und bestimmte psychische Defekte nicht ohne weiteres scharf zutage treten. Die höchsten Funktionen des Unterbewußtseins sind in den sog. Assoziationszentren (auch Assoziationssphären, Terminalfelder genannt) lokalisiert. Vom psychischen Standpunkt aus betrachtet erscheinen die letzteren dadurch gewissermaßen als die obersten Räte des bewußten Ich oder vielmehr als die Wohnstätten derselben. Sie liegen, um schnellsten Verkehr auf kürzesten Leitungsbahnen mit dem Herrscher zu ermöglichen, nicht in der Körperperipherie, sozusagen draußen in der Provinz, sondern in der Hirnrinde, wie die Residenz des Oberbewußtseins selbst auch. Sie sind unter sich durch tangential verlaufende Nervenleitungen (Assoziationsfasern) verbunden und die höheren derselben im allgemeinen einander koordiniert, dagegen dem Oberbewußtsein subordiniert, da dieses allein, soweit nötig, den freien Überblick über die Innen- und Außenwelt besitzt und daher allein zur obersten Gesamtleitung befähigt und berufen ist. Die höheren unter den Assoziationszentren - denn daß auch bei ihnen noch bedeutende Unterschiede vorhanden sind, läßt sich schon aus der verschiedenen anatomischen und histologischen Beschaffenheit der betreffenden Nervengebiete schließen, welche durch die rein physische Untersuchung aufgedeckt wird - sind nach meiner Auffassung der Sitz der von mir in diesem Buche beschriebenen Personifikationen: Hoheit, Bockfuß, Pferdefuß, Kind usw. Nach dem weiter vorne Mitgeteilten dienen sie offenbar sehr verschiedenen psychischen Funktionen und stellen gewissermaßen verschiedene psychische Ressorts dar.

Tiefer greifende Spezialaufgaben und Sonderinteressen, psychophysische und psychische Differenzen werden ferner bei den einzelnen psychischen Zentren schon anatomisch und histologisch verständlich, wenn man berücksichtigt, daß z.B. nach Flechsig und andern die verschiedenen Assoziationszentren durch eine wenn auch geringere Anzahl von radial verlaufenden Nervenleitungen (Projektionsfasern), die jedenfalls zum Teil zentripetal, zum Teil zentrifugal leiten, mit niedrigeren Zentren, und von diesen aus weiter, schließlich mit peripheren Körpergebieten verbunden sind. Den Mitgliedern der zentralen Regierung (und solche sind sie vermöge ihrer tangentialen Verbindungen) obliegt, entsprechend ihren peripheren Nervenverbindungen, einerseits die Aufgabe, das ihnen unterstehende Körpergebiet im Interesse des Gemeinwohles und im Sinne der zentralen Regierung zu


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lenken, anderseits dasselbe zu schützen und seine Sonderinteressen zu vertreten. Manchmal jedoch betreiben sie letzteres zu einseitig - vergleichbar mit den Vertretern eines Landesbezirkes im Parlamente, welche neben dem allgemeinen Staatswohle zugleich die Sonderinteressen der betreffenden Provinz zu wahren haben, aber dabei gelegentlich diese oder gar sich selber höher stellen als das Gemeinwohl - so daß ernstliche Differenzen unter den Mitgliedern der zentralen psychischen Regierung entstehen können.

Beim normalen Menschen tritt das allerdings unter gewöhnlichen Bedingungen nicht deutlich hervor, weil bei ihm die niedrigeren Zwischenzentren die von der Peripherie kommenden Reize schwächen oder ganz unterdrücken, so daß die Provinzial-Sonderinteressen nicht so stark sich geltend machen. Anders jedoch bei nervösen Naturen, Neurasthenikern und Hysterischen, die zu wenig "Hemmungen" besitzen (Hyperästhesie). Da, wie ich in der Antwort an meine Kritiker (Kap. VIII) auseinandersetze, das von mir erstrebte Hauptziel andauernd eine größere Empfindlichkeit und Überreiztheit des gesamten Nervensystems und außerdem immer wieder kleinere pathologische Störungen in den verschiedensten Körpergebieten verursacht, kann ich die psychischen Differenzen unter den verschiedenen Nervenzentren sowie die mit den abnormen Körperzuständen verbundenen psychischen Störungen im kleinen Maßstabe ständig beobachten.

Wenn ich z.B. einen etwas größeren Spaziergang unternehme und dabei allmählich ermüde, treten folgende Gegensätze auf ("Psychische Spaltung"): Die inneren Stimmen der zur Muskulatur in näherer Beziehung stehenden Personifikationen (Pferd, Pferdefuß, Arbeiter und verschiedene andere) rufen: "Ich bin müde ... .. heimgehen!" Später werden die Forderungen energischer und gröber. Meine eigenen Beschwichtigungsversuche sowie die Ratschläge und Mithilfe von seiten anderer Zentren, welche für die schöne Gegend, für frische Luft und Sonnenschein usw. schwärmen, haben zwar vorübergehend einen gewissen Einfluß, werden aber schließlich mehr oder weniger schroff abgelehnt. Dann ist es für mich Zeit nach Hause zu gehen, sonst kann es zu erbitterten, pöbelhaften Auftritten kommen. "Ihr wollt die Herren spielen, wir sollen euch spazieren führen. Wir haben die Arbeit, während ihr faulenzt usw." Es werden Versuche gemacht über von mir nicht genügend beachtete Hindernisse oder Wegesunebenheiten zu stolpern, den Spazierstock in unbewachten Augenblicken durch entsprechende Drehung der Hand zwischen die Beine zu bringen, damit ich zu Boden fallen solle (vergl. S. 134) usw. Vor einer Anzahl von


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Jahren interessierte ich mich längere Zeit für prähistorische Forschungen. Infolgedessen durchstreifte ich öfters die Umgebung von Freising nach den verschiedensten Richtungen ohne Weg und Steg, um die dortselbst vorhandenen Hügelgräber, Trichtergruben und sonstige vorgeschichtliche Dokumente kennen zu lernen. Als ich eines Abends, allerdings stark ermüdet, aber im übrigen in guter Gesamtstimmung auf dem Heimwege begriffen war, rief mir plötzlich zu meiner großen Überraschung eine innere Stimme zu: "Du prähistorischer Lausbub!" Schon damals interpretierte ich als Ursache die körperliche Überanstrengung. Jetzt ist mir aber schon längst klar, daß es sich um eine erstmalige "greifbare" Äußerung zur Muskulatur in näherer Beziehung stehender Zentren (der späteren Personifikationen Pferdefuß, Arbeiter) handelte.

Wenn ich Hunger habe, sind die meisten Zentren des Unterbewußtseins dafür, daß ich esse (aber durchaus nicht alle). Es können dann Differenzen entstehen bezüglich der Wahl der Speisen. Die einzelnen Personifikationen stellen in dieser Beziehung sehr verschiedene Anforderungen. Derbere und für mich schwer verdauliche Kost, gewissermaßen "Arbeiterkost" (Schwarzbrot, Käse, Bier) wünschen im allgemeinen die zu den Muskeln in näherer Beziehung stehenden: "Arbeiter, Pferdefuß". "Bessere" (vornehmere): "Hoheit" (Braten, Wein). Süße (stark versüßten Kaffee, Konditoreiwaren, Süßwein): "Kind". Billige: "Bockfuß" usw.

Eine andere Frage ist dann die, wieviel ich essen soll. Bei der Unzuverlässigkeit meines Magens darf ich im allgemeinen nicht nach Appetit essen. Im übrigen treten für eine reichliche Mahlzeit trotzdem oft gerade auch die zum Magen in näherer Beziehung stehenden Personifikationen ein, z.B. Hoheit, deshalb weil die beim Essen und durch die Sättigung entstehenden Lustgefühle ihnen besonders zugute kommen, dabei vergessend, daß ihnen nachträglich Schwierigkeiten entstehen können. Auch die Personifikation "Arbeiter" und verschiedene andere zeigen eine größere Eßlust. In charakteristischen und doch leicht verständlichen Gegensatz stellen sich zu diesen Zentren bei Übertreibungen verschiedene zum Darm in näherer Beziehung stehende Personifikationen, z.B. der Bockfuß. Der Sinn ihrer Einwendungen ist etwa folgender: "Ihr wollt fressen und euere Lust befriedigen, wir müssen die Folgen tragen."

Die von mir auf rein psychischem und magischem Wege gewonnenen Resultate stimmen also offenbar vorzüglich zu den vorher (S. 156) erwähnten anatomischen und histologischen Befunden Flechsigs


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und anderer, daß nämlich die Assoziationszentren - die einzelnen natürlich verschieden - gewisse intimere Beziehungen zu peripheren Körpergebieten durch radial verlaufende Nervenfasern aufweisen.

Im normalen Zustande des Menschen verkehren diese zentralen psychischen Instanzen bei Beratungen (beim "Nachdenken" des bewußten Ich) nicht in der Art miteinander, wie etwa zwei oder mehrere Menschen d.h. in artikulierter Sprache, sondern lautlos, vermittelst Nervenerregungen, die auf den verschiedenen tangentialen Assoziationsfasern sich fortpflanzen. Ein solcher Verkehr verläuft rasch, weil auf dem allernächsten und kürzesten Wege, und ist infolge der Übung und Gewöhnung von Jugend auf jedem so geläufig, daß er die Kompliziertheit des psychischen Getriebes dabei gar nicht erkennt.

Anders vielfach bei mir. Ich (mein Oberbewußtsein) sowie auch zahlreiche Zentren meines Unterbewußtseins sind, wie schon wiederholt angegeben, imstande, subjektiv halluzinatorisch zu sprechen (innere Stimme). Infolgedessen kann ich sie in artikulierter Sprache belehren, ermahnen und tadeln, umgekehrt aber sie auch mich - auf ihrem Spezialgebiete. Ferner können andere, nicht beteiligte Zentren, soweit sie sich dafür interessieren, unser Gespräch belauschen, da eben für alle miteinander nur das eine Trommelfellpaar zum Hören zur Verfügung steht. Der Verkehr wird dadurch sozusagen ein "öffentlicher". Allerdings erfordert er deshalb eine gewisse Vorsicht meinerseits, weil irgend ein Spezialist des Unterbewußtseins sehr leicht etwas an mir zu kritisieren findet. Aber die Verständigung mit dem Unterbewußtsein ist eine viel präzisere als beim normalen Menschen.

Außer über das Trommelfell sind auch verschiedene anderweitige präzisere, aber umständlichere intellektuelle Verständigungswege mit dem Unterbewußtsein gangbar. Vermittelst optischer Erregungen, die bis zur Netzhaut herunter getrieben werden, können das Oberbewußtsein und die Zentren des Unterbewußtseins sich gegenseitig ihre optischen Vorstellungen sinnlich anschaulich zum Ausdruck bringen. Auch eine schriftliche Verständigung ist möglich. Beim gewöhnlichen, vom normalen Menschen allein geübten Schreiben sendet das Oberbewußtsein einen Energiestrom in die Hand und bewegt dieselbe zur Schrift, die seinem Gedankengang entspricht. Wenn nun einem Zentrum des Unterbewußtseins nach Kapitel V,3 Gelegenheit gegeben wird, das Schreiben selbständig zu erlernen, indem man ihm zu diesem Zwecke die Hand mit dem Bleistift zur Verfügung stellt, kann es seine Gedanken ebenfalls zu Papier bringen. Auf diesem Prinzip beruht das spiritistische und überhaupt das "automatische" Schreiben.


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Janet teilt folgendes mit: "Ein zwanzigjähriges Mädchen, welches im hysterisch - somnambulen Zustande mehrfach Wanderungen von mehrtägiger Dauer unternommen hatte, wußte hierfür keinen Grund anzugeben. Während eines Zustandes von Zerstreutheit, in welchem sie an andere Dinge dachte, wurde ihr von Janet ein Bleistift in die rechte Hand gegeben, worauf sie automatisch einen Brief schrieb, in welchem sie die Gründe ihrer Entweichungen und die Art und Weise, wie sie dieselben betätigte, darlegte." Dieser Fall ist deshalb von besonderem Interesse, weil er zeigt, daß einzelne Zentren des Unterbewußtseins nach verschiedenen Richtungen sehr verschiedenartig in den Fähigkeiten vorangeschritten sein können. Trotz des zeitweilig übermächtigen Einflusses auf den gesamten Menschen, der sich in dem Wanderungszwange äußerte, waren die betreffenden Zentren nicht imstande sich vermittelst der inneren Stimme oder sonstwie psychisch klar zu äußern. Dagegen konnten sie regelrecht und intelligent schreiben, wenn das im normalen Zustande die Hand völlig beherrschende Oberbewußtsein in seiner Aufmerksamkeit abgelenkt und gleichzeitig dem Unterbewußtsein Papier und Bleistift zur Verfügung gestellt wurde. Wir haben damit zugleich ein lehrreiches Beispiel für die autokratische Unterdrückung des Unterbewußtseins durch das Oberbewußtsein, wie sie beim normalen Menschen überhaupt ganz allgemein stattfindet, so daß er von dem Vorhandensein eines Unterbewußtseins in seinem Innern für gewöhnlich gar keine Ahnung bekommt.

Aus dem weiter oben Mitgeteilten ergibt sich, daß ich auch für die höchsten psychischen Zentren Koordination und Subordination annehme: Koordination der höheren Assoziationszentren untereinander (wenigstens im Prinzip, wenn auch keineswegs immer dem tatsächlichen, namentlich durch die Gewohnheit entwickelten Verhalten nach) und Subordination derselben unter das Oberbewußtsein. Auf Grund anatomischer und histologischer Ergebnisse glaubte man nun aber im Gegensatze dazu annehmen zu müssen, daß es ein oberstes Nervenzentrum (oder einen obersten Komplex von Zentren), wie ich ihn als Sitz des Oberbewußtseins annehme, nicht geben könne. So schreibt z.B. der bekannte Psychologe Ebbinghaus* folgendermaßen: "Durch die Gehirnforschung ist erkannt worden daß das emsige Suchen mehrerer Jahrhunderte nach einem sogenannten Sitz der Seele im Gehirn, d.h. nach einer möglichst punktförmigen Stelle, an der die

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* Abriß der Psychologie. 2. Aufl. S. 19. Leipzig 1909.


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Seele zu dem materiellen Organ in Beziehung tritt, gegenstandslos ist. Es gibt keinen solchen Sitz in diesem Sinne. Das Gehirn ist die Verkörperung einer absoluten Dezentralisation. Die Seele empfängt sozusagen die ihr aus der Außenwelt zugetragenen Erregungen an räumlich weit auseinander gelegenen Stellen des Gehirns, verschieden je nach den peripheren Organen, von denen sie herkommen, und sie greift ein in das materielle Getriebe wieder von räumlich weit auseinander gelegenen Stellen des Gehirns, verschieden je nach den Muskelgruppen, die sie anzusprechen hat. Alle diese verschiedenen Stellen stehen untereinander in Verbindung, aber nirgendwo geschieht sie durch Vermittlung eines gemeinsamen eng umschriebenen Zentrums."

Meine Ansichten über das Wesen der Seele sind nun zwar durchaus andere als diejenigen von Ebbinghaus. Trotzdem existiert nach allen meinen bisherigen Auseinandersetzungen offenbar auch für mich keine "punktförmige" Angriffsstelle der ganzen Seele. Aber ich muß eine solche postulieren für den wichtigsten "Seelenteil" (bildlich gesprochen), die "Seele" im engeren und gewöhnlichen Sinne des Wortes, nämlich das bewußte Ich (Oberbewußtsein), d.h. ich nehme - modern ausgedrückt - für dasselbe eine Lokalisierung in einem bestimmten Hirngebiet an, geradeso gut wie für eine jede der verschiedenen psychischen Instanzen des Unterbewußtseins. Nur übt das Oberbewußtsein die niedrigeren psychischen, psychophysischen und physischen (physiologischen) Funktionen meist nicht unmittelbar selber und im einzelnen aus, sondern läßt sie durch untergebene Zentren ausführen. Ja viele dieser Funktionen, wie z.B. die Herz- und Atmungstätigkeit, die Verdauung usw. vollziehen sich meist sogar ohne Wissen und Beachtung von seiten des bewußten Ich einfach nach vererbten Gesetzen, so daß also tatsächlich nach verschiedenen Richtungen die weitestgehende Dezentralisation herrscht, wenn auch anderer Art als Ebbinghaus meint. Auch von dem Regenten oder Präsidenten eines Landes werden die Regierungsakte oder überhaupt für den Staat lebenswichtigen Handlungen im allgemeinen nicht unmittelbar selber vollzogen, sondern von untergeordneten Behörden und Instanzen, seinem Sinne und Willen sowie den von altersher bestehenden oder erst in der Neuzeit eingeführten Gesetzen entsprechend. Ja diese untergeordneten Instanzen handeln häufig im Namen und Sinne des Regenten, ohne daß derselbe im einzelnen überhaupt etwas davon weiß oder wahrnimmt.

Daß die übergeordnete Stellung eines Nervenzentrums (oder eines Komplexes von solchen) als Sitz des Oberbewußtseins bis jetzt anatomisch und histologisch nicht nachgewiesen ist, beweist nichts gegen


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meine Ansicht. Beim Suchen nach demselben ist man jedenfalls häufig von irrigen Voraussetzungen ausgegangen. Es braucht weder das größte zu sein noch muß es die meisten Nervenleitungsbahnen besitzen.

Für die Anatomie und Histologie ergeben sich also auf Grund psychologischer, magischer und psychiatrischer Beobachtungen neue Aufgaben: z.B. nach dem Sitz des Oberbewußtseins sowie nach demjenigen der verschiedenen höheren psychischen Zentren des Unterbewußtseins zu suchen, welche sich bei mir besonders gern personifizieren und als Hoheit, Kind, Teufel usw. eine selbständige Rolle spielen möchten, ferner die Lage und Art der Verteilung ihrer peripheren Endgebiete, die zweifellos zum guten Teil auch im Gebiete des Sympathikus liegen, festzustellen. (Bei mir speziell kommen als besonders leicht erregbar vor allem jedenfalls die Geflechte in der Pförtnergegend Plexus coeliacus, solaris, mesentericus usw. in Frage.)

Umgekehrt wird das genaue Studium der Ergebnisse der beiden letzterwähnten Wissenschaften bezüglich der Struktur der verschiedenen Hirnzentren, der Art ihrer Verteilung im Gehirn, des Verlaufes ihrer Nervenleitungsbahnen, also das genauere Studium des gesamten leblosen Organismus überhaupt, d.h. der materiellen Unterlage für die psychischen Tätigkeiten und die Seele, dem Psychologen zweifellos noch sehr wichtige Anhaltspunkte bezüglich des Wesens der psychischen Funktionen und der Seele selbst liefern, ähnlich wie das genauere Studium einer von ihren Bewohnern verlassenen Stadt bezüglich der geistigen Beschaffenheit und Tätigkeit ihrer ehemaligen Bewohner. Ich bin darum der Meinung, daß die Psychologie (und Magie) einerseits und die Anatomie und Histologie anderseits noch viel enger zusammengehen müssen, als es bisher geschah.

Meine Anschauungen über die psychische Differenzierung im Menschen lassen sich auch durch Vergleich mit der Ontogenie desselben leicht verständlich machen. Im ersten Stadium der Entwicklung stellt eine einzige Zelle, nämlich das befruchtete Ei, den ganzen menschlichen Leib dar. Diese eine Zelle ist somit von prinzipieller Bedeutung. Durch den Furchungs- und Weiterentwicklungsprozeß entstehen aus derselben zwei, vier, acht, viele und schließlich Milliarden von Zellen. Auch diese bilden jeweils zusammen immer wieder den einen menschlichen Leib. Daraus folgt ohne weiteres, daß im allgemeinen mit der Zunahme der Zahl die physische Bedeutung der einzelnen Zelle immer geringer wird. Hand in Hand mit dieser Zellvermehrung geht gleichzeitig ein zweiter Prozeß vor sich. Die äußere Form und innere Struktur der Zellen wird immer mehr von einander


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abweichend, je nach den verschiedenen mechanischen und physiologischen Aufgaben, die sie zu erfüllen haben. Die einzelne Zelle wird einseitiger, dafür aber in ihrem Spezialgebiet um so leistungsfähiger für die großen Zwecke des Gesamtorganismus. Es erfolgt also eine ständige Differenzierung und Arbeitsteilung und die physische Mannigfaltigkeit nimmt immer mehr zu , in dem Maße, als der Organismus größer und reifer wird und als er dementsprechend neue und größere physische Aufgaben zu erfüllen hat.

Ähnlich liegt die Sache auf psychischem Gebiete. Die eine befruchtete Eizelle enthält die ganze menschliche Seele ebenso wie die Milliarden von Zellen des entwickelten Menschen zusammen, da der Mensch, wie nur einen Körper, so auch nur eine Seele besitzt. Daraus folgt, daß mit der Zunahme der Zahl die psychische Bedeutung der einzelnen Zelle, sozusagen der auf sie treffende seelische Anteil, immer geringer wird. Mit der Entwicklung des Organismus treten aber auch ganz neue psychische Aufgaben in großer Menge an ihn heran. Dementsprechend erfolgt auch bei den Nervengebieten, in welchen sich hauptsächlich psychische Aufgaben vollziehen, immer weitergehende psychische Differenzierung und Arbeitsteilung. Mehr oder weniger parallel der physischen nimmt daher auch die psychische Mannigfaltigkeit immer mehr zu.

Damit beantwortet sich nun ohne weiteres schon bis zu einem gewissen Grade die oft ventilierte Frage, wie der Übergang des Kindes zum gereiften Menschen psychisch, psychophysisch und physisch zu erklären sei: Die Zellen und Zentren, an welche das spezifisch Kindliche gebunden ist, bleiben bestehen, aber sie treten an Bedeutung zurück und ihre Aufgabe wird modifiziert. Dafür spielen andere Nervenzentren, die zunächst an Ausbildung, Größe und Zahl ihrer Zellen zurückgeblieben waren, allmählich eine wichtigere Rolle und gewinnen einen größeren Einfluß auf den psychischen Gesamtzustand des Menschen. Daß aber tatsächlich das spezifisch Kindliche auch noch im alternden Menschen mehr oder weniger deutlich erhalten bleibt, wenn auch die betreffenden Zentren, wie schließlich der gesamte Mensch, weniger lebenskräftig und leistungsfähig werden, kann ich an meiner Personifikation "Kind" (S. 34 ff.) unmittelbar beobachten. "Papa, ich möchte halt am liebsten ein Kind sein. Oder: ich möchte wenigstens so gern leben wie ein Kind, wie ein Kind spielen und mich freuen. Ich möchte gerne Kinder


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sehen. Mich freuen überhaupt kleine Dinge. Ich liebe auch kleine Vögel. Und wenn gar die Jungen im Neste sitzen, wie schön das ist! Mich freut alles Kleine, Nette, Zarte, Herzige, Kindliche."* Wenn ich ein kleines Kind, beiderseits von seinen Eltern geführt, auf der Straße dahertrotten sehe, da rührt sich mächtig in meinem Innern die Personifikation "Kind" und macht mich auf die spezifischen kindlichen Eigentümlichkeiten und Feinheiten in Gang und Haltung, in den Reden und dem gesamten Gebahren aufmerksam. Zweifellos spielen bei den Freuden der Eltern an ihren Kindern, an ihrem Spielzeug usw. neben anderweitigen auch die "kindlichen Zentren" in ihrem eigenen Innern eine Hauptrolle. Sie sind gewissermaßen die psychischen Vermittlungsorgane für derartige Empfindungen und Gefühle. Freilich ist ein bedeutender Unterschied zwischen dem "Kindlichen" des Kindes und demjenigen der Eltern und gerade bei solcher Gelegenheit tritt er besonders deutlich zu Tage. Ferner spielen diese Zentren beim erwachsenen Menschen eine Rolle für die Erfassung und für das Verständnis feiner und zarter Attribute und Eigentümlichkeiten von Gegenständen der Innen- und Außenwelt. Vortrefflich spricht Trojan, der selber bis in sein hohes Alter sich jugendliches Wesen bewahrte, unbewußt im Sinne dieser Zentren:
 
Das Beste ist das Kleine
Drum bin ich sehr dafür.
Das Zierliche und Feine
Gefällt vor allem mir.

Auch hier lassen sich, wie bezüglich der teuflischen und schließlich überhaupt aller Gefühle und Empfindungen, die bereits S. 82 zitierten Worte Goethes modifiziert anwenden: Wäre nicht etwas Kindliches in uns, wie könnten wir Kindliches wahrnehmen und uns an ihm erfreuen. Zweifellos arbeiten derartige Zentren auch beim erwachsenen Menschen dem Alterungsprozesse entgegen. So verjüngt sich z.B. beim stärkeren Auftreten der Personifikation Kind ganz unverkennbar mein Aussehen (vergl. dazu S. 112). Allerdings ist der Begriff einer solchen Personifikation durchaus kein einfacher und die Darstellung derselben erfordert das Zusammenwirken einer größeren Anzahl von Nervenzentren

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* Bei längeren derartigen Auseinandersetzungen liegt bei mir häufig eine Art Kombinationswirkung vor. Wenn sich eine Personifikation nicht mehr genügend in Worten ausdrücken kann, fühle ich meistens trotzdem noch deutlich heraus, was sie etwa sagen möchte. Ich übersetze dann ihre Gedanken in Worte und erhalte nachträglich ihre Zustimmung.


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und peripheren Organen und einen gewissen psychophysischen Kraftaufwand.

Aus allem ergibt sich, daß die psychische Gesamtregierung im Menschen etwas sehr Kompliziertes darstellt, ferner daß sie im Laufe der Zeit einer ständigen langsamen Veränderung und Weiterentwicklung unterworfen ist in dem Sinne, daß gewisse psychische Zentren, die anfangs eine größere Rolle spielten, später an Bedeutung zurücktreten, während andere, wichtigere mehr zur Geltung kommen und daß die Tätigkeit einzelner Zentren auf ihrem Spezialgebiet, namentlich aber diejenige des Oberbewußtseins vielseitiger und gereifter wird.

Trotzdem ist der Mensch im normalen Zustande in letzter Linie eine strenge psychische Einheit, welcher man die wirkliche Kompliziertheit ihrer Zusammensetzung für gewöhnlich gar nicht anmerkt Unter abnormen Verhältnissen jedoch tritt dieselbe mehr oder weniger deutlich zu Tage. Dieses ist der Fall bei der "psychischen Spaltung" (Schizophrenie)*. Dieselbe ist sowohl für die Psychologie als auch namentlich für die Psychiatrie von großer Bedeutung. Ihr Wesen ist aber noch nicht genügend aufgeklärt. Durchaus zutreffend wird zunächst allgemein angenommen, daß durch den Spaltungsvorgang das psychische Ganze in Einheiten zerfalle, welche schon im normalen Zustande des Menschen in irgend einer Weise existiert haben. Als die niedrigsten derselben würden in erster Linie die einzelnen Vorstellungen erscheinen. Da man sich aber sträubte, für jede einzelne Vorstellung eine besondere Lokalisation anzunehmen, griff man zur Annahme höherer psychischer Einheiten. Viele Anhänger findet dabei die von Jung (Zürich) vertretene Ansicht des Vorhandenseins von "Vorstellungskomplexen", die bei größerer Selbständigkeit "autonome Komplexe" oder sogar "Sekundärseelen" genannt werden. Wie soll man sich aber solche abgespaltene Vorstellungskomplexe in ihrer Existenzweise realistisch vorstellen?! Wie natürlich und selbstverständlich und unmittelbar anschließend an die Forschungsergebnisse der Gehirnanatomie ist dagegen meine Auffassung, daß diese Vorstellungskomplexe nichts weiter darstellen, als die Produkte der psychischen Tätigkeit mehr oder weniger emanzipierter Gehirnpartien (psychischer Zentren des Unterbewußtseins). Wie bereits wiederholt angegeben, arbeiten diese Gehirnpartien geistig notwendig einseitig

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* Siehe dazu den Vortrag Dr. v. Hattingberg's auf der Psychiaterversammlung in Straßburg. (Referat in der "Allgemeinen Zeitschrift für Psychiatrie" 1914. S. 769.)


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und bewegen sich hauptsächlich nur in einer bestimmten Vorstellungsreihe, so daß ihr psychisches Elaborat tatsächlich häufig nur mehr oder weniger einen bestimmten Vorstellungskomplex im Sinne Jungs darstellt. Beim normalen Menschen macht sich allerdings ihre psychische Tätigkeit im einzelnen nicht besonders deutlich bemerklich. Jedenfalls sind sie auch bei ihm eine Art Zentralen zur Hervorrufung bzw. Regulierung höherer psychischer Gefühle und Bestrebungen, vergleichbar mit verschiedenen längst bekannten niedriger stehenden z.B. mit dem Atmungszentrum, (Regulierung der Atembewegungen) oder mit dem Kleinhirn (Feinregulierung komplizierter Bewegungen) oder mit den Sprachzentren (Regulierung des Sprechens und der Sprachvorstellungen). Die Nervenzentren z.B., welche bei meiner Personifikation "Hoheit" die Hauptrolle spielen, sind offenbar eine psychische Regulierungsinstanz für vornehmere Gefühle und Empfindungen. Sobald minderwertige Zentren mir triviale Gedanken und Handlungen suggerieren wollen, fühlt sich meine auf diesem Gebiete besonders ermpfindliche Hoheit sofort am stärksten verletzt und sucht dementsprechend in ihrer Art entgegen zu wirken, ähnlich etwa wie in einem Parlament bei einer besonders drastischen Äußerung oder Forderung eines Mitgliedes der äußersten Linken die äußerste Rechte am meisten erregt wird und entgegenkämpft. Es ist dann Aufgabe der gemäßigten Parteien, hier speziell vor allem des bewußten Ich, die richtige Mitte zu treffen und dadurch einen gewissen Ausgleich zu schaffen. Außerdem erscheint das Hirngebiet meiner Hoheit als eine Zentrale sowohl zur mehr oder weniger selbständigen Produzierung und Verarbeitung hoheitlicher Vorstellungen, Empfindungen und Bestrebungen von innen heraus als auch zur Aufnahme solcher von außen her.

Dem Umstande, daß es sich bei den "Vorstellungs- und autonomen Komplexen" nicht bloß um mechanisch im Gehirn aufgespeicherte psychische Produkte handelt, sondern um die psychische Tätigkeit höherer Gehirnzentren, würde der Ausdruck "Sekundärseelen" besser Rechnung tragen, wenn er im übrigen nicht auch unzutreffend und sogar direkt verfänglich wäre. Es handelt sich ja bei meiner Hoheit, bei Bock- und Pferdefuß usw. nicht um abgerundete, mehr oder weniger selbständige Seelen, wenn auch niederer Art, sondern um bildlich zu sprechen gewissermaßen nur um zu weit emanzipierte "Seelenteile", die einen größeren Anteil am psychischen Gesamtbetriebe beanspruchen oder sich erobern wollen, als ihnen vermöge ihrer natürlichen Stellung zukommt und den Gesetzen der Vernunft entspricht (vergl. dazu S. 87 und 89).


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Vorher erwähnte ich, daß man sich sträubte, eine Lokalisation der Vorstellungen im Gehirn anzunehmen. Jedenfalls ist dieses berechtigt in dem Sinne, daß nicht jede einzelne Vorstellung als psychisches Ganzes mit allen ihren zahlreichen Details in irgend einem Gehirnteil aufbewahrt ist. Dagegen muß man eine Lokalisation anderer Art annehmen, etwa so wie bei einem Musikinstrument für die verschiedenen Akkorde, Klangfiguren und Melodien. Um den gleichen Akkord z.B. auf einem Klavier ertönen zu lassen, muß der Musiker jedesmal genau die gleichen Tasten anschlagen und dadurch die gleiche Saitenkombination in Erregung (Schwingungen) versetzen. Der Akkord ist also in diesem Sinne an bestimmte Tasten und Zeichen gebunden, also lokalisiert. Aber er ist nicht immer vorhanden, erklingt nicht immer, sondern nur, wenn die betreffende Saitenkombination angeschlagen wird. Diese Lokalisierung hindert ferner nicht, daß eine Taste bzw. Saite dieses Akkordes in Verbindung mit anderen Saiten bei andern Akkorden mitwirken kann. Analog werden nun bei den wechselnden Vorstellungen (bzw. Wahrnehmungen) die verschiedensten Nervenzellen und Komplexe des Gehirns in Erregung versetzt, sei es durch das Ober- oder durch das Unterbewußtsein (bzw. durch die Außenwelt). Auf Grund meiner bisher entwickelten Anschauungen über das Wesen der psychischen Spaltungen lassen sich nun mehrere Arten derselben unterscheiden, nämlich

Schizophrenie:

1. Künstlich und absichtlich herbeigeführt:

a) Bei der Magie des Unterbewußtseins, wie ich sie für wissenschaftliche Zwecke, z.B. zum Studium des Unterbewußtseins betreibe, nach Kap. V,3. Das Oberbewußtsein tritt zurück, bleibt jedoch wach, und macht den stillen Beobachter, während einzelne Zentren des Unterbewußtseins die eigentlich aktive Rolle spielen.

Daß unter diesen Umständen die psychische Tätigkeit der intelligenteren Zentren des Unterbewußtseins eine durchaus logische ist, habe ich schon wiederholt hervorgehoben. Meine "Hoheit" z.B. denkt und handelt durchaus entsprechend einer hoheitlichen Persönlichkeit, wenn ich ihr Spielraum lasse. Nur ist das Fundament, auf welchem sie als Hoheit ihre geistigen Schlüsse aufbaut, unrichtig und der Standpunkt, auf welchem sie steht, einseitig und nicht der Wirklichkeit entsprechend (mehr oder weniger "verrückt"). Ihr ganzes Ideengebäude fällt sobald sie sich zu weit gehend emanzipiert und der Kontrolle des


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Oberbewußtseins entzieht, sofort in nichts zusammen, wenn die Wirklichkeit in Frage kommt. Die Kunst eines Schauspielers, der die Rolle eines Fürsten, Königs oder Kaisers möglichst gut spielen soll, besteht darin, von der Wirklichkeit abzusehen, sich auf einen verrückten Standpunkt zu stellen und dementsprechend im übrigen möglichst naturgetreu zu reden und zu handeln. Bei einem Schauspieler ist es also Kunst die Wirklichkeit zu ignorieren, für meine "Hoheit" dagegen ist es umgekehrt Kunst, die Wirklichkeit genügend zu berücksichtigen und z.B. mir gegenüber nicht als Herrscher im vollen Ernste aufzutreten und mich als Untergebenen zu behandeln. Die Schwierigkeit, zwischen Wirklichkeit und Vorstellung zu unterscheiden, die für alle psychischen Zentren des Unterbewußtseins besteht, ferner der geringere Umfang ihrer psychischen Leistungsfähigkeit im Vergleich mit dem Oberbewußtsein beruhen jedenfalls zum Teil auf physischen Ursachen, z.B. auf geringerer Empfindlichkeit ihrer einseitig entwickelten Ganglienzellen den meisten Erregungen der Außenwelt gegenüber (sie sind gewissermaßen nur für eine bestimmte Gefühlstonart berechnet, auf eine bestimmte Gefühlsnuance eingestellt, vergl. S. 74), und auf geringerer Mannigfaltigkeit ihrer Nervenleitungsverbindungen mit andern Hirngebieten, zum Teil aber auch auf rein psychischen Ursachen, entsprechend ihrer psychischen Stellung und Aufgabe. Sie sollen offenbar dem bewußten Ich auf Anfrage (beim Nachdenken) möglichst naturgetreue Vorstellungen und Ideen zur Verfügung stellen (Hoheit also z.B. "hoheitliche" d.h. bessere, noblere, vornehmere, etwa als Gegengewicht zu den trivialen Suggestionen eines Pferde- und Bockfußes). Diesen Zweck erfüllen sie aber am besten, wenn sie unter normalen Bedingungen zwischen Wirklichkeit und Vorstellung (Einbildung) keinen prinzipiellen Unterschied machen und daher (ähnlich wie vorher erwähnt ein Schauspieler) völlig realistisch ihre Rolle spielen. Sie haben kaum Veranlassung, den Unterschied zwischen beiden näher zu prüfen, denn das besorgt das Oberbewußtsein. Aus dem gleichen Grunde brauchen sie auch nicht den vollen Überblick über die gesamte Innen- und Außenwelt wie letzteres (vergl. S. 75). Für kürzere oder längere Zeit kann ich sie aber immer wieder belehren, wenigstens die Intelligenteren derselben, wenn sie auch vorläufig sehr leicht wieder in die alten, seit Jahrzehnten gewöhnten Irrtümer zurückfallen (vergl. S. 198).

b) Beim Spiritismus, aber auf mehr oder weniger unwissenschaftlichen und abergläubischen Voraussetzungen beruhend. Einzelne Zentren des Unterbewußtseins spielen eine aktive Rolle (als Geister, Verstorbene,


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Dämonen usw.). Das Oberbewußtsein tritt zurück, bleibt aber meistens noch wach. Nur bei größeren medialen Leistungen stellt es seine Tätigkeit vollständig ein (Trance).

c) Bei der Hypnose. Das Oberbewußtsein wird vollständig ausgeschaltet (eigentliche Hypnose) oder wenigstens teilweise (Wachsuggestion). Einzelne Zentren des Unterbewußtseins bleiben wach und sind um so lebhafter tätig. Sie handeln jetzt, statt wie im normalen Zustande nach den Weisungen des Oberbewußtseins, nach denjenigen des Hypnotiseurs (vergl. S. 75 Anmerkung).

2. Unbeabsichtigt und unfreiwillig, aber nicht eigentlich pathologisch:

Bei den meisten Träumen. Das Oberbewußtsein sowie ein großer Teil des Unterbewußtseins befindet sich in einem lethargischen Zustande. Sie spielen daher keine besondere Rolle, während einzelne Zentren des Unterbewußtseins wach bleiben und geistig tätig sind. Die Ursachen der Träume sind bekanntlich sehr verschieden, sie liegen teils in der Außenwelt, teils im Innern des Menschen selber. Was letzteren Punkt anbelangt, so träume ich, wie schon früher erwähnt, regelmäßig, wenn ich abends eine schwer verdauliche Speise gegessen habe. Die zu meiner schwächsten Körperpartie, dem Magen, in näherer Beziehung stehenden Personifikationen und Zentren der Hirnrinde können infolge der vorhandenen Schwierigkeiten nicht einschlafen und phantasieren daher in ihrer Art weiter. Bei stärkerer Reizung ziehen sie häufig auch Fernerstehende, z.B. das Oberbewußtsein, in eine gewisse Mitleidenschaft. (Der Traum stellt nach meiner Auffassung eine Art "nächtlicher Ruhestörung" im Zellenstaate dar.) Aber selbst in diesem Falle wird ihr Assoziationsvermögen und damit auch ihre Denkfähigkeit im allgemeinen unvollkommen sein, weil eben doch ein großer Teil der psychischen Zentren, deren Mitwirkung für geregelte, namentlich komplizierte Denktätigkeit erforderlich ist, in einem trägen Zustande bleibt, und daher nicht oder nur in unvollkommener Weise zur Verfügung steht. Das Studium des Traumlebens kann daher auch im allgemeinen, wie bereits S. 81 angedeutet, kein ausreichend richtiges Bild von der wirklichen psychischen Leistungsfähigkeit des Unterbewußtseins geben.

Ein gesteigerter Traumzustand, der aber häufig bereits ins Pathologische hinüberreicht, ist der Somnambulismus. Bei ihm finden sich kompliziertere Denkleistungen, allerdings meist nur auf einem sehr eng umgrenzten Spezialgebiete, nämlich dem motorischen. Natürlich handelt es sich hier im wesentlichen um die psychische und psychophysische


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Tätigkeit derjenigen Assoziationsgebiete des Unterbewußtseins, welche den Muskelzentren näher stehen.

3. Pathologisch.

Diese Art von Schizophrenie besteht darin, daß zum Schaden des gesamten Menschen einzelne Zentren des Unterbewußtseins sich eigenmächtig emanzipieren und dementsprechend das Oberbewußtsein mehr oder weniger weitgehend beherrschen (s. das Beispiel S. 74 ff). Ein solcher Zustand kann schließlich zur regelrechten (funktionellen) Geisteskrankheit führen. Natürlich kann eine ähnliche Aufspaltung der psychischen Einheit auch z.B. infolge organischer Erkrankung und dadurch bewirkter Schwächung derjenigen Gehirnpartien eintreten, welche der Sitz des Oberbewußtseins sind.

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Bekanntlich betrachten es die meisten Psychologen als feststehend, daß planmäßige und experimentelle Selbstbeobachtung nicht möglich sei. Wundt vergleicht sogar die Situation eines sich selbst Beobachtenden mit derjenigen eines Münchhausen, der sich an dem eigenen Zopf aus dem Sumpfe ziehen will. Infolgedessen wurde mir schon wiederholt eingewendet, meine Experimente seien nicht genügend zuverlässig. Dieser Einwand beruht auf der Voraussetzung, daß der Mensch unter allen Umständen eine strenge psychische Einheit darstelle. Nach dem eben über Schizophrenie Auseinandergesetzten ist das aber tatsächlich nicht richtig. Wenn ich meine Personifikationen Hoheit, Kind, Bockfuß usw. studiere oder auch anderweitige nicht personifizierte Zentren, soweit sie bereits imstande sind, halluzinatorisch zu sprechen oder sonstwie sich selbständig zu äußern, dann beobachte ich in Wirklichkeit nicht mich selbst, sondern "ich" (d.h. in diesem Falle das Oberbewußtsein) beobachte und studiere das Unterbewußtsein. Es ist also vorher psychische Spaltung eingetreten. Ich studiere jetzt den abgespaltenen Teil meines Ich und kann das so lange tun, als die Spaltung andauert. Der Ichbegriff ist eben ganz außerordentlichen Schwankungen unterworfen und wird bald im weiteren und weitesten, bald im engeren und engsten Sinne gebraucht. Wenn einer sagt "Ich bin in Freising" oder "Ich bin in München", dann versteht er unter dem "Ich" die ganze Seele und den ganzen Leib zusammen. Der Ichbegriff ist also hier am weitesten gefaßt. Er verengert [sic] sich aber sofort, wenn man etwa sagt: "Ich bin mittelgroß" oder "Ich bin stark". Man meint damit offenbar nur seinen Körper, bzw. im wesentlichen nur die Körpermuskulatur. Eben wegen dieser


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Unterscheidungs- und Spaltungsmöglichkeit kann ich "mich selbst", d.h. in diesem Falle meinen Leib oder seine Teile beobachten und z.B. prüfen, wie sich mein Herz, meine Lungen und überhaupt mein Körper gegen Anstrengungen und Strapazen, mein Magen gegen verschiedene Speisen verhält. Lasse ich aber psychische Spaltung eintreten, dann kann ich offenbar auch den abgespaltenen psychischen Teil, also das Unterbewußtsein beobachten. Es handelt sich auch hier nicht um eine "Selbstbeobachtung" im gewöhnlichen Sinne der Psychologen (vergl. S. 83 "Ich bin nicht Du").

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VI. Erklärung einiger magischer Phänomene, über welche ich keine nähere persönliche Erfahrung besitze.


Im III. Abschnitt berichtete ich über einen Teil meiner magischen Erlebnisse und im IV. und V. versuchte ich, eine wissenschaftliche Erklärung derselben sowie einer Anzahl sonstiger, namentlich spiritistischer Phänomene zu geben, welche mir nicht prinzipiell von den an mir selbst erlebten verschieden zu sein scheinen. Die im folgenden zu besprechenden sind nun zwar meistens anderer Art, namentlich da sie sich in der Regel zwischen zwei Personen vollziehen, während ich immer nur mit einer, eben mit mir selbst, experimentierte. Aber trotzdem glaube ich auf Grund meiner allgemeinen magischen Erfahrungen auch in solchen Fragen mitsprechen zu dürfen. Selbstverständlich kann es sich dabei nicht um Vollständigkeit handeln. Ich werde auch hier, den Grundsatz des alten römischen Dichters Horaz "Nil admirari" befolgend, durch nichts in Erstaunen geraten und mich bemühen, alles möglichst natürlich zu erklären.

 

1. Die Wünschelrute.

Unter Wünschelrute versteht man einen frischgeschnittenen Gabelzweig der Weide oder des Haselnußstrauches. Jeder Zweig der Gabel ist ungefähr 20 cm lang und besitzt Fingerdicke.

Die Handhabung erfolgt in der Art, daß je eine Hand einen Zweig der Gabel umfaßt und sich gleichzeitig zur Faust ballt. Die Handflächen werden nach oben gekehrt und die Vorderarme wagrecht nach vorn gehalten, während die Ellbogen dem Körper anliegen. Die ganze Haltung wird dadurch krampfhaft und die Rute federt gewissermaßen in den Händen des Trägers.

Während man früher in mehr oder weniger abergläubischer Auffassung des Werkzeugs das Wirksame desselben in seinem Saftreichtum


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und sozusagen seiner Jugendfrische suchte, erkannte man in neuerer Zeit, daß ältere Ruten nur deshalb unbrauchbar sind, weil sie durch Austrocknen ihre Biegsamkeit und Elastizität verloren haben. Man ging darum zu andern Mitteln über und verwendet jetzt meist einen dicken, ca. ein Meter langen Metalldraht, der in der Mitte zu einer v oder kreisförmigen Schlinge gebogen ist. Selbst zusammengebundene Fischbeinstäbe sind brauchbar. Wie nüchtern auch in dieser Beziehung unser Zeitalter geworden ist, ergibt sich daraus, daß ein gewiegter Praktiker auf diesem Gebiete ein Paar alte Korsettstangen mit gleichem Erfolge benützt.

Die Wünschelrute wird außer zur Entdeckung von unterirdischen Metall-, Erz- und Kohlenlagern hauptsächlich zur Auffindung von unterirdischen Wässern angewendet behufs Anlage von Brunnen und Wasserleitungen.

Ihre Geschichte reicht mindestens in das 15. Jahrhundert, vielleicht aber schon ins Altertum zurück und es existiert über dieselbe eine reiche Literatur*.

Allgemeines öffentliches Interesse erweckte sie in der Neuzeit erst seit dem Jahre 1902 durch die Bemühungen des preußischen Landrates von Bülow-Bothkamp, dem sich bald Geheimrat Franzius, Hafenbaudirektor in Kiel, anschloß. Auf Befehl des Deutschen Kaisers führte in den Jahren 1906-1908 der preußische Landrat von Uslar in Südwest-Afrika zahlreiche Versuche mit der Wünschelrute aus, an deren Deutung sich heftige Kontroversen anknüpften. Während Uslar von 80% Erfolgen spricht, behaupten die Gegner nur 10%. Aus dem Munde eines Mannes, der damals höherer Kolonialbeamter in Südwest-Afrika war, erfuhr ich, daß die rein geologische Erforschung zu viel besseren Resultaten gelangte. Zur Lösung des Rätsels der Wünschelrute wurde auf Veranlassung des vorher erwähnten Geheimrats Franzius im Jahre 1911 ein "Verband zur Klärung der Wünschelrutenfrage" gegründet. In München ist gegenwärtig in dieser Beziehung besonders Dr. med. Eduard Aigner tätig.

Jedenfalls geht aus allem mit Sicherheit hervor, daß der Wünschelrute nicht reiner Aberglaube zu Grunde liegt, sondern daß Positives mit derselben geleistet werden kann, wenn auch viel Betrug und

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* Siehe Graf Karl v. Klinkowström "Die Bibliographie der Würschelrute" mit einer längeren Einleitung von Dr. med. Ed. Aigner, Verlag A. Dultz und Co. München, 1911, ferner Dr. Aigner "Die Wünschelrute" (Zeitschrift für Balneologie 1912/13), dem ich hier zum guten Teil gefolgt bin.


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Übertreibungen vorgekommen sein mögen und wenn auch zeitweilig infolge von Indisposition des Künstlers Versagen eintritt. Von den unzähligen möchte ich nur noch zwei Beispiele aus neuerer Zeit anführen.

Dr. Aigner berichtet folgendes: "Ein Münchner Arzt kaufte sich zum Villenbau ein Terrain. Die geologische Formation des Grundstücks war Moränenlandschaft. Als es galt für den Hausbau Wasser ausfindig zu machen, lehnte der Geologe auf Grund der Bodenformation ein Gutachten ab, der Ingenieur machte versuchsweise verschiedene Versuche von Grabungen von 20 und 12 m Tiefe, ohne Wasser zu finden. Der Nachbar hatte erst mit einer 72 m tiefen Bohrung zufällig einen artesischen Brunnen gefunden. Als auch der Versuch, an die Wasserleitung der Nachbargemeinde angeschlossen zu werden, gescheitert war, ersuchte mich der Kollege um einen Rutengänger. Bereits beim erstmaligen Überschreiten des Terrains erfolgte ein Ausschlag, der bei genauerer Untersuchung eine unterirdische Quelle vermuten ließ. Die sofortige Grabung ergab bei 3 m Tiefe reichliches und konstantes Wasser, das auch den diesjährigen heißen Sommer das nunmehr fertiggestellte Anwesen hinreichend mit Trinkwasser versorgte!"

Die "Münchener Neuesten Nachrichten" schreiben unterm 2. März 1912: "Das Münchener städtische Wasseramt machte vor einiger Zeit die Bahnhofsverwaltung auf den gesteigerten Wasserverbrauch im Bereich des Starnberger Bahnhofes aufmerksam und riet zur Anschaffung größerer Wassermesser. Die Bahnhofsverwaltung suchte nach dem Grund des hohen Wasserverbrauches und ließ die Hähne sämtlicher Endleitungen sperren. Dennoch ergab sich an einer Leitung ein ununterbrochener Wasserverbrauch. Man vermutete einen Rohrbruch und wandte sich auf Anraten des Installateurs Simmet, Schommerstraße 11, an das städtische Wasseramt zwecks Überlassung eines Rutengängers, um so unnötige Nachgrabungen zu vermeiden. Der Rohrwart Kurringer beging mit der Wünschelrute das Gebiet des in Betracht kommenden Rohrnetzes. An einer Stelle zeigte sich ein deutlicher Rutenausschlag. Die sogleich vorgenommene Nachgrabung ergab eine vollständig unverletzte Leitung, aber es zweigte an der vom Rutengänger bezeichneten Stelle eine in den Plänen nicht eingetragene, neuhergestellte Leitung in die unterirdische Bedürfnisanstalt des Tunnels zum Verkehrsministerium ab. Diese Leitung verursachte den hoben Wasserverbrauch. In wenigen Stunden hatte so die Wünschelrute den zunächst unerklärlich erscheinenden Sachverhalt aufgedeckt."

Es fragt sich nun, wie ist die Wirkung der Wünschelrute zu erklären?


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Infolge der krampfhaften Körperhaltung und der etwas unnatürlichen, gewissermaßen federnden Umklammerung der Rute befindet sich dieselbe offenbar in labilem Gleichgewichte und der Rutengänger ist gezwungen die ganze Aufmerksamkeit nur auf die Rute, seine Hände und sein Ziel zu richten, so daß er besonders empfindlich wird und die geringste Ursache einen Ausschlag herbeiführt, der natürlich unter den gegebenen Bedingungen nur nach oben oder unten erfolgen kann. Die Wünschelrute ist somit offenbar zunächst ein Mittel zur Steigerung der Aufmerksamkeit und Empfindlichkeit. Die gewöhnliche Annahme war nun bisher die, daß unterirdische, radioaktive Ausstrahlungen der genannten Gegenstände (Wasser, Metalle usw.) eine unbewußte Reizwirkung auf gewisse Personen ausüben, etwa ähnlich wie atmosphärische Änderungen bei Witterungsumschlag, z.B. der Wechsel des Feuchtigkeitsgehaltes, der Temperatur oder des Druckes der Luft manche Menschen stark beeinflussen, während die meisten andern nichts davon verspüren. Neuere Untersuchungen haben aber gezeigt, daß vom Wasser keine radioaktiven Strahlungen ausgehen, sondern daß im Gegenteil Wasser dieselben absorbiert. Dagegen gehen vom Erdboden solche Strahlen aus. Sobald daher der Rutengänger Boden betritt, in dessen Tiefe sich Wasser befindet, steht er nicht mehr unter dem Einflusse dieser Strahlungen und seine besondere Feinfühligkeit in dieser Beziehung scheint unbewußt eine Änderung in der Muskelspannung des Körpers und damit einen Ausschlag der Rute zu bewirken. Übrigens mögen bei fließendem Wasser wohl auch Bodenerschütterungen eine Rolle spielen.

Selbstverständlich besteht nun für die Naturwissenschaften die Aufgabe, durch entsprechende, von den physiologischen Schwankungen des menschlichen Organismus unabhängige Apparate die Wünschelrute zu ersetzen. Das scheint auch in neuester Zeit gute Aussichten zu haben. Bisherige Versuche ergaben z.B. folgendes:

Stellt man unterirdisch, etwa in zwei Schächten eines Bergwerks, Apparate für drahtlose Telegraphie auf, dann werden die von dem einen (dem sogen. Oszillator) ausgehenden Schwingungen durch den andern, den Empfänger (Detektor) aufgenommen, da der gewöhnliche Boden für dieselben kein wesentliches Durchgangshindernis bildet. Befindet sich jedoch zwischen beiden eine Schicht Wasser, so werden die Schwingungen durch dasselbe absorbiert und können somit auf den andern Apparat keine Wirkung ausüben. (Absorptionsmethode.)

Noch besser ist das andere Verfahren: Stellt man an einem Punkt der Erdoberfläche einen Oszillator auf, so dringen die von ihm ausgehenden Wellen nach dem Vorhergehenden natürlich auch in den


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Erdboden ein. Liegt aber in der Tiefe desselben eine Wasserschicht, dann werden sie wieder reflektiert, da sich Wasser diesen Wellen gegenüber ähnlich verhält, wie ein Spiegel gegenüber den Lichtstrahlen. Die nach oben reflektierten Wellen können dann mit dem Detektor aufgesucht werden. Durch Vergleich der Geschwindigkeiten der direkt zur andern Station gehenden Strahlen mit derjenigen der reflektierten läßt sich die Tiefenlage der Wasserschicht berechnen.

Nicht bloß unterirdische Wässer sondern auch Metalle, Erze, Kohlen und Petroleum verhalten sich ähnlich. Sie können also auf rein physikalischem Wege entdeckt werden.

 

2. Gedankenlesen und Gedankenübertragung.

Auf diesem Gebiete sind vor allem zwei prinzipiell verschiedene Fälle zu unterscheiden:

 

a) Das Muskellesen.

Die gewöhnlichen öffentlichen Vorstellungen darüber suchen meistens den Anschein zu erwecken, als ob es sich um echte Gedankenübertragung handle. Sie werden in der Regel ungefähr folgendermaßen ausgeführt: Der Experimentator fordert die Versuchsperson auf, möglichst lebhaft an den von ihm zu entdeckenden Gegenstand zu denken, der sich z.B. an irgend einer Stelle des Saales oder aber auch in der Tasche eines Anwesenden befindet. Dann faßt er dieselbe bei der Hand und geht mit ihr im Saale herum, bis ihm die Lösung seiner Aufgabe gelingt.

Das Verfahren beruht im wesentlichen auf den bereits in IV S. 52 erwähnten Tatsachen, daß der Mensch durch lebhafte psychische Tätigkeit in seinem Körper beeinflußt wird, so daß eine andere, in diesbezüglicher Beobachtung besonders geübte Persönlichkeit aus körperlichen Veränderungen und Äußerungen des Versuchsobjektes, z.B. aus unbewußten und unwillkürlichen Muskelbewegungen, Änderungen der Herztätigkeit und damit des Pulses, aus dem Blicke der Augen und dem Mienenspiel, aus unwillkürlichcm Flüstern usw. Schlüsse auf seine Gedanken ziehen kann*. Bereits im Jahre 1833 hat E. Chevreuil eine diesbezügliche Theorie aufgestellt. Was speziell die unwillkürlichen

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* Siehe z.B. Bumke: Über die körperlichen Begleiterscheinungen psychischer Vorgänge. Wiesbaden, Bergmanns Verlag.


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Muskelbewegunken der Hände anbelangt, so äußert sich z.B. Dessoir* folgendermaßen: "Die betreffenden Gedankenleser konzentrieren ihren Geist darauf, ob die Hände des Denkenden (die sie umfassen) zufrieden oder nicht zufrieden sind. In der Tat haben diese Hände eine ganze Sprache: Soll der Gedankenleser in die Höhe greifen, so heben sie sich (beim Denkenden) ein ganz klein wenig, soll er sich bücken, so drücken sie herab, hat er seine Aufgabe noch nicht erfüllt, so lassen sie ihn nicht vom Fleck und ist er glücklich zu Ende, so geben sie ihm durch einen sanften Druck ihre Befriedigung zu erkennen.

Ein berufsmäßiger Gedankenleser dieser Art teilte mir übrigens mit, daß er in öffentlichen Vorstellungen nicht bloß aus der Beobachtung der Versuchsperson, sondern überhaupt des gesamten anwesenden Publikums seine Schlüsse zieht.

Wenn es nun auch offenbar interessant und nicht ohne wissenschaftliche Bedeutung ist, daß sich ein derartiges Verfahren von veranlagten Persönlichkeiten zur raffinierten Kunst ausgestalten läßt, so dürften trotzdem solche Experimente, nachdem diese Tatsachen jetzt schon längst festgestellt sind, im allgemeinen wohl kaum mehr die aufgewendete Mühe verlohnen und den Wert einer wissenschaftlichen Spielerei überschreiten**.

Zum Schlusse möchte ich hier noch anfügen, daß sich vor mehreren Jahren als ein sehr feinfühliger Gedankenleser dieser Art ein Pferd, "der kluge Hans", entpuppte. Das Tier schien imstande zu sein Rechnungsaufgaben zu lösen, sein eigenes Alter sowie dasjenige seines Besitzers, eines Herrn von Osten, und vieles andere sich zu merken und auf Befragen anzugeben, indem es mit einer entsprechenden Anzahl von Hufschlägen antwortete.

Nachdem verschiedene wissenschaftliche Beobachter erklärt hatten, daß kein Betrug von seiten des Pferdebesitzers vorliege, gelang es den Psychologen Stumpf und Pfungst das Rätsel aufzuklären. Das Pferd besaß eine ganz abnorme Beobachtungsgabe und erkannte die unbewußten und unwillkürlichen Ausdrucksbewegungen, welche bei dem Fragesteller auftraten, wenn das Ziel erreicht war. Sollte es z.B.

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* Zur Geschichte des Gedankenlesens. Sphinx 1886.
* Eine weitere Art Gedankenübertragung besteht darin, daß zwei Personen miteinander zusammenarbeiten derart, daß die eine sich mit dem Publikum in Verbindung setzt, während die andere durch diese vermittelst vereinbarter Geheimsprache über den Sachverhalt unterrichtet wird. Es ist klar, daß dieses Verfahren erst recht ohne tiefere Bedeutung ist und überhaupt seinen Namen völlig mit Unrecht führt.


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die Rechnungsaufgabe 2x8 lösen, dann stampfte es so lange mit dem Fuße, bis beim Fragesteller - in diesem Falle nach 16 Schlägen - eine leichte Kopfbewegung oder ein geringfügiges Zucken der Augenlider eintrat. Sobald man das Tier, etwa durch eine spanische Wand, verhinderte seinen Fragesteller zu sehen, versagte seine Kunst. Die Richtigkeit dieser Erklärung wurde auch dadurch nachgewiesen, daß Pfungst die Ausdrucksbewegungen, welche dem Pferde als Anhaltspunkte dienten, mit objektiven Methoden graphisch aufzeichnete, ferner daß er durch vorzeitige Nachahmung derselben das Pferd irre führen und zum "Falschrechnen" veranlassen konnte. Bei der Lösung der vorher erwähnten Aufgabe 2x8 hörte es z.B. schon mit 14 Hufschlägen auf, wenn er die betr. Ausdrucksbewegungen eintreten ließ. Endlich konnte Pfungst gewissermaßen selber die Rolle des Pferdes übernehmen und die Lösung einer ihm gestellten, unbekannten Aufgabe (z.B. eine vom Fragesteller gedachte Zahl) durch Stampfen mit dem Fuße mitteilen, wenn er denselben beobachten durfte.
 
 

b) Die echte Gedankenübertragung (Telepathie)* einschließlich des Hellsehens in bezug auf den Raum.

Unter Telepathie" (Telenergie) versteht man die Uebertragung von Vorstellungen, Empfindungen, Gefühlen (Telästhesie) usw. von einer Person auf eine andere unter Ausschluß der gewöhnlichen Vermittlungsweisen und Sinnesfunktionen.

Die Ausführung der Experimente erfolgt in der Art, daß die eine Person (der Geber, Agent) sich in die Betrachtung oder Vorstellung einer Zeichnung, einer Blume usw. vertieft und der andern ihre Vorsteilung zu übermitteln sucht, während diese (der Gedankenleser, Empfänger, Perzipient) möglichst passiv bleibend sich bemüht, einen entsprechenden Eindruck zu bekommen. Selbstverständlich müssen vom Empfänger störende Einflüsse der Außenwelt ferngehalten werden. Bei der Aufnahme von optischen Vorstellungen empfiehlt es sich daher die Augen geschlossen zu halten. Die Durchführung derartiger Experimente erfordert viel Übung und jedenfalls auch besondere Veranlagung. Für den Anfang ist eine unmittelbare Berührung beider Versuchspersonen günstig, allmählich kann aber die Entfernung derselben eine immer größere, schließlich viele Kilometer weite werden.

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* Vergl. dazu die Monographie: Die Telepathie von Robert Sigerus. Leipzig 1911. Verlag von Max Altmann.


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Wie bereits im II. Abschnitt erwähnt, besteht seit dem Jahre 1882 in England die Society for Psychical Research. Dieselbe setzte sich unter anderm auch die Aufgabe einerseits experimentell die Möglichkeit einer solchen Übertragung auf größere Entfernungen zu prüfen, anderseits einwandfreie Tatsachen aus früherer Zeit zu sammeln, welche eine Gedankenübertragung beweisen. Auch von verschiedenen Beobachtern in andern Ländern wurden Versuche in dieser Richtung angestellt. In Deutschland z.B. von du Prel sowie von Dr. Freiherrn von Schrenck-Notzing, welch letzterer auch ein diesbezügliches Werk von Richet ins Deutsche übersetzte*.

Hennig** führt folgenden Fall an: "Mir persönlich hat ein gegenwärtig an einer deutschen Hochschule wirkender Physiker, Professor D., eigene Beobachtungen mitgeteilt, für deren Zuverlässigkeit ich mich ohne weiteres verbürgen will, da der betreffende Gewährsmann mir als ein unbedingt zuverlässiger, ausgezeichneter Beobachter bekannt ist, der von jeder Voreingenommenheit frei und mit allen Fehlerquellen bei derartigen Experimenten gut vertraut ist, so daß er mit Erfolg auf ihre Vermeidung bedacht sein konnte. Was ihn bei seinem Versuche leitete, war nur wissenschaftliches Interesse und strenge Wahrheitsliebe. Er hat auch die zum Teil höchst erstaunlichen Ergebnisse für sich aufgezeichnet, wie das Resultat eines exakten physikalischen Versuchs, und hat sie niemals publiziert. Sie erscheinen mir jedoch so ungemein wertvoll, daß ich einiges Wenige davon mitteilen möchte.

Die Versuche wurden stets mit einer und derselben Dame angestellt. Professor D. entwarf irgend eine Zeichnung, die er dann scharf fixierte, oder befahl in Gedanken der Dame irgend eine Handlung auszurichten. Die Dame zeichnete dann diejenigen Abbilder nach, die ihr bei geschlossenen Augen in weißen Umrissen auf dunklem Grunde erschienen, oder sie führte diejenige Handlung aus, die nach längerer Dauer des Versuchs als die ihr befohlene in ihrem Vorstellungskreise auftauchte. Unwillkürliches Flüstern wird man für das Gelingen der Versuche schwerlich heranziehen können, wenn man hört, daß die Gedankenübertragung auch glückte, wenn die beiden Personen sich in verschiedenen Zimmern befanden, welche durch eine Wand ohne Verbindungstür von einander getrennt waren. Jeder Irrtum ist dabei ausgeschlossen, da Professor D. sich die zu stellende Aufgabe erst dann

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* Experimentelle Studien auf dem Gebiete der Gedankenübertragung und des sogen. Hellsehens, 1907.

** Wunder und Wissenschaft, Hamburg, Gutenberg-Verlag, 1904, S. 157.


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ausdachte, wenn er sowohl wie die Dame ihre Plätze in den beiden Zimmern eingenommen hatten ...."

In neuester Zeit hat der bekannte englische Physiker Lodge exakte Versuche mit Gedankenübertragung ausgeführt und darüber ein Buch veröffentlicht.

Als unzweifelhaftes Ergebnis aller bisherigen Forschungen auf diesem Gebiete folgt, daß eine echte Gedankenübertragung wirklich möglich ist.

Der bereits erwähnte englische Chemiker Crookes gab ungefähr folgende naturwissenschaftliche Erklärung des Phänomens: Wenn eine Musiksaite oder eine Stimmgabel angeschlagen wird, dann gerät sie in Schwingungen. Diese teilen sich der umgebenden Luft mit, pflanzen sich in ihr weiter fort und bringen eine andere, gleichgestimmte Musiksaite oder Stimmgabel, die sich in einiger Entfernung befindet, ebenfalls zum Mittönen. Wenn wir nun annehmen, daß bei einer bestimmten lebhaften Vorstellung ein bestimmtes Hirnganglion, namentlich bei besonders empfindlichen Personen, in stärkere Erregung kommt, und weiter, daß sich diese Erregung dem umgebenden Äther mitteilt, so daß er ebenfalls in entsprechende Erregung gerät, dann können sich diese Ätherschwingungen, ganz analog den vorher erwähnten Luftschwingungen, bis zum Gehirn einer andern eventuell weit entfernten Persönlichkeit fortpflanzen, welche ebenfalls ein besonders empfindliches Ganglion besitzt - diesmal aber zur Aufnahme von Ätherschwingungen der betreffenden Art - und in demselben wieder umgekehrt die entsprechende Vorstellung hervorrufen.

Später verglich er den ganzen Vorgang mit der drahtlosen Telegraphie und sprach außerdem noch die Ansicht aus, daß alle hierhergehörigen Phänomene in einer Region verlaufen, für die unsere gewohnte Raumanschauung keine Gültigkeit mehr besitzt.

Wenn ich nun auch die letzterwähnte Ansicht von Crookes bezüglich des Raumes nicht billige, weil sie ein mystisches Moment in sich schließt, so stimme ich doch seinen Darlegungen insofern bei, als ich ebenfalls der Meinung bin, daß durch rein psychische Vorgänge eine derartige Erregung entsprechender Hirngebiete entstehen kann, daß sie sich dem umgebenden Äther mitteilt und auf weite Entfernungen durch denselben fortpflanzt. Wenn man lediglich vermittelst des Vorstellungsvermögens spezifische Energie über die peripheren Endorgane, die Netzhaut, die Fingerspitzen usw. in größerer Menge hinaustreiben kann, wie ich es in IV. 2 auseinandersetzte, warum sollte vermittelst desselben nicht auch spezifische Energie von zentralen Hirnpartien


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aus in den Raum hinausgestrahlt werden können? Und wenn Licht und Wärmeschwingungen sich auf weite Entfernungen fortpflanzen, warum sollten nicht auch vom Gehirn ausgehende Ätherschwingungen sich auf größere Entfernungen verbreiten? Viele finden etwas Geheimnisvolles darin, daß es möglich sein solle, rein geistige, im Innern des Menschen sich vollziehende Vorgänge, wie Gedanken und Vorstellungen, auf größere Entfernungen zu übertragen. Sie verwechseln dabei aber offenbar das eigentlich Psychische der Vorstellungen mit den durch sie verursachten physischen Gehirn- und Äthererregungen. Die Ätherschwingungen allein pflanzen sich im Raume weiter fort. Sie rufen alsdann, eventuell zum Gehirn eines andern empfindsamen Menschen gelangend, dortselbst die gleichen physischen Zustände hervor und erst durch deren Zurückdeutung ins Psychische erhält dieser die gleichen Vorstellungen und Gedanken wie der Absender. Bei der telepathischen Gedankenübertragung findet also durchaus kein unmittelbarer mystischer Verkehr "von Seele zu Seele" statt, sondern nur ein solcher auf dem eben erwähnten sehr natürlichen Umwege. Sie unterscheidet sich daher in dieser Beziehung nicht prinzipiell von der gewöhnlichen und normalen Gedankenübertragung, wie sie z.B. beim Sprechen mit einer andern Person erfolgt. Je nach seinen Gedanken und Vorstellungen bewegt man hier die Sprachwerkzeuge und ruft dadurch Luftschwingungen hervor, welche, sich im Raume fortpflanzend, das Trommelfell und von hier aus weiter das Gehirn der andern Person in Erregung versetzen. Durch psychische Umdeutung dieser Gehirnerregungen erhält und erkennt sie alsdann die Gedanken und Vorstellungen der sprechenden Person. Der Unterschied zwischen der gewöhnlichen Gedankenübertragung durch die Sprache und der magischen (telepathischen) besteht also im wesentlichen darin, daß bei der letzteren die peripheren Organe ausgeschaltet sind und außerdem nicht die Luft sondern der Äther als vermittelndes Medium fungiert.

Es gibt nun aber noch verschiedene andere Arten der Gedankenübertragung (im weiteren Sinne des Wortes) z.B. vermittelst Telephon und Telegraph, Grammophon und Kinematograph. Durch letztere Apparate, namentlich aber vermittelst Schrift und Bild lassen sich außerdem Gedanken nicht bloß übertragen, sondern sogar beliebig lange, selbst durch Jahrtausende hindurch, sozusagen aufbewahren.

Wie war ich daher angesichts solcher Tatsachen erstaunt, als mir eine hochgebildete Persönlichkeit auseinandersetzte, sie glaube nicht an die Möglichkeit einer telepathischen Gedankenübertragung, da Psychisches


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sich niemals physisch (d.h. hier durch Ätherschwingungen) adäquat darstellen lasse, während sie mir doch natürlich im gleichen Momente, eben bei dieser Besprechung mit mir, ihre diesbezüglichen Gedanken und Ansichten, also ihr psychisches Elaborat durch ganz ordinäre Luftschwingungen übermittelte! - Immer wieder das gleiche Vorurteil: Was man auf andern Gebieten für selbstverständlich findet, das hält man bei der Magie für unbegreiflich und unglaublich!

Ein besonders intimer Vergleich der Telepathie mit der "drahtlosen" Telegraphie, wie ja meistens beliebt wird, ist nicht notwendig. Einer entfernten Person rufe ich ja auch "drahtlos" zu oder winke ihr "drahtlos". Überhaupt erfolgt der Gedankenaustausch und die sonstige Verständigung zwischen verschiedenen Personen normalerweise im allgemeinen auf drahtlosem Wege vermittelst Luft- oder Ätherschwingungen.

Selbstverständlich ist die telepathische Energieausstrahlung des Gebers um so stärker, je lebhafter seine Vorstellungen sind. Steigert man nun ihre Intensität außerdem noch weiter durch andauernde Übung, dann gelingt natürlich die Gedankenübertragung allmählich auch auf größere Entfernungen.

Die vorher erwähnte Annahme von Crookes, daß für die Aussendung der Strahlen und für die Aufnahme derselben zwei spezifisch verschiedene Gehirnganglien in Frage kommen, halte ich nicht für nötig. Es können vielmehr sowohl beim Geber als auch beim Empfänger die gleichen Hirnzentren in Frage kommen, denn nach S. 46 ist ein Apparat, der spezifische Ätherschwingungen hervorzurufen vermag, umgekehrt auch imstande, die von einem andern gleichgebauten Apparate ausgehenden Ätherschwingungen aufzunehmen. Da es sich hier aber um zwei diametral entgegengesetzte magisch - physiologische Funktionen handelt, muß jede eigens gelernt werden. Im ersteren Falle ist man aktiv, im letzteren verhält man sich passiv.

Daß auch kompliziertere Gedankenübertragungen stattfinden, bietet der Erklärung ebenfalls keine besonderen Schwierigkeiten, wenn man analoge Verhältnisse in der Musik in Vergleich zieht. Nicht bloß einzelne Töne sondern auch ganze Musikstücke können übertragen werden, wenn man statt zweier gleicher Stimmgabeln oder Saiten kompliziertere Instrumente z.B. zwei gleichgestimmte Klaviere nebeneinander stellt. Spielt man auf dem einen ein Musikstück, dann klingt dasselbe auf dem andern leise mit.

Statt aber kompliziertere Gedanken zu übertragen, muß man sich zunächst darauf beschränken, es mit einfachen, sinnlichen Vorstellungen


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zu versuchen, denn es sind ja auch zwei einzelne Stimmgabeln oder Saiten leichter gleich zu stimmen und auf einander einzustellen als zwei Klaviere. Da es nun aber ferner sozusagen instrumental verschiedene Arten von Vorstellungen gibt, nämlich optische, akustische usw., wird man gut daran tun, eine weitere Scheidung vorzunehmen. Man wird also z.B. zunächst nur einfache optische Vorstellungen zu übertragen bzw. zu empfangen lernen, oder auch nur akustische, und besonders typische und charakteristische Objekte wählen, wie ich sie in IV.3. a und b für verwandte Zwecke angebe.

Nicht selten findet sich die Ansicht, daß es schwer verständlich sei, wie bei der Unmenge von telepathischen Schwingungen, die ständig den Äther durchkreuzen, vom Perzipienten überhaupt noch bestimmte Eindrücke empfangen werden können. Als ob nicht ständig eine Menge der verschiedensten optischen und akustischen Schwingungen den Äther bzw. die Luft durchkreuzten, ohne daß deshalb unsere optische und akustische Wahrnehmungsfähigkeit unmöglich wäre!

Übrigens sind stärkere telepathische Ätherschwingungen für gewöhnlich gar nicht vorhanden, denn die bei den normalen Vorstellungen entstehende Erregung des Gehirns ist jedenfalls so schwach, daß sie den Äther nicht merklich beeinflußt. Stärkere Ätherschwingungen entstehen erst dann, wenn die Hirntätigkeit in Ausnahmefällen (z.B. bei abnorm veranlagten Persönlichkeiten* bei pathologischen Naturen, bei Sterbenden) oder absichtlich (nach andauernder Übung**) ungewöhnlich lebhaft wird, ähnlich wie nach dem IV. Abschnitt stärkere Äthererregungen von der Netzhaut erst bei einer magischen Innervation des optischen Apparates ausgehen. Wenn ich leise mit mir selber spreche, hört das noch niemand, auch beim gespanntesten Lauschen. Ich muß laut sprechen, wenn es andere hören sollen und zwar um so lauter, je weiter sie entfernt sind. Analog auch hier. Ich muß laut denken lernen, wenn andere es wahrnehmen sollen. Es ist eine abnorme Erregung der betreffenden Hirngebiete erforderlich, wenn sie stärkere, auch für andere Menschen wahrnehmbare Ätherwellen hervorrufen sollen. Wenn also die Okkultisten annehmen, daß fortwährend zahllose derartige Erregungen auf den Menschen eindringen und daß er dadurch ständig psychisch

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* Vergleichbar mit Genies in Wissenschaft, Kunst, Musik.

** Welch naive Ansichten gelegentlich noch bezüglich der Telepathie herrschen, ergibt sich daraus, daß von einem anerkannten wissenschaftlichen Schriftsteller auf diesem Gebiete behauptet wird, die Übung wirke nachteilig auf das Gelingen der Experimente!


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ohne sein Wissen von außen her beeinflußt werde, so sind sie darin im Irrtum. Übrigens findet ohnehin eine ständige Beeinflussung des Menschen durch die Außenwelt auf den gewöhnlichen Wegen statt, so daß ein noch hinzukommender telepathischer Einfluß die Sachlage nicht wesentlich ändern würde.

Da, wie vorher angegeben, beim gewöhnlichen Denken keine intensiveren Gehirn- und Ätherschwingungen entstehen, welche sich auf größere Entfernung fortpflanzen, braucht man auch nicht zu befürchten, daß man von einer andern Person in seinen Gedanken telepathisch belauscht werden könne.

Aus den vorhergehenden Auseinandersetzungen wird ferner begreiflich, warum zufällige telepathische Übertragungen, wie sie z.B. in den weiter unten zu besprechenden "Anmeldungen" Sterbender vorliegen, verhältnismäßig selten sind. Daß sie aber außerdem meistens nur zwischen Personen stattfinden, die, mystisch ausgedrückt, in einem gewissen "sympathischen" Verhältnis, d.h. in einer näheren verwandtschaftlichen oder freundschaftlichen Beziehung zu einander stehen, beruht hauptsächlich auf folgenden Gründen: Der Geber weiß in einem solchen Falle wenigstens ungefähr die Richtung, nach welcher er seine Vorstellungen senden oder nach welcher er magisch rufen muß, denn er weiß, wo seine Angehörigen, seine Freunde wohnen. Umgekehrt kennen letztere, d.h. die Empfänger, seine Stimme. Sie werden von ihr sofort tiefer und stärker ergriffen als durch irgend eine andere, ähnlich wie auf der Straße die wohlbekannte Stimme eines Freundes, die ein anderer nicht beachtet, sofort herausgehört wird. Soweit ich aus meinen eigenen, allerdings bisher vollständig unzureichenden (s. die Überschrift zu diesem VI. Kapitel) telepathischen Versuchen ersah, wandte ich beim Bestreben, mich aus der Ferne etwa mit meiner zu Hause befindlichen Mutter in telepathische Verbindung zu setzen, unwillkürlich meine Gedanken nach der Richtung, in welcher sich meine Wohnung befand. Auch beim gewöhnlichen gespannten Lauschen wendet man ebenfalls die Aufmerksamkeit nach der Seite, von welcher her der Ton kommt oder kommen soll. - Und selbst wenn der Mensch das alles nicht bewußt ausführt, kann es in besonderen Ausnahmsfällen ohne sein Wissen und ohne daß er es beachtet, von seiten einzelner nach Abschnitt V vorübergehend in dieser Beziehung emanzipierter Zentren seines Unterbewußtseins geschehen. Sie können telepathische Nachrichten aussenden, anderseits aber auch solche aufnehmen, die, wenn sie wichtiger und tiefer greifend sind, häufig zum bewußten Ich vordringen, eventuell aber auch lange


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Zeit oder dauernd im Unterbewußtsein begraben liegen. Durch diese Annahme erklären sich in völlig natürlicher Weise verschiedene geheimnisvolle, sonst nur mit Hilfe von Geistern zu deutende Fälle, wie z.B. der weiter unten S. 197 vom spiritistischen Medium Mrs. Thompson angeführte.

Nebenbei möchte ich hier noch bemerken, daß im Jahre 1911 in München (wie auch in zahlreichen andern Städten) bald nacheinander drei telepathische Wundermänner auftraten. Über die Deutung der Leistungen der beiden ersten entwickelte sich in den "Münchener Neuesten Nachrichten" zwischen einer Anzahl theoretisch-wissenschaftlicher Fachmänner eine längere Zeitungspolemik. Ich selber hatte Gelegenheit, je einer öffentlichen Sitzung aller dieser Gedankenleser beizuwohnen. Da derartige Vorführungen in neuerer Zeit Mode zu werden scheinen und das Publikum sehr lebhaftes Interesse für dieselben bekundet, so möge es mir gestattet sein in Kürze meine eigene Ansicht, soweit ich mir dieselbe auf Grund der drei erwähnten Vorstellungen bilden konnte, anzudeuten: Bei allen drei Künstlern kann es sich im allgemeinen unmöglich um eine eigentliche Telepathie handeln aus dem einfachen Grunde, weil ihr ganzes Benehmen dagegen spricht. Ein echter Gedankenleser wird nicht mit dem Agenten- im Saale herumrennen, sondern sich ruhig neben, eventuell bei größerer Kunstfertigkeit in einige Entfernung von ihm stellen oder setzen und gespannt acht geben, um die von dem Agenten ausgehenden telepathischen Schwingungen in sein Gehirn aufzunehmen und zu deuten, ähnlich wie man auch einen mit der gewöhnlichen Stimme gegebenen Befehl oder Auftrag zuerst im Zusammenhang anhört und dann denselben allein, ohne den Auftraggeber ständig an der Hand herumzuzerren, vollzieht. Außerdem ist nach dem Vorhergehenden zu beachten, daß die aus dem Publikum zu Agenten gewählten Personen in der Regel überhaupt nicht, weil dazu in keiner Weise vorgeübt, imstande sind stärkere telepathische Schwingungen zu erzeugen. Es kann sich also bei derartigen Vorführungen nur um das weiter vorne besprochene Muskellesen handeln. Wie unglaublich leicht sich das große Publikum von solchen "Gedankenlesern" täuschen läßt, konnte ich wiederholt beobachten. Nur ein Beispiel: Eine junge Dame sollte einem der Künstler die Zahl 191 "telepathisch" übertragen. Zur Ermittlung jeder einzelnen Ziffer sagte derselbe jedesmal die Ziffern 0, 1, 2 bis 9 der Reihe nach langsam herunter. Nach verschiedenen Fehlversuchen und nachdem der Dame wiederholt der Vorwurf gemacht worden war, sie könne ihre Gedanken nicht genügend konzentrieren, waren die beiden


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ersten Ziffern 1 und 9 festgestellt. Um noch die dritte herauszupressen, begann er das Spiel von neuem. Die offenbar immer nervöser gewordene Dame nickte nun beim Nennen der Ziffer 1 ganz deutlich mit dem Kopfe und am Schlusse nannte der Künstler, natürlich diesmal mit großer Sicherheit, die Ziffer 1 und darauf somit die Gesamtzahl 191 als die richtige. Das Publikum, das diese plumpe Art der Gedankenübertragung offenbar nicht gemerkt hatte, klatschte alsdann in heller Begeisterung über solch "phänomenale" Leistungen auf das lebhafteste Beifall!

Immerhin will ich die Möglichkeit nicht bestreiten, daß manche Personen, die sich berufsmäßig mit dem Muskellesen beschäftigen, infolge der ständigen gespannten Aufmerksamkeit auf die vom Agenten ausgehenden Zeichen bei entsprechender Veranlagung mehr oder weniger auch für die eigentliche Telepathie empfänglich werden können, während anderseits bei einem aus dem Publikum ausgewählten Agenten die ganze Stimmung, die bei den Versuchen herrscht oder der Einfluß eines besonders energisch operierenden Künstlers gelegentlich eine stärkere telepathische Erregung der beim Denken beteiligten Gehirnzentren hervorrufen mag, so daß sich mit dem Muskellesen ausnahmsweise auch echte telepathische Phänomene kombinieren können.

Die telepathischen Wahrnehmungen sind sehr leicht mit Halluzinationen und Sinnestäuschungen, die von einzelnen Zentren des Unterbewußtseins der eigenen Persönlichkeit ausgehen, zu verwechseln. Ein bekannter Gelehrter führt von sich selber folgendes als Beweis dafür an, daß es keine Telepathie gibt: "Zur Zeit, als ich, ein junger Mann, allein in einer fremden Stadt lebte, habe ich oft genug meinen Namen plötzlich von einer unverkennbaren, teueren Stimme rufen hören und mir dann den Zeitmoment der Halluzination notiert, um mich besorgt bei den Daheimgebliebenen zu erkundigen, was um jene Zeit vorgefallen. Es war nichts. Zum Ersatz dafür habe ich später ungerührt und ahnungslos mit meinen Kranken gearbeitet, während mein Kind einer Verblutung zu erliegen drohte." Meine Erklärung ist aber die, daß der betreffende Gelehrte zwar ein lebhaft tätiges Unterbewußtsein hatte, dagegen keine Anlage für Telepathie. Es hieße darum den Weizen mit der Spreu wegwerfen, wenn man alle telepathischen Phänomene bestreiten wollte, weil Irrtümer möglich sind, oder weil die Phänomene nicht eintreten, wenn es gerade wünschenswert wäre.

Bezüglich der Deutlichkeit der Wahrnehmung finden sich beim Empfänger ganz außerordentliche Unterschiede. Manchmal tritt nur ein unbestimmtes Ahnen ein, manchmal handelt es sich jedoch


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um ein ganz klares, dem wirklichen Sehen und Hören fast gleichwertiges, vollkommen "realistisches" Schauen entfernter Ereignisse, so daß der Empfänger nicht bloß optische und akustische Vorstellungen erhält, sondern daß er das übertragene Bild real vor sich sieht oder den Agenten wirklich sprechen hört, daß er also optische und akustische Halluzinationen erhält. Bei solchen Eindrücken ist der Vorgang so aufzufassen, daß beim Perzipienten von den die telepathischen Schwingungen aufnehmenden höheren optischen oder akustischen Zentren der Hirnrinde die Erregung, ähnlich wie ich es im IV. Abschnitt S. 41 auseinandersetzte, bis zur Netzhaut bzw. dem Trommelfell heruntergeht und dann umgekehrt sich wieder nach rückwärts bis zum Bewußtsein fortpflanzt. In allen Fällen aber handelt es sich auch hier wieder um durchaus natürlich zu erklärende Vorgänge. Von einem "übersinnlichen" Gedankenübertragen, d.h. von einem Gedankenübertragen unter Ausschluß der Sinnesorgane, kann gar keine Rede sein*. Und eine Behauptung, wie sie ein hervorragender Okkultist aufstellt: "Ein Geist kann auf einen andern ohne Vermittlung der Sinne einwirken" ist nicht zutreffend, im Gegenteil gerade im letzteren Falle der realistischen Gedankenübertragung werden die Sinne, und zwar selbst die peripheren, besonders scharf in Anspruch genommen und erregt. Ich will hier ein typisches Beispiel für eine solche realistische Gedankenübertragung einfügen, während ich weiter rückwärts S. 201 ff. ein paar andere bringe.

Im Zentralblatt für Okkultismus** schreibt Wilh. Wrchovszky u.a. folgendes über seine telepathischen Experimente mit einem Freunde: "Erster Versuch. Versuchsanordnung: Zeit des Experimentes ist von 8 Uhr bis 8.10 Uhr abends; Entfernung 2 km. Agent: A. (das ist sein Freund), Perzipient: W. W. (d. i. Wilh. Wrchovszky). - Schon um ½8 Uhr ziehe ich mich in ein von den übrigen Räumen der Wohnung isoliertes ruhiges Zimmer zurück, um mich für die einlangende Nachricht vorzubereiten. Durch ein paar Atemübungen leitete ich die Konzentration ein. Hierauf - es ist bereits einige Minuten vor acht schwindet für den Bruchteil einer Sekunde das Bewußtsein der äußeren Persönlichkeit und ich habe den Eindruck, als wäre ich ins Zimmer des A. versetzt: Ich "sehe", aber wie von einem erhöhten

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* Unter "übersinnlicher" Gedankenübertragung verstehen die Okkultisten allerdings für gewöhnlich nur eine Gedankenübertragung unter Ausschluß der äußeren Sinnesorgane. Der Ausdruck ist aber jedenfalls für einen Fernerstehenden leicht mißverständlich.

* 1909, S. 28. Verlag von Max Altmann, Leipzig.


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Standpunkt aus, wie A. über einem Buche beim Tische sitzend nach der Uhr sieht (ich selbst kann 3 Minuten auf Acht konstatieren), dann, aufsteht, zum Fauteuil an der Wand geht und, sich hier niedersetzend, ein eingerahmtes Bildchen in die Hand nimmt und in Gedanken bemüht ist, mich davon wissen zu lassen, kurz mir den Eindruck des Bildes auf mentalem Wege zu übermitteln. So bildhaft werde ich von allen Einzelheiten beeindruckt. Der ganze Prozeß ist in ein, zwei Augenblicken vorüber, und ohne daß das Bewußtsein wieder unterbrochen wird (ich muß dieses betonen, da es scheinen möchte, es wäre ein "Traum" gewesen), behalte ich alle Details im Gedächtnis. Jetzt war ich sicher, ein Erlebnis gehabt zu haben, wie es nur unter besonderen Umständen eintritt. Ich notierte alles genau, und die am nächsten Tage vorgenommene Kontrolle bestätigte alles im einzelnen: A. war in ein Buch so vertieft gewesen, daß er fast die vereinbarte Zeit vergessen hätte. Doch "erinnerte" er sich noch rechtzeitig und sah, daß nur drei Minuten auf Acht fehlten. Da fällt ihm das besagte Bild in die Augen und er beschließt, diesmal dieses Bild zu übertragen. Mit welchem Erfolge wurde eben dargetan."

Ich habe bei Herrn Wrchovszky, Wien, Orientalisches Institut der Universität, welcher sich gelegentlich des Erscheinens meiner ersten Abhandlung über Magie (in Ostwalds Annalen) mit mir in Verbindung gesetzt hatte, Anfrage bezüglich dieses Ereignisses gestellt und es wurde mir von ihm schriftlich und später auch mündlich nochmals versichert, daß er es mit allen Einzelheiten selbst erlebt habe. Herr Wrchovszky teilte mir schließlich noch mit, daß die diesbezüglichen Experimente aufgegeben wurden, weil sie insofern unangenehme Folgen hatten, als allmählich immer häufiger die eine Person von dem jeweiligen Handeln und Treiben der andern unfreiwillig Kenntnis erhielt (Nach meiner Ansicht lag die Ursache darin, daß die beiden Versuchspersonen später keine strenge Zeit mehr für ihre Experimente einhielten.) Da ich bei mehrstündiger mündlicher Besprechung Herrn Wrchovszky als einen ebenso gebildeten wie von tieferem wissenschaftlichen Interesse durchdrungenen Mann kennen lernte, kann für mich bezüglich der Richtigkeit seiner Angaben kein Zweifel bestehen.

Eine derartige halluzinatorische Gedankenübertragung kann man bereits als "Hellsehen" (in Bezug auf den Raum) bezeichnen. Die Möglichkeit eines solchen Hellsehens wurde schon seit alter Zeit behauptet. Der Philosoph van Helmont (1577-1644) sagt z.B.: "Es existiert eine ekstatische Kraft, die durch ein glühendes Verlangen oder eine sehr lebhafte Vorstellung geweckt oder angeregt, den


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Geist zu einem nicht anwesenden, weit entfernten Gegenstande hin zu versetzen imstande ist."

Eine weitere Art der halluzinatorischen Gedankenübertragung würde endlich darin bestehen, daß der Perzipient ein reelles und sichtbares, eventuell auch photographierbares Bild der telepathisch gewonnenen Eindrücke nach außen entwirft. Hierher gehören z.B. die angeblich in manchen spiritistischen Sitzungen auftretenden Phantome von Geistern solcher Verstorbener, welche nur einem oder einigen Sitzungsteilnehmern, aber nicht dem Medium selbst bekannt sind. Es müßte hierbei eine Übertragung vom Ober- oder auch Unterbewußtsein der Sitzungsteilnehmer auf dasjenige des Mediums angenommen werden, welches dann selber noch aktiv mitwirkend die Gestalten als reelle Bilder nach außen projiziert. Die Spiritisten halten eine solche Geistererscheinung für ihre Sache besonders beweiskräftig. Aber offenbar mit Unrecht.

 

3. Gedankenphotographie.

Auf diesem Gebiete sind namentlich Dr. med. Baraduc in Paris († 1911) und Major Darget in Tours bekannt.

Das Verfahren ist nach letzterem folgendes: "Man betrachte einen Gegenstand von einfacher Gestalt, etwa eine Weinflasche, einen Spazierstock oder dergleichen eine Zeit lang aufmerksam und konzentriere darauf möglichst gut seine Gedanken, gehe dann in die photographische Dunkelkammer und halte sich eine Viertelstunde eine photographische Platte vor die Stirne mit dem energischen Wunsche, daß es gelingen möge, auf der Platte das Bild des Gegenstandes hervorzurufen."

Der früher (S. 58) erwähnte Chemiker A. H. schrieb mir darüber "Die Resultate des Majors Darget habe ich auf der Brüsseler Ausstellung mehrfach gesehen, ja studiert. Ich halte sie für Selbsttäuschung und lehne sie absolut als das ab, was sie sein sollen. Es sind Fehler in den Platten, Fehler in der Fixage, Fehler im Entwickeln. Nach Ansicht aller Photographiebeflissenen in Bruxelles darf ich mich zu den Kennern der Grundelemente der Photographie rechnen - ich habe auch manches über sie veröffentlicht. - Die Herstellung dieser Photos ist geradezu kindisch - und ernster Diskussion wohl nicht ausgesetzt."

Meinerseits möchte ich folgendes Verfahren vorschlagen: Man transformiere nach S. 46 die Erregungen, die bei einer besonders lebhaften


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optischen Vorstellung in den obern Zentren des Gehirns stattfinden, vermittelst der niedrigeren Zentren und schließlich der Netzhaut in die längst bekannten und näher studierten gewöhnlichen Lichtschwingungen und erzeuge, ähnlich wie die Konvexlinse der Camera obscura des Photographen, vermittelst der brechenden Medien des Auges ein gewöhnliches reelles Bild. An die Stelle, an welcher sich dasselbe befindet, bringe man eine photographische Platte. Mit andern Worten: Man projiziere die Halluzination auf eine photographische Platte, verfahre daher geradeso wie der Photograph, welcher ebenfalls an die Stelle, an welcher die Konvexlinse seiner Camera das reelle Bild projiziert, seine photographische Platte bringt.

Natürlich wird man zur halluzinatorischen Wiedergabe entsprechend kleine Gegenstände wählen, die zugleich von einer Farbe sind, welche besonders stark auf die photographische Platte einwirkt.

Bei diesem Verfahren versteht sich die Photographierbarkeit der "Gedanken" (in Wirklichkeit handelt es sich hier aber nur um reelle optische Halluzinationen, um reelle optische Reproduktion von Objekten der Außenwelt) ohne weiteres von selber. Man arbeite dabei außerdem mit der gewöhnlichen längst erforschten Optik und den gewöhnlichen photographischen Methoden. Eine Magie der periperen 0rgane, wie ich sie im IV- Kapitel beschrieb, und eine darauf gebaute "Photographie der Gedanken" schließt sich also enge an die bereits bestehenden Wissenschaften und an das Studium der Außenwelt an, denn gerade die peripheren Organe empfangen beim normalen Menschen ausschließlich und unmittelbar die von der Außenwelt kommenden Einflüsse und Erregungen, stehen also in nächster Beziehung zu derselben.

Ich halte es nicht für unmöglich, daß auch besonders lebhafte optische Halluzinationen Geisteskranker photographierbar sind. Wie die nähere Überlegung zeigt, müßte hier das Verfahren häufig eigens ausgearbeitet und modifiziert werden.

Mehr aber wird es sich empfehlen, das optische Bild direkt auf der Netzhaut, sei es eines geisteskranken Halluzinanten oder eines geübten halluzinierenden Magiers, zu erkennen und nachzuweisen. Der bereits wiederholt zitierte Chemiker A. H. teilte mir mit, daß er solche Versuche nach Besprechung mit dem Direktor der Université nouvelle de Bruxelles schon vor Jahren ausgeführt habe, aber (im Gegensatz zu seinen ausgezeichneten Resultaten auf motorischem Gebiete S. 58 ([sic] ohne jeden Erfolg. "Mit Hilfe eines Voigtländer'schen Teleobjektives und Einschaltung einer Wasserkammer ans Auge erhielt ich


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nichts. Später habe ich mit Hilfe eines astronomischen Fernrohres (3½ Zöller) das Auge der Versuchspersonen im Dunkeln lange (1½ bis 2 Stunden) observiert, aber keine Spur eines Bildes erhalten. Um sicher zu sein, daß ich meine Versuchsperson fest im Fernrohr hatte, brachte ich über demselben eine leuchtende, Wasserstoff enthaltende Geißler'sche Röhre an - deren Widerschein im Auge ich durchs Fernrohr sehen konnte. (Die Geißler'sche Röhre ließ sich nach Belieben einschalten und auslöschen.) Wäre also die geringste leuchtende Bildwirkung bzw. Bilderzeugung auf der Netzhaut sichtbar gewesen, so hätte ich sie sehen müssen! Da mein Fernrohr umkehrt - auch das Bild auf der Netzhaut umgekehrt sich hätte zeigen müssen - so hätte ich also alles aufrecht sehen müssen."

Der Grund für das Mißlingen dieser Versuche lag nach meiner Überzeugung jedenfalls darin, daß die Halluzinationen der Versuchspersonen nur subjektiv und darum noch nicht genügend lebhaft waren, denn eine merkliche Erregung der Netzhaut, also der äußersten Peripherie des optischen Apparates und damit eine Sichtbarkeit des darauf befindlichen Bildes darf man erst erwarten, wenn die Halluzinationen bereits die Grenze zwischen subjektiv und objektiv überschritten haben. Das ist aber jedenfalls im allgemeinen noch nicht der Fall, wenn man sie nur im Dunkeln oder bei geschlossenen Augen sieht. Ist darum eine Person nicht ganz abnorm gut veranlagt, so kann nur planmäßige Übung nach IV. A. unter gleichzeitiger Kontrolle nach einer der eben erwähnten Methoden zum Ziele führen. Wie lange dauert es in Kunst, Musik oder Wissenschaft, bis man bessere Leistungen zu vollbringen vermag! Warum sollte es in der Magie anders sein und gerade hier alles möglichst rasch und gleich beim ersten Anlauf gelingen? Als ich einmal mit zwei mir bekannten Herren (Ärzten) über dieses Thema gesprochen hatte, verdunkelten sie sofort das Zimmer um gegenseitig ihre etwaigen Halluzinationen auf der Netzhaut zu beobachten. Natürlich ohne Erfolg. Da sie nun aber von einer andauernden Übung, wie ich sie ihnen vorschlug, nichts wissen wollten, blieb mir schließlich nichts anderes übrig, als ihnen, wenn auch in verblümter Form anzudeuten: "Wenn die Sache so einfach wäre, hätte schon längst ein anderer diese Entdeckung gemacht und die Wissenschaft bräuchte nicht auf sie zu warten."

Welch unglaubliche Naivität und welches Bestreben, immer wieder Aberglaube und Mystik hineinzutragen, außerdem noch auf dem Gebiete der Gedankenphotographie und der Magie überhaupt herrscht, wird durch das folgende von einem Okkultisten angegebene


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Verfahren* illustriert: "Man legt die sensibilisierte photographische Platte in den (sehr langsam wirkenden) Entwickler, faltet die Hände und hält die Finger zirka einen Zentimeter über die Entwicklerflüssigkeit, ohne dieselben einzutauchen. Hierbei denkt man beständig an das Bild eines Gegenstandes. Der Vorgang dauert ungefähr eine Viertelstunde. Schließt man jetzt die Augen, so erscheint das Bild sofort, anfangs etwas verschwommen, aber doch so deutlich im Gesichtskreis, daß man es beschreiben kann. Mit einiger Willensanstrengung kann dasselbe mit offenen Augen auf irgend einem Hintergrunde gesehen werden .... Dasselbe wird nun durch die Fingerspitzen auf die empfindliche Platte geworfen und dort festgehalten." Statt das wahrscheinlich bereits reell gewordene und schon photographierbare Bild unmittelbar auf die Platte zu projizieren, soll es durch die Fingerspitzen auf dieselbe geworfen werden! Fürwahr, eine sonderbare Art Bilder zu photographien! Das heißt doch über eine wissenschaftliche Entdeckung hinüberstolpern!

 

4. Unfreiwillige bzw. unbewußte Gedankenübertragung, Anmeldung Sterbender, Ahnungen usw.**.

Wie ich auf S. 189 auseinandersetzte, stehen die Versuche der Gedankenübertragung vorläufig noch wissenschaftlich zu isoliert da. Außerdem scheinen sie mir vielfach unrichtig angestellt zu sein. Trotzdem sind sie von größter Wichtigkeit für eine rein naturwissenschaftliche Erklärung einer Reihe von Phänomenen, die schon seit uralten Zeiten das Interesse der Menschen erweckten und wegen der Unmöglichkeit einer wissenschaftlichen Deutung in der Regel in mystischem und abergläubischem Sinne ausgelegt wurden.

Ähnlich wie sich in Ausnahmsfällen manche Personen ohne weiteres und ohne daß sie sich besonders übten als spiritistische Medien eignen (Missionsmedien S. 101), können einzelne Personen dauernd oder vorübergehend (S. 184) zu spontanen Medien der Gedankenübertragung werden.

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* Zentralblatt für Okkultismus. Verlag von Max Altmann, Leipzig 1911, IV. Jahrgang, S. 386.

** Im Gegensatz zur bewußten und planmäßig geübten Gedankenübertragung wird der Ausdruck "Telepathie" von manchen Autoren für derartige Fälle von unfreiwilliger oder unbewußter Gedankenübertragung reserviert, also in engerem Sinne gefaßt, als es in diesem Buche geschieht.


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Hier nur einige Beispiele* deren Erklärung sich aus dem S. 178 ff. Mitgeteilten meistens von selber ergibt:

Gelegentlich der Besprechung eines Buches von Flammarion über okkulte Phänomene äußert sich Wilhelm 0stwald**: "Gegenüber dem Inhalte dieses Buches muß der Berichterstatter sich als Laien bekennen, der noch nie Gelegenheit gehabt hat, die Erscheinungen, von denen es handelt, selbst zu beobachten. Vielleicht mit Ausnahme eines Falles, der in folgendem besteht. Er besitzt einen wissenschaftlichen und persönlichen Freund, der einer andern Nation angehört und ein überaus tätiges, an fundamentalen Arbeiten reiches Leben führt. So kommt es, daß beide Freunde unter dem Drange der Tagesarbeit keinen regelmäßigen Briefverkehr führen, wohl aber von Zeit zu Zeit das Bedürfnis empfinden, durch einen Brief die persönliche Kenntnis von einander wieder anzufrischen, da man sonst durch die Pausen nach Goethes Ausdruck Gefahr läuft, sich ins ewige Leben hinüber zu pausieren. Die Briefe, die beiderseits aus solchem Anlasse geschrieben werden, pflegen sich nun zu kreuzen, d.h. die treibende Empfindung taucht regelmäßig gleichzeitig bei beiden auf. Wie lange die Erscheinung schon besteht, haben wir nicht untersucht, sie ist aber uns beiden seit Jahr und Tag aufgefallen und wir kennen sie, ohne daß sie darum aufgehört hat sich zu wiederholen."

Ich war sehr überrascht, als ich kurz darauf las, daß auch der bekannte Psychologe Flournoy in Genf fast bis in die Einzelheiten ähnliches von sich selber mitteilt. In dem Werke "Wunder und Wissenschaft" schreibt Hennig***: "Erwähnt sei jedoch an dieser Stelle, daß einer unserer ersten lebenden Psychologen, der eine gründliche Kenntnis der okkulten und spiritistischen Phänomene mit einer wundervollen Nüchternheit der Beobachtung und einer vortrefflichen Klarheit und Sicherheit des Urteils verbindet, Professor Flournoy in Genf, mir persönlich folgende selbstbeobachtete Tatsache erzählte: Er hat einen Freund, der irgendwo in Südfrankreich lebt und mit dem er von Zeit zu Zeit, durchschnittlich alle zwei bis drei Monate einmal zu korrespondieren pflegt, ohne daß jedoch ein regelmäßigen Turnus im Briefwechsel stattfindet. Er hat nun seit Jahren mit Erstaunen festgestellt, daß diese Briefe von hüben und drüben sich fast regelmäßig kreuzten, als ob

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* Bezüglich verschiedener von mit nicht näher kontrollierbarer, weiter unten arigeführter Beispiele erinnere ich Skeptiker an meine Anmerkung 2 S 7.

** Ann. d. Naturphilosophie, Bd. IX, S. 212.

*** S. 226.


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beide Teile stets zu gleicher Zeit auf den Einfall kämen einander zu schreiben. Die Übereinstimmung war so auffallend, daß Flournoy schließlich experimentell vorging, indem er einigemal außer der Reihe, etwa acht Tage nach Absendung eines Briefes einen zweiten folgen ließ. Diese Versuche mißlangen stets; die Briefe kreuzten sich nur, wenn man keine Experimente mit der Absendung beabsichtigte."

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In seiner Selbstbiographie (Selbstschau I. 227) erzählt der bekannte Schriftsteller H. Zschokke: "Es begegnete mir zuweilen, beim einmaligen Zusammentreffen mit einer unbekannten Person, wenn ich schweigend ihre Reden hörte, daß dann ihr bisheriges Leben mit vielen kleinen Einzelheiten darin, oft nur diese oder jene Szene daraus, traumhaft und doch klar an mir vorüberging, ganz unwillkürlich und im Zeitraum weniger Minuten . . . . Ich hielt solche flüchtige Visionen lange Zeit für Tändeleien der Phantasie. Nur um mutwilligen Scherz zu treiben erzählte ich einmal im traulichen Familienkreise Kirchberg die geheimen Geschichtchen einer Näherin, die sich eben aus dem Zimmer und Hause entfernte. Ich hatte die Person nie vorher gesehen; aber man erstaunte und lachte und ließ sich nicht ausreden, daß ich die Verhältnisse der Besprochenen wisse, denn was ich gesagt, sei vollkommene Wahrheit. Nun erstaunte ich nicht weniger, daß meinen Traumbildern etwas in der Wirklichkeit entspreche. Ich ward aufmerksamer und wenn es die Schicklichkeit erlaubte, erzählte ich denen, deren Leben an mir vorübergegangen war, den Inhalt der Traumseherei, um Widerlegung oder Bestätigung zu erfahren. Jedesmal aber erfolgte Bestätigung . . . . . Auf einem Markttage der Stadt Waldshut kehrte ich hier mit zwei jungen Forstzöglingen (die noch leben), von einer Waldbereisung ermüdet, abends im Gasthof zum Rebstock ein. Wir speisten an der zahlreich besetzten Wirtstafel zu Nacht, wo man sich eben über allerlei Eigentümlichkeiten und Sonderbarkeiten der Schweizer, über Mesmers Magnetismus, Lavaters Physiognomik usw. lustig machte. Einer meiner Begleiter, dessen Nationalstolz die Spötterei beleidigte, bat mich etwas zu erwidern, besonders einem hübschen jungen Manne, der uns gegenüber saß und den ausgelassensten Witz trieb. Gerade das Leben desselben war an mir vorübergeschwebt. Ich wandte mich an ihn mit der Frage, ob er ehrlich antworten werde, wenn ich ihm das Geheimste aus seinem Leben erzählen würde, während er mich so wenig kenne als ich ihn. Das wäre dann


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noch mehr, meinte ich, als Lavaters Physlognomik. Er versprach mir offen zu gestehen, wenn ich die Wahrheit berichten würde. So erzählte ich, was mir mein Traumgesicht gegeben und die ganze Tischgesellschaft erfuhr die Geschichte eines jungen Kaufmannes, seiner Lehrjahre, seiner kleinen Verirrungen, endlich auch eine von ihm begangene kleine Sünde an der Kasse seines Prinzipals. Ich beschrieb ihm dabei das unbewohnte Zimmer mit geweißten Wänden, wo rechts der braunen Tür auf einem Tische der schwarze Geldkasten gestanden usw. Es herrschte Totenstille in der Gesellschaft bei der Erzählung, die ich nur zuweilen mit einer Frage unterbrach, ob ich die Wahrheit rede. Jeden Umstand bestätigte der schwer Betroffene; sogar, was ich nicht erwarten konnte, den letzten. Da reichte ich ihm gerührt von seiner Aufrichtigkeit, freundlich die Hand über den Tisch und endete."

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Eine unfreiwillige, bzw. unbewußte Gedankenübertragung kann auch im Schlafe erfolgen, wenn einzelne Zentren dabei wach bleiben, also im Traumzustande sich befinden:

Die Prager Zeitung Bohemia brachte am 3. Januar 1913 folgende Notiz, deren Richtigkeit ich leider nicht weiter kontrollieren konnte: "Der Traum als Detektiv. Aus Kezdy-Vasarhely wird telegraphiert: Vor einigen Wochen wurde bei dem Photographen Franz Bogdan ein Einbruch verübt, ohne daß es gelungen wäre, des Täters habhaft zu werden. Vorgestern träumte dem Photographen, daß der Bäckerlehrling Peter Ince vor ihm erschien und den Diebstahl eingestand. Bogdan erstattete bei der Polizei die Anzeige und die Polizei nahm den Bäckerlehrling ins Verhör. Ince gestand ein, den Einbruch verübt zu haben."

Die Münchener Neuesten Nachrichten berichteten unterm 30. Oktober 1897*: "Am 1. August 1897 wurden einer in der Sommerfrische Josephsthal wohnenden Partei aus einer Kommode 120 Mark gestohlen. Der Verdacht fiel auf das Dienstmädchen der Vermieter, doch hatte die Untersuchung keinen Erfolg. Nach einigen Tagen träumte ein Leipziger Sommergast, eine Dame, daß das Geld in einem Wollknäuel eingewickelt sei. Man fand in der Tat ein 20 Mark Stück in Papier eingewickelt in einem Wollknäuel, in einem zweiten den

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* Zitiert nach Du Prel. Die Magie als Naturwissenschaft II. Bd. S. 264/65.


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Hundertmarkschein. Das Dienstmädchen wurde vom Landgericht München zu 5 Monaten Gefängnis verurteilt."

Für mich besonders beweiskräftig, weil unmittelbar kontrollierbar, ist der folgende Fall:

Ein Studierender der Theologie am hiesigen Lyzeum, zugleich Konviktor im erzbischöflichen Klerikalseminar, Herr I. Sp., hatte bei Beginn der Weihnachtsferien des Jahres 1912 den Seminardirektor um die Erlaubnis ersucht, wegen Familienangelegenheiten nach Hause fahren zu dürfen. Dieselbe wurde ihm jedoch zunächst verweigert und er schrieb darum seinen Eltern, daß er bestimmt nicht kommen werde. An einem Abende (27. Dezember) erhielt er jedoch diese Erlaubnis nachträglich ganz unerwarteter Weise und begab sich daher, ohne eine weitere Mitteilung nach Hause gelangen zu lassen, am nächsten Morgen in aller Frühe auf die Reise in seine Heimat. In der dazwischen liegenden Nacht (also vom 27. auf 28. Dezember) erfuhr die Köchin E. H., die bei dem Vater eines Freundes des Herrn Sp. in Diensten stand, im Traume den ganzen Sachverhalt und erzählte denselben sogleich am Morgen, noch vor seiner Ankunft, der Schwester seines Freundes. - Nachdem mich Herr Sp. aus eigenem Antriebe von der Sachlage in Kenntnis gesetzt hatte, veranlaßte ich ihn, die Köchin um schriftliche Darstellung des Vorganges zu ersuchen und außerdem auch seinerseits den Tatbestand schriftlich darzulegen. Die briefliche Mitteilung der Köchin lautet: "Die Nacht vor Ihrem Eintreffen träumte mir, Sie seien mit mehreren Herren versammelt. Hierbei erinnerte sich der Herr Direktor, daß Sie um Urlaub nachgesucht hatten. Er entschuldigte sich, er habe betreff vieler Arbeit und Aufregung ganz darauf vergessen. Sie hatten schon beschlossen, nicht mehr nachzusuchen. Herr Direktor gewährte Ihnen vier Tage Urlaub, welchen Sie auch sofort antraten. Im Traume war ich selbst anwesend. Herr Direktor war ein mittelgroßer, schwarzer Herr.

Am Sonntag vor Weihnachten d.h. am 22. Dezember hatte ich durch Ihre Frau Mutter erfahren, daß Sie wohl nachgesucht, aber keinen Urlaub bekommen hatten."

Herr Kandidat Sp. fixierte schriftlich im wesentlichen folgendes: "Ich bestätige, daß mir die Köchin E. H. den Traum so erzählte, wie er in ihrem Briefe wiedergegeben ist. Ausdrücklich bemerke ich noch dazu, daß derselbe gerade in den wichtigsten Punkten mit den Tatsachen übereinstimmt, nämlich in folgenden vier:

1. Ich war mit mehreren Herren an meinem Pulte beisammen, als der Herr Direktor kam.


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2. Der Herr Direktor entschuldigte sich, daß er infolge vieler Arbeit und Aufregung an meine Bitte um Beurlaubung nicht mehr gedacht habe.
3. Er hat mir vier*) Tage Urlaub gegeben.
4. Er ist ein mittelgroßer, schwarzer Herr.

Im übrigen war der Verlauf folgender: Am 28. Dezember ging ich ungefähr um 10 Uhr vormittags zu meinem Freunde, der an einer andern Anstalt studiert und schon mehrere Tage vorher in die Ferien heimgekehrt war. Als ich das Haus betrat, kam mir seine Schwester entgegen und zeigte sich im ersten Moment höchst erstaunt über mein Erscheinen, da ich ja heimgeschrieben hatte, daß ich unter keinen Umständen kommen werde. Sogleich aber faßte sie sich wieder bei dem Gedanken an den Traum der Köchin, den sie bereits kannte, auf welchen sie aber zunächst kein Gewicht gelegt hatte. Sie berichtete mir nunmehr darüber. Mein Erstaunen dabei wurde immer größer. Jetzt befragte ich die Köchin selbst und ließ sie zuerst erzählen, was ihr geträumt, ohne ihr vorher Näheres mitzuteilen. Dann erst stellte ich ausdrücklich die volle Übereinstimmung mit den Tatsachen fest."

Es trifft hier eine Reihe von Momenten zusammen, die offenbar eine reine Zufälligkeit vollkommen ausschließen und nur Telepathie als Erklärungsmöglichkeit zulassen. Bemerken möchte ich noch, daß die Entfernung beider Orte in der Luftlinie zirka 60 Kilometer beträgt, ferner daß der betreffende Kandidat der Theologie mir als ein sehr bescheidener und strebsamer, in jeder Beziehung einwandfreier junger Mann persönlich bekannt war. Leider ist er inzwischen im Jahre 1917 im Kriege gefallen.

Mancher Spiritist stützt sein Vertrauen zum Spiritismus auf die Tatsache, daß die auftretenden "Geister" ihm vielfach Geheimnisse verrieten, die von den Anwesenden niemand kannte als er allein, ja schon mancher Zweifler wurde dadurch direkt zum Spiritismus bekehrt. So erzählt z.B. der holländische Arzt Dr. van Eeden folgendes Erlebnis mit dem Medium Mrs. Thompson: "Ich brachte ein Kleidungsstück mit zu ihr nach London, das einem jungen Holländer gehört hatte, der Selbstmord begangen. Niemand auf der Welt wußte, daß ich es aufbewahrt und mit nach England genommen hatte und dennoch erhielt ich durch den Mund von Mrs. Thompson eine genaue Beschreibung des jungen Mannes, ebenso die Art seines Selbstmordes. Endlich

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* Dabei ist der Tag der Hin- und Rückfahrt (28. Dezember und 2. Januar) nicht mitgerechnet, da die Vorlesungen am 3. Januar wieder begannen.


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wurde auch sein Taufname angegeben." Dr. van Eeden bemerkt dazu ungefähr folgendes: "Seit meiner Sitzung mit Mrs. Thompson sind bereits acht Monate verstrichen, der erste unmittelbare Eindruck ist zwar verschwunden, aber trotzdem kann ich mich auch jetzt noch nicht der Überzeugung verschließen, daß ich in der Tat - wenn auch nur für wenige Minuten - Zeuge der freiwilligen Kundgebung eines Verstorbenen gewesen bin."

Offenbar liegt aber hier wieder nur eine unfreiwillige Gedankenübertragung vom Arzt auf das Medium vor (s. S. 184).

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Es ist gleichgültig, ob der als "Geist" auftretende Mensch schon vor Jahren oder gar Jahrzehnten gestorben ist. Im Gedächtnis und Unterbewußtsein der anwesenden Persönlichkeiten oder auch nur einer derselben kann seine Erinnerung bis ins kleinste Detail aufbewahrt geblieben sein, um mit einem Male in einer spiritistischen Sitzung zu erwachen und zur Bildung eines entsprechenden Phantoms Veranlassung zu geben oder sonstwie sich zu äußern. Analog ist auch die S. 94 erwähnte Zeichnung von Anderson zu deuten. Die Erinnerung an die bereits in den dreißiger Jahren verstorbenen Dame lebte im Unterbewußtsein Owens weiter. Im Jahre 1856 erfolgte nach Art meiner im dritten Abschnitt besprochenen Personifikationen eine Personifizierung als die Verstorbene selbst und als Owens Schutzgeist. Im Jahre 1867 endlich konnte Anderson infolge unbewußter Gedankenübertragung von seiten Owens nicht bloß ihr Bild sondern auch ihre Lieblingsblume zeichnen, ohne daß Owen vorher die geringste Anspielung auf diese Dame gemacht hatte.

Daß Zentren des Unterbewußtseins tatsächlich manchmal hartnäckig die Rolle von Verstorbenen spielen, kann ich in neuerer Zeit sehr häufig an mir selber beobachten. Vor einer Anzahl von Jahren starb ein mir bekannter Herr Dr. von D. Hatte ich schon zu seinen Lebzeiten gelegentlich innerlich seine Stimme vernommen und zwar vielfach in Dingen, um die er sich selber ganz gewiß nicht gekümmert hätte, so steigerte sich das nach seinem Tode noch weiter. Es bildete sich wieder eine förmliche Personifikation, die manchmal auch optisch als Halluzination auftauchte. Bei der zunehmenden Intelligenz zahlreicher Zentren meines Unterbewußtseins konnte ich meinen inneren Dr. von D. bald belehren, daß der betreffende Herr bereits gestorben sei und er mit demselben nichts gemein habe. Das half zunächst. Jedoch keineswegs auf die Dauer. Die Personifikation meldet sich in kürzeren


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oder längeren Zwischenräumen immer wieder. Wenn ich ihr darüber Vorwürfe mache, erfolgt gelegentlich eine Entschuldigung und deutliches Erröten aus Scham und das Versprechen der Besserung, manchmal aber auch die Erklärung, daß es ihr nicht gut möglich sei mit anderer Stimme zu sprechen, die ihrige sei jedenfalls mit der des Dr. von D. verwandt, ebenso nach verschiedenen Richtungen ihre sonstigen Charaktereigenschaften. Auch könne sie sich infolge der langen Gewohnheit nicht so rasch ändern. Sie hätte schon früher in meinem Innern diese Rolle gespielt, ohne daß ich es merkte, weil ihre Gedanken damals noch nicht laut wurden.

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Für nichts beweisend halte ich auch einen Fall, der in den Proc. of Soc. f. psych. Research. Bd. XI. S. 82 angeführt ist: Jm August 1874 weilte das Medium Reverend Stainton Moses in Shanklin auf der Insel Wigth bei seinen Freunden Dr. Speer und Gattin. Sie saßen an einem Abend um einen Spieltisch herum, als derselbe in sehr heftiger Weise zu kippen begann. Es kam nun durch Buchstabieren nach spiritistischer Art eine Mitteilung zustande, daß der sich meldende Geist Abraham Florentine heiße und erst am 5. August kurz vorher in Brooklyn gestorben sei. Er habe den Krieg vom Jahre 1812 mitgemacht. Dann folgten noch die Worte: 83 Jahre, 1 Monat und 27 Tage. Man wandte sich nun an die New - Yorker Militärbehörde um Auskunft. Diese antwortete, daß tatsächlich ein Abraham Florentine in einem New-Yorker Regimente gedient und auch den Feldzug von 1812 mitgemacht hatte. Weitere Nachforschungen in Brooklyn führten zu seiner Witwe, die dortselbst lebte. Sie bestätigte den Namen und Todestag sowie sein Lebensalter, wie von dem sich meldenden Geiste durch den Spieltisch angegeben worden war."

Zur Erklärung diene folgendes: Wie bereits öfters erwähnt, gehen die Neigungen der verschiedenen Gehirnzentren auseinander. Auch aus dem Potpourri, welches eine Zeitung bietet, möchte von den Intelligenteren und Einflußreicheren ein jedes das erfahren, was es speziell interessiert. Eine jeweils besonders mächtige Personifikation sucht mir manchmal mit einer gewissen Aufdringlichkeit den Kopf oder wenigstens die Augen dahin zu drehen, wohin sie gerade gerne sehen möchte. Es findet darum auch in weniger ausgeprägten Fällen ein gewisses Oszillieren statt. Außerdem "vergißt sich" das bewußte Ich, namentlich bei stärker magisch veranlagten Persönlichkeiten, oft für kürzere oder längere Zeit, ohne daß es störend empfunden wird. In


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einem solchen Momente nahmen nun nach meiner Ansicht einzelne Zentren des Unterbewußtseins während des Zeitungslesens die Nachricht vom Tode des Abraham Florentine, von seiner militärischen Laufbahn und seinem Alter auf, merkten sich die Daten, um sie dann, sich selbst für den Verstorbenen haltend (vergleiche z.B. S. 33 und 167 ff.), nachträglich durch den Spieltisch zu reproduzieren. Eine Todesnachricht mit der schwarzen Umrahmung und dem teilweise größeren Drucke ist besonders auffällig und in die Augen stechend. Verschiedene minderwertige Personifikationen gehen bei mir auf derartige Dinge mit Vorliebe aus.

Wenn man daran zweifeln will, daß einzelne Partien des Unterbewußtseins gelegentlich bei einem Menschen selbständig lesen können, so bitte ich zum Vergleiche zu beachten, daß sie nicht selten auch imstande sind zu schreiben. Es gibt nämlich spiritistische Medien, welche im wachen Zustande sinngemäße (natürlich vom Unterbewußtscin stammende) "Geistermitteilungen" "automatisch" niederschreiben, ohne dabei von deren Inhalt etwas zu wissen. Ferner möchte ich daran erinnern, daß Hypnotisierte oder auch Somnambule zweckmäßige Handlungen (des Unterbewußtseins) verrichten, von welchen ihr bewußtes Ich keine Kenntnis hat, weil es schläft.

Ein hierher gehöriger Fall von Selbständigkeit des Unterbewußtseins im wachen Zustande aus meinen eigenen Erlebnissen: Vor einigen Jahren ging ich, wie schon oft, am unteren Ende Freisings langsam eine Anhöhe hinan, welche einen Ausblick auf den Lauf eines kleinen Flusses, die "Moosach" bietet. Da stieg in mir mit einem Male besonders lebhaft der Gedanke auf: "Schade daß da unten keine Brücke über die Moosach führt, sonst könntest du jetzt eine kleine Rundtour machen und bräuchtest nicht mehr auf dem gleichen Wege zurückzukehren." Ein solcher Gedanke hatte mich vorher niemals beschäftigt und besaß auch bei näherer Überlegung eigentlich wenig Sinn, weil eine kurze Strecke oberhalb tatsächlich eine Brücke vorhanden ist. Nach Ersteigung der Anhöhe - vielleicht eine Minute später - blieb ich stehen und ließ meinen Blick in die Ferne schweifen. Da sah ich, so ganz nach Wunsch zu meiner großen Überraschung eine Brücke! Um dieselbe war eine Anzahl vermeintlicherArbeiter emsig beschäftigt. Mit Rücksicht auf letzteren Umstand kehrte ich wieder um ohne sie zu benützen. Später erfuhr ich, daß dieselbe vorübergehend zu Übungszwecken von auswärtigen Pionieren geschlagen worden war. - Offenbar hatten einzelne Zentren meines Unterbewußtseins ohne mein Wissen bereits vorher die Brücke entdeckt und mich in Verbindung


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mit der Tatsache, daß bisher keine solche vorhanden gewesen war, zu obigem Gedankengang veranlaßt. (Über Beeinflussung der Gedanken durch das Unterbewußtsein siehe z.B. S. 73.)

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Eine mir als durchaus glaubwürdig bekannte Frau in der Nähe Freisings teilte mir mit, daß vor Jahren ihre Nichte ganz entsetzt vom Heuboden, auf welchem sie mit Herabwerfen von Heu beschäftigt gewesen war, herunter kam und ausrief: "Gerade ist der Vetter gestorben, ich weiß es ganz gewiß, ich habe ihn sterben sehen, er hat sich bei mir angemeldet." Man wollte ihr keinen Glauben schenken, da derselbe ganz gesund in dem zirka zehn Kilometer entfernten Freising sich befinden mußte. Sie ließ sich aber ihre Überzeugung nicht nehmen. Später traf die Nachricht ein, daß er tatsächlich zur gleichen Zeit an einem Herzschlage plötzlich gestorben war.

Sogenannte "Anmeldung" eines Sterbenden. Ein einfaches, leicht zu erklärendes, telepathisches Phänomen der Gedanken- und Vorstellungsübertragung vom Sterbenden auf eine "sympathische" Person (S. 183 ff.).

In der Sitzung der psychologischen Gesellschaft in München vom 30. Mai 1899 teilte der Landgerichtsrat a. D. Georg Friedrich folgendes mit:

"Schon meine Eltern hatten eine Dienstmagd aus einem Dorfe an der Lahn, namens Lisbeth. Ich hatte dieselbe nach deren Tode gleichsam als Inventarstück übernommen. Sie war brav, fleißig und treu und unserer Familie fest zugetan. Sie hatte sich einige hundert Gulden erspart und ich hatte ihr nach und nach einige hundert Gulden gegeben, so daß sie einem sorgenfreien Alter entgegensah, auch wenn sie nicht, wie ich die Absicht hatte, bei mir bis zu ihrem Tod verblieb. Sie war schon über 70 Jahre alt geworden, fast arbeitsunfähig und kränklich. Von Verwandten hatte sie noch eine in ihrem Geburtsort verheiratete Tochter einer Halbschwester mit zahlreicher Familie. Diese machte ihr öfters Besuche, hatte gewöhnlich ein sauber gekleidetes, hübsches Kind bei sich, welches Lisbeth aus der Taufe gehoben hatte, versäumte auch nie irgend einen Leckerbissen für die Tante, die alte Lisbeth, wie diese allgemein genannt wurde, mitzubringen und gewann das Herz derselben um so mehr, als diese eine große Zuneigung zu dem Kinde hatte.

So konnte es mich nicht wundern, daß Lisbeth mir eines Tages ihren Entschluß kundgab, zu seiner Mutter zu ziehen und dort ihre


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letzten Lebensjahre zuzubringen. Vergebens stellte ich ihr vor, daß sie es bei mir wahrscheinlich besser habe, als sie es in ihrer, in dürftigen Verhältnissen lebenden Familie treffen werde. Lisbeth war durch das Zureden und das Benehmen ihrer Nichte so gewonnen, daß mein Abmahnen nichts half. Ich schenkte ihr daher noch einige Habseligkeiten und etwas Geld und entließ sie mit der Mahnung, ihr Vermögen fest zu halten. Ich versprach ihr zuweilen zu schreiben und legte ihr auch auf, mir bisweilen zu schreiben oder schreiben zu lassen, wie es ihr gehe. Der alten Person fiel das Schreiben sehr schwer. —

Es vergingen mehrere Jahre. Ich hatte meinen Wohnsitz in größerer Entfernung von dem Geburtsort Lisbeths verlegt. Alljährlich zum Geburtstage hatte ich ihr Glück gewünscht und dazu jedesmal sowie auch zu Weihnachten ein Geldgeschenk beigelegt, jedoch nie einen Brief von ihr erhalten. Ich glaubte, daß es ihr gut gehe.

Es war nun in einer dunkeln Novembernacht des Jahres 1877, als mir das folgende Erlebnis begegnete. Ein heftiger Wind hatte sich erhoben und Regen fiel nieder. Etwa um vier Uhr morgens fuhr ich in meinem Bette aus dem Schlafe auf. Ein unbestimmter Schrecken hatte mich erfaßt. Ich setzte mich im Bette auf. Eine rätselhafte Gewalt zwang mich, meine Augen nach dem freien Raum im Zimmer zu richten. Ich fühlte mich in einem Zustande reger Tätigkeit aller Geisteskräfte und doch wieder gebannt in eine Lähmung und Erstarrung und ein Gezwungensein unter eine fremde Kraft, einen fremden Willen.

Ich erblickte dann in einer Entfernung von etwa zwanzig Schritten einen Fluß dahinströmen und wußte, daß es die Lahn sei. Das Wasser floß in unsichtbaren Ufern und war gänzlich von einem gelblich grauen Lichte durchleuchtet. Ich befand mich etwa der Mitte der Tiefe des Flusses gegenüber. Dort aber tauchte die mir so wohl bekannte Gestalt der alten Lisbeth auf. Ich sah vollkommen deutlich ihren Kopf, um den ihr aufgelöstes, graues Haar wirr und triefend und sich mit dem Wellenschlage bewegend herabhing. Noch sah ich den Hals und die Schultern und den oberen Teil der Brust und der Arme. Der untere Teil ihrer Gestalt war undeutlich, nebelhaft zu sehen. - Sie starrte mich mit irren, Verzweiflung blickenden Augen vorwurfsvoll an; und diese Augen hielten mich mit magischer Gewalt gefesselt. Sie und ich sprachen nicht; wir lasen gegenseitig unsere Gedanken; es war aber nicht ein bloßes Lesen, sondern ich empfand auch einen fast körperlichen Eindruck auf mein Gehör. Hier unsere Unterredung, wie ich der Kürze halber und mangels eines besseren Ausdrucks den gegenseitigen


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Gedankenaustausch nennen will, wenn ich ihn auch nicht mehr ganz wörtlich wiederzugeben vermag:

"Herr," sagte sie, "Herr! Warum habt Ihr mich so ganz im Stiche gelassen? Ihr waret meine einzige Hoffnung; Ihr seid schuld, daß ich jetzt elend sterben muß!" - "Lisbeth," sagte ich, "du hast ja Vermögen und ich habe dir öfters in meinen Briefen Geld geschickt! Wenn dir etwas fehlte, warum hast du mir nicht geschrieben oder bist zu mir gekommen?" - "Ach Herr!" sagte die Gestalt, jetzt weiß ich, daß Ihr mich nicht verlassen habt! Meine Verwandten haben Euere Briefe unterschlagen, das Geld behalten. Sie hatten mir geschmeichelt, bis ich Ihnen fast meine ganze Habe hingab; sie ließen es nicht zu, daß ich Euch schrieb oder zu Euch kam, und, als ich nichts mehr hatte, schlugen sie mich, ließen mich hungern und frieren und auf einem Strohsack im Kuhstalle schlafen. Noch gestern abend sagte meine Nichte: "Mach, daß du krepierst, zu Besserem bist du nicht mehr nutz, du mußt morgen aus dem Hause!" - Ich konnte nicht schlafen und wußte mir keinen Rat. Ich dachte an Euch und sagte: Er will nichts mehr von dir wissen! Und eine Stimme hörte ich rufen: Niemand hilft dir, mach dem Elend ein Ende! Ich lief an den Fluß und sprang hinein. Herr, Ihr seid gut!" - Ein seliges Lächeln verklärte das alte Antlitz, die Augen verloren ihre Starrheit und blickten sanft und friedlich. Die ganze Erscheinung aber entfernte sich, verblaßte und war bald verschwunden.

Ich konnte nicht mehr schlafen, obschon ich es versuchte; meine Pulse klopften ungestüm. Ich nahm mir vor an dem nämlichen Tage noch an den Pfarrer des Lahndorfes, in welches Lisbeth gezogen war, zu schreiben, konnte diesen Entschluß jedoch nicht ausführen, da unvorhergesehene, wichtige Geschäfte meine ganze Zeit in Anspruch nahmen, ich auch bei ruhigem Nachdenken über mich selbst lächelte, daß ich einem, wenn auch sehr lebhaften Traume, irgend ein Gewicht hatte beilegen wollen.

Am folgenden Tage aber las ich mit dem Datum des vorigen Tages in der Zeitung: "Aus X wird ein trauriges Ereignis gemeldet: Eine Person, welche unter dem Namen 'Die alte Lisbeth' bekannt war, hat sich heute morgens um vier Uhr in der Lahn ertränkt. Die Leiche ist bereits gefunden. Lisbeth hatte lange Zeit in . . . als Magd gedient, das von ihr ersparte geringe Vermögen aber ihren Verwandten, bei denen sie lebte, gegeben, die das Geld bald aufgebraucht hatten. Lisbeth war ihnen jetzt zur Last, sie mißhandelten sie, ließen sie im kalten Stalle schlafen, vernachlässigten sie in Peinlichkeit und Kleidung. Da


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erfaßte die Arme die bittere Verzweiflung und trieb sie zum Selbstmord. Gott wird ihr ein gnädiger Richter sein; die Teilnahme ist allgemein."

Ich brauche nicht zu sagen, wie sehr mich diese Nachricht erschütterte. War es ein Traum gewesen oder hatte ich Lisbeth wirklich gesehen? Noch meine ich die im Wasser kämpfende Gestalt zu erblicken. Seit jener Nacht aber halte ich es für wahrscheinlich, daß der lebende Mensch, wenn er im Augenblicke höchster Erregung, namentlich des Todes, seine Gedanken und seinen Willen auf einen einzigen Gegenstand richtet, in die ferne zu wirken fähig ist!" —

Zur Erklärung dieses "Hellsehens" und "Hellhörens" in bezug auf den Raum vergleiche S. 186 und den Fall Wrchovszky S. 187. Zu beachten ist, daß es im naturwissenschaftlichen Sinne nur eine Anmeldung Sterbender geben kann, d.h. eine Gedankenübertragung von Personen, die zwar mit dem Tode ringen aber noch leben, nicht aber von bereits Verstorbenen.

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Der große schwedische Naturforscher Linnè schreibt in seiner Nemesis divina: "Um zwölf Uhr in der Nacht zwischen dem 12. Und 13. Juli 1765 hört meine Frau, daß jemand lange und mit schweren Tritten in meinem Museum auf und ab geht und weckt mich. Ich höre es auch sehr gut, obgleich ich wußte, daß niemand dort sei, die Türen verschlossen waren und der Schlüssel bei mir. Nach einigen Tagen erhalte ich Notifikation, daß mein besonderer vertrautester Freund, der Kommissär Karl Clerk zur selben Zeit gestorben war und wahrlich, der Gang war dem seinigen so gleich, daß, wenn ich in Stockholm ihn gehört, ich Clerk am Gange erkannt haben würde."

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Eine mir bekannte Dame, die Frau des kgl. Gymnasialturnlehrers B. versicherte mir folgendes: "Mein Mann weilte während der Ferien bei seinen Eltern in dem (in der Luftlinie gegen 100 Kilometer entfernten) Städtchen K. Ich war zwar wiederholt schon ebenfalls dortselbst gewesen, kannte aber die gegenwärtige Wohnung meiner Schwiegereltern nicht, da sie kurz vorher in eine neugebaute Villa umgezogen waren. Als ich eines Abends vor dem Schlafengehen die Lampe in das Schlafzimmer hinaustrug um sie auszulöschen, erschrak ich plötzlich derart, daß ich nahe daran war, sie zu Boden fallen zu lassen. Ich sah nämlich meinen Mann mit geschwollenen Händen und


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bleich, wie todkrank im Bette liegen. Nichts Gutes ahnend gab ich sofort dem Dienstmädchen den Auftrag, meinen Reisekoffer noch am selben Abend zu packen, um beim Eintreffen einer ungünstigen Nachricht mit dem nächsten Zuge abfahren zu können. Am andern Morgen kam ein Brief mit der Mitteilung, daß mein Mann erkrankt sei. Ich fuhr sogleich nach K. und war beim Betreten seines Zimmers im höchsten Grade überrascht, ihn genau so im Bette liegend zu finden, wie ich ihn am Abend vorher gesehen hatte. Auch die Anordnung der Fenster, der Möbel usw. im Zimmer sowie die sonstige Beschaffenheit desselben, das ich (wie oben angegeben) niemals vorher betreten hatte, war dieselbe. Glücklicherweise stellte sich heraus, daß es sich nur um einen, allerdings schweren, Gichtanfall handelte, der nach einigen Wochen in Besserung überging."

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In seiner Schrift"Goethe und der Okkultismus" führt Seiling* zwei mystische Erlebnisse Goethes an, die Natalie von Eschstruth in ihrem Buche "Spuk" (Leipzig, Paul List) erzählt. Die Verfasserin hat sie aus dem Munde des Geheimrats K. vernommen, der als Student Goethe im Laboratorium zu Jena öfter kleine Handlangerdienste leistete und, weil der Meister Gefallen an ihm gefunden, ihn auf seinen Spaziergängen begleiten durfte. K. war Zeuge der beiden Begebenheiten, um die es sich handelt; daß sie auch sonst bekannt waren, wurde N. von Eschstruth von einem andern Zeitgenossen Goethes, dem Hofrat G. in Jena bestätigt.

Der eine Fall betrifft eine Spukerscheinung auf dem Schlachtfelde von Jena, der andere wird von Geheimrat K. folgendermaßen dargestellt:

"Ich erhielt eine Einladung zu Goethe nach Weimar, ihm bei einer besonders mühsamen Arbeit im Laboratorium zu helfen. Wir hatten uns den ganzen Vormittag und Nachmittag tüchtig angestrengt und obwohl das Wetter regnerisch war, schlug Goethe gegen Abend einen Spaziergang vor.

Es war im Sommer und die Tage noch lang und so schritten wir denn noch vor Eintritt der Dämmerung den Weg von Belvedere zurück.

Wir plauderten nicht übermäßig lebhaft, Goethe schien das Bedürfnis zu haben, auch geistig der Ruhe zu genießen.

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* S. 12 bzw. 15, Leipzig, Oswald Mutze.


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Vor uns lag der freie, menschenleere Weg. Plötzlich blieb mein Begleiter stehen, streckte ein wenig den Kopf vor, um besser sehen zu können und sprach im Tone größter Überraschung: "Undenkbar sollte er es wirklich sein?"

Ich blickte den Sprecher verdutzt an: "Von wem sprechen Euer Exzellenz?"

"Nun da, von dem Herrn, welcher uns entgegenkommt. Wüßte ich nicht zu genau, daß Friedrich in Frankfurt ist, würde ich darauf schwören, daß er es ist!"

Tödlich erschrocken starrte ich den alten Herrn an. Sprach er plötzlich irre? - Er redet von einem Herrn, welchen er sieht, und doch ist die regenüberflutete Straße völlig menschenleer und still. Ehe ich antworten konnte, schlägt Goethe die Hände über dein Kopf zusammen und bricht in ein jubelndes Gelächter aus. "Wahrhaftig, er ist es! Freund Friedrich! Hier in Weimar! Aber um Gottes willen, Mensch, wie siehst du aus? In meinem Schlafrock - in meinen Morgenschuhen gehst du hier auf offener Straße?!"

Entsetzen ergriff mich, - mein Gönner redete im Wahnsinn Er sprach mit einem Menschen, welchen ich beim besten Willen nicht zu erblicken vermochte.

"Exzellenz -" stammelte ich. -

Gleicherzeit aber taumelte Goethe mit allen Anzeichen höchster Betroffenheit ein paar Schritte vor, die Arme ausgestreckt, als wollte er jemanden greifen.

"Friedrich - um Gottes willen . . . wo bist du hin?! Lieber K., haben Sie nicht gesehen, wo der Herr geblieben ist, welcher uns eben hier entgegen kam?!"

"Kalter Schweiß stand mir auf der Stirne. Ich habe keinen Menschen gesehen, Ew. Exzellenz, es ist niemand hier gewesen."

Da schlug Goethe die Hand vor die Stirn. Er sah erschreckend bleich aus. "Eine Vision! Ich habe meinen Freund deutlich - leiblich und wahrhaftig vor mir gesehen mit meinem eigenen Schlafrock und meinen Pantoffeln bekleidet! Was soll das bedeuten? - Ein Gutes wahrlich nicht! Er hat sich angemeldet, - er ist tot!" Der alte Herr war so erregt und bestürzt, daß ich kaum vermochte, ihn einigermaßen zu beruhigen.

"Seine Todesnachricht erwartet mich wohl schon daheim," fuhr Goethe in nervöser Erregung fort. "Und daß er meinen Schlafrock trug . . . oh, ohne Frage ist das ein Zeichen, daß ich ihm bald folgen werde!"


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All mein Gegenreden half nichts. "Ist die Vision nicht an und für sich schon etwas Unerklärliches Übernatürliches?" schüttelte er erregt den Kopf, "und warum sehe ich die Gestalt meines fernen Freundes mit meinen Sachen bekleidet? Das steht in irgend einem geheimnisvollen Zusammenhang, und daß es unerforschliche Dinge gibt zwischen Himmel und Erde, das werden Sie doch wohl am wenigsten ableugnen wollen, lieber K., nach unserem Erlebnisse auf dem Schlachtfelde!"

Was sollte ich entgegnen? Auch meiner bemächtigte sich ein beklommenes Gefühl und nicht ohne Sorge folgte ich dem alten Herrn in seine Wohnung. - Goethe öffnete die Türe und trat hastig vor mir ein. Da ertönte ein Schrei aus seinem Munde und wie ich dem starr, mit erhobenen Armen Dastehenden erschrocken nachdränge, da sehe auch ich die unheimliche Spukgestalt, welche den Meister abermals entsetzte.

Auf dem Sofa saß ein fremder Herr mit Goethes Schlafrock und Pantoffeln bekleidet, der wandte sich bei dem Schrei hastig von einem Buch, in welchem er gelesen, ab, sprang auf und kam uns laut lachend mit ausgebreiteten Händen entgegen.

Aber Goethe taumelte zurück. "Von mir, Spuk! Hinweg!" keuchte er.

"Aber Wolf! liebe treue Seele - ist das ein Empfang für den treuesten Freund?"

Bei dem Klang der Stimme atmete Goethe tief auf - trat wie ein Mondsüchtiger dem Fremden entgegen, tastete nach seiner Hand, faßte . . . fühlte sie an - und stieß dann halb weinend, halb lachend vor Freude hervor: "Nein - diesmal ist es kein Geist - er ist von Fleisch und Blut!" - Einen Augenblick später lagen sich die alten Freunde in den Armen, und mir war es, als ob Zentnerlasten von meinem Herzen gewälzt wären.

Natürlich wurde bei einem Glase Wein die seltsame Vision des großen Dichters erzählt. Freund Friedrich lauschte erstaunt, ließ sich die Stelle des Weges nennen, wo er von Goethe gesehen wurde und erzählte uns alsdann folgendes: "Ich kam überraschend hier an und war sehr niedergeschlagen, dich nicht zu Hause zu treffen. Man sagte mir, du habest einen Spaziergang nach Belvedere unternommen. Anfänglich wollte ich dir folgen, aber in Anbetracht des schlechten Wetters, welches mich eben erst bis auf die Haut durchnäßt hatte, stand ich von dem Vorhaben ab. Ich ließ mir deine trockenen Kleider reichen, da mein Gepäck noch nicht gebracht war, setzte mich auf das Sofa und malte mir voll Ungeduld deine Überraschung aus, wenn du heimkommen


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würdest. Meinem liebenden, sehnsuchtsvollen Herzen währte dein Säumen unerträglich lang und da ich ja den Weg nach Belvedere sattsam kenne, so begleitete ich in Gedanken deinen Gang, malte mir aus: Jetzt ist er wohl dort - jetzt dort - und während solcher Gedanken muß ich wohl entschlummert sein, denn ich träumte äußerst lebhaft, daß ich dir entgegen ging und dich auch jetzt an der Stelle sah, wo ich dir als Vision erschien. Ich wollte dir entgegeneilen, da riefst du mir zu: "In meinem Morgenrock und Hausschuhen auf der Straße?"

Ich sah an mir herab, schämte mich und erschrak so sehr über meine Ungehörigkeit, daß ich erwachte!"

Betroffen sahen Goethe und ich uns an. Er hatte die Worte gehört, welche Goethe, wohl eine halbe Stunde von uns entfernt, seiner Erscheinung zugerufen hatte. Dieses unerklärliche Erlebnis wurde selbstverständlich auf das lebhafteste von uns besprochen."

Die naturwissenschaftliche Deutung ergibt sich ohne weiteres wieder aus S. 186 und 187.

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Teils auf unabsichtlicher, teils absichtlicher Telepathie beruht, wovon Goethe zu Eckermann sagt:

"Unter Liebenden ist die magnetische Kraft besonders stark und wirkt sogar sehr in die Ferne. Ich habe in meinen Jünglingsjahren Fälle genug erlebt, wo auf einsamen Spaziergängen ein mächtiges Verlangen nach einem geliebten Mädchen mich überfiel und ich so lange an sie dachte, bis sie mir wirklich entgegenkam." - "Es wurde mir in meinem Stübchen unruhig," sagte sie, "ich konnte mir nicht helfen, ich mußte hierher."

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Nicht bloß wichtige und tiefergreifende Ereignisse können unbewußt telepathisch übertragen werden, sondern auch ganz indifferente Vorgänge. Ein K. russischer Staatsrat und Konsul teilte mir aus eigener Initiative brieflich folgendes mit: Ein junger Mann, Knabe eigentlich, von 14-15 Jahren lag krank. Sein Vater, der unterrichtet war, näherte sich ihm mit der Bahn. Nach Eintreffen des Zuges begab er sich an das Krankenlager des Sohnes. Da sagte ihm dieser: "Papa, ich habe dich gestern abend deutlich gesehen. Du lagst ausgestreckt auf der Bank im Eisenbahnwagen und rauchtest eine Zigarette nach der andern." Der Junge starb darauf.


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Auf eine nachträgliche Anfrage meinerseits behufs besserer Verbürgung wurde mir geschrieben: "Der Fall von Fernsicht zwischen Vater und sterbendem Sohn ereignete sich zwischen einem Fürsten Kildischew, damals Generalmajor in russischen Diensten (verheiratet mit einer Cousine von mir) und seinem Sohne, Zögling eines Kadettenkorps in St. Petersburg."

Der sterbende Sohn korrespondierte hier mit dem Unterbewußtsein des Vaters nicht, wie man erwarten sollte, bezüglich der tödlichen Krankheit oder in sonstigen Dingen, die man gerne noch vor dem Tode erledigt haben möchte, sondern bezüglich einer ganz gleichgültigen Angelegenheit. So etwas ist sehr geeignet, der Telepathie den Nimbus, mit welchem man sie gerne, namentlich bei Sterbenden, umgeben möchte, zu nehmen. Im übrigen ist der Vorgang naturwissenschaftlich leicht verständlich in dem Sinne, daß beim Schwerkranken auch minderwertige psychische Zentren erregt waren, die infolgedessen in ihrer Art funktionierten.

 

5. Hellsehen in bezug auf die Zeit. Das zweite Gesicht.

In allen bisherigen Fällen liegt eine Telepathie in bezug auf den Raum vor. Eine andere Frage ist die, ob es auch ein Hellsehen* und überhaupt eine Telepathie in bezug auf die Zeit gibt.

Es wird behauptet, es sei möglich zukünftige Ereignisse vorherzusehen, ohne daß irgend welche natürliche Vorbedingungen ein Vorausschließen oder Vorausberechnen dem bewußten Ich oder seinem Unterbewußtsein gestatten. In dieser Beziehung möchte ich zunächst aus der unbegrenzten Menge einige Beispiele anführen, welche sich auch anders erklären lassen.

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* Eine dritte Art von Hellsehen, welche die Theosophen und Spiritisten noch annehmen, soll darin bestehen, daß manche Menschen die Fähigkeit haben, die Geister der Verstorbenen zu sehen und sprechen zu hören, ohne daß andere gleichzeitig anwesende Personen etwas davon wahrnehmen. Ein besonders bekanntes Medium dieser Art war Swedenborg. Hier handelt es sich aber nur um rein subjektive optische und akustische Halluzinationen von Geistern, die vom Unterbewußtsein ausgehen. Endlich wird noch eine vierte Art von Hellsehen in der Literatur erwähnt, nach welcher einzelne Menschen imstande wären, den Inhalt von verschlossenen Schriftstücken (Briefen, zusammengefalteten Zetteln u. dgl.) zu entziffern. S. darüber z.B. v. Wasielewski in Ostwalds Annalen 1913 B. XII, S. 236 ff., Prof. Schottelius in Kosmos. Handweiser f. Naturfreunde. Frankh'sche Verlagshandlung, Stuttgart 1913 S. 473 und 1914 S. 303.


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Fürst Bismarck* teilt in einem Briefe an den Deutschen Kaiser Wilhelm I. folgenden Traum mit:

"Ew. Majestät Mitteilung ermutigt mich zur Erzählung eines Traumes, den ich Frühjahr 1863 in den schwersten Konfliktstagen hatte, aus denen ein menschliches Auge keinen gangbaren Ausweg sah. Mir träumte, und ich erzählte es sofort am Morgen meiner Frau und andern Zeugen, daß ich auf einem schmalen Alpenpfade ritt, rechts Abgrund, links Felsen; der Pfad wurde schmäler, so daß das Pferd sich weigerte, und Umkehr und Absitzen wegen Mangel an Platz unmöglich; da schlug ich mit meiner Gerte in der linken Hand gegen die glatte Felswand und rief Gott an; die Gerte wurde unendlich lang, die Felswand stürzte wie eine Kulisse und eröffnete einen breiten Weg mit dem Blick auf Hügel und Waldland, wie in Böhmen, preußische Truppen mit Fahnen und in mir noch im Traume der Gedanke, wie ich das schleunig Eurer Majestät melden könne. Dieser Traum erfüllte sich, und ich erwachte froh und gestärkt aus ihm."

Bismarck will also hellseherisch drei Jahre vorher wahrgenommen haben, daß der Kampf Preußens mit Österreich um die Vorherrschaft sich in Böhmen abspielen werde. Nach meiner Ansicht liegt es aber viel näher anzunehmen, er habe sich schon damals mit Plänen eines Einfalles in Böhmen beschäftigt, um dann nachträglich davon im Schlafe zu träumen. Große Männer pflegen gern ein bißchen abergläubisch zu sein. Man denke nur an Napoleon I.

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Cardanus glaubte sich einst im Traume in einen Garten versetzt, wo er ein Mädchen in weißen Kleidern sah, das er umarmte und küßte. Wenige Tage darauf erblickte er auf der Straße ein solches in Gesicht und Kleidung ganz gleiches Mädchen; er empfand sofort eine brennende Liebe zu ihm und es wurde seine Frau.

Der Fall kann ohne die Annahme eines Hellsehens in bezug auf die Zeit so gedeutet werden, daß Cardanus an dem Mädchen tatsächlich schon früher einmal vorbeigekommen war, ohne es zu beachten, während einzelne Zentren seines Unterbewußtseins dasselbe bemerkten und sich dafür interessierten (vergl. dazu den Fall S. 200), so daß sie nachts von ihm träumten. Als dann einige Tage darauf Cardanus (d.h. sein bewußtes Ich) das Mädchen wirklich sah, wurde seine Zuneigung

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* Otto Fürst von Bismarck. Gedanken und Erinnerungen. 2. Bd. Stuttgart 1898, S. 194.


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jedenfalls noch dadurch verstärkt, daß er jetzt seinen vorhergegangenen Traum für eine göttliche Eingebung hielt.

Goethe schreibt in seiner Autobiographie*: "In solchem Drang und Verwirrung konnte ich doch nicht unterlassen, Friederiken noch einmal zu sehen. Es waren peinliche Tage, deren Erinnerung mir nicht geblieben ist. Als ich ihr die Hand noch vom Pferde reichte, standen ihr die Tränen in den Augen und mir war sehr übel zumute. Nun ritt ich auf dem Fußpfade gegen Drusenheim und da überfiel mich eine der sonderbarsten Ahnungen: Ich sah nämlich, nicht mit den Augen des Leibes sondern des Geistes, mich mir selbst denselben Weg zu Pferd wieder entgegenkommen und zwar in einem Kleide, wie ich es nicht getragen; es war hechtgrau mit etwas Gold. Sobald ich mich aus diesem Traume aufschüttelte, war die Gestalt ganz hinweg. Sonderbar ist jedoch, daß ich nach acht Jahren in dem Kleide, das mir geträumt hatte und das ich nicht aus Wahl sondern aus Zufall trug, geradeso mich auf demselben Wege befand, um Friederiken noch einmal zu besuchen."

Man braucht hier nur anzunehmen, daß Goethe durch die Zentren seines Unterbewußtseins, von welchen die seinerzeitige Vision ausgegangen war, veranlaßt wurde, das betreffende Kleid bei der Rückkehr anzuziehen. Wenn er sagt, er habe das hechtgraue Kleid nicht aus Wahl sondern aus Zufall gerade getragen, so braucht das nur insofern richtig zu sein, als sein bewußtes Ich dasselbe nicht gewählt hatte. S. 73 und 89 teilte ich mit, welch bedeutenden Einfluß die Zentren des Unterbewußtseins ausüben können, ohne daß man es beachtet. Vielfach sind bei mir die Pläne vom Unterbewußtsein, wie ich aus den "inneren Stimmen" mit Sicherheit erkennen kann, bereits fix und fertig ausgearbeitet und ich gehe auf dieselben ein, wenn nicht beim Nachdenken besondere Umstände, welche die betreffenden Zentren, entsprechend ihrer einseitigen Stellung, nicht beachtet hatten, eine Änderung bedingen. In gleichgültigen Dingen, wie bei Kleidern, wird (vom bewußten Ich) in der Regel überhaupt nicht viel überlegt.

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* Aus meinem Leben. Dichtung und Wahrheit. Gegen Ende des XI. Buches. Dem Eckermann gestand Goethe später, in der Sesenheimer Liebesgeschichte sei kein Strich, den er nicht erlebt, aber auch keiner so, wie er ihn erlebt. Im übrigen verweise ich bezüglich dieses Passus, den ich lediglich deshalb anführe, weil er von Okkultisten häufig zitiert und natürlich in ihrem Sinne als zeitliches Hellsehen gedeutet wird, auf einen Teil meiner Anmerkung 2 auf S. 10.


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Manchmal fühlt ein Mensch seinen eigenen baldigen Tod voraus oder auch denjenigen eines Verwandten oder Freundes ("Ahnung"), obwohl der Todeskandidat ganz gesund zu sein scheint. Meistens wird das mystisch gedeutet. Es ist aber zu berücksichtigen, daß verschiedene Zentren des Unterbewußtseins, nämlich diejenigen, welchen die Instandhaltung des Körpers und die Überwachung und Regulierung des psychophysischen Gleichgewichtes im Innern obliegt, einen viel besseren und tieferen Einblick in die Beschaffenheit des Organismus oder wenigstens einzelner Teile desselben besitzen und eventuell bereits den Todeskeim in ihm erkennen und dementsprechend sich dem Oberbewußtsein in dunklen Gefühlen und Vorahnungen bemerklich machen können, obwohl letzteres von seinem bedenklichen Zustande unmittelbar noch nichts verspürt.

Wenn nun gar Tag und Stunde des Todes prophezeit wird, so beweist das für ein zeitliches Hellsehen erst recht nichts, da die Macht einer angenommenen Suggestion schon längst feststeht. Beispiel:

Das Freisinger Tagblatt brachte unterm 29. September 1911 aus einem Nachbarorte folgende Notiz: "Die gestern dahier verstorbene Frau M. T., Bierbrauerswitwe, hatte schon seit Wochen vorhergesagt, daß sie am 28. September früh 1 Uhr sterben werde, weil auch ihr vor 16 Jahren verstorbener Ehegatte am gleichen Tag und zu gleicher Stunde starb. Und wirklich, als am genannten Tag die Turmuhr der nahen Pfarrkirche 1 Uhr schlug, verschied sie!" Eine Anfrage beim Pfarrer des betreffenden Ortes bestätigte mir die Richtigkeit dieser Zeitungsmitteilung.

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Eine einwandfreie Person teilte mir mit: "Die Frau eines Privatförsters warnte am Morgen eindringlich ihren Mann auf die Jagd zu gehen, da ihr vergangene Nacht besonders lebhaft geträumt hätte, er werde verunglücken. Derselbe ließ sich jedoch nicht abhalten und begab sich mit seinem Gehilfen in den Wald. Einige Stunden später wurde er erschossen nach Hause gebracht. Der Jagdgehilfe behauptete, der Förster sei im Gebüsch aus Versehen mit dem Gewehr hängen geblieben, so daß es sich entlud."

Zunächst scheint es sich hier um ein Hellsehen in bezug auf die Zeit zu handeln, da keinerlei Prämissen das Losgehen des Gewehres vorauszuschließen gestatteten. Allein der Jagdgehilfe erschien alsbald verdächtig seinen Förster absichtlich erschossen zu haben, um in dessen Stellung zu gelangen und wurde gerichtlich eingezogen. Wenn nun auch die darauffolgende Verhandlung resultatlos verlief, weil kein


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Augenzeuge vorhanden war, so bleibt doch eben deshalb immer noch die Möglichkeit eines Mordes bestehen, um so mehr als meine Gewährsperson, welche die Gesamtlage in dieser Beziehung genügend gut kannte, die Überzeugung davon sich nicht nehmen ließ. Unter dieser Voraussetzung hätten wir als einfache natürliche Erklärung des Traumes eine Wirkung vom Unterbewußtsein des Mörders, der bereits vorher seinen Plan ausgeheckt hatte, auf die Frau des Försters anzunehmen, also eine unbewußte und unfreiwillige Gedankenübertragung und zwar im Schlafe, analog den S. 195 ff. beschriebenen Fällen.

Will man aber Mord nicht zugeben, so bleibt immer noch die Möglichkeit eines zufälligen Zusammentreffens des Traumes mit dem Ereignis übrig. Daß der Traum in der vorhergehenden Nacht "besonders lebhaft" war, ist zwar wichtig, aber nicht von prinzipieller Bedeutung. Weiß doch ein jeder aus eigener Erfahrung, wie schon mancher "besonders lebhafte" Traum bei ihm eben auch nicht in Erfüllung ging. In einem solchen Falle wird er in der Regel schnell wieder vergessen,während bei Eintreffen desselben die Sache leicht zu sehr aufgebauscht wird.

Für ein zeitliches Hellsehen liegt hier somit jedenfalls kein zwingender Beweis, abgesehen davon, daß ich nach der langen Reihe von Jahren, die inzwischen verstrichen war, eine vollkommen einwandfreie Kontrolle nach dieser Seite hin nicht mehr ausführen konnte.

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Eine besondere Vorsicht ist gegenüber Zeitungsnachrichten am Platze, wie die folgenden zwei Fälle beweisen:

Am 24. März 1909 befand sich im Freisinger Tagblatt eine der ganzen Darstellungsart nach völlig glaubwürdig erscheinende Notiz, die ich unter Weglassung der Eigennamen wörtlich anführe:

"Träume sind Schäume - manchmal aber auch nicht. Das zeigte sich bei dem letzten Brandunglück in A., bei dem die Dienstmagd H. und der Knecht F. ums Leben kamen. Der Grenzoberaufseher L., der in dem abgebrannten Hause wohnte, hatte vor längerer Zeit einen Traum; er sah das Dienstmädchen in Flammen stehen. Von diesem merkwürdigen Traum machte er dem Mädchen Mitteilung und dieses äußerte daraufhin die Absicht den Dienst zu verlassen. Sie ließ sich aber nachträglich wieder zum Bleiben bewegen. Nun ist der schreckliche Traum buchstäblich in Erfüllung gegangen."

Ich wandte mich bezüglich dieser Zeitungsnachricht an den Pfarrer der betreffenden Stadt mit der Bitte um nähere Auskunft. Dieselbe


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wurde mir auch bereitwilligst erteilt. Sie lautete dahin, daß die Notiz, die zuerst in der Lokalzeitung dieser Stadt erschien und von hier aus in die andern Blätter überging, in allen Einzelheiten richtig war mit einziger Ausnahme des entscheidenden Punktes, nämlich des Traumes, daß das betreffende Mädchen in Flammen stehe. Einen solchen Traum hatte der Grenzoberaufseher vorher nicht gehabt und er war höchst erstaunt gewesen, wie eine solche Nachricht in die Zeitungen gelangen konnte.

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Viel Aufsehen erregte seinerzeit eine angebliche Prophezeiung des Erdbebens von Messina, das bekanntlich am 28. Dezember 1908 stattfand. Verschiedene Zeitschriften brachten darüber folgenden Bericht. Ein ganz überraschender Fall von Vorausschau bei einer Kranken beschäftigt zurzeit die ärztliche Welt Italiens und ruft das Staunen der namhaftesten Psychologen hervor. Ein angesehener römischer Kliniker, Dr. med. Sarti (al. Santi), hat soeben an die Akademie folgende höchst seltsame Erklärung gelangen lassen:

"Eine römische Dame, welche seit mehreren Monaten an akuter Neurasthenie, oder besser gesagt, Hysterie leidet, hat seit dem verflossenen 2. Dezember vorigen Jahres die Katastrophe vorausgesagt, die Messina zerstört und Kalabrien verheert hat. Diese Dame, welche einer hervorragenden Familie der Aristokratie angehört, ließ schleunigst den Dr. Sarti rufen, nachdem sie in der Nacht durch ein schreckliches Traumgesicht gepeinigt worden war, das bei ihr eine quälende Beunruhigung zurückgelassen hatte. Vergebens bot der Arzt alle Mittel auf, die Dame zu beruhigen. Dies gelang ihm erst, als er ihr versprach, einen von ihr geschriebenen Brief dem König zu übergeben.

In diesem Briefe wurde Se. Majestät der König Viktor Emanuel gebeten, der Stadt Messina zu Hilfe zu kommen, welche von einem furchtbaren Erdbeben bedroht sei. "Ich sehe," so heißt es in dem Briefe, "sich Land und Meer vereinigen, um die schöne Stadt zu verschlingen. Dieses entsetzliche Unglück wird sich am 8., 18. oder 28. des Monats ereignen."

In der Überzeugung, daß er es mit einer Halluzinierenden zu tun habe, steckte der Arzt den Brief in sein Portefeuille und als er andern Tags so tat, als habe er die Botschaft an den Souverän gelangen lassen, zeigte sich die Kranke ruhiger und bereit, einige Nahrung sowie die verordnete Medizin zu sich zu nehmen. Aber in der Nacht vom 7. auf den 8. Dezember wurde sie von einer heftigen hysterischen Krise befallen. Sie wand sich, weinte, schrie und fragte unaufhörlich, ob der


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König angeordnet habe, daß Messina geräumt werde. Auch eine weitere Krisis in der Nacht vom 17. Dezember spielte sich höchst dramatisch ab und eine solche am 27. war derart ernst, daß man in der Umgebung der Patientin glaubte, ihre letzte Stunde sei gekommen. Sie lamentierte und schüttelte sich vor Angst bis zum Abend des 28. Alsdann verfiel sie in einen tiefen Schlaf... Die Katastrophe hatte stattgefunden.

Dr. Sarti war im höchsten Grade betroffen über die Richtigkeit der Prophezeiung seiner Kranken. Die grauenvolle Brutalität, mit welcher die Vorschau seiner Patientin in Erfüllung gegangen ist, hat bei ihm jeden Zweifel für immer erstickt. Er bereitet über diesen Fall eine Denkschrift für die Akademie vor und will seine Klientin den italienischen Autoritäten auf dem Gebiete der Psychologie vorstellen.

Der fragliche Brief ist nachträglich dem König übergeben worden, der mit dem größten Interesse den Untersuchungen entgegensieht, welche die Fakultät bei der Prophetin anstellen wird. —

Diese Mitteilung wurde zuerst im "Gil Blas" am 20. Januar dieses Jahres veröffentlicht."

Bei dieser Prophezeiung, die übrigens wieder ihrer ganzen Darstellungsweise nach den Eindruck der Glaubwürdigkeit erweckt, schien mir von vornherein bedenklich, daß sie erst nach dem Erdbeben bekannt wurde, denn Prophezeiungen über vergangene Ereignisse haben wenig Wert. Außerdem fiel mir später auf, daß keine weitere Mitteilung über dieselbe erfolgte, obwohl gerade hier ein evidentes und streng beweiskräftiges Beispiel für ein echtes Hellsehen in bezug auf die Zeit vorgelegen hätte.

Nachträglich stellte sich auch tatsächlich heraus, daß der ganze Bericht eine reine Erfindung war.

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Anderseits wird nun aber dennoch behauptet, daß ein wirkliches Ahnen und ein Hellsehen auch in bezug auf die Zeit möglich sei. In diesem Falle scheinen unsere bisherigen naturwissenschaftlichen Erklärungsmittel vollständig zu versagen, ebenso auch dann, wenn es sich bei der Gedankenübertragung um die Überwindung von außerordentlich großen Entfernungen handelt. In beiden Fällen spricht man von einem zweiten Gesicht und versteht darunter die angebliche Fähigkeit eines Menschen, Ereignisse, die sich in "ungeheurer" Entfernung oder auch erst in der Zukunft vollziehen, zu schauen.


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Das zweite Gesicht soll sich namentlich bei Personen finden, die in einsamen Gegenden wohnen und daher besonders leicht und andauernd Gelegenheit haben, mit den Tiefen ihres Innern zu verkehren, hauptsächlich in Schottland, auf den schottischen Inseln der Hebriden, in Norwegen, Dänemark, in Deutschland auf der Lüneburger Heide usw.

Zur Erklärung desselben wird meist wieder das Unterbewußtsein herangezogen, allerdings von verschiedenen Autoren in sehr verschiedener Weise. Es wird z.B. behauptet, unser gewöhnliches Bewußtsein (Erfahrungs- oder Tagesbewußtsein) sei nur ein kleiner Ausschnitt aus einem viel umfassenderen und viel tiefer liegenden Bewußtsein. Man vergleicht es dementsprechend mit einem im Meere schwimmenden Eisberge, bei welchem bekanntlich nur ein Achtel des gesamten Umfanges sichtbar zutage tritt, während der übrige weitaus größere Teil im Wasser untergetaucht liegt. Du Prel spricht von einem zweiten, transzendentalen Subjekt in uns. Durch dasselbe ragen wir nach ihm in eine transzendentale Welt hinein und stehen mit derselben in ganz anderer Weise als durch die fünf Sinne in Verbindung. Wir können durch dasselbe unmittelbar Eindrücke aus der intelligibeln Welt empfangen. Vielfach wird endlich das Unterbewußtsein auch in rein monistischem und pantheistischem Sinne gedeutet. Man soll durch dasselbe mit dem All, mit dem Absoluten und Göttlichen in Verbindung stehen und aus dem allgemeinen Weltbewußtsein Kenntnisse schöpfen können, "wobei Raum- und Zeitverhältnisse nicht mehr gelten".

Jedenfalls herrscht noch eine vollständige Verwirrung auf diesem Gebiete und immer wieder die Neigung zum Phantastischen und Mystischen.

Was nun zunächst beim zweiten Gesicht speziell das Hellsehen auf ungeheure Entfernungen anbelangt, so scheint mir für den Fall seiner Tatsächlichkeit, die ich aber bezweifle, nicht jede naturwissenschaftliche Behandlung der Frage unmöglich. Ich will nur andeuten:

Es läßt sich offenbar keine scharfe Grenze zwischen Gedankenübertragung auf kleine, mittlere und "ungeheure" Entfernung ziehen. Die erstere und vielleicht auch noch die zweite wären nun rein natürliche Vorgänge, die sich nach S. 178 ff. experimentell nachmachen lassen während es sich bei "ungeheurer" Entfernung mit einem Male um Vorgänge handeln soll, für welche die bisherige Wissenschaft nicht mehr ausreicht. Schon in den beiden zuerst erwähnten Fällen von unbewußter Gedankenübertragung bei Ostwald und Flournoy (S. 193) handelt es sich um ganz beträchtliche Entfernungen. Es ist aber klar, daß


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ähnlich wie beim Rufen, bei der Aussendung von Lichtsignalen, bei der Telegraphie usw. auch bei der Gedankenübertragung um so mehr Energie aufgewendet werden muß, je weiter die Entfernung ist. Zur Übersendung drahtloser Nachrichten auf sehr große Entfernungen sind bekanntlich bedeutende Kraftanlagen erforderlich. Analog müßten wir dann auch bei einer naturwissenschaftlichen Erklärung der Gedankenübertragung auf ungeheure Entfernungen die Entwicklung entsprechender Energiemengen im betreffenden Menschen postulieren. Aus dem S. 50 Mitgeteilten folgt nun zwar, daß bei stärkeren magischen Leistungen die Energie vom ganzen Körper her bezogen wird, allein für den schwachen menschlichen Organismus muß schließlich doch auch eine Grenze existieren. Er kann nicht ohne weiteres mit einer Station für drahtlose Telegraphie, mit einer großen Lichtsignalstation usw. in Konkurrenz treten, denn dazu reichen die normalen physikalischen und chemischen Prozesse, die in seinem Organismus verlaufen, offenbar nicht aus.

Auf Grund der neueren Entdeckungen wären aber ganz andere Energiequellen ergiebigster Art denkbar:

Im Jahre 1896 fand der französische Physiker Becquerel, daß das Element Uran und seine Verbindungen ständig Strahlen, also Energie aussenden, ohne daß zunächst eine tiefere Ursache dafür festzustellen war. 1898 entdeckten dann die beiden französischen Chemiker Herr und Frau Curie das Element Radium, welches die gleiche Eigenschaft in noch bedeutend höherem Grade besitzt als das Uran. So folgte die Auffindung einer Anzahl weiterer, sich ähnlich verhaltender Elemente und schließlich ergab sich als Ursache, daß dieselben in einer ständigen. mehr oder weniger langsamen Umbildung und Zersetzung begriffen sind, indem ihre Atome zerfallen und in Atome von kleinerem Gewicht übergehen. Bei diesem Prozesse werden ganz fabelhafte Energiemengen aus einer verhältnismäßig sehr kleinen Quantität von Materie frei. So wurde z.B. festgestellt, daß der Zerfall von Radium das 2-3 Hunderttausendfache an Energie liefert, wie die allerenergischesten bisher bekannten rein chemischen Vorgänge bei gleicher Gewichtsmenge, ferner daß z.B. ein Gramm Radium so viel Wärme liefern kann wie ungefähr sechs Zentner Steinkohlen bei der Verbrennung. Zur populären Veranschaulichung der Bedeutung dieser Entdeckungen wurde darauf hingewiesen, daß eine kleine Anzahl von Kilogrammen Kohle ausreichen würde, um ein Dampfschiff von Europa nach Amerika hinüber zu transportieren, wenn es gelänge, nicht bloß wie bisher bei der gewöhnlichen Verbrennung eine rein chemische Zersetzung derselben


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zu bewirken, sondern einen Atomzerfall in dem eben erwähnten Sinne.

Von diesem Gesichtspunkte aus betrachtet würde auch jeder Mensch in seinem Körper ungeheure Mengen von Energie aufgespeichert haben und wir müßten dann nur annehmen, daß ausnahmsweise in abnormen Fällen durch Atomzerstäubung entsprechende Quantitäten derselben frei gemacht und damit Äthererregungen auf gewaltige Entfernungen erzeugt werden können. Das braucht die unmittelbare Nachbarschaft des Aussenders gar nicht wahrzunehmen. Ein Apparat für drahtlose Telegraphie z.B. nimmt auch die stärksten Schwingungen eines andern nicht auf, wenn er nicht auf denselben "abgestimmt" ist. Selbst wenn also der Mensch imstande wäre, telepathische Nachrichten auf abnorme Entfernungen zu senden, so böte sich bereits ein Ausblick für eine natürliche Erklärung des Vorganges.

Was nun noch beim zweiten Gesicht das Hellsehen in bezug auf die Zeit anbelangt, so möchte ich folgendes bemerken*: Man hat neuerdings unter Voraussetzung des sogenannten Relativitätsprinzips versucht, die Zeit in einen inneren Zusammenhang mit dem Raume zu bringen und von einem Raum-Zeit-System, d.h. von einer vierten dimensionalen Welt, zu sprechen (nicht zu verwechseln mit Zöllners viertem dimensionalem Raum). Dadurch würde der Begriff "Zeit" viel von seinem Rätselhaften verlieren und ein diesbezügliches Hellsehen nicht mehr unbedingt als mystisch erscheinen. Es wäre aber offenbar verfrüht, schon jetzt darüber eine bestimmte Entscheidung treffen zu wollen. Ich brauche darum auf diese Theorie nicht näher einzugehen, um so weniger als ich von der Tatsächlichkeit eines zeitlichen Hellsehens noch nicht überzeugt bin. Es liegen wohl zahlreiche ungenügend kontrollierte Erzählungen darüber vor, aber streng exakte Beweise hierfür scheinen mir gänzlich zu fehlen. Wie lange haben sich auf anderen Wissensgebieten Märchen als unumstößliche Tatsachen fortgepflanzt! Wie viele Jahrhunderte hindurch existierte z.B. in der Chemie die Lehre von der Umwandelbarkeit der Metalle, namentlich aber die Lehre von der Möglichkeit der künstlichen Darstellung des Goldes! - Übernatürliche Fähigkeiten habe ich an meinem eigenen Unterbewußtsein bis jetzt niemals finden können, obwohl ich es, wenn auch allerdings nicht bezüglich des Hellsehens, seit

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* Vorurteilsfreie Interessenten verweise ich auf den trefflichen Aufsatz von Hans Freimark "Prophetie und Krieg" in Westermanns Monatsheften S. 263/65. 1915. (Verlag v. George Westermann, Braunschweig, Berlin, Hamburg.)


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einer Reihe von Jahren studiere. Jedenfalls bin ich im Gegensatze zu der S. 180 zitierten Ansicht von Crookes mit gutem Grunde der Überzeugung, daß es keine Magie gibt, "bei welcher die gewohnten Raum und Zeitverhältnisse nicht gelten", wie ja auch keine derartige Physik oder Astronomie existiert. Vielmehr müßte, ähnlich wie beim räumlichen, so auch beim zeitlichen Hellsehen das Gesetz walten, daß es um so stärkeren psychophysischen Kraftaufwand erfordert und daher um so schwieriger ist, auf je größere Entfernung d.h. hier auf je entferntere Zeiten es sich erstreckt. Auf allen andern naturwissenschaftlichen Gebieten betrachtet man mutatis mutandis etwas derartiges schon längst als selbstverständlich.

Ein beliebter Trick zur Erhöhung der Glaubwürdigkeit von Prophezeiungen besteht darin, daß sie nicht bloß Zukünftiges sondern gleichzeitig auch Vergangenes voraussagen. Dementsprechend wird einfach ihre Entstehungszeit zurückdatiert. Die Lehnin'sche Weissagung über die preußischen Herrscher z.B. wurde gegen Ende des 17. Jahrhunderts verfaßt. Sie behandelt aber die einschlägige preußische Geschichte vom 12. bis 19. Jahrhundert. Die Angaben über die Zeit vor 1700 sind darum natürlich durchaus zutreffend. Ein Blindgläubiger, der um das Jahr 1700 lebte, und dem es nicht darauf ankam, sich zu vergewissern, wann dieselbe entstand, mußte also großes Zutrauen zu ihr besitzen, da alles vermeintlich Vorausgesagte bisher genau eingetroffen war. Was über das Jahr 1700 hinausgeht, ist aber völlig unrichtig.

Ähnlich liegt die Sache bei der sogenannten malachianischen Weissagung über die Päpste. Diese entstand im Jahre 1590, enthält aber auch "Prophezeiungen" für bereits vergangene Jahrhunderte. Alles vor 1590 Liegende ist natürlich wieder zutreffend, das Spätere nicht.

Ein allerdings recht minderwertiges Seitenstück zu dieser Art Prophezeiungen aus der allerneuesten Zeit, Anfangs Februar 1915 verbreitete sich in Freising eine Ankündigung über das Ende des Krieges. Etwas später brachte das Freisinger Tagblatt unterm 26. Februar darüber einen Artikel, dessen wesentlicher Inhalt ungefähr folgender ist: "Die Haushälterin eines Generals forderte denselben zu Beginn des Sommers 1914 auf, früher als sonst seinen Urlaub anzutreten, da anfangs August ein Krieg ausbrechen werde. Der General lachte über diese Behauptung, versprach aber schließlich für den Fall der Richtigkeit 50 Mark Belohnung. Nach dem Eintreffen der Prophezeiung fragte er seine Haushälterin, ob sie nun wohl auch wisse, wann der Krieg zu Ende sei und stellte ihr jetzt 100 Mark in Aussicht. Sie gab alsdann den 24. Mai 1915 an und bat ihn gleichzeitig, er möge ihr seine Schenkung


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schriftlich bestätigen, denn sie selber werde diesen Tag nicht mehr erleben, sondern bereits im Januar sterben. An dem von ihr vorausgesagten Tage starb sie auch wirklich." Ich war erstaunt, daß selbst eine Anzahl Gebildeter nicht ganz abgeneigt war, dieser Prophezeiung ein gewisses Zutrauen zu schenken, da der erste Teil derselben sich bereits als richtig erwiesen hätte. Niemand konnte mir aber den Namen des betreffenden Generals oder seiner Haushälterin nennen, auch niemand den Gegenbeweis für meine Behauptung erbringen, daß diese Prophezeiung, um die Angabe über die Zeit der Beendigung des Krieges glaubwürdiger zu gestalten, erst anfangs Februar 1915 hergestellt worden sei.

Kurz nachdem ich Vorstehendes geschrieben hatte, las ich zu meiner Überraschung in einer spiritistischen Zeitschrift zwei Variationen dieser Prophezeiung. Die eine lautet folgendermaßen:

"Ein Architekt aus Cöln machte sich im Sommer 1913 das Vergnügen, sich während seines Sommeraufenthaltes von einem Zigeuner einer vorüberziehenden Truppe weissagen zu lassen. Der Zigeuner deutete ihm, daß er im nächsten Sommer 1914 keine Reise unternehmen könne, weil ihn ein Krieg daran verhindere. Dem Zigeuner wurde außer seinem Honorar noch eine Belohnung von 50 Mark versprochen für seine "Kunst", wenn sich seine Prophezeiung erfülle. Der Architekt gab ihm seine Adresse, wo er sich melden könne. Nicht wenig überrascht war der Herr, als sich im August 1914 der Zigeuner bei ihm einfand und seinen Lohn abholte. Der Zigeuner wurde zur nochmaligen Prophezeiung aufgefordert und behauptete nun, daß Friede sei, sobald die Kirschen blühen. Eine weitere Belohnung von 100 Mark wurde ihm wieder in Aussicht gestellt. Gebe Gott, daß er auch diesmal recht hat und seinen Preis abholen kann."

Die andere:

"Eine alte Frau in der sächsischen Schweiz versorgte sich im Juni 1914 mit Mehl und Speisevorräten in solchen Mengen, daß es dem Geistlichen, mit dem sie auf sehr gutem Fuße stand, auffiel. Auf seine Frage, warum sie sich so reichlich mit Speisevorräten versorge, erklärte sie: Wir gehen sehr schweren Zeiten entgegen. Es wird nicht mehr lange dauern, so wird zwischen Frankreich, Rußland und England auf der einen Seite, und Deutschland und Österreich auf der andern Seite ein Krieg entbrennen. Auf die Frage des Pfarrers: Können Sie mir aber auch sagen, wann der Augenblick kommt, wo der Krieg ausbricht? antwortete sie: Am 2. August. - Ist das wahr, so sollen Sie von mir 50 Mark bekommen. Können Sie mir aber auch sagen,


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wann dieser Krieg zu Ende sein wird?' Worauf prompt die Antwort kam: 'Gewiß! am 27. April 1915 wird Frieden geschlossen.' Verdutzt meinte der geistliche Herr: 'Ist das wahr, so erhalten Sie von mir 100 Mark.' Gelassen antwortete ihm das Mütterlein: 'Die 50 Mark müssen Sie mir bezahlen, das werden Sie sehen; aber die 100 Mark werden Sie mir nicht mehr bezahlen können, denn am 9. Januar 1915 werde ich sterben.' - Am 12. Januar 1915 wurde sie tatsächlich beerdigt."

Solches und Ähnliches zirkulierte während des Krieges über das Ende desselben. Wenn ich vorher meine Ansicht dahin aussprach, daß eine Prophezeiung um so schwieriger sein müßte, auf je entferntere Zeiträume sie sich erstreckt, so muß ich jetzt sagen: Sie müßte um so leichter sein, je näher die Zukunft liegt, auf welche sie sich bezieht, ferner je tiefer greifend und je mehr Menschen berührend dieselbe ist. Wäre wirklich ein Hellsehen in bezug auf die Zeit möglich, so wäre es gerade hier zu erwarten gewesen, bei einem Ereignis, das Hunderte von Millionen menschlicher Gemüter in Aufregung erhielt, ja vielfach sogar bis in die innersten seelischen Tiefen aufwühlte und dessen Ende in naher Zukunft lag. - Was soll nun da von den Prophezeiungen eines Nostradamus (1503-1566) halten, die sich gleich auf Jahrhunderte erstrecken!?

Als Entschuldigung für einen so ausführlichen Bericht obiger alberner Erzählungen möchte ich anführen, daß mir nach Erscheinen der ersten Auflage dieses Buches von verschiedenen Seiten gerade mein Skeptizismus in bezug auf die Möglichkeit eines zeitlichen Hellsehens zum besonderen Vorwurf gemacht wurde.

Wenn ich nun auch dem Unterbewußtsein übernatürliche und mystische Fähigkeiten (im Sinne eines "Schöpfens aus dem Absoluten") durchaus nicht zusprechen kann, so bestreite ich anderseits, wie bereits wiederholt hervorgehoben, dennoch durchaus nicht, daß einzelne Zentren desselben in ihrem Spezialgebiete dem bewußten Ich weit überlegen sein können. Aber den eigentlichen, höheren Standpunkt und den freien wissenschaftlichen Überblick über das Weltganze liefern nicht die einseitigen Detaillisten des Unterbewußtseins, sondern das über demselben thronende bewußte Ich. Es ist Aufgabe des letzteren die magischen Fähigkeiten, die im Menschen schlummern, auszuforschen und sie möglichst bewußt auszunützen. Der bewußte Mensch hat übrigens zahlreiche andere Mittel sich mit dem All in Verbindung zu setzen, dasselbe kennen zu lernen und zu studieren. Selbst die peripheren Organe z.B. die Augen, ferner die mannigfachen künstlichen


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Mittel, wie Fernrohr, Mikroskop usw. geben ihm über die Beschaffenheit der Welt vielfach mehr Aufschluß als eine Magie des Unterbewußtseins. Es wäre also ganz verkehrt, in dieser Beziehung auf das Unterbewußtsein und die Magie überhaupt übertriebene Hoffnungen zu setzen. Unsere bereits durch die andern Wissenschaften in den Prinzipien festgelegte Welt- und Naturanschauung wird durch dieselben zwar eine bedeutende Bereicherung und Erweiterung erfahren, aber nicht prinzipiell umgestoßen werden und die natürliche Erforschung des Alls gipfelt nach meiner Überzeugung in einer Naturphilosophie im weitesten Sinne des Wortes, zu welcher alle menschlichen Kräfte und Fähigkeiten und alle menschlichen Wissenschaften und Künste ihren Beitrag leisten müssen, wenn auch in sehr verschiedenem Maße.

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VII. Schlußbemerkungen.


Aus dem Mitgeteilten folgt zweifellos die Berechtigung, die Magie als eine besondere Wissenschaft von der experimentellen Psychologie, der Psychophysik und der Physiologie zu trennen; denn diese beschäftigen sich im wesentlichen mit dem Studium der normalen psychischen, psychophysischen und physiologischen Vorgänge im Menschen, während es sich in der Magie um das Studium und die planmäßige Einübung von psychischen, psychophysischen und physiologischen Vorgängen handelt, welche beim normalen Menschen entweder gar keine oder nur eine ganz nebensächliche und mehr zufällige Rolle spielen und mit größerer Deutlichkeit im allgemeinen nur bei abnorm oder gar pathologisch veranlagten Naturen beobachtet werden.

Gegenüber der Physiologie z.B. ergibt sich ganz evident die Sonderstellung der Magie aus folgendem:

1. Bei magischen Versuchen ist es vielfach notwendig, die spezifische Energie des jeweiligen Nervengebietes in entgegengesetzter Richtung zu senden als dem normalen Verlaufe entspricht. Beim Sehen. Hören, Riechen, Fühlen usw. gelangt die spezifische Erregung von den peripheren Organen, vom Auge, Ohr usw. zentripetal zu den obersten Zentren im Gehirn und schließlich zum Bewußtsein. Zur Erzeugung der entsprechenden Halluzinationen dagegen muß man die Energie von den obersten Zentren im Gehirn in umgekehrter Richtung nach der Peripherie zu, also zentrifugal befördern.

2. Es handelt sich häufig darum, die spezifische Energie über die Fingerspitzen, die Hände usw. hinauszutreiben, während sie unmittelbar in dieser Form im normalen Zustande des Menschen seinen Körper nicht verläßt.

3. Man muß nach dem Gesetze der Umwandlung der Nervenenergie öfters größere Mengen von Energie, namentlich solche der Muskeln, von einem System in ein anderes übertreiben und dortselbst transformieren. Gleichzeitig muß dabei Muskelenergie auf den entsprechenden


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Nervenbahnen zentripetal geleitet werden, statt wie gewöhnlich zentrifugal.

4. Speziell bei der Magie des Unterbewußtseins besteht noch die Aufgabe, einzelne Gehirnzentren weiter auszubilden und selbständiger zu machen, als es beim normalen Menschen der Fall ist.

Trotz allem muß ich aber betonen, daß die Entwicklung magischer Fähigkeiten nicht als etwas Pathologisches betrachtet werden darf. Aus dem im III. Abschnitt Mitgeteilten folgt allerdings, daß von mir die magischen Phänomene großenteils auf pathologischem Wege erzielt wurden. Das gleiche ergibt sich aus dem Studium der Geschichte vieler religiöser Fanatiker und Büßer der Vorzeit sowie zahlreicher hervorragender spiritistischer Medien. Allein der Grund für die pathologische Natur fast aller bisheriger magischer Phänomene ist - abgesehen von rein persönlichen Verhältnissen, die bei mir erst durch eine für später geplante Schilderung meines gesamten Lebenslaufes völlig verständlich werden - lediglich in der Unkenntnis auf diesem Gebiete und in der maßlosen Übertreibung an sich unschädlicher Experimente zu suchen. Wie oft verwandeln sich Übungen, die zunächst schädlich wirken, nicht bloß in unschädliche sondern sogar gesundheitsfördernde! Der Anfänger im Turnen z.B. bekommt häufig durch die ungewohnten Übungen das sogenannte Turnfieber, das bei manchem sich lange Zeit wiederholt. Schließlich wird sich aber wohl ein jeder normale Mensch an das Turnen gewöhnen und daraus bedeutenden gesundheitlichen Nutzen ziehen. Das Einüben z.B. optischer Halluzinationen wirkt, selbst wenn es anfangs, namentlich bei zu energischem Betriebe, etwas anstrengend und nervenerregend sein sollte, außerordentlich günstig auf die Augen durch die stärkere Innervierung derselben und durch vermehrten Blutzufluß. Welch bedeutende Anstrengungen werden beim Militär oft dem Soldaten zugemutet lediglich um seine Kräfte zu stählen! Bei vernünftigem Betriebe fördert analog die Magie vielfach den Gesundheitszustand. Besonders veranlagte Persönlichkeiten können sogar nach längerer Übung ohne jeglichen Schaden für die Gesundheit Leistungen vollbringen, die für andere Menschen gefährlich oder selbst tödlich wären. Das ist keineswegs überraschend und es finden sich Analoga genug auf andern Gebieten. Man denke an die fast übermenschlichen Leistungen vieler Sportsleute, Varietekünstler usw. Man denke an die Tatsache, daß sich die meisten Menschen an Gifte wie Koffein und Nikotin, ja manche selbst an die stärksten Gifte wie Arsenik derart gewöhnen, daß sie die für einen normalen Menschen tödliche Gabe in mehrfacher Menge ohne Schaden ertragen.


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Warum will man gerade die Magie als etwas Pathologisches erklären, weil sie einem unglücklich Veranlagten bei unrichtigem Manipulieren Schaden bringen kann? Wie außerordentlich gesundheitsschädlich wirken zahlreiche wissenschaftliche und technische Betriebe! Man denke nur an die Chemie mit ihren gesundheitsschädlichen und direkt giftigen Gasen! Mein ohnehin nicht allzu kräftiger Körper hätte durch die Chemie bei gleicher Übertreibung sicherlich nicht kleineren Schaden erlitten als durch die Magie. Freilich wäre ich in der mir vertrauten Chemie eben nicht so weit fortgerissen worden.

Eine ungerechtfertigte Bedeutung pflegt man bei magischen Experimenten dem Willen zuzuschreiben. Beim Versuche einer naturwissenschaftlichen Erklärung derselben nennt man gewöhnlich zwei Faktoren, einerseits den Willen, anderseits die "psychische Kraft"*, welch letztere man vermittelst eines starken Willens nach außen dirigieren zu können glaubt. Man gewinnt dadurch den Eindruck, als ob nur besonders willensstarke Personen für Magie geeignet wären und als ob zum Betriebe derselben eine besondere, von den bisher bekannten physischen, psychophysischen und psychischen Kräften prinzipiell verschiedene Kraft erforderlich wäre. Die Unrichtigkeit derartiger Anschauungen beweist schon die Tatsache, daß die spiritistischen Medien vielfach neurasthenische und hysterische Naturen sind, für welche in der Regel gerade Willensschwäche charakteristisch ist**. Wenn man nur bewußt einen Finger seiner Hand bewegt, also wenn man bewußt Nervenenergie in den betreffenden Finger sendet, ist das ein Willensakt und erfordert die Aufwendung von "psychischer Kraft". Man darf deshalb in der Magie die Bedeutung der Mitwirkung des Willens nicht übertreiben. Abgesehen von besonders veranlagten Persönlichkeiten macht eben auch hier die Übung den Meister, geradeso wie in irgend einer andern Kunst oder Kunstfertigkeit z.B. im Zeichnen, im Spielen eines Musikinstrumentes.

Von besonderer Wichtigkeit ist es für den Anfänger, die Anstrengungen niemals zu übertreiben und bei Erschöpfungszuständen die betreffenden Organe längere Zeit ausruhen zu lassen, namentlich aber

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* Selbstverständlich gibt es nach dem S. 43 und sonst Mitgeteilten verschiedene "psychische" (d.h. psychophysische) Kräfte in großer Zahl, so daß man nicht, wie es in der Regel geschieht, von einer "psychischen Kraft" schlechtweg sprechen kann. Ähnlich ist der mystische Ausdruck "Od" nur ein Sammelname für eine Anzahl psychophysischer Kräfte.

** Allerdings sind sie dann hilflose Werkzeuge ihres Unterbewußtseins.


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außerhalb der eigentlichen Übungszeit sich mit dem Unterbewußtsein im allgemeinen nicht zu beschäftigen, auftretende innere Stimmen, optische Halluzinationen und dergleichen zu ignorieren. Sie verlieren sich dann gewöhnlich von selber wieder, während sie im andern Falle sehr leicht ausarten und das Nichteinhalten einer strengen Arbeitszeit das Nachgeben jedem sich meldenden kleinen "Geiste" gegenüber zu einer Verflachung und zu einem Sichverlieren ins Bodenlose führt, wie es von Frau Seiling* in geradezu typischer Weise während so langer Zeit - mutatis mutandis genau wie von mir selber - erlebt wurde.

Man betrachte die Magie nicht als Dilettantismus sondern als ernsten Beruf, in welchem man, wie in jedem andern, manche Schwierigkeit und Unannehmlichkeit ertragen muß. Man betrachte sie namentlich auch als einen wissenschaftlichen Beruf, der eine entsprechende Vorbildung verlangt. Der Magier muß im Gegensatz zu den meist ungebildeten spiritistischen Medien ein gewisses Maß von allgemeiner, namentlich naturwissenschaftlicher Bildung besitzen, besonders Kenntnisse in Physik und Chemie, in Anatomie, Physiologie und Pathologie des Menschen, in der Psychologie, in der Geschichte der Magie der Vorzeit. Selbstverständlich träume ich dabei von Professuren der Magie an den Universitäten.

Die Magie wird dann zweifellos allmählich eine große Bedeutung erlangen. Sie wird für das Verständnis zahlreicher Religionen, die ja meistens von Magiern begründet wurden, von Wichtigkeit sein. So wurde z.B. der Buddhismus und seine Geschichte, obwohl er offenbar eine Art Experimentalreligion darstellt, außer von Theologen und Philosophen, bisher hauptsächlich von Philologen (Orientalisten) und Historikern studiert. Das ist ähnlich, wie wenn ein Philologe oder Historiker eine Geschichte der Chemie schreiben würde, während doch nur ein Historiker, der zugleich chemischer Fachmann ist, die Befähigung dazu besitzt. Daß auch Spiritismus und Theosophie, zu deren wissenschaftlicher Auffassung die Magie den Schlüssel liefert, eigene, selbständige Religionen mit vielen Millionen Bekennern bilden, habe ich bereits in der Einleitung erwähnt.

Die Phänomene des Traumlebens, Somnambulismus, Hypnotismus, animalischen Magnetismus, des Mystizismus, Spiritismus und Okkultismus, deren Wesen trotz der Berge von Literatur, die darüber existieren, teils noch viel zu wenig, teils noch gänzlich unbekannt ist, werden von der Magie aus eine neue Beleuchtung erfahren. Kann man

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* Siehe die bereits S. 21 zitierte Schrift Seilings III. Kapitel.


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sie doch an sich selber im völlig wachen und der Selbstbeobachtung fähigen Zustande mehr oder weniger gut herbeiführen.

Da der Magier künstlich und absichtlich psychische und psychophysische Phänomene (z.B. Halluzinationen) hervorbringen muß, welche bei verschiedenen Nerven- und Geisteskrankheiten, namentlich soweit sie rein funktioneller Art sind, wie Neurasthenie und Hysterie, bei natürlicher Besessenheit usw. zwangsweise und vom Patienten nicht dirigierbar auftreten, kann er das Wesen dieser Krankheiten bis zu einem gewissen Grade unmittelbar an sich selber studieren. Daraus ergibt sich ohne weiteres die wichtige Bedeutung der Magie für die Psychiatrie.

Eine bedeutende Förderung werden ferner die Psychologie und Psychophysik erfahren, denn zahlreiche psychische und psychophysische Prozesse, die beim normalen Menschen ruhig und unbemerkt, oder an wenig zugänglichen Stellen verlaufen, muß der Magier bis zum Extrem treiben, zum Teil sogar nach außen projizieren, so daß sie leichter studiert werden können. Die Kompliziertheit der seelischen Vorgänge und ihr näheres Getriebe werden erst durch eine Magie des Unterbewußtseins in helles Licht gerückt.

Endlich gestattet die Magie interessante Ausblicke auf die mutmaßliche Entwicklung des Zukunftsmenschen. Diese wird zweifellos zum Teil nach ganz andern Richtungen erfolgen als man bisher meinte. Sie wird sich nämlich nicht bloß auf die Weiterbildung des Oberbewußtseins und seiner Fähigkeiten erstrecken, sondern auch auf diejenigen der niedriger stehenden psychischen und psychophysischen Instanzen des Unterbewußtseins. In gewisser Beziehung ist das vergleichbar mit der Weiterentwicklung eines Kulturstaates, bei welchem Aufklärung und Bildung in immer breitere und tiefere Volkskreise dringt. Da diese dann aber eben deshalb, im Gegensatz zum autokratischen Staate, einen größeren Einfluß auf die Gesamtregierung beanspruchen und damit eine stärkere Dezentralisierung bedingen, so wird analog auch beim Zukunftsmenschen das Unterbewußtsein eine größere Rolle spielen. Der Zukunftsmensch wird daher, von dieser Seite aus betrachtet, keine so strenge psychische Einheit mehr darstellen wie der bisherige. Das ist das Gegenstück zu der am Schlusse des IV. Kapitels erwähnten vorübergehenden stärkeren Zentralisierung bei Durchführung besonders intensiver psychischer und psychophysischer Prozesse.

In der Geschichte der Magie ist nun noch eine große Anzahl der


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verschiedensten anderweitigen Phänomene beschrieben, von welchen ich im Vorstehenden nichts berichtet oder über welche ich bis jetzt überhaupt keine persönliche Erfahrung habe. Bei näherer Prüfung wird sich dabei allerdings meistens herausstellen, daß sie sich schon, auf Grund der in vorliegendem Buche auseinandergesetzten allgemeinen Gesichtspunkte in einfachster Weise erklären, so daß ich nicht im einzelnen darauf einzugehen brauche. Im übrigen handelt es sich vor allem darum, einen wissenschaftlichen Angriffspunkt auf dem Gebiete der Magie zu gewinnen und nur die einfachsten Experimente auszuführen und zu erklären. Das Kompliziertere muß man sich, wie in jeder Kunst und Wissenschaft, für später aufschieben. Alles wird man aber vielleicht überhaupt nicht nachahmen können. Die Leistungen genialer Magier dürften nämlich häufig ebenso Unika darstellen, wie diejenigen genialer Dichter, Musiker und Künstler. Ich halte darum auch zahlreiche Angaben für richtig, selbst wenn sie bei oberflächlicher Betrachtung wunderbar und unglaublich erscheinen mögen. Wie oft wurden jetzt allgemein anerkannte Tatsachen der Astronomie, der Physik usw. bei ihrer Entdeckung angezweifelt und für unmöglich gehalten! Ich halte aber auch die rätselhaftesten magischen Phänomene für rein natürliche Vorgänge, bis der einwandfreie Beweis des Gegenteils erbracht ist; denn man darf nicht vergessen, daß uns vom tieferen Wesen unseres Organismus und seinen Fähigkeiten noch ungemein wenig bekannt ist.

Ganz besonders eindringlich möchte ich jetzt nochmals Unerfahrene warnen, sich mit Magie, namentlich derjenigen des Unterbewußtseins experimentell zu beschäftigen, denn sie hat ihre großen Gefahren. Man denke nur an die Leiden, die ich im III. Abschnitt von mir schilderte. Man denke an die schon im Altertum so gefürchtete Besessenheit, an Spott- und Klopfgeister, an Teufel und böse Geister, an Spukgeschichten der verschiedensten Art, die vielfach in einer verunglückten oder pathologischen Magie des Unterbewußtseins ihre rein natürliche Erklärung finden. Ich stehe bereits in einem Alter*, in welchem Körper und Geist ein ziemliches Maß von Stabilität erreicht zu haben pflegen und trotzdem geht es auch jetzt noch nach mehr als 20 jähriger Übung und Erfahrung infolge der Schwierigkeit, mich mit meinen Nachbarn im Gehirn dauernd zu verständigen und zu einigen, manchmal darunter und darüber. - Freilich habe ich als Anfänger auf dem so dunkeln Gebiete große Fehler gemacht, die ich büßen muß.

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* Siehe Anmerkung 1 S. 22.


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Man glaube ja nicht daß man durch besondere Moralität vor Teufeln gesichert sei. Gerade Heilige haben am meisten mit Teufeln gekämpft Man lasse sich durch die hervorragenden Leistungen einiger abnorm veranlagter Persönlichkeiten z.B. spiritistischer Medien nicht zur Ansicht verleiten, daß die Produktion bedeutender magischer Phänomene keine großen Schwierigkeiten biete. Schon in rein physischer Beziehung können sie bei vielen Menschen eine ungewöhnliche Kraftleistung darstellen und Unerfahrenen Schaden bringen. Ich erinnere an das früher über Frau d'Esperance und Home Mitgeteilte. Ich selber mußte, als ich, zudem noch ungeübt, magische Experimente übertrieb, öfters längere Zeit sitzen oder liegen bleiben, da ich mich kaum mehr rühren konnte und alle Glieder schmerzten. Aber auch in psychischer Beziehung stellen sie bedeutende Anforderungen, namentlich da der Anfänger, wenn er allein seine Experimente ausführt, wie kaum auf einem andern Gebiete dazu kommt, zu übertreiben und keine strenge Zeit für die Ausführung seiner Versuche einzuhalten, weil er von den auftretenden Personifikationen, für welche natürlich als bis dahin untergeordneten Gehirnzentren die weitere Entwicklung einen Fortschritt darstellt, immer wieder dazu animiert wird. Erschreckend groß ist darum die Zahl derjenigen, die als Opfer magischer Experimente in die Irrenhäuser wanderten, denn es ist außerordentlich schwer, die Geister, die man gerufen, wieder los zu werden.

Zum Schlusse möchte ich nochmals erwähnen, daß sich durch die ständige Selbstbeobachtung und durch den jahrelangen Verkehr mit meinem Unterbewußtsein, wie schon vorher angedeutet, für mich allmählich so wichtige neue Ideen, namentlich über die psychophysische Weiterentwicklung des gegenwärtigen Menschen, der keineswegs ein Non plus ultra darstellt, ergaben, daß sich neue Versuche und Studien nunmehr meist nach dieser Richtung bewegen und mir wenig Zeit zum praktischen Betriebe der Magie bleibt und daß ich eben deshalb, wie schon S. 152 angegeben, nicht imstande bin planmäßig magische Experimente vorzuweisen. Die Spiritisten würden mich jetzt - allerdings mit Unrecht - als "verdorbenes" Medium bezeichnen. Dagegen hätte ich den sehnlichsten Wunsch Schüler und Anhänger zu gewinnen, welche nach den in diesem Buche aufgestellten Prinzipien* die Magie praktisch erlernen und ausüben

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* Ein ausreichender Unterricht vermittelst eines Buches oder sonstwie auf schriftlichem Wege läßt sieh übrigens im allgemeinen auch in der Magie ebenso wenig geben, wie in irgend einem andern experimentell naturwissenschaftlichen Fache, z.B. in der Physik oder Chemie. Eine briefliche Heranbildung von Schülern ist mir außerdem schon wegen Mangel an Zeit ganz unmöglich (vergl. "Vorwort zur zweiten Auflage" dieses Buches. Schlußabschnitt S. 7.)


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wollen. Doch läßt mir das schon auf früheren Seiten erwähnte höhere Ziel - Verhütung oder Rückgängigmachung des Alterungsprozesses - viel zu wenig Zeit zur Heranbildung von Schülern. Sollte mir es nicht in dem Maße gelingen, daß ich vermittelst meiner Darlegungen die offizielle Wissenschaft von der Richtigkeit meiner Ansichten überzeugen kann - ich selber vermag ohnehin allein bei dem entgegenstehenden Wust von Irrtümern und Vorurteilen vorläufig nicht genügend durchzudringen -, so zweifle ich dennoch nicht, daß über kurz oder lang die Magie, als letzte der uralten Künste, dem Aberglauben einerseits und der Verachtung anderseits entrissen und als regelrechte Kunst und Wissenschaft anerkannt werden wird. Haben doch ihre beiden Schwestergebiete schon längst dieses Stadium erreicht, indem aus einer Astrologie eine Astronomie und aus einer Alchemie eine Chemie geworden ist.

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VIII. Antwort an meine Kritiker.


In der vorliegenden zweiten Auflage bemühte ich mich, wie bereits im Vorwort zu derselben angegeben, durch zahlreiche Erweiterungen und Ergänzungen meine Ansichten klarer und deutlicher zum Ausdrucke zu bringen. Meine fundamentalen Anschauungen über Halluzinationen, Unterbewußtsein, psychische Spaltungen, über den Spiritismus usw. aber habe ich in keiner Weise geändert, trotz verschiedener Einwendungen von Kritikern und Rezensenten der ersten Auflage.

Wie vorauszusehen war, hat dieselbe nämlich sehr verschiedene, ja geradezu diametral entgegengesetzte Beurteilung erfahren, vom höchsten Lobe bis zur ordinärsten* und verständnislosesten** Herabsetzung. Da ich in keinem Falle etwas darauf erwiderte, bringe ich jetzt dafür an dieser Stelle eine Art Generalantwort. Wegen Raummangel ist es mir aber nicht möglich die Besprechungen*** im einzelnen

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* Dr. Max Ettlinger (München) in der Zeitschrift "Hochland".

** Dr. Baum (Freiburg in der Schweiz) im Kemptener literarischen Ratgeber.

*** Interessenten verweise ich namentlich auf folgende Zeitschriften und Zeitungen, und zwar:

Kath. Theologen: auf "Der Fels" (früher apologetische Rundschau S. 7-15, 46-52, 66-73. 1913. (Frankfurt a. M., Niedenau 24); kath. Kirchenzeitung f. Deutschland S. 246/47. 1914. (München II. Wahrheitsverlag); Augsburger Postzeitung. Liter. Beilage v. 22. Nov. 1912.

Prot. Theologen: Harnacks Theol. Literaturzeitung v. 30. August 1913 (Hinrich'sche Buchh. Leipzig); Bücherwurm S. 314/15 (Dachau 1912); "Die Christliche Welt", herausgegeben von Univ.-Prof. Rahde. S. 311. (Marburg 1916.)

Spiritisten und Okkultisten: Psychische Studien S. 588-91, 692-93. 1912 und S. 107-112. 1915. (Oswald Mutze, Leipzig); Die übersinnliche Welt. S. 88-95, 121-134. 1913. (Paul Eberhardt, Leipzig); Janus S. 458-460 (München 1912); Mitteilungen d. Wiener Leseklubs "Sphinx" (1913): Zentralblatt f. Okkultismus S. 561-570, 639-646. Jg. 1912 und später wiederholt. (Max Altmann, Leipzig); Neue Lotosblüten u. z. a.

Psychologen und Psychoanalytiker: Zentralblatt f. Psychoanalyse v. Dr. Steckel S. 253-55. 1913. (I. F. Bergmann, Wiesbaden); Imago 1913 (I. F. Bergmann, Wiesbaden).

Psychiater: Allgemeine Zeitschrift für Psychiatrie 1914. S. 769.

Naturwissenschaftler: Zeitschrift für öffentl. Chemie S. 460. 1912. (Kommissionsverlag v. Kells Buchh. Plauen); Bayr. Zeitschrift f. d. Realschulwesen S. 77. 1913. (C. Koch, Nürnberg.)


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zu behandeln. Ich will darum nur einige besonders wichtige Einwendungen herausgreifen und von ganz allgemeinen Gesichtspunkten aus behandeln:

Es hat Anstoß erregt, daß sich mir Halluzinationen des Unterbewußtseins, wie ich im III. und zum Teil auch im V. Kapitel näher angebe, öfters förmlich gewaltsam aufdrängten, so daß ich z.B. auf der Jagd, namentlich bei beginnender Dunkelheit, auf "Phantasie-Elstern" schoß (S. 30 dieses Buches). Manche möchten infolgedessen gerne auch meinen objektiven (realen) Halluzinationen nicht recht glauben, mich wegen meines pathologischen Zustandes überhaupt nicht für genügend fähig halten, exakte Beobachtungen anzustellen und z.B. meine S. 29 beschriebenen Fernwirkungen auf die Wage[sic] lediglich als subjektive optische Sinnestäuschungen auffassen. Um derartigen Einwendungen von vornherein die Spitze abzubrechen, habe ich in der vorliegenden zweiten Auflage den Abschnitt über Halluzinationen des Unterbewußtseins noch ausführlicher behandelt und namentlich hervorgehoben, daß ein geistig gesunder Mensch, im Gegensatz zu einem geisteskranken Halluzinanten, genügend Mittel besitzt, um eine Sinnestäuschung bei näherer Prüfung als solche zu erkennen. Was speziell die bei beginnender Dunkelheit im Gebüsch scheinbar auf dem Boden liegenden, geschossenen Phantasie-Elstern anbelangt, so konnte ich mich bei näherem Zusehen, bei besserer Beleuchtung mit einem Zündholz oder einer Taschenglühlampe, durch Kontrolle vermittelst gerade nicht affizierter Sinne, z.B. durch Zugreifen mit der Hand, ohne weiteres mit voller Sicherheit überzeugen, daß nur eine Sinnestäuschung vorgelegen hatte. Eine rein optische Phantasie-Elster läßt sich eben mit den Händen nicht fassen. Natürlich lösten sich auch die Phantasie-Elstern, die ich am Tage auf den Bäumen sah, bei näherem Herantreten schon rein optisch in Nichts auf.

Die Rezensenten, welche an der Realität meiner von mir als objektiv erklärten Halluzinationen zweifeln, haben ferner nicht berücksichtigt, daß verschiedene derselben auch von andern Personen wahrgenommen wurden. So teile ich im III. Kapitel (S. 27)


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ausdrücklich mit, daß der Herr, welcher mich überhaupt zu den Experimenten über den Spiritismus veranlaßte (S. 22), Augenzeuge meiner Fernwirkung auf eine chemische Substanz - Reduktions-Produkt der Pyrographitsäure - war. Hinzufügen kann ich jetzt noch, daß ich demselben nach Erscheinen der ersten Auflage ein Exemplar meines Buches überreichte und ihn fragte, ob er mit dem Wortlaute der Darstellung des betreffenden Vorganges einverstanden sei, und daß er darauf nach dem Durchlesen der diesbezüglichen Partien erwiderte, es habe sich alles genau so zugetragen, wie ich es schildere. Er hat mich auch ermächtigt, Zweiflern seinen Namen und seine Adresse* anzugeben.

Im III. Kapitel (S. 31 ff.) erwähne ich ferner, daß zwei Äpfel von einem Baume durch Fernwirkung heruntergeschlagen wurden. Ich habe dieselben sofort aufgehoben, meiner Mutter gezeigt, dann ein paar Wochen lang aufbewahrt und schließlich gegessen. Waren das auch Phantasie-Äpfel, analog den Phantasie-Elstern, die ich schoß? Nach Kapitel III (S. 27) war auch sonst meine Mutter Zeugin. Nachträglich will ich noch hinzufügen, daß sie ebenso wie ich, dutzendemale die verschiedensten Klopflaute vernahm, wenn sie jeweils gerade in meinem Zimmer anwesend war, und zwar ohne daß ich sie vorher darauf aufmerksam gemacht hatte, sodaß es sich nicht bloß um unbewußte suggestive Beeinflussung durch mich handeln konnte. Auch meine gegenwärtige Haushälterin ist mir Zeugin für die Realität zahlreicher charakteristischer Klopflaute. Im V. Kapitel teilte ich u.a. mit, daß die radikale Änderung meines Gesamtgesichtsausdruckes auch anderen Personen auffiel (S. 33). Zeugen meiner abnormen Turnleistungen waren die damaligen Mitglieder der Freisinger Männer-Riege. Über die Tatsache, da ich reale Wirkungen und namentlich auch Fernwirkungen auf magischem Wege hervorbrachte, kommt also kein ehrlicher Kritiker hinweg.

Man möchte jemand, der an Halluzinationen "leidet", gerne als geistig minderwertig darstellen. Ich bestreite nicht, daß das vielfach berechtigt ist. Aber hatten nicht selten gerade auch Männer, die in der Weltgeschichte, in Wissenschaft oder Kunst eine besonders hervorragende Rolle spielten, Halluzinationen? Zu allem Überflusse erwähne ich im IV. und V. Kapitel ausdrücklich einzelne derselben, wie Napoleon I., Luther, Goethe, Johannes Mueller, Anzengruber. Daß auch ohne die geringste geistige Erkrankung rein physische Ursachen vorübergehend

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* Vergl. dazu S. 22 Anmerkung 2.


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schwere Halluzinationen herbeiführen können, zeigt ein Beispiel aus allerneuester Zeit. Bekanntlich verunglückte vor einigen Jahren die Expedition des Kapitäns Mikkelsen nach Grönland. Er und sein Begleiter (Iversen) mußten in dem unwirtlichen Lande die schwersten Strapazen und Entbehrungen ertragen. Die Folge davon war, daß bei beiden während dieser Zeit sehr charakteristische Halluzinationen des Hungers auftraten. In dem Berichte über seine Reise schreibt Mikkelsen darüber wörtlich folgendes*: "Es steht schlimm mit den schmerzenden Füßen; sind wir aber erst in Bewegung, so geht es einigermaßen. Schlimmer ist es mit dem Hunger, der mit jeder Minute zunimmt und physische Schmerzen verursacht. Ich kann immer nur an Essen denken. Anfangs weilen meine Gedanken mit Sehnsucht bei der Erinnerung an verschiedene Speisen, allmählich aber verdrängt der Gedanke an Butterbrot sie alle. Warum es heute gerade Butterbrot sein muß, weiß ich nicht, denn in den letzten Tagen war es vor allem ein ungeheuer großes Beefsteak, das meiner Phantasie als Inbegriff allen irdischen Glücks vorgeschwebt hatte. Heute jedoch ist es, wie gesagt, Butterbrot, das mir als das Begehrenswerteste auf Erden erscheint. Besonders an die Pakete mit Nahrungsmitteln muß ich denken, die ich Bettler oft erhalten sah, und der Gedanke an die Geringschätzung, mit der die meisten dieser Wackeren eine solche Gabe betrachten, die zu besitzen ich in meinem gegenwärtigen Zustand Jahre meines Lebens geben würde, versetzt mich in wahre Wut. Auch an die, schönen weißen kleinen Frühstückspakete muß ich denken, die ich von meinen Schultagen her so gut kenne, und der Gedanke daran erfüllt mich in einem Maße, daß ich vergesse, wo ich bin und mir schließlich einbilde, in Kopenhagen umherzuwandern und nach einem dieser Pakete zu spähen, die ich in besseren Tagen bisweilen auf der Straße liegen sah. Und plötzlich erblicke ich, was ich suche - ein kleines weißes Paket, es liegt ein wenig rechts von mir; es kann offenbar nichts anderes enthalten als Butterbrot! Schleunigst will ich zu ihm hineilen und es aufheben, bevor ein Konkurrent es entdeckt; doch da stößt mein Fuß an einen Stein, der mich auf peinliche Weise daran erinnert, daß ich in Grönland bin und daß Kopenhagen und Butterbrote unendlich fern sind. Zu Iversens großer Verwunderung bin ich nach rechts abgebogen und vor mir liegt ein kleiner weißer Stein, leuchtend im Sonnenlicht. - - - Ach nein, diesmal war es nichts Eßbares! Ich

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* Kapitän Mikkelsen. Ein arktischer Robinson. (F. A. Brockhaus, Leipzig 1913. S. 291.)


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spanne meinen Riemen also fester und gehe wieder längs der Küste weiter. Doch die lockenden Pakete wollen mir nicht aus dem Sinn! Es währt nicht lange, so bin ich abermals auf Abwegen und ertappe mich dabei, wie ich wieder vom Kurs abweiche, um Jagd auf einen kleinen weißen Stein zu machen, in dem seligen Glauben und der sicheren Überzeugung, mich diesmal nicht zu täuschen, sondern wirklich ein Paket Eßwaren zu sehen. Daß es Iversen nicht besser geht als mir, ist klar; denn ich merke, daß er häufig stehen bleibt, und wenn ich mich umwende, um zu sehen, was im Wege ist, beobachte ich, wie er einen großen Stein einer gründlichen Untersuchung durch das Fernglas unterzieht, es jedoch kopfschüttelnd gleich wieder absetzt. Ich frage mehrmals, ob er etwas von Interesse sehe, und erhalte stets die Antwort, er habe geglaubt eine Proviantkiste zu sehen, aber bei näherer Untersuchung habe sich herausgestellt, daß es ein großer Stein sei. Bald höre ich auf zu fragen, denn es ist allzu peinlich, und ich weiß ja, was zu sehen er sich einbildet."

Mikkelsen hielt also nach dem Vorstehenden Steine für Butterbrote infolge optischer Halluzinationen (Illusionen). Hat er deshalb die Steine gegessen? Ein Wahnsinniger hätte es wohl getan. Aber Mikkelsen war das eben nicht und besaß darum in seinen anderen Sinnen und seinem gesunden Menschenverstande noch genügend Kontrollmittel, um den rein optischen Irrtum zu erkennen. Er schrieb ferner ein dickes Buch über sonstige Reiseerlebnisse, über die Gegenden, die er durchwanderte, über die Schrecken der Polarnacht usw. Will man auch an der Glaubwürdigkeit dieser Berichte zweifeln und sie für bloße Halluzinationsbilder seiner aufgeregten Phantasie erklären, lediglich deshalb, weil er vorübergehend Steine mit Butterbroten verwechselte?

Warum sollen nun meine Angaben über objetive Halluzinationen nicht genügend zuverlässig sein, weil ich auch subjektive hatte und in der Aufregung der Jagd z.B. dürres, auf einem Baume befindliches Laub beim Durchblicken zum hellen Himmel, oder ein dunkles, auf weißem Schnee liegendes Holzstück, also entsprechende Mischungen von schwarz und weiß, mit einer schwarz-weißen Elster verwechselte? Habe ich vielleicht deshalb auch überhaupt niemals wirkliche Elstern geschossen, oder mangelte mir deshalb überhaupt die Fähigkeit, eine wirkliche Elster von einer Phantasie-Elster zu unterscheiden?

Daß es sich bei mir gerade immer wieder um Halluzinationen handelte und zwar um viel verschiedenartigere und mannigfaltigere als


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etwa bei Mikkelsen, ist vor allem daraus zu erklären, daß sie einen Hauptgegenstand meiner Studien und Experimente bildeten. Durch absichtliche Übung, aber auch durch Überanstrengung und unbeabsichtigte Nebenwirkung hatte ich ferner alle möglichen Zentren des Unterbewußtseins in Tätigkeit und Aufregung versetzt. Diese arbeiteten und phantasierten dann in ihrer Art weiter, selbst wenn ich ihre Tätigkeit nicht mehr wollte, weil es eben Lebewesen sind, die nicht immer wie ein rein physikalischer oder chemischer Apparat schnell in den Ruhezustand zurückkehrten, wenn ich sie nicht mehr gebrauchte. Tiefsinnige Mathematiker rechnen häufig, ohne es zu wollen, auf der Straße, beim Spaziergang mitten in einer belebten Stadt. Übereifrige Klavierspieler trommeln immer wieder und oft bei sehr unpassender Gelegenheit mit den Fingern auf den Tisch, im Gasthause, in Gesellschaft usw., weil auch bei ihnen wie bei jedem tiefer ergriffenen Menschen das Unterbewußtsein stärker in Mitleidenschaft gezogen ist, so daß es mehr oder weniger selbständig weiterarbeitet. Dementsprechend halluzinierte ich unter den verschiedensten Bedingungen. Aber gerade infolge der zahllosen Halluzinationen (Illusionen) und der andauernden Kämpfe mit verschiedenen Zentren des Unterbewußtseins wurden mir ihr Wesen und ihre physischen und psychischen Eigentümlichkeiten klarer als irgend einem Fachmann (Psychiater) auf diesem Gebiete, der dieselben nur an seinen Kranken beobachtet und studiert und nicht an sich selbst durch unmittelbare Anschauung. Darf man mich nach meiner ganzen wissenschaftlichen Vergangenheit in der Chemie, in der ich doch auch objektive Tatsachen feststellen mußte, und zwar zum Teil mit ganz besonders großer Genauigkeit, nach jahrelangem Studium der subjektiven und objektiven Halluzinationen für unfähig halten, beide voneinander zu unterscheiden?

Im übrigen waren meine Halluzinationen unbedenklich in dem Sinne, daß weder mein Beruf durch dieselben litt, noch irgend jemand geschädigt wurde. Selbst wenn einer gelegentlich zu viel Alkohol zu sich nimmt, so daß er die Wirklichkeit mit einer lebhaften Vorstellung verwechselt, steht bei ihm die Sache im allgemeinen auch nicht allzu schlimm. Noch weniger war es bei mir der Fall, wenn ich auf Phantasie-Elstern schoß, mich im Dunkeln nach einer vermeintlich geschossenen bückte oder sonstigen harmlosen Täuschungen für einige Zeit verfiel, da die Schädigung meiner Gesundheit im Interesse eines ernsten Zieles erfolgte. Schon viele haben sich krank studiert, ihre Gesundheit durch übermäßige Berufstätigkeit geschädigt. Die Eigenart der bei mir auftretenden gesundheitlichen Schädigungen wurde vor


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allem durch die Eigenart der mir gestellten Aufgabe und des von mir betriebenen Studiums bedingt. Eine intensivere Weckung und Ausbildung einzelner Zentren des Unterbewußtseins wird auch in späterer Zeit, selbst bei völlig richtigem Betriebe und weit fortgeschrittener Wissenschaft auf diesem Gebiete, den betreffenden Menschen viel leichter Halluzinationen und sonstigen vom Unterbewußtsein ausgehenden Unannehmlichkeiten aussetzen, als irgend eine sonstige Berufsart.

Eine andere Frage ist die, ob nicht meine ganze Magie zum guten Teil eine pathologische Errungenschaft darstellt. Das bestreite ich nicht. Im Gegenteil, in diesem Buche gebe ich wiederholt an, daß ich viel, sehr viel gelitten habe, freiwillig und unfreiwillig. Freiwillig, indem ich die Experimente häufig bis zur äußersten Ermüdung und Schmerzhaftigkeit trieb, unfreiwillig dadurch, daß wie vorher erwähnt, die infolge der Überanstrengungen überreizten Zentren des Unterbewußtseins nachträglich oft in der heftigsten Weise reagierten und mir die größten Kämpfe und Schwierigkeiten bereiteten. Wer möchte aber bestreiten, daß das Pathologische nicht bloß in der Geschichte einzelner Männer, sondern auch ganzer Völker eine wichtige Rolle spielte? Welche Strapazen mußten von altersher die Soldaten im Kriege ertragen! Unzählige opferten Gesundheit, Blut und Leben! Waren ferner die vorher erwähnten Halluzinationen Mikkelsens vielleicht nicht auch pathologisch? Welche Mühseligkeiten erduldeten überhaupt viele andere, gerade besonders berühmte geographische Forschungsreisende und Entdecker bis herein in die allerneueste Zeit! Ich erinnere z.B. an den Engländer Scott, der, nachdem er sein Ziel, den Südpol, als zweiter erreicht hatte, an Erkältung, Hunger und Erschöpfung zu Grunde ging. Wenn man will, kann man die Unternehmungen, Strapazen und Entbehrungen von Nansen und Johansen als die Abenteuer zweier Narren erklären, während ihnen tatsächlich doch bei ihrer Rückkehr auch die gebildete Welt wie Helden zujubelte. Schon die Ausdauer vieler Forscher erscheint direkt als etwas Krankhaftes.

Deshalb braucht man aber mit den in Frage kommenden Persönlichkeiten keineswegs das Mitleid zu haben, welches sie zu verdienen scheinen. Bei ihnen herrschen nämlich verschiedene anderweitige angenehme und erhebende Gefühle und Triebe mit abnormer Stärke vor, wie Vaterlandsliebe, Wissenstrieb, Verlangen nach großen Taten, Ehrgeiz usw., welche die drohenden Gefahren vergessen machen und eingetretene Leiden und Unannehmlichkeiten mildern. Ihnen wird alles


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viel leichter erträglich als andern, die mit den normalen Motiven und Gefühlen und unter normalen Verhältnissen arbeiten. Selbst ein tödlich und an sich schmerzhaft verwundeter Soldat z.B. empfindet während der Schlacht häufig keinen Schmerz. Damit ist freilich nicht ausgeschlossen, daß nachträglich auch bei solchen Menschen, wenn die Strapazen zu lange dauern, infolge von Erschöpfung unfreiwillig Schmerzen und Leiden eintreten, ähnlich wie bei dem vorher erwähnten Mikkelsen. Sie haben sich vielfach im Übereifer und in der Begeisterung in eine Zwangslage begeben und mußten dann die Folgen übernehmen. Wer A gesagt hat, muß auch B sagen. So ging es oft auch mir. Ich werde übrigens später zeigen, daß das von mir erstrebte Hauptziel, welches, wie in den "Schlußbemerkungen" dieses Buches S. 229 angegeben, nicht mehr die reine Magie darstellt, seinem ganzen Wesen nach ein gewisses Maß von Pathologie bedingt. Ich erstrebe, und es vollzieht sich auch tatsächlich in meiner ganzen physischen und psychischen Beschaffenheit eine gewisse Umwälzung, die wegen der Kompliziertheit des menschlichen Organismus und wegen der Neuheit des ganzen Unternehmens nicht vollkommen glatt ablaufen kann, sondern bald da, bald dort vorübergehende Störungen veranlassen muß, denen ich aber, wie mir die Erfahrung seit vielen Jahren zeigt, immer wieder so weit gewachsen bin, daß ich nicht eigentlich krank werde.

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Einige Kritiker scheinen daran Anstoß zu nehmen, daß ich als Chemiker mich auf ein mir fremdes Gebiet gewagt habe und gehen offenbar von der Ansicht aus, ich sei ohne besondere Vorbildung auf den einschlägigen Gebieten der Psychologie, Psychiatrie, des Spiritismus usw. nicht berechtigt mitzureden. Zweifellos bin ich auch aus diesem Grunde bis jetzt von vielen Vertretern der offiziellen Wissenschaft ignoriert worden.

Ich möchte dazu bemerken, daß eine jede Wissenschaft das Gute daher nehmen soll, von woher es kommt, ohne Rücksicht auf den Geber. Daß aber manchmal auch ein "Nichtfachmann" auf einem ihm an sich fremden Gebiete nicht bloß überhaupt etwas leisten, sondern sogar geradezu bahnbrechend wirken kann, dafür bietet die Geschichte der Wissenschaften zahlreiche Beispiele. Der Reiteroffizier Zeppelin war der Erfinder des lenkbaren Luftschiffes, während gerade eine Versammlung von Fachleuten (Ingenieure und Techniker) noch im Jahre 1900 seine Pläne für undurchführbar erklärte. Die moderne experimentelle Psychologie wurde durch den Mediziner (Physiologen)


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Wundt begründet, die Bakteriologie durch den Chemiker Pasteur, die Hygiene durch den Chemiker Pettenkofer. Der Arzt I.R. Mayer stellte das, namentlich für die Physik grundlegende Gesetz der Erhaltung der Energie auf usw. Manchmal ist ein Gebiet mit den bereits bekannten und "bewährten" Methoden schon so bearbeitet und nach gewissen Richtungen ausgebeutet, daß kein prinzipieller Fortschritt mehr möglich scheint. Dann ist es gut, wenn ein fremder Eindringling mit andern Methoden und Anschauungen daher kommt. Die Psychologie erkennt z.B. die außerordentlich wichtige Bedeutung des Unterbewußtseins immer mehr an, besitzt aber bis jetzt keine tiefer gehende Methode zum näheren Studium desselben. Ganz neue Gesichtspunkte und Forschungsmöglichkeiten eröffnen sich aber, wenn man den Menschen nicht bloß in seiner (scheinbaren) psychischen Einheit und Einfachheit betrachtet wie bisher, sondern wenn man nach meinen Methoden seine psychische Zusammensetzung und Kompliziertheit untersucht. Ich behaupte glattweg: Die gegenwärtige Psychologie ist nur eine halbe Psychologie. Sie betrachtet fast nur die eine Seite der menschlichen Seele. Es fehlt ihr aber fast jede nähere Kenntnis der Phänomene, die ich im V. Kapitel als "Magie des Unterbewußtseins" bespreche. Sie muß darum eine Erweiterung und Zweiteilung erfahren: Psychologie der psychischen Einheit (bisherige Psychologie) und Psychologie der psychischen Zusammengesetztheit (psychische Tätigkeit der einzelnen höheren Nervenzentren und ihr geistiges Zusammenarbeiten).

Und wie kam ich zu dieser Erkenntnis? Zum guten Teil dadurch, daß ich nicht wie ein feinfühlender Psychologe, sondern als "gelernter" Chemiker mit mir selber meistens experimentierte, wie mit einer leblosen Materie, roh und rücksichtslos, bis infolgedessen immer deutlicher psychische Spaltungen eintraten und einzelne Zentren des Unterbewußtseins, die sich besonders verletzt fühlten, immer energischer gegen eine solche Art der Behandlung demonstrierten und mir zeigten, daß ich nicht "Einer" sei im strengsten Sinne des Wortes, sondern mit noch andern Mächten in meinem Innern zu rechnen habe. Schließlich ergab sich dann weiter von selber, daß mit dieser psychischen Kompliziertheit der komplizierte Aufbau der physischen Unterlage d.h. des menschlichen Leibes im Zusammenhange stehe.

Freilich wird es noch lange dauern, bis man mich genügend versteht und sich in meine Anschauungen hineinleben kann. Findet sich doch in einem umfangreichen Werke eines bekannten Gelehrten folgende Stelle: "Durch die Lokalisations-Theorie würden Wille und Bewußtsein


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nicht nur lokalisiert, sondern auch entsprechend den verschiedenen Zentren geteilt. Eine solche Teilung widerspricht aber der ersten psychischen Erfahrung, die wir an uns selbst machen, der Erfahrung von der Einheit unseres Bewußtseins, von der Einheit unseres Willens."

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Manche Theologen und Anhänger der mittelalterlichen Philosophie können sich noch immer nicht recht mit den modernen Naturwissenschaften befreunden und haben zu den Beobachtungs- und Experimentalforschungen der neueren Zeit wenig Zutrauen, da nach ihrer Ansicht dieselben nicht genügend tief gehen und mehr auf Oberflächen-Wissenschaft hinauslaufen. Daß solche Gelehrte sich auch von meiner Magie nicht allzuviel versprechen ist klar. Aber lehrt nicht die Geschichte der Wissenschaften, daß gerade die naturwissenschaftliche Art der Forschung nicht selten die rein theoretisch-philosophischen Spekulationen - deren sonstigen Wert ich damit selbstverständlich keineswegs bestreiten will - als irrtümlich nachwies? Hat nicht die messende, beobachtende und rechnende Astronomie im Laufe der Zeit ein wesentlich anderes Weltbild zum Gemeingute der Menschen gemacht? Ist das zu bedauern? Ist das moderne Weltbild nicht großartiger und herrlicher und doch einfacher als das frühere? Wie haben sich mit der Entwicklung der Naturwissenschaften unsere Ansichten über das Alter der Erde und des Menschengeschlechtes geändert! Die Theologen sträubten sich oft lange Zeit gegen derartige naturwissenschaftliche Entdeckungen, konnten sich aber schließlich doch mit ihnen abfinden, ohne deshalb die Prinzipien ihrer Wissenschaft aufgeben zu müssen. Auch auf dem Gebiete der Magie wird eine exakte naturwissenschaftliche Forschung vielfach zu wesentlich anderen Resultaten gelangen als die häufig nur oberflächlichen Beobachtungen und abergläubischen Deutungen früherer Zeiten. Sie wird auch hier Klarheit, System und Ordnung schaffen. Meine eigenen Beobachtungen an mir selber zeigen mir zur Evidenz, daß es auch auf rein naturwissenschaftlichem Wege möglich ist, einen gewissen, in manchen Beziehungen sogar tieferen Einblick in das Wesen des Menschen und seiner physischen und psychischen Fähigkeiten zu gewinnen, als nach den bisherigen Methoden; ähnlich wie man - so unpassend vielleicht manchem der Vergleich vorkommen mag - durch rein physikalische und chemische Mittel nach verschiedenen Richtungen einen tieferen Einblick in das Wesen und die Eigenschaften der Materie gewinnen konnte, als durch bloße philosophische


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Spekulationen. Niemand verteidigt heutzutage noch die mittelalterliche Zoologie, Astronomie oder Alchimie. Warum will man die mittelalterliche Magie und verschiedene mittelalterliche psychologische Anschauungen, soweit sie tatsächlich unrichtig sind, noch aufrecht erhalten? Wer möchte mir in Übel nehmen, meine Ergebnisse zu veröffentlichen und nach bestem Wissen zu deuten, selbst wenn manche Idylle, in die sich einer im Laufe der Jahre hineingelebt hat, durch dieselben zerstört werden sollte? Wenn ich sie nicht veröffentliche, so wird doch über kurz oder lang ein anderer zu den gleichen Ergebnissen kommen müssen.

Aus privaten Mitteilungen und Anfragen, sowie aus einer öffentlichen Kritik* ersehe ich, daß einzelne Theologen und übereifrige Nichttheologen von einer Naturwissenschaft der Magie eine Gefahr für ihre religiösen Anschauungen und Überzeugungen befürchten und meinen, daß durch dieselbe der Glaube an eine Fortdauer der Seele nach dem Tode, an Wunder und Weissagungen usw. untergraben werden könnte. Dazu möchte ich folgendes bemerken:

Ich gehe von Tatsachen aus, namentlich solchen, die sich mir durch vieljährige Experimente und Beobachtungen an mir selbst ergeben haben, und will auf Grund derselben auch auf dem Gebiete der Magie eine rein natürliche Beobachtungs- und Erfahrungswissenschaft begründen, wie sie bereits in der Physik, Chemie, Astronomie, Anthropologie, experimentellen Psychologie usw. existiert. Es besteht also eine scharfe Grenze zwischen der von mir erstrebten Magie einerseits und dem Spiritismus und den vorher erwähnten theologischen und religiösen Fragen andererseits. Daß speziell für den religiösen Glauben an die Unsterblichkeit der Seele meine Magie keinerlei Gefahr bedeutet, ja daß sie mit demselben unmittelbar gar nichts zu tun hat, ergibt sich ganz evident aus folgendem Beispiel:

Im VI. Kapitel setze ich das Wesen und die Möglichkeit einer Gedankenübertragung in die Ferne auseinander. Bei abnorm veranlagten Menschen und bei Persönlichkeiten, die sich unter besonderen Verhältnissen befinden, kann nun eine solche Gedankenübertragung unbewußt und unfreiwillig eintreten. Ein ganz abnormer Zustand ist aber für den Menschen offenbar die Zeit unmittelbar vor seinem Tode. Namentlich bei gewissen Krankheiten gehen da in seinem Innern oft tiefgreifende Veränderungen vor sich, welche zu einer starken Erregung einzelner Nervengebiete führen können. Wenn nun infolgedessen ein

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* Passauer theol. prakt. Monatsschrift S. 394-405. 1915.


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Sterbender die Fähigkeit erlangt, sich bei entfernten Verwandten oder Bekannten "anzumelden" (s. unter "Anmeldung Sterbender"), dann ist das offenbar ein ganz natürlicher Vorgang, der mit der Frage der Fortdauer der menschlichen Seele nach dem Tode nichts zu tun hat, da der sich Anmeldende ja noch nicht tot ist. Die Behandlung eines derartigen Falles gehört also in die experimentelle Naturwissenschaft der Magie. Ob sich aber bereits "Verstorbene" anmelden können und in wieweit ein "Verkehr mit Verstorbenen" möglich ist, das ist eine rein theologische, bzw. auch spiritistische Frage, deren Behandlung nicht in ein naturwissenschaftliches Lehrbuch gehört. Der Physiker oder Chemiker prüft nicht, ob außer durch physikalische und chemische Mittel auch durch Geister Verstorbener, durch Engel, Teufel oder sonstige außer- und übernatürliche Wesen und Kräfte, physikalische und chemische Wirkungen hervorgebracht werden können. In keinem Lehrbuch der Psychiatrie findet sich eine Besprechung diabolischer Besessenheit, obwohl Nerven- und Geisteskranke sich häufig wie diabolisch Besessene benehmen. Es ist darum auch meine Aufgabe, in einem naturwissenschaftlichen Lehrbuch der Magie, wie es das Vorliegende sein soll, nur mit natürlichen Faktoren zu rechnen und transzendentale (im theologischen Sinne des Wortes) Fragen ganz außer acht zu lassen.

Als darum ein holländischer Gelehrter an mich die Anfrage stellte ob ich es nicht als Naturwissenschaft anerkennen würde, wenn ein experimenteller Verkehr mit Verstorbenen möglich wäre, schrieb ich ihm, daß ich keine näheren Forschungen darüber anstellte, ob neben meiner Naturwissenschaft der Magie noch eine Art naturwissenschaftlicher Experimentalspiritismus möglich sei, daß ich also in dieser Frage nicht kompetent sei. Aber immerhin müsse ich mir sagen, die an mir beobachteten, zweifellos rein natürlichen Erscheinungen sehen denjenigen, welche der landläufige Spiritismus in der Regel den Geistern der Verstorbenen zuschreibt, "verdammt" ähnlich.

Bei dieser Gelegenheit kann ich nicht umhin zu bemerken: Es gab eine Zeit, da man hinter jedem Buchdrucker und Setzkasten einen Teufel vermutete, in Verbindung mit welchem die Schwarzkunst ausgeübt wurde. Es gab eine Zeit, da man überall, in Physik und Chemie, in der Medizin und Astronomie an das Mitwirken guter und böser Geister glaubte. Noch im Jahre 1716 trat der Arzt Andreas Erdmann mit aller Entschiedenheit gegen seinen Fachgenossen Friedrich Hoffmann auf, weil derselbe die Erkrankung bzw. den Tod mehrerer Menschen einer Vergiftung durch Kohlenoxydgas, verursacht durch im


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Zimmer befindliche glühende Kohlen, zugeschrieben hatte, während er selber behauptete, daß nicht das Kohlenoxyd sondern der Teufel die Ursache gewesen sei*. Dieses Stück Mittelalter eines bis zur Lächerlichkeit übertriebenen Teufels- und Geisterglaubens hat sich bis jetzt noch einzig und allein in der Magie erhalten.

Aus privaten Mitteilungen ersehe ich, daß verschiedene Ausdrücke in meinem Buche, die einerseits im theologischen, andererseits aber auch im landläufigen und übertragenen Sinne des gewöhnlichen Lebens gebraucht werden können, wie Teufel, Heilige, Besessenheit, Geister, Mystik usw. mir manchmal unrichtig gedeutet werden, obwohl eine nähere Betrachtung des bereits im Vorwort zur ersten Auflage Gesagten Mißverständnisse hätte ausschließen müssen. Ich wiederhole darum nochmals kurz und bündig und unter Hinweis auf das unmittelbar vorher Mitgeteilte, daß ich alle derartigen Ausdrücke, dem Wesen und Zwecke dieses Buches entsprechend, nur in rein natürlichem und naturwissenschaftlichem Sinne aufgefaßt wissen will.

Infolge der Verquickung von Natürlichem und Übernatürlichem, die man, im Gegensatz zu allen anderen Wissenszweigen, gerade auf dem Gebiete der Magie immer noch als etwas Selbstverständliches betrachtet, herrscht überhaupt eine arge Verwirrung in der ganzen Nomenklatur. Man sehe einmal in der Literatur nach und vergleiche, wie sehr vom Theologen abweichend die Okkultisten z.B. die Ausdrücke "transzendental" und "übersinnlich" (s. S. 187 Anmerkung) anwenden. Ja einzelne Begriffe, die von den Theologen in edlem und erhabenem Sinne gebraucht werden, haben in der gewöhnlichen Sprachweise nicht selten später einen direkt verächtlichen Beigeschmack erhalten z.B. "Mystik" und "mystisch" = Geheimnistuerei in Dingen, bei welchen alles natürlich zugeht. In diesem Sinne möchte ich das Wort "Mystik" z.B. auf S. 191 dieses Buches verstanden wissen. Ein besonders charakteristisches Beispiel für die Wandlung der Bedeutung eines Wortes im Laufe der Zeit findet sich auf chemischem Gebiete. Unter "Alchimie" verstand man ursprünglich dasselbe wie unter "Chemie", während man jetzt damit verächtlich hauptsächlich das chemische Pfuscher-, Schwindler- und Charlatanentum der Vorzeit meint, welches sich seinerzeit gerade hier besonders bemerklich machte.

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* Siehe Voigtlaenders Quellenbücher Nr. 14. Voigtlaenders Verlag, Leipzig.


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Im übrigen erkennen einsichtsvolle Theologen ohne weiteres die Notwendigkeit einer naturwissenschaftlichen Aufklärung der magischen Phänomene an. (Selbstverständlich soweit sie rein natürlicher Art sind.) Skeptiker verweise ich auf die bereits am Eingange dieser "Antwort an meine Kritiker" erwähnten Besprechungen meines Buches durch katholische und protestantische Theologen, namentlich aber auf die dortselbst ebenfalls zitierte Zeitschrift "Der Fels", in welcher eine einwandfreie Autorität, nämlich der Professor der Apologetik an der Universität in München Dr. Anton Seitz, seine volle 22 Seiten umfassenden Äußerungen mit folgenden Worten beginnt:

"Nichts reizt so sehr die Wißbegierde des modernen Kulturmenschen als jenes gleichsam mit sieben Siegeln verschlossene Buch der Natur, welches man unter dem allgemeinen Namen "Okkultismus" d.h. geheimnisvolles Grenzgebiet zwischen Natur und Geistesleben zusammenfaßt und wegen seiner vielfältigen natürlichen Unerklärbarkeit allzu leicht in den Bereich des Übernatürlichen, des Wunders verweist, obwohl es nicht hinausgeht über die auf außerordentliche Weise, nämlich durch Überreizung, zur höchsten Intensität gesteigerte Leistungsfähigkeit der Energie des Nervensystems . . . . . Nicht bloß die rein natürliche menschliche Vernunft, sondern auch der auf dieser Basis ruhende echte Glaube einer übernatürlichen Offenbarungserfahrung hat das heiligste Interesse an der rücksichtslosen Zerstörung jenes Truggebäudes, welches den aufgeklärten Menschen des 20. Jahrhunderts noch in seinen unheimlichen Bannkreis zwingt.

Es ist deshalb geradezu eine apologetische Tat zur Befreiung des gesunden, von altersher kraftvoll entwickelten religiösen Glaubens von dem erstickenden Schmarotzergewächs des modernen Unglaubens, wenn Dr. Ludwig Staudenmaier, Professor der Experimentalchemie an der Freisinger Hochschule, seine ganze Lebenskraft in den Dienst der hehren Aufgabe gestellt hat, jenes schwer zugängliche Gebiet vom Dornengestrüpp des Aberglaubens zu säubern und in unserer sonst so fortgeschrittenen Zeit zu einer experimentellen Naturwissenschaft der Magie hindurch zu läutern . . . . . . Niemand hat sich redlicher bemüht, in seiner Person die entfernteren und näheren Vorbedingungen zu erfüllen, um die in der Mitte liegende Wahrheit kraft nüchterner Vernunftforschung ohne jede Ausartung der Phantasie herauszufinden." Später schreibt er: "Staudenmaier hat durch seine unermüdlichen Versuche die Sphinx des Okkultismus entschleiert und dessen innersten Kern herausgeschält . . . ." Ferner "von den (i. e. von Staudenmaier) dargelegten Wirkungen natürlicher Kräfte oder


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Gesetze brauchen wir nur die Anwendung auf die vermeintlich übernatürlichen Erscheinungen im Spiritismus zu machen, um den faulen Zauber bloßzulegen" usw.

Das Studium dieser Abhandlung von Prof. Dr. Seitz wird, wie ich nicht zweifle, auch sonstige theologische Bedenken zerstreuen. Außerdem muß ich betonen, daß es überhaupt Sache der Apologetik ist, theologische Schwierigkeiten, die sich aus dem Fortschritte der Naturwissenschaften ergeben, einer näheren Prüfung und Diskussion zu unterziehen und zu beseitigen. Ich begnüge mich daher nur noch Worte eines andern Theologen zu zitieren, der sich seit vielen Jahren mit dem Studium der magischen Phänomene vom theologischen Standpunkte aus beschäftigt. Gelegentlich der Besprechung eines über die bekannte Seherin von Schippach erschienenen Buches äußert sich Hochschulprofessor Dr. Ludwig* folgendermaßen: "Des Rätsels Lösung liegt auf psychologischem Gebiete, in der psychischen Spaltung des Bewußtseins, in den sogen. Personifikationen des Unterbewußtseins, über die Prof. Dr. Staudenmaier in seiner 'Magie als experimentelle Naturwissenschaft' so Aufsehen erregende Aufschlüsse gab, die aber schon James (Psychologie. Leipzig 1909) und Freimark (mediumistische Kunst. Leipzig 1914)** teilweise bekannt waren. Mit einem Wort: ohne genaues Studium der hypnotischen, somnambulen und mediumistischen Phänomene gibt es keine Lösung des Schippacher Problems. Aber man fürchtet sich vor dem Neuen, vor dem Begriff "Unterbewußtsein" und argwöhnt bereits eine Erschütterung der christlichen Offenbarung überhaupt. Darauf ist zu sagen, daß die Zukunft die Berechtigung des "Neuen" zeigen wird, daß ohne Annahme eines Unterbewußtseins, einer Doppelseite der menschlichen Psyche ein Verständnis der hypnotischen, somnambulen und mediumistischen Phänomene ebenso wie des Schippacher Problems einfach unmöglich ist. Anderseits gibt es mehr als ein Kriterium, das die Heilsoffenbarungen von jenen sogen. Privatoffenbarungen wohl unterscheidet, und es ist die Aufgabe der modernen katholischen Apologetik, diese Unterscheidungsmerkmale ins helle Licht zu stellen."

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* Theol. Revue Okt. Heft 1916.
** Die erste Auflage meines Buches "Die Magie als experimentelle Naturwissenschaft" erschien 1912!; die ersten Notizen über meine Untersuchungen auf diesem Gebiete überhaupt schon 1910 in 0stwalds Annalen der Naturphilosophie!


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Von verschiedenen Kritikern wurden nun noch manche Einwendungen anderer Art gemacht. Ich möchte dieselben nur nebenbei erwähnen, da sie nicht ernst zu nehmen sind. So besitzen z.B. einige sehr selbstbewußt auftretende Rezensenten meines Buches in der Magie viel zu wenig Fachkenntnis, um ein Urteil über dasselbe abgeben zu können. Ein jeder glaubt hier das Recht zu haben mit souveräner Überlegenheit mitzusprechen, wenn er nur etwas Literatur - und oft was für eine! - gelesen hat, auch wenn er selber niemals auf diesem Gebiete experimentierte. Würde es jedoch ein solcher Schriftsteller wagen, etwa eine physikalische Abhandlung zu rezensieren, ohne die darin beschriebenen Experimente zu kontrollieren oder gar ohne überhaupt jemals in Physik Experimente ausgeführt zu haben? Auf jeden Fall würden ihn bei einem derartigen Versuche die Fachleute verspotten. Ein Chemiker beginnt die Besprechung meines Buches in der Zeitschrift "Die Naturwissenschaften" folgendermaßen: "Staudenmaier hat sich als experimentell arbeitender Chemiker einen geachteten Namen erworben, und daher nahm der Referent das neue Werk des Autors, das eines der allerschwierigsten, wenn nicht das schwierigste Gebiet naturwissenschaftlicher Forschung behandelt, mit großer Erwartung in die Hand . . . ." Dann zieht er aber über meine Magie ziemlich scharf los. - Warum nun diese entgegengesetzte Beurteilung meiner Leistungen in der Chemie einerseits und Magie andererseits? Ich behaupte: Als Chemiker konnte mich der betreffende Rezensent beurteilen, weil er selber Chemiker ist, als Magier aber konnte er mich nicht beurteilen, weil er nicht Fachmann in der Magie ist und dieselbe niemals praktisch betrieb. Ein österreichischer Jesuit äußerte sich einem meiner Bekannten gegenüber ungefähr folgendermaßen: "Wer von der Sache nichts versteht, wird vielleicht über das Buch lachen. Wer aber etwas versteht, wird es sehr ernst nehmen."

Öfters bin ich auch nicht verstanden worden, weil man sich nicht die Mühe nahm, mein Buch eingehender zu studieren. Es stellt keine reine Unterhaltungslektüre dar. In vieler Beziehung ist es bereits zum Lehrbuch der Magie ausgestaltet, und ein Lehrbuch will studiert sein. Sehr bezeichnend ist eine Stelle in der theologischen Literaturzeitung: "Trotzdem kann man dieses seltsame Buch, das beim ersten Durchblättern abstrus erscheint, nicht weglegen und liest es mit Interesse bis zum Schluß." Beim ersten Durchblättern erscheint also das Buch abstrus, widmet man ihm aber mehr Zeit, dann wird es interessant. Wie, wenn der betreffende Referent noch besser ausgeharrt und es schließlich eingehender studiert hätte? Wäre dann sein Urteil nicht


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vielleicht noch günstiger ausgefallen? Die schlechtesten Bücher sind es nicht, deren tieferer Gehalt erst nach wiederholtem Lesen und Studieren erkannt wird.

Mancher Kritiker hat in völliger Verkennung der mir gestellten Aufgabe nicht berücksichtigt, daß ich in der Magie überhaupt nicht so planmäßig arbeiten konnte, wie in einer in ihren Grundzügen bereits fertigen Wissenschaft. Mein Vorgehen ist vergleichbar mit demjenigen eines Forschungsreisenden in einem völlig fremden Lande oder mit einem Pfadsucher in einem Urwald, der zunächst keinen freien Aus- und Überblick gestattet. Ich mußte erst die Magie zu einer Wissenschaft machen und ihre Grundlagen und allerallgemeinsten Gesetze feststellen. Dementsprechend schreibt der Referent der Augsburger Postzeitung (l. c.): "Diese erstmalige Anwendung naturwissenschaftlicher Prinzipien und Forschungsmethoden auf das Gebiet der okkulten Erscheinungen ist sein Hauptverdienst, das ihm nie geschmälert werden kann. Dadurch wurde ihm eine streng einheitliche naturwissenschaftliche Auffassung und Erklärung des Gesamtgebietes ermöglicht." Ein Psychiater äußert sich in einem Privatschreiben an mich: "Ein großer Fortschritt besteht sicherlich darin, daß Sie versucht haben, naturwissenschaftliches Denken auf magische Vorgänge anzuwenden." Man muß darum mein Buch von einem viel weitherzigeren Standpunkt aus betrachten. Photographische und phonographische Aufnahmen, wie mancher Kritiker gewünscht hätte, und überhaupt Detailarbeit mögen jetzt diejenigen liefern, welche, nachdem sie sich durch meine Darlegungen einen Überblick über die gesamte Magie verschafft ein bestimmtes Spezialgebiet zum Studium ausersehen haben, z.B. die optischen oder akustischen Halluzinationen. Die meisten Leser haben gar keine Ahnung, wieviel Kopfzerbrechen mir nur die Entscheidung darüber machte, ob ich für die neue Wissenschaft den verpönten Namen "Magie" gebrauchen solle; sie wissen nicht, welchen Fortschritt es für mich bedeutete, nur die oberste Zweiteilung "Magie des bewußten Ich" und "Magie des Unterbewußtseins" auf Grund mühsamer und anstrengender Experimente herauszufinden und mir klar zu machen.

Wenn nun gar einer behauptet, ich hätte zu viel Theorie gebracht ohne genügende experimentelle Unterlage, so hat er allerdings insofern recht, als das III. Kapitel "Meine persönlichen Erfahrungen auf dem Gebiete der Magie" sehr kurz ist. Aber ich kann ihm verraten,

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* Siehe dazu auch S. 28.


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daß die beiden Hauptgrundlagen meiner Wissenschaft d.h. die Theorien über das Wesen der Halluzinationen und des Unterbewußtseins durch Tausende von Experimenten und Beobachtungen an mir selber gestützt sind. Ich habe es aber entgegen den Gepflogenheiten zahlreicher Forscher der Neuzeit vermieden, meine persönlichen Anstrengungen und Strapazen besonders ausführlich zu schildern. Im übrigen gab ich ausdrücklich an und wiederhole es auch jetzt nochmal, daß meine Versuche keineswegs abgeschlossen sind. Ich experimentiere nunmehr seit 20 Jahren auf dem Gebiete der Magie. Man lasse mir noch einmal 20 Jahre Zeit und verschaffe mir dazu eine Anzahl Mitarbeiter, dann werde ich wieder einen bedeutenden Schritt weiter sein. Die exakten Naturwissenschaften gehen bekanntlich induktiv vor. Man stellt eine Reihe von Beobachtungen und Experimenten an und leitet daraus die allgemeinen Gesetze und Schlußfolgerungen ab. Um aber die letzten und höchsten Konsequenzen rein naturwissenschaftlich ziehen zu können, sind Vorarbeiten einer großen Anzahl von Fachmännern erforderlich. Der Physik und Chemie kann man als Wissenschaften ein Alter von mehr als drei bzw. zweieinhalb Jahrhunderten zuschreiben. Seit dieser Zeit wurde von unzähligen Fachleuten planmäßig experimentell auf diesen Gebieten gearbeitet. Man befrage nun einmal verschiedene Physiker und Chemiker über ihre tieferen Ansichten bezüglich des Wesens der Materie. Wie verschieden werden die Antworten ausfallen! Von meiner jungen Wissenschaft aber verlangt man vielfach bereits Aufklärung über die tiefgründigsten Fragen der Magie z.B. über Materialisation, Hellsehen in Bezug auf die Zeit, Levitation und anderes!

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Damit hätte ich, wie ich glaube, die wichtigsten Einwendungen widerlegt. Nur eine Frage möchte ich hier noch kurz behandeln: Wo liegt die Grenze zwischen Magie einerseits und normaler Psychologie und Physiologie andererseits? Ein Rezensent meines Buches (Dr. W. H. in dem weiter vorne zitierten Zentralblatt für Psychoanalyse) schreibt ungefähr folgendes: "Das Magische beginnt erst da, wo allgemein konstatierbare Tatsachen, allgemein wahrnehmbare Phänomene vorliegen, die vielleicht sogar mit Apparaten (photographisch und grammophonisch) aufnehmbar sind." Darnach wäre offenbar der größte Teil der von mir in diesem Buche beschriebenen Phänomene nicht in die Magie, sondern in die Physiologie und Psychologie zu verweisen. Ich selber habe mir diese Frage seit Jahren überlegt und bin mir darüber auch schon längst klar geworden. Zweifellos hat der betreffende


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Referent im Prinzip recht. Trotzdem wollte ich, selbst nach dieser Anregung, auch in der zweiten Auflage meine Ausdrucksweise nicht ändern und zwar deshalb, weil verschiedene praktische Gründe und Hindernisse entgegenstehen. Nach dieser Grenzscheidung müßte man z.B. die subjektive Halluzination als etwas Normales bezeichnen, die objektive dagegen in die Magie verweisen. Ebenso würde ein rein subjektiver Verkehr mit dem Unterbewußtsein, z.B. durch die innere Stimme, zur normalen Psychologie gehören. Aus Privatgesprächen mit zahlreichen Personen habe ich nun allerdings erkannt, daß es ziemlich viele Menschen gibt, deren Vorstellungsvermögen infolge "peripherer Veranlagung" wenigstens in einem einzelnen Gebiete, z.B. im optischen, besonders lebhaft ist, so daß sich ihre Vorstellungen leicht subjektiven Halluzinationen nähern und darum wohl mit geringer Übung zu solchen ausgebildet werden könnten, ferner daß namentlich Kombinationen von subjektiven Illusionen des bewußten Ich und des Unterbewußtseins nicht allzu selten sind. Dem weitaus größeren Teil der jetzigen Menschen geht aber zweifellos ein solch lebhaftes Vorstellungsvermögen und ein etwas intimerer Verkehr mit einzelnen Zentren des Unterbewußtseins überhaupt ab. Außerdem ist das Vorurteil der offiziellen Wissenschaft gegen jede Art von Halluzinationen und gegen die geringsten Regungen des Unterbewußtseins sehr groß. Die Psychiater würden sie wohl meistens, selbst wenn keine erkennbare Gesundheitsstörung vorliegt, als etwas Pathologisches erklären und eine allgemeine Verweisung derselben in das Gebiet der normalen Psychologie und Physiologie nicht anerkennen.

Doch die Frage der Abgrenzung der Magie von den übrigen Wissenschaften ist jetzt noch nicht vordringlich, weil für die gegenwärtige Wissenschaft im allgemeinen eine Magie überhaupt nicht existiert. Übrigens ist auch die Grenze zwischen subjektiver und realer Halluzination, wie in diesem Buche auseinandergesetzt, für das halluzinierende Individuum nicht ganz bestimmt. Rein äußerlich und objektiv ist sie allerdings um so deutlicher und schärfer. Gerade deshalb aber, weil für das halluzinierende Subjekt kein prinzipieller Unterschied in dieser Beziehung besteht, möchte ich jungen Experimentalpsychologen und Psychiatern (ev. auch Theologen, sofern sie viel mit Nerven und Geisteskranken zu tun haben oder sich eine unmittelbare eigene Anschauung über das Wesen des Spiritismus verschaffen wollen) raten, doch manchmal nach den in diesem Buche angegebenen Methoden einfache subjektive Halluzinationen einzuüben oder einzelne Zentren des Unterbewußtseins etwas zu wecken, kurz Magie wenigstens im


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kleinsten Maßstabe zu treiben. Dazu ist kein großer Zeitaufwand erforderlich. Außerdem werden gebildete Männer, namentlich Psychologen und Psychiater, wenn sie bei den Experimenten mit dem Unterbewußtsein - für diesen Zweck halte ich besonders Schreibversuche S. 22 ff. bz.[sic] S. 114 geeignet - die erforderliche Vorsicht walten lassen, an ihrer Gesundheit keine Schädigung erleiden. Trotzdem erreichen sie nach verschiedenen Richtungen für das Verständnis zahlreicher seelischer Vorgänge sowie Nerven- und Geisteskrankheiten, z.B. der Schizophrenie, durch unmittelbare Selbstbeobachtung mehr, als es durch Beobachtung abnorm veranlagter Menschen bzw. von Patienten möglich ist. Sie werden auch sonst bei näherem Studium meines Buches für die weitere Entwicklung ihrer noch fast in den Windeln liegenden Wissenschaften wichtige Fingerzeige finden.
 
 

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IX. Gesamtregister.

Zur allgemeinen Orientierung verweise ich auf die Inhalts-Übersicht am Anfange dieses Buches.



 
Affekt (peripherer) 145, 146 Bewußtsein = Ich,  bewußtes Ich =
Agent (telepathischer) 178   Oberbewußtsein
Ahnung 192, 211, 212, 215 Bien Boa 92
Aigner, Dr. Ed. 173 Bild (reelles) 46
Akoasmen 45 Bismarck 210
Aksákov 13, 102 Blavatzky 13
Allan Kardec 11 Blick, ekstatischer 63
Alzheimer 149 Bockfuß (Personifikation) 37, 82, 124, 128,
Anderson 94, 198   129, 130, 136-138, 158, 166,
Animismus 12   168
Anmeldung Sterbender 184, 192, 201 Breuer 135
    bis 204, 242 Buddha 141
Annalen der Naturphilosophie  4 Buddhismus 226
(Ostwalds)   Bülow-Bothkamp 173
Anzengruber 44 Butlerov 13
Arbeitsteilung, Prinzip der 88    
Arbeiter (Personifikation) 157, 158 Chevreuil 176
Assoziationszentren 156, 159 Cardanus 43, 210
Astralleib 105, 106 Conversion (hysterische) 135
Aetherleib 105 Cooke Florence 13
Attila 78 Crookes 13, 91, 92, 180, 182
Aura 105    
Autosuggestion 44 Darget 189
    Dedoublierung 195
Baraduc 107, 189 Dematerialisation 63
Bastian (Medium) 122 Denken 68-70, 179
Bauchreden 49 Dessoir, Max 17, 177
Bellachini 15 Differenzierung (physische) 132, 152,
Bergzabern (Spuk) 103   155
Besant Anny 13 Differenzierung (psychische) 132, 152,
Besessenheit 3, 12, 32, 151, 242, 243   155
Betrug (spiritistischer Medien) 121 Doppelgängerei 105, 106


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Ebbinghaus 160 Gesellschaft, anthroposophische 15
Edison 91 Gesellschaft, dialektische 19
Ehrlich 135 Gesellschaft f. psychische   
Einbildung 44, 59, 132    Forschung 20
Einbildungskrankheit 44, 133 Gesellschaft, theosophische 13, 14
Elementargeister 12 Gesicht, zweites 215, 216
Empfänger (telepathischer) 178 Goethe 43, 99, 205 ff., 208, 211
Entlarvung (von Medien) 121 Gottheit (Personifikation) 37, 141 bis
Erektion 62, 133, 136, 137   143
d'Espérance (Medium) 117, 118, 229 Grammophon 49
Exner 88    
Experimentalmagie 39 Halluzination 25, 41, 45, 50-53, 110, 111,
Experimente, magische,     121, 123, 125, 126, 127, 129-131
   Folgen ihrer Übertreibung 229   140, 187, 188, 209, 224, 226, 233
Exteriorisation des Ods 105 Halluzination, Theorie derselben 91
    Hans, kluger 177
Fakir 63, 64 Hauffe, Friederike 10
Fernwirkung (mechanische) 26, 27, 29 Hellenbach, Baron von 13, 122
  31, 57, 58, 233 Hellsehen 178, 188, 208, 209, 212, 
Flammarion 13   218 ff. 
Flechsig 156, 158 Henning 179, 193
Flournoy 18, 193, 216 Hoheit (Personifikation) 34, 68-70, 73, 74,124,
Fox 10   136, 148, 151, 158, 162,
Franzius 173   166-168
Freimark 15, 218 Home (Medium) 13, 118, 120, 229
Freud 135 Hyperästhesie 157
    Hypnose 105, 169
Geber (telepathischer) 178 Hypnotismus 9, 75, 116, 117, 226
Gedächtnis (s. auch    Hysterie 131, 133, 135, 146, 157, 227
   Sondergedächtnis) 142, 143, 152,    
Gedankenlesen  176 James, W. 13
Gedankenleser 176--178, 185, 186 Ichbegriff 170
Gedankenphotographie 54, 55, 189 Ich, bewußtes = Oberbewußtsein
Gedankenübertragung 60, 176, 187 Illusion 26, 111, 127
  188, 189, 192 ff, 213, 215 Individualisation 72
Gedanken (untergeschobene,   Jung (Zürich) 165
  allogene) 110    
Gefühle, religiöse 124 Kaiser, Deutscher (Personifi-  
Geisteskrankheiten 111, 131, 132,     kation) 34, 106, 129
  146 ff, 149, 170 Kerner, Justinus 10
Geistererscheinung 91, 108, 114, 126, Kind (Personifikation) 34, 70, 74, 80
  127, 205 ff.   87, 134, 151, 162-164
Geisterstimmen 91, 108, 120, 126, Kinematograph 46, 91
  127, 205 ff. Kinetik, magische der peri-  
Geisterschrift 91   pheren Nerven und Organe 146
Genialität 90, 96 ff., 100, 101, 150, 183 Kinetophon 91
Gesamtregierung (psychische) 153 ff. Klinkowstroem, Graf von 173


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Klopferscheinungen,    Mystik, mystische (Heilige 2, 9, 30, 37, 
   magische 228, 233 und Büßer) 52, 77, 82, 105,
Komplex, autonomer 165, 166   124, 140, 141, 143, 226 
Kräpelin 88    
Kraft (psychische) 225 Nachbild 41,42
Kronprinz, Deutscher 64 Nachdenken 69, 143, 144, 168
    Naegeli 43
Leidenschaft, periphere 145, 146 Napoleon I. 34, 78, 106, 129
Lernmethoden, magische 100 Naturgeister 12
Licht, reelles 46 Naturphilosophie 222
Linnè 204 Nervenleiden, funktionelle 130, 132,133,
Lipps 67   138 ff., 149, 170
Lodge 13, 180 Nervenleiden, organische 148, 149, 170
Lokalisation der Hirnfunktionen   Neurasthenie 131, 138, 146, 157, 170
    (bzw. psychischer 73, 74, 88, 124, 154 ff.,    227
    Funktionen) 166, 167    
Lombroso 13, 121 Nostradamus 221
Ludwig, Dr., Professor 3, 245 Nissl 88, 149
Lustgefühle, ungewöhnliche 140 Oberbewußtsein = bewußtes 40 ff.,73, 74, 79, 
Luther (Halluzinationen) 78    Ich 86, 89, 92 ff.
Lustnerven 139, 140 Od 12, 105, 122, 225
    Okkultismus 12, 39, 105, 193
Madeleine (Traumtänzerin) 98, 122 Olcott 12, 13
Magie 8 ff ., 39, 138, 222, 223, 226-228 Ostwald, Wilhelm 4, 17, 193, 216
Magie, ihre Sonderstellung 223 Owen, R. Dale 94, 198
Magie, ihre Grenzen gegen      
    die Psychologie 248 ff. Palladino, Eusapia 17, 19
Magie, ihr Verhältnis zur   Perispirit 105
    Theologie 241 ff. Person, Persönlichkeit 86, 87
Magie der peripheren Organe 142 bis 145 Personifikation 2, 33, 36, 37, 68-70, 72-77,
  190   79-87, 89, 112, 124, 127,128,
Magier 9, 116, 117, 183, 184, 226-228   130, 133-137, 140, 142, 149, 
Magnetismus, animalischer 226   150-153, 156-158,163, 164, 
Manie 128   166, 170
Materialisation 59, 106 Perzipient (telepathischer) 178
Medium 11, 24, 61, 83, 91-94, 99, 101, 113,  Pferd (Personifikation) 157
  119-122, 192, 224, 225, 229 Pferdefuß (Personifikation) 37, 124, 130, 133, 134, 137,
Mediumismus 12   138, 157, 158,
Messina (Erdbebenprophezeiung) 214 ff.   166, 168, 213
Metapsychik 39 Pfungst 177
Mikkelsen (Halluzinationen) 234 Phantom (Geister-) 91, 92, 106f1., 189
Missionsmedium 101 Phantom (lebender Personen) 26, 107
Montana (Maler) 44 Photographie der Gedanken  
Morselli 19    und Halluzinationen 54, 189 ff.
Müller, Johannes 43, 106 Poltergeister 27, 83
Münsterberg 17 du Prel 14, 113, 179
Museum, Deutsches 46 Prestidigitation 15, 16
Muskellesen 176, 177, 186 Prevost, Seherin von 10


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Prophezeiung = Weissagung   Spaltung des Bewußtseins 78, 79, 84 ff., 
   S. auch Halluzination      (der Persönlichkeit),  89, 127, 138,
Pychoanalyse 135   psychische 165, 167, 170
Psychodynamik 39  Spiritismus 10, 12, 61, 62, 91, 101, 107, 
Psychodynamismus 12   112, 117, 118, 121, 127, 
Psychologie, deren Förderung     168,189, 192, 198, 209.
   durch die Magie 227 Spottgeister 12, 27, 228
Psychologie, Einteilung derselben 239 Sprechen (magisches) 47, 48, 56
Psychologie, Grenze gegen   Spukerscheinungen 93, 102 ff.
   die Magie 248 ff. Spukhäuser 103
    Steiner, Dr. Rudolf 14, 15
Radium 217 Stimme, innere 77, 78, 143, 211, 226
Ranke, Otto 88 Stumpf, Dr. Prof. 177
Reichenbach, Freiherr von 12, 105 Suggestibilität 75
Reinkarnationsspiritismus 12 Suggestion 75
Reversibilitätsgesetz 43 Swedenborg 10, 209
Richet 91, 92, 179    
Röschlau, Barbara (Spuk) 102 Tanagra-Spiele 47, 107
Rundkopf (Personifikation) 35, 36, 112 Teläshtesie 178
    Telenergie 178
    Telephon 47
Sänger (Spuk) 103 Terminalfelder 156
Schiaparelli 13, 21 Teufel, böse Geister 3, 27, 82, 83, 84
Schiapi, Paul (Zeichengenie) 96 Teufel (Personifikation) 68, 151, 162
Schippach 245 Theosophie 12, 13, 226
Schizophrenie = Spaltung, psychische   Theresia, hl. 77
Schottelius 209 Tischrücken 9, 62, 101
Schreiben (automatisches) 22 ff., 114 Trance 81, 126, 169
  159 Transfiguration 113, 122
Schreibmedium 22 ff., 91, 99 Traum 80, 81, 195, 208, 210, 212, 213, 226
Schrenk-Notzing, Freiherr von  17, 98, 179 Traumtänzerin 98, 122
Seele 37, 38, 88, 109, 160, 161, 166, 227    
Seiling, Max 14, 21, 61, 83, 226 Umwandlung der Nervenenergie 50
Seitz, Dr., Prof. 244, 245 Unbewußtes = Unterbewußtsein  
Sekundärseelen 165, 166 Unterbewußtsein 67-86, 90, 92-97, 100, 101, 
Selbstbeobachtung 44, 45, 121, 170   107, 109, 110, 113, 114,
Selbstbewußtsein = Oberbewußtsein     123, 144, 145, 155 ff., 160,
Selbstmißhandlung 138   211, 216, 218, 225, 226
Selbstverdoppelung 105-107 Unverwundbarkeit 63 ff., 138, 144
Sensitivität (magische) 53 Uslar, von, Landrat 173
Silberer, Herbert 81    
Slade (Medium) 15 Veranlagung (magische) 53
Society f. psych. Research 20, 179     periphere 145
Sokrates (Daimonion) 77     zentrale 144, 146
Somnambulismus 9, 105, 169, 226 Verstorbene (Verkehr mit  
Sondergedächtnis (S. auch       denselben) 12, 107, 242
   Gedächtnis) 68, 143, 144 Verworn, Dr., Prof. 90


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Vision 45, 207, 211 Wirth, Moritz 16
Vorahnung = Ahnung   Wrchovszky 187, 188
Vorstellung 43, 44, 51, 68, 72, 166, 168 Wünschelrute 172 ff.
Vorstellungskomplex 165, 166 Wundt, Dr. 15, 170 
     
Wachsuggestion 75, 169 Yogi 53, 54, 63, 64 
Wallace 13  
Wasiliewski 209 Zöllner 15, 16 
Weissagung, s. Hellsehen   Zschokke 194 
Weissagung, Lehninsche 219 Zukunftsmensch 66, 227, 229 
    malachianische 219 Zusammensetzung, psychische 154 
    über das Weltkriegsende 219 ff. Zwangshalluzination 45, 74, 110, 129, 131 
Wiederverkörperung 12 Zwangsvorstellungen 74, 129, 131 
Wille (bei magischen Experi- 225  
     menten)    



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